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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="16367"><titleStmt><title>Karl Leonhard Reinhold an Johann Gottlieb Fichte</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext ohne Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/16367</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Fichte, Johann Gottlieb: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Abteilung III, Bd. 4: Briefe 1799–1800. Hg. v. Hans Gliwitzky und Reinhard Lauth. Unter Mitwirkung v. Peter K. Schneider und Manfred Zahn. Stuttgart 1973, S. 196‒205.</title></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz</institution><idno type="signatur">B 206#C 24</idno></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/16367"><correspAction type="sent"><persName key="23822" ref="https://d-nb.info/gnd/118599410">Karl Leonhard Reinhold</persName><placeName key="133" ref="https://d-nb.info/gnd/4030481-4">Kiel</placeName><date when="1800-01-23">1800-01-23</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="7180" ref="https://d-nb.info/gnd/118532847 ">Johann Gottlieb Fichte</persName><placeName key="12" ref="https://d-nb.info/gnd/4028557-1">Jena</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-2.tif"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-3.tif"/><graphic n="5" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-4.tif"/><graphic n="6" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-5.tif"/><graphic n="7" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-6.tif"/><graphic n="8" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-7.tif"/><graphic n="9" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-8.tif"/><graphic n="10" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0724-9.tif"/></facsimile><text><body><div><p>Kiel den 23 Jenner 1800.<lb/>Herzlichen Dank, liebster Fichte, für den neuen Beweis Ihrer Freundschaft in Ihrem gestern angelangten Schreiben. Er hat mich innig gerührt und erfreut, und ich werde ihn nie vergeßen. Ich habe keinen Verdruß gehabt, und der Clubb zu dem ich gehöre, und der wohl nur das sich wöchentlich einmal versammelnde Kränzchen, das die <hi rend="slant:italic">beyden Hensler</hi>, (den Jurist) <hi rend="slant:italic">Schrader</hi>, <hi rend="slant:italic">Niemann</hi>, <hi rend="slant:italic">Fischer</hi>, <hi rend="slant:italic">Hegewisch</hi>, <hi rend="slant:italic">Jensen</hi>, ausmachen und das neulich den guten Ehlers durch den Tod verlohren hat, besteht noch, und hieng in keinem seiner Glieder mit <hi rend="slant:italic">Thieß</hi> zusammen. Dieser letztere ist so wenig abgesetzt, als er je hieher gerufen ward. Er erbath sich und erhielt nach und nach die Erlaubniß hier zu lesen, und eine außerordentl. Profeßur in der Philosophie. Vor kurzen kam er um einen Gehalt ein; und erhielt zur Antwort, daß er gegen ein jährliches Wartegeld von 200 Rth. bis zu einer andern Anstellung im Civilfache die hiesige Academie zu verlaßen habe, weil er sein im vorigen Jahre frey willig gegebenes Versprechen kein theologisches Collegium mehr zu lesen, nicht gehalten habe, und weil die beyden Oberconsistoria in Schleßwig und in Glückstadt seiner Lehrmeynungen wegen dieses angerathen hatten. Die <hi rend="slant:italic">Form</hi> dieses Verfahrens wird von mir mit den meisten meiner Collegen gemisbilliget; aber die Entfernung von dem Catheder von keinem Einzigen auch dem Heterodoxesten nicht – Weder <hi rend="slant:italic">Geyser</hi>, noch <hi rend="slant:italic">Hensler</hi> der jüngere, noch und am wenigsten <hi rend="slant:italic">Ekerman</hi> gehören zu den Orthodoxen – aber sie haben lange vor <hi rend="slant:italic">Kleukers</hi> Anstellung gegen die Anstellung Thießens als Prof. der Theologie protestirt, und