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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="16050"><titleStmt><title>Johann Gottlieb Fichte an Theodor von Schön</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/16050</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Fichte, Johann Gottlieb: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Abteilung III, Bd. 2: Briefe 1793‒1795. Hg. v. Hans Jacob und Reinhard Lauth. Unter Mitwirkung v. Hans Gliwitzky und Manfred Zahn. Stuttgart 1970, S. 403‒406.</title></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Staatliches Archivlager Göttingen</institution></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/16050"><correspAction type="sent"><persName key="7180" ref="https://d-nb.info/gnd/118532847 ">Johann Gottlieb Fichte</persName><placeName key="2917" ref="https://d-nb.info/gnd/4640284-6">Oßmannstedt </placeName><date when="1795-09-01">September 1795</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="23800" ref="https://d-nb.info/gnd/118610007">Theodor von Schön</persName><placeName key="23809">Tapiau</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06tb-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06tb-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06tb-2.tif"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-06tb-3.tif"/></facsimile><text><body><div><p>Ich danke Ihnen für Ihr gütiges Andenken, mein Theurer; danke Ihnen für die Aussicht, die Sie mir eröfnen, Sie bald in diesen Gegenden zu sehen; danke Ihnen, für manche Nachrichten, die Sie mir aus Ihrem Vaterlande ertheilen. <lb/>Zuförderst – daß dem alt= und bedenklich werdenden <persName key="149">Kant</persName> <name key="8511" type="work">mein Beitrag</name> nicht behagt, kann ich sehr wohl glauben: der Grund aber, den er dafür angiebt, daß ich mich nicht dazu melde, ist nicht der rechte. Ich bin allerdings mit dem meisten nicht mehr zufrieden, was ich darin gesagt: aber nicht, weil ich <hi rend="slant:italic">zu weit</hi>, sondern darum, weil ich <hi rend="slant:italic">nicht weit genug</hi> gegangen. Das Natur= und Staats=Recht muß, so wie die ganze Philosophie, noch eine ganz andere Umkehrung erfahren. – Die Fehler, die ich [in] diesem Buche finde, sind daher von der Art, daß mir sie soleicht kein andrer entdecken wird, wenn ich sie nicht selbst entdekt hätte – wie ich denn auch bis jezt von denen, die dagegen geschrieben, noch nichts gelesen, als albernes, oberflächliches Geschwäz. Ich nenne mich darum nicht, weil ich seitdem in Verhältniße gekommen bin, die diese kleine Rüksicht von mir zu erwarten, ein Recht haben; es ist weltbekannt, daß ich der Verfaßer bin; aber ein <hi rend="slant:italic">öffentliches</hi> Anerkennen könnte meine Regierung selbst in Unannehmlichkeiten verwikeln, oder wenigstens ein Verbot für manche Landeskinder verursachen, die Akademie zu <placeName key="12">Jena</placeName> nicht zu besuchen. Ich vertheidige die Schrift nicht, weil noch nichts dagegen vorgebracht worden, [das] einer Antwort würdig wäre. Ich werde die Schrift sogleich anerkennen, sobald ich etwas beßeres an ihre Stelle setzen werde; und das wird bald geschehen, denk ich.