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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="15972"><titleStmt><title>Karl Leonhard Reinhold, Wilhelm Josef Kalmann an Johann Gottlieb Fichte</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/15972</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Fichte, Johann Gottlieb: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Abteilung III, Bd. 2: Briefe 1793‒1795. Hg. v. Hans Jacob und Reinhard Lauth. Unter Mitwirkung v. Hans Gliwitzky und Manfred Zahn. Stuttgart 1970, S. 245‒248.</title></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz</institution><idno type="signatur">B 118#B 119</idno></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/15972"><correspAction type="sent"><persName key="23822" ref="https://d-nb.info/gnd/118599410">Karl Leonhard Reinhold</persName><persName key="27837" ref="https://d-nb.info/gnd/137708432">Wilhelm Josef Kalmann</persName><placeName key="133" ref="https://d-nb.info/gnd/4030481-4">Kiel</placeName><date when="1795-01-07">1795-01-07</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="7180" ref="https://d-nb.info/gnd/118532847 ">Johann Gottlieb Fichte</persName><placeName key="12" ref="https://d-nb.info/gnd/4028557-1">Jena</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06r5-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06r5-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06r5-2.tif"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06r5-3.tif"/></facsimile><text><body><div><p><placeName key="133">Kiel</placeName> den 7 Jenner 1795<lb/>Ich glaube sowohl Ihnen als mir selbst schuldig zu seyn Ihnen folgende Stelle aus einem vorgestern erhaltenen <persName key="38">Briefe</persName> im Auszuge mitzutheilen.<lb/>„Wie ich zuverlässig berichtet werde hascht Fichte nach allen möglichen Gelegenheiten Sie in seinen Vorlesungen anzugreifen, und nach seiner Art zu widerlegen. Er soll denjenigen, die Ihm hierüber ihr Misfallen zu verstehen gegeben haben, geantwortet haben, dieß wären blosse Repressalien, wozu Er von Ihnen genöthiget würde in dem Sie Ihn in ihren Vorlesungen beständig zum Ziel ihrer Angriffe machten. Ganz neuerlich beklagte er sich gegen jemand – – –	darüber, daß [Sie] Ihn mit Heftigkeit und Bitterkeit angriffen, und setzte hinzu: Er sehe sich also wider seinen Willen genöthiget Ihnen einen <hi rend="slant:italic">Fehde</hi>brief zu senden.”<lb/>Als ich in <placeName key="12">Jena</placeName> lebte hatte <persName key="4325">einer meiner dortigen Collegen</persName> mehrere Jahre hindurch in jeder seiner Vorlesungen seine Zuhörer gegen meine Lehre gewarnet, jeden meiner Versuche berichtiget und widerlegt, auch wohl gelegenheitlich mich selbst verunglimpfet. Dagegen beobachtete ich das strengste Stillschweigen über den Mann und seine Lehre unverbrüchlich, nicht nur weil ichs für Unrecht hielt Unrecht mit Unrecht zu vergelten, sondern auch für zweckwidrig einen Lehrer und Bearbeiter meiner Wissenschaft vor den Richterstuhl von Lernenden [/] und Anfängern vorzufordern, und weil ich nie Zeit genug hatte mein eigenes Lehrgebäude völlig darzustellen, zu schweigen, die Lehrgebäude anderer – die ich doch <hi rend="slant:italic">historisch</hi> vorher hätte aufstellen müssen, wenn ich sie <hi rend="slant:italic">philosophisch</hi> vor meinen Zuhörer[n] beurtheilen wollte. – Ich bemitleidete den Mann, und verachtete sein Betragen, das ihm im Kurzen zum Schaden nicht weniger als zur Schande gereichte. Ich schwieg nicht nur auf dem Catheder – sondern auch ausser dem Catheder gegen ihn – mündlich und schriftlich – denn er hatte mich nie um seine Freundschaft gebethen, und ich ihm dieselbe nie zugesagt. Er kämpfte gegen einen Menschen, dessen Existenz in Jena ihm ungelegen war, – ihm in seinem Bestreben nach Honorarien, Applausus, und Celebrität im Wege stand, und den er zurückdrängen wollte.	<lb/>Auch in Kiel bin ich keinen Augenblick in die Versuchung gerathen, und werde nie in Versuchung gerathen, von meinem Vorsatze, nie auf dem Catheder zu polemisiren abzugehen. Am aller wenigsten habe ich je Veranlassung, Gelegenheit [,] Aufforderung, Lust und Liebe gehabt, Sie oder [Ihr] System anzugreifen. Ich würde über einen solchen Einfall im Traume hell auf gelacht haben – denn <hi rend="slant:italic">Sie</hi> sind ja bis itzt mein <hi rend="slant:italic">Freund,</hi> und Ihr <hi rend="slant:italic">System</hi> ist mir ganz <hi rend="slant:italic">unbekannt</hi> gewesen.<lb/>Es ist freylich nicht so leicht zu begreifen wie Sie das Gegentheil von dem Manne glauben konnten, dem Sie die Briefe schrieben, die hier vor mir liegen; wie Sie wenn [Sie] es glauben mußten mich auf [Ihren] Cathedern [/] und nicht in einem Briefe zur Rechenschaft stellen konnten, wie Sie selber sich erlaubten, was [Sie] an mir verabscheuten – aber ich kann nicht hoffen, daß Sie mir aufs Wort glauben da Sie aus dem Studium meiner Schriften, und den Zeugnissen meiner Freunde nicht mehr Zutrauen gegen meinen <hi rend="slant:italic">unegoistischen</hi> Charakter schöpfen konnten, als aus Ihrem Benehmen in die Augen springt. Ich habe mir also von ein paar meiner Zuhörer beyliegende Attestate ausgebethen.<lb/>Nur gegen einige die mich über Ihre Wissenschaftlehre befragten, habe ich geäussert daß ich das <name key="4997" type="work">Program</name> – das einzige was ich über diese Lehre bis itzt gelesen habe, und lesen konnte, – in der Hauptidee noch nicht verstanden habe; aber weiter studieren würde. Und das werde ich auch, denn ich weiß und habe es bey jeder Gelegenheit laut geäussert, daß es der Mühe überaus wehrt ist Ihr System zu studieren. Ich hoffe [Ihre] neuen und eigenthümlichen Gedanken werden für mich eine Stuffenleiter zur höheren Erkenntniß abgeben. Ich [werden] dann wenn ich sie erstiegen haben werde, nie vergessen, daß ich ohne diese Leiter nicht, und nur durch sie weiter gekommen bin. Nie, nie werde ich dieselbe verächtlich mit dem Fusse von mir stossen, wenn ich mich auf der höheren Stelle, zu der sie mich emporhob, einst befinden werde. Nie werde ich Ihre Gegner interessant und lobenswürdig finden weil sie Ihre Gegner sind. Und nie ein polemisches Wort gegen Sie über meine Lippen und meine Feder kommen lassen.<lb/>Ich verlange nicht, daß Sie mein Andenken in <hi rend="slant:italic">Jena</hi> schonen sollen, das daselbst in manchem guten Herzen lebt, nicht [/] [daß Sie] eine Lehre von der [Sie] in [Ihren] Briefen und gegen <persName key="1055">Baggesen</persName> mit Achtung sprechen, gegen meine ehemaligen Zuhörer nicht herabwürdigen sollen, nicht daß Sie von mir ganz schweigen sollen, wenn [Sie] meine Lehre für <hi rend="slant:italic">schädlicher</hi> halten, als so vieler anderer [Ihrer] Collegen und Zeitgenossen von denen [Sie] doch aus Mangel an Zeit schweigen müssen. Halten Sie es hierüber, wie Sie es für gut finden. Mein Zweck war und ist die <hi rend="slant:italic">Denkkräfte</hi> und das <hi rend="slant:italic">sittliche Gefühl</hi> meiner Zuhörer zu wecken, zu üben, und zu beleben, nicht aber sie <hi rend="slant:italic">reine Wahrheit</hi> – die ich selbst nicht besitze, durch ein untrügliches System zu lehren – welches wenn es auch gefunden wäre sich ohne hin noch keineswegs auf dem Catheder verständlich machen liesse. Es kann mir also gleichgiltig seyn ob mein System, das ich ohne hin &lt;mir&gt; erst zu begründen angefangen habe stehe oder falle. – Ich werde selbst an seinem Falle mit arbeiten, wenn ich seine <hi rend="slant:italic">Mängel</hi> als unheilbar erkennen werd, eine Erkenntniß an der ich gewissenhaft, und gewis nicht ohne Ihre Beyhilfe arbeiten [werde]. Warum schrieb ich nun diesen Brief? Ich habe Ihnen meine Hand als Freund gereicht. Sie haben die Ihrige als Feind gegen mich aufgehoben. Ich hielt dieses Schreiben für die letzte Pflicht des heiligen Verhältnisses, das Sie der erste geknüpft, und der erste zerrissen haben mit	<lb/>Reinhold.<lb/>[<hi rend="slant:italic">Attestat von <persName key="26340">Kalmann</persName>:</hi>]<lb/>Mit meinem besten Wissen, und Gewissen kann ich es bezeugen; daß der Professor Reinhold, in keiner einzigen seiner Vorlesungen, die ich alle unausgesezt besuche, jemals weder den Namen, noch die eigenthümliche Philosophie des Herrn Professors Fichte weder ausdrüklich genannt, noch auf irgend eine auch nur entfernte Art erwähnt hat. Wohl aber in privat Gesprechen bey einer jeden sich darbiethenden Gelegenheit, mit unverkennbarer Achtung von den Talenten des gedachten Herrn Professors, als von seinem Freunde spricht. [/] Mehr als fünfzig hier studierende, gutartige Jünglinge, und Männer können, und werden im erforderlichen Falle, die Wahrheit meiner Aussage bestätigen.<lb/>Wilhelm Joseph<lb/>Kalmann <lb/>Kiel den 7ten Januar. 1795</p></div></body></text></TEI>