ich kann nicht läugnen daß auch mir die <hi rend="slant:italic">Manier</hi> und <hi rend="slant:italic">Ton</hi> der Tießischen Heterodoxie wohl im Schriftsteller aber nicht im <hi rend="slant:italic">Lehrer</hi> der Candidaten des Predigamtes [/] tolerabel scheint. Auch hat er sich durch die hämische und sarkastische Behandlung der einheimischen Theologen – Heterodoxen und Orthodoxen – <hi rend="slant:italic">Adlers</hi> des Generalsup. Schleßwigs sowie <hi rend="slant:italic">Callisens</hi> des Generalsup. Hollsteins, und ihrer Genoßen in seiner kielischen gelehrten Zeitung bey seiner Zunft im Lande allgemein verhaßt gemacht. So viel, unter uns, über diese Sache.<lb/>1) Es ist nur zu wahr daß Jacobi Ihre Philosophie<hi rend="slant:italic"> nur zur Hälfte</hi> wenigstens in so ferne kennt, als er weder [Ihr] Naturrecht noch Ihre Sittenlehre – nicht nur <hi rend="slant:italic">nicht fleißig studirt </hi>– sondern kaum durchblättert, und sicher nicht ein Einzigesmal ganz durchgelesen hat. Ich weiß es wenigstens nicht anders. Ich habe Ihn bey jeder unserer Zusammenkünfte zu lesen jener beyden Werke aufgefordert; er hat es jedesmal versprochen, und jedesmal bedauert, daß er ohne seine Schuld nicht habe dazu kommen können.<lb/>2) Es kann seyn daß ich mich darin irre indem ich Jacobi[s] Philosophie als die Seinige für nichts anderes als die Ansicht halte, die auf dem<hi rend="slant:italic"> vergleichenden Standpuncte </hi>zwischen dem <hi rend="slant:italic">speculativen Wißen</hi> und <hi rend="slant:italic">ursprünglicher natürlicher Überzeugung</hi> erhalten wird, und die freylich durch manche Eigenthümlichkeiten dieses Originalkopfs modificirt ist; zu denen unter andern gehört daß er mehr auf den <hi rend="slant:italic">Unterschied</hi> als auf den <hi rend="slant:italic">Zusammenhang</hi> jener beyden Standpuncte hinsieht, und über den <hi rend="slant:italic">Standpunct der Speculation hinaus</hi>, noch [eine] andere Philosophie, nämlich die Ansicht von <hi rend="slant:italic">seinem</hi> vergleichenden Standpuncte aus [als] <hi rend="slant:italic">seine</hi> Philosophie annimt. Daraus erkläre ich mir alle Differenzen zwischen Ihm und Ihnen. – Ich der ich [/] […]<lb/>[…] Und nun laßen sie sich noch einmal bitten, und beschwören vor allem andern – ich möchte sagen – Denken, Lesen, oder Schreiben – <hi rend="slant:italic">Bardilis</hi> Grundriß der ersten Logik zu <hi rend="slant:italic">studiren</hi>[.] Haben Sie dieses nur <hi rend="slant:italic">Einmal</hi> gethan – ich bin nun das <hi rend="slant:italic">sechstemal</hi> durch – so weiß ich, daß [Sie,] wie auch Ihr Urtheil über das Ganze ausfallen wird, sie noch einmal lesen, und wenigstens über die Methode, Darstellung, Einkleidung der Speculativen Philosophie auf neue Ansichten gebracht seyn werden.	<lb/>Bardili ist lange nicht so sehr ihr – ja nicht einmal Kants Gegner <hi rend="slant:italic">als er glaubt</hi> – in wieferne er über das <hi rend="slant:italic">eigentümliche</hi> seiner Ansicht, das ihm einzig und insoferne auch einseitig vorschwebt, – das <hi rend="slant:italic">gemeinschaftliche</hi>, das er besonders mit der Ihrigen hat, nicht gewahr wird. Ich finde in seinem Buche eine völlig neue Darstellung des transcendentalen Idealismus – oder eigentlich eine Erfindung deßelben von neuen und auf einem völlig anderen Wege. Ich erinnere mich, daß Sie dieses nicht für unmöglich, ja sogar die <hi rend="slant:italic">verschiedenen Darstellungen</hi> des Wesens der Speculation für an sich gleichgiltig, und zum Vortheil der Wißenschaft gedeihlich erklärten. Aus mehreren Stellen schließe Ich, daß Bardili <hi rend="slant:italic">Ihre</hi> Philosophie mehr vom Hörensagen als durch Studium [Ihrer] Schriften kennt. Ich glaube, daß dieß gut war – und daß Bardili außer dem der Philosophie vielleicht nicht den wichtigen Dienst würde geleistet haben, der mir durch sein Buch geleistet scheint. <hi rend="slant:italic">Nun</hi> wird und soll er – wenn er noch auf <hi rend="slant:italic">seinem</hi> Wege eine Strecke weiter gegangen ist – auch [/] <hi rend="slant:italic">Ihre</hi> Philosophie kennen lernen – und trotz der Verschiedenheit des Buchstabens den Geist der Seinigen in ihr wiederfinden.	