<lb/><name key="26349" type="work">„Ueber reines Intereße an Wahrheit“</name>, im ersten Stük der <name key="1038" type="periodical">Horen</name> ist von mir; und ich danke Ihnen, und drüke Ihnen im Geiste die Hand dafür, daß Sie mich erkannt haben. Aber welch’ ein Kritiker, der die <name key="2749" type="work">Briefe über ästhetische Erziehung</name> <persName key="483">Dalberg</persName> zuschreiben kann!!! Welch eine Erinnerung über <persName key="88">Schiller</persName>, daß er aus Einem [/] guten Gedanken ein Buch wenigstens zu machen, fähig sey! der gute Kopf gewißer Leute muß, wie sich auch aus andern Anzeichen vermerken läßt, anfangen, schwächer zu werden. Die Wahrheit ist, daß jene Briefe von Schiller sind. Bindet man nicht mir noch etwa mancherlei aus den Horen auf? Etwa die <name key="8480" type="work">Aufsätze über männliche u. weibliche Form</name>, mit ihren Fortsetzungen? Das halte ich für geschimpft; und ich wäre im Stande, den zu verklagen, der eine solche Meinung äußerte. Sie sind nicht von mir, und es steht überhaupt nichts von mir in den Horen, als jener Aufsaz. Was von mir ist, wird immer so kenntlich seyn, daß mich jeder erräth, der nur etwas von mir gelesen.<lb/>Ohne Zweifel wird Ihnen etwas von den Neuerungen zu wißen geworden seyn, die ich in der Philosophie mache, und von der Art, wie die altgläubigen Kantianer sich dabei benehmen. Die Sache soll, so Gott will, immer klärer werden, und gewiß nicht zu Ihrer Ehre ausfallen.<lb/>Auch wird Ihnen zu Ohren gekommen seyn, daß ich von Jena weggegangen [bin], nebst den Veranlaßungen dazu, welche ausgestreut worden. Ich schreibe Ihnen einige Worte darüber ..<lb/>Ohnerachtet alles, was man von Zeit zu Zeit darüber vor das Publikum gebracht, ist in Jena immerfort das schändlichste Leben von den Studierenden, d. i. von einem Theile derselben – denn unsre Majorität ist sehr gut – geführt worden. Der Grund davon lag in den StudentenOrden.<lb/>Ich, dem Sittlichkeit am Herzen lag, und dem man dies bald anmerkte, arbeitete durch Vorstellungen, die Ordens Mitglieder zu bereden, Ihre Verbindungen gutwillig aufzugeben. Zwei der vorhandnen Orden, waren willig, und traten durch mich in Unterhandlungen mit den Höfen, die ihre Forderungen [/] bewilligten, und ihnen streng Wort hielten. Ein dritter Orden bestand dabei, zu bleiben; und ich, der ich keine obrigkeitliche Gewalt habe, noch suche, hatte demnach mit ihm nichts weiter zu thun. Die Höfe hatten die Schwäche, u. Langsamkeit, diesem Orden seinen Troz gelingen zu laßen: und nun verhezten gewiße Leute diese Menschen durch die schändlichsten Lügen [wider] mich. Nicht sowohl verdroß mich das schändliche Betragen dieser wenigen schlechten, schon längst gebrandmarkten Menschen, als die sträfliche Gleichgültigkeit, die über dergleichen Dinge herrschte, und die gänzliche Schutzlosigkeit. Ich erklärte dem <orgName key="14824">akademischen Senat</orgName>, und <persName key="2889">dem Hofe </persName>– welchem leztern ich jedoch alle Gerechtigkeit wiederfahren laßen muß – daß ich es unter der Würde des ehrlichen Mannes halte, an einem Orte zu leben, wo dergleichen Dinge geduldet würden, und ging aufs Land. Da ich indeßen völlige Satisfaction erhalten; da ferner diesen Sommer über die Sachen so arg geworden, daß sie so nicht länger bestehen konnten, und man mit Ernst anfängt Ordnung herzustellen, so werde ich zu Michaelis zurükgehen.<lb/>Machen Sie mir bald die Freude, Sie zu sehen. Leben Sie wohl; bleiben Sie der Freund<lb/>des Ihrigen<lb/>Fichte.<lb/>Herrn Referendar <hi rend="slant:italic">von Schön</hi><lb/>zu <lb/><hi rend="slant:italic"><placeName key="26368">Tapiau</placeName>.</hi><lb/>Abzugeben zu <placeName key="1362"><hi rend="slant:italic">Königsberg</hi></placeName>, auf dem Neu Markte, <lb/>in des Höker <hi rend="slant:italic">Müller</hi> Hause bei’m Herrn Referendar <hi rend="slant:italic">Göbel</hi>.</p></div></body></text></TEI>
