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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="15337"><titleStmt><title>Dorothea von Schlegel an Rahel Varnhagen</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/15337</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 25. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Höhepunkt und Zerfall der romantischen Schule (1799 ‒ 1802). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Hermann Patsch. Paderborn 2009, S. 88‒90.</title></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/15337"><correspAction type="sent"><persName key="7139" ref="https://d-nb.info/gnd/118607979">Dorothea von Schlegel</persName><placeName key="12" ref="https://d-nb.info/gnd/4028557-1">Jena</placeName><date when="1800-04-10">1800-04-10</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="23722" ref="https://d-nb.info/gnd/118626175">Rahel Varnhagen</persName><placeName key="15" ref="https://d-nb.info/gnd/2004272-3">Berlin</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06a7-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06a7-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06a7-2.tif"/></facsimile><text><body><div><p><placeName key="12">Jena</placeName> den 10ten April 1800.<lb/>Sie haben mir nicht geantwortet liebe Levin aber ich will Ihnen doch wieder schreiben, denn Sie sollen mich nicht so, mir nichts, Dir nichts, vergessen. Was habe ich mir nicht schon alles von Ihnen gedacht! Sie reisen, Sie baden, Sie sind nicht gesund genug, oder Sie sind zu gesund! <persName key="1288">G[raf] Fink</persName> ist in <placeName key="15">Berlin</placeName>, Sie ärgern sich, Sie sind lustig – manchmahl gar: Sie studiren! Sie heyrathen! – – eins muß es doch seyn, was Sie treiben, und ich zerbreche mir den Kopf zu errathen was Sie beschäftigt? was Sie hin nimmt? O liebe Rahel welch ein liebenswürdiger Frühling! und wie oft muß ich mit Bedauern denken daß Sie ihn in Berlin verwüsten müßen! was weiß man in Berlin vom Frühling? Verstände ich etwas mehr von der descriptive poetry, ich könnte Ihnen Bogen von der hiesigen Schönheit der Gegend, und der Art sie zu genießen anfüllen, aber ich muß mich begnügen Ihnen zuzurufen: Wären Sie doch hier! – Wenn ich lange von Ihnen entfernt war, so wird es mir immer erst recht deutlich daß wir eigentlich zusammen seyn müßten, denn schwerlich werden zwey Frauen, sich beßer zusammen schicken als wir beyde! so fühle ich. habe ich geirrt wenn ich in Ihnen dasselbe ahnde? es kann nicht seyn, denn unmöglich würde ich Sie so lieben können, wenn Sie mich nicht auch liebten. – Ich beschwöre Sie was Sie auch treiben mögen, reißen Sie sich eine Stunde los, und schreiben Sie mir, von sich, was Sie machen, und was Sie zu machen gedenken. – Unser schönes Leben hatt ein böser Dämon gestört! <persName key="23">Die Schlegeln</persName> ist seit 6 Wochen bettlägerig krank; erst gefährlich, und dann langweilig. Diese Fatalität verhindert alles Gute, so gar meine Arbeit denn ich muß viel bey ihr seyn, und auch mein Zimmer wird nun dadurch nicht genug respektirt. Wie mich dieser lezte Umstand besonders, von dem meine ganze Existenz doch abhängt ängstiget, das werden Sie begreifen; kann ich nicht arbeiten, so darf ich nicht leben wollen! – Ich habe mich seit diesen Morgen wieder in meine alte Lebensart einzusetzen gesucht; die S[chlegel] ist nicht mehr gefährlich, und die Langeweile <hi rend="slant:italic">muß</hi> sie tant bien que mal zu ertragen suchen! meine erste Muße wende ich nun an, Ihnen zu schreiben; ich will mich dadurch gleichsam wieder zur Arbeit weihen! – Haben Sie das <name key="162" type="periodical">Athenäum</name> schon? wie gefällt Ihnen die <name key="8111" type="work">Kritik von <persName key="3019">Schmidt</persName> <persName key="370">Mat[t]his[s]on</persName> und <persName key="271">Voß</persName></name>? und der <name key="1584" type="work">Wechselgesang</name>, in denen sich diese, Verwandte Geister vereinigen? ist es nicht so gründlich als spaßhaft? so würdig als witzig? <persName key="137">Papa Goethe </persName>hat sich ganz wie rasend damit gefreut. <persName key="766">Schlegel</persName> hat es ihm dreymahl de suite vorlesen müßen! Sagen Sie doch auch dem <persName key="8">Friedrich</persName> etwas hübsches über seine <name key="9040" type="work">Stanzen an Heliodora</name>, es sind seine ersten Verse. Seitdem hat er mehrere gemacht, die zu ihrer Zeit schon erscheinen werden. Zur Meße kommen <name key="41" type="work">Schlegels Gedichte</name> heraus. Sie werden wunderschöne Sachen darin finden besonders unter den späteren, wo sich auch wieder die Sonnette ganz vorzüglich auszeichnen, als eine Form die er zuerst bey den Deutschen zu dieser Vollkommenheit, gebracht hat. Auch das Gedicht in Stanzen: <name key="6005" type="work">Der Bund der Kirche mit den Künsten</name> ist von erhabener Schönheit, so wie Ihnen die <name key="19247" type="work">Elegie an seinen <persName key="2140">verstorbenen Bruder</persName></name> gewiß sehr gefallen wird. Die Gedichte aus der früheren Periode seiner Kunst, finde ich etwas schwach, besonders, die worin von Liebe die Rede ist, diese scheint nun einmal mehr seine Schwäche, als seine Stärke zu seyn. <persName key="115">Charlotte Ernst</persName> hat dieser Tagen her kommen wollen, und Gott weiß es, wie sehr ich mich freute sie persönlich kennen zu lernen, denn alles was ich von ihr höre, entzückt mich; aber Carolinens Krankheit ist ein Hinderniß, man mußte es ihr abschreiben, denken Sie sich das! Sie wird nun schwerlich her kommen, da die Schlegel so bald sie so weit ist, nach Franken in ein <placeName key="259">Bad</placeName> reisen will; kurz es ist so dumm als möglich! nach <placeName key="13">Dresden</placeName> muß ich doch noch einmal. – Vor Johanni werde ich wohl nicht zurück kommen, denn ich will erst hier den <placeName key="1873">Pyrmonter</placeName> trinken, und baden; dann komme ich aber wieder; wo treffe ich Sie? doch wohl nicht wirklich in Berlin? sagen Sie mir ein Wort über Ihre Sommerplane. – Ich habe neulich eine Ankündigung, einer <name key="25321" type="work">Uebersetzung des neuen<name key="25319" type="work"> <persName key="4228">Genlisschen</persName> Romans</name></name> von der <persName key="23969">Madame Bernhard</persName> gelesen; erzählen Sie mir doch etwas von diesen Roman, und auch von der Uebersetzung. Leben Sie wohl und meiner eingedenk. – Schlegels empfehlen sich Ihnen, Sie empfehlen mich allen unsern guten Bekannten, <persName key="4394">Grappengießer</persName> und <persName key="25322">Scholz</persName> grüße ich eigentlich und freundlich. Machen Sie doch dem Scholz die Freude, ihn zu sagen daß Goethe den <persName key="4308">Parny</persName>, sehr in Schutz nimmt. Ihnen sage ich aber, daß mich Goethes Lob doch nicht besticht. Sie auch nicht, hoffe ich. Scholz kann es aber immer als eine Autorität, gegen <persName key="1334">Gentz</persName> anführen.<lb/>Vergessen Sie Ihre gute Freundin nicht.<lb/>DVeit.<lb/>Was erzählt Graf Fink von <persName key="421">Jetten</persName>? Wird Ihre <persName key="25323">Line</persName> nicht ungeduldig bis ich wiederkomme? Trösten Sie sie nur, <persName key="43">Schleyermacher</persName> soll mit dem ersten einlaufenden Gelde meine Schuld tilgen. Wird sie sich darin finden, wenn es etwa erst bey meiner Zurückkunft geschieht? Daß sie Ihnen nur ja nicht mit Ungeduld oder Mißtrauen zur Last fällt.</p></div></body></text></TEI>