<lb/>Ich läugne nicht, daß mir der Typus des <hi rend="slant:italic">Ichs</hi> und <hi rend="slant:italic">Nichtichs</hi> in der Wißenschaftslehre – auch nach dem ich mich deßen mit Erfolg zu bedienen gelernt habe, nie völlig behagen wollte, und daß ich oft darauf gesonnen habe denselben entbehrlich zu finden. <hi rend="slant:italic">Durch ihn </hi>scheint mir Ihre Große Entdeckung faßt eben so sehr verdunkelt als aufgeklärt zu seyn – und manche Ihrer mir bekannt gewordenen Schüler, haben sich mehr in dem<hi rend="slant:italic"> misverstandenen empirischen</hi> Ich <hi rend="slant:italic">berauscht </hi>– als durch das <hi rend="slant:italic">Reine</hi> orientirt. Ich finde in Bardilis neuen Begriffe vom <hi rend="slant:italic">Denken als Denken</hi>, überhaupt die <hi rend="slant:italic">absolute Thesis </hi>– im Begriffe vom Denken als Denken in der Anwendung als solcher überhaupt – die absolute <hi rend="slant:italic">Hypothesis</hi>[,] in der Vereinigung der Absoluten Thesis mit der absoluten Hypothesis – die<hi rend="slant:italic"> Antithesis und Synthesis</hi> – als Bedingung der <hi rend="slant:italic">Analysis</hi>. – Jedoch ich darf und will Ihnen durch die Ankündigung deßen was <hi rend="slant:italic">ich</hi> darin gefunden habe nicht vorgreifen – genug – daß ich bis itzt nicht anders glauben kann als daß Ein und derselbe Geist reiner Wißenschaft in euren so sehr verschiedenen Lehrgebäuden wohne; und daß es nicht unmöglich sey, euch über Kurz oder Lang auch über die <hi rend="slant:italic">Buchstaben</hi> eurer Lehre gegen einander zu verständigen.<lb/>Was ist und bedeutet die <hi rend="slant:italic">reine</hi> <hi rend="slant:italic">Ichheit</hi> in Ihrer Philosophie als die<hi rend="slant:italic"> bloße Vernunft </hi>als solche – [/] Bardili nennt diese bloße Vernunft das <hi rend="slant:italic">Denken als Denken</hi> –, und leitet <hi rend="slant:italic">aus</hi> diesem Denken als Denken und <hi rend="slant:italic">durch</hi> daßelbe alles ab, was <hi rend="slant:italic">Sie</hi> aus dem Ich und durchs Ich abgeleitet haben. Das Wesen der Theoretischen <hi rend="weight:bold;slant:italic">und</hi> practischen Vernunft, das ihm in der <hi rend="slant:italic">Innern</hi> Form des Denkens als Denkens liegt beschreibt Er als die <hi rend="slant:italic">unendliche Wiederholbarkeit des</hi> A <hi rend="slant:italic">als</hi> A <hi rend="slant:italic">in</hi> A, und <hi rend="slant:italic">durch</hi> A – kann und soll dieses etwas Anders seyn als was <hi rend="slant:italic">Sie</hi> durch <hi rend="slant:italic">das absolute in sich zurück gehende Thun</hi> Ihres reinen Ichs beschreiben.<lb/>Genug! und Verzeihung für meine Voreilige Geschwätzigkeit, die ich nicht bereuen will, wenn [Sie] mich nicht dadurch dafür strafen, daß [Sie] entweder gar nichts darauf erwiedern, oder mich mit <hi rend="slant:italic">Forbergs</hi> Urtheil über mich, <hi rend="slant:italic">ich sey zur Philosophie</hi> <hi rend="slant:italic">unfähig</hi> abfertigen sondern durch Gründe, wärs auch nur in bloßen Winken zurecht weisen.<lb/>Mit Bouterwek mögen [Sie] es noch einstweilen anstehen laßen: aber auch nur einstweilen. Ich bin Ihnen Bürge dafür, daß [Sie] sich über diesen Göttingschen Plattner wenigstens in Rücksicht auf seine Apodictik sicher irren, wenn [Sie] dieselbe <hi rend="slant:italic">â</hi> <hi rend="slant:italic">priori</hi> unter der Rubrik Dogmatismus überhaupt beurtheilen. So lange auch die <hi rend="slant:italic">tiefsten Denker</hi> – zum B. <hi rend="slant:italic">derjenige</hi> den <hi rend="slant:italic">Sie über Kant hinaus </hi>als den ersten unserer Zeit gelten laßen – <hi rend="slant:italic">Jacobi</hi> –<hi rend="slant:italic"> Vielfältig Inconsequent</hi> philosophiren [/] so lange ich mich erinnern kann[,] so lange muß mans auch mit weniger<hi rend="slant:italic"> großen Tiefdenkern</hi> – die sich vielleicht darum nur weniger weit verirrt haben, und über dieses und jenes gar wohl auch den Tiefern Denkern –<hi rend="slant:italic"> nisi abundarent in sensu suo</hi> – zurechtweisen könnte[n] – nicht so genau nehmen. Besonders haben wir Ursache in<hi rend="slant:italic"> unsere Urtheile </hi>über Werth und Unwerth von Menschen – die sich<hi rend="slant:italic"> gegen uns</hi> erklärt haben Mistrauen zu setzen. Lieber! Fichte! diese <hi rend="slant:italic">triviale</hi>, aber dadurch nicht weniger Wahre und Wichtige Bemerkung war es, die ich auf Veranlaßung [Ihres] Urtheils über <hi rend="slant:italic">Kant</hi> als <hi rend="slant:italic">DreyviertelDenker</hi> – Wieland als <hi rend="slant:italic">unklaßischen</hi> Schriftsteller, Ihnen ans Herz legen zu müßen [glaubte] – weil <hi rend="slant:italic">Ich Sie Verehre und liebe</hi>. Wer sich über den <hi rend="weight:bold">geheimen</hi> Einfluß der geschmeichelten oder Beleidigten Selbstliebe <hi rend="slant:italic">erhaben zu seyn</hi> dünkt – <hi rend="slant:italic">sicher</hi> glaubt – der ist so gut als ihrer Dienstbarkeit preis gegeben. Fichte, mein theurer Freund, soll nicht nach Art des <hi rend="slant:italic">Virtuosen</hi> in andern Fächern seine <hi rend="slant:italic">Größe in dem Einen </hi>– durch Kleinheit in andern entgelten.<lb/>Ich habe lange – <hi rend="slant:italic">wohl sechs Wochen</hi> – keinen Brief von unsern Jacobi – der in seinem letzten sehr über Kränklichkeit geklagt hat, und durch die Rauhheit dieses Winters hart mitgenommen ist. Grüßen sie Ihre würdige Gattin in meinen Namen – und [Sie] selbst seyn herzlich gegrüßt und geküßt von<lb/>Ihrem Reinhold.<lb/>Hauptmomente der Bardilischen Philosophie<lb/>von Ihm selber.<lb/>1	<lb/>Man war gewohnt, die Philosophie auf den <hi rend="slant:italic">Satz des Widerspruchs</hi> zurückzuführen, und behauptete ja bisher allgemein: auch in der <hi rend="slant:italic">Natur</hi> selbst – nicht nur in <hi rend="slant:italic">unserem</hi> Denken – könne nichts Widersprechendes als <hi rend="slant:italic">Wirklichkeit</hi> statt finden.<lb/>2<lb/>Soll sich alles, was in der Natur sowohl als in uns Menschen <hi rend="slant:italic">Wirklichkeit</hi> hat auf den Satz des W. zurückbringen laßen: so muß dieser Satz doch wohl ein <hi rend="slant:italic">Princip</hi> für alles enthalten was in der Natur etc. sonst wüßt ich nicht in wie ferne sich dieß alles sollte darauf zurückbringen laßen.<lb/>3.	<lb/>Aber dieser Satz <hi rend="slant:italic">verbiethet</hi> ja nur nach einem gewißen Princip; erklert ja nur etwas für unmöglich – und eben darum auch für nicht wirklich – nach einem gewißen <hi rend="slant:italic">Princip</hi>, weiset mich also mit dem Princip, nach welchem es gleichwohl geregelt ist, noch über sich selbst hinaus, zu etwas <hi rend="slant:italic">Positiven</hi>, keinem Satze <hi rend="slant:italic">überhaupt</hi>, und keinem <hi rend="slant:italic">negativen</hi> Satze ins besondere mehr unterwerfbaren, das <hi rend="slant:italic">in</hi> und <hi rend="slant:italic">dank</hi> sich selbst<hi rend="slant:italic"> ist was </hi>es<hi rend="slant:italic"> ist</hi>, mithin,<hi rend="slant:italic"> höchster letzter </hi>Grund eigentliches Princip; Prius κατ εξοχην für alles mögliche eben darum aber auch wirkliche – seyn muß, und das ich, wenn ich es einem Satze, oder dem Ausdruck eines <hi rend="slant:italic">Gesetzes</hi> noch unterwerfen soll, in seinen <hi rend="slant:italic">Manifestationen</hi> an mir und an der Natur /: aber auch bloß an diesen Bey den, und in Rücksicht auf diese beyden:/ <hi rend="slant:italic">Gesetz der Identität </hi>heißen mag. [/]<lb/>4<lb/>In diesem Gesetze der Identität finde ich nun erst mein <hi rend="slant:italic">Denken</hi> mir als etwas <hi rend="slant:italic">positives</hi> gegeben, und verfolge es daher weiter, unter ebenderselben stehenden Ansicht eines Gesetzes der Identität.<lb/>5<lb/>Geh ich nun an demselben Schritt vor Schritt weiter fort, so komm’ ich zunächst heraus daran zu einem <hi rend="slant:italic">Objecte überhaupt</hi>. Ich besinne mich also was ich denn an diesem Objecte überhaupt noch zu meinem Identitätsgesetz erworben [habe].<lb/>6.<lb/>Hier finde ich nun, daß mein <hi rend="slant:italic">Object überhaupt</hi>, und in<hi rend="slant:italic"> seiner völligen Reinheit</hi> nichts anders als ein <hi rend="slant:italic">Gedachtes Etwas ist</hi>, versehen in seiner völligen Reinheit 1) als ein Etwas mit einem Neben= und Nach=einander = B, versehen aber auch in seiner völligen Reinheit mit einem <hi rend="slant:italic">nichtnebeneinander</hi> und <hi rend="slant:italic">nichtnacheinander</hi> -B./: 2) als ein <hi rend="slant:italic">Gedachtes</hi><lb/>7<lb/>Allerdings ist die nächste Frage, welche mir nun hier beygehen muß, diese: ob denn hier in B – B. das mit einem <hi rend="slant:italic">Plus</hi> verbundene <hi rend="slant:italic">Minus</hi> nicht eben dieses Plus wieder aufheben <hi rend="slant:italic">müße</hi>. Hierauf dient zur Antwort:<lb/>NB. a) Daß nach jedermanns Bedenken in einem <hi rend="slant:italic">Objecte</hi> eine <hi rend="slant:italic">Möglichkeit</hi> mit einer <hi rend="slant:italic">Wirklichkeit</hi> verbunden sey NB b) daß nach jedermanns Bedenken, das <hi rend="slant:italic">Geistige</hi> die Möglichkeit ein <hi rend="slant:italic">Mangel</hi> der Ausdehnung, und das Körperliche eine <hi rend="slant:italic">Setzung</hi> der Ausdehnung sey, und das Geistige mit dem Körperlichen[,] das Minus folglich mit einem Plus dennoch ohne Anstoß daran zu nehmen, von Jedermann zusammengedacht werde. [/]	<lb/>c) Daß nach jedermanns Bedenken in einem Satze, welcher die Eigenschaft von Etwas ausdrücken soll die Eigenschaft <hi rend="slant:italic">als Eigenschaft</hi> nicht die Sache selbst, sondern vielmehr ein <hi rend="slant:italic">Minus</hi> der Sache sey und dennoch mit dem <hi rend="slant:italic">Plus</hi> der Sache ohne Anstoß daran zu nehmen, von jedermann zusammengedacht werde.<lb/>d. Daß also das <hi rend="slant:italic">Minus</hi> eines <hi rend="slant:italic">neben</hi>= und <hi rend="slant:italic">nacheinander</hi> verbunden mit dem <hi rend="slant:italic">Plus</hi> eines neben und nacheinander [das] Plus nicht mehr müße zerstören oder aufheben können, und daß ich folglich zu urtheilen genöthigt sey: an diesem Plus habe ich eine Form, ein Wesen, ein Unzerstörbares gefunden.<lb/>e) Ist es ein Unzerstörbares, so wird es durch die Verbindung eines Nichtneben= und nicht nach=einander mit demselben zwar bestimt aber nicht aufgehoben werden können.<lb/>f.) Wird eine Ausdehnung (: ein Nebeneinander :) und ein Wechsel (ein Nacheinander) durch Etwas dem weder das Eine noch das Andere mehr zukömmt bestimt: so wird ein <hi rend="slant:italic">Drittes</hi> daraus entstehen das weder eine Ausdehnung als Ausdehnung, ein Wechsel als Wechsel <hi rend="slant:italic">allein</hi>, noch eine Nichtausdehnung ein Nichtwechsel <hi rend="slant:italic">allein</hi> sondern eine Ausdehnung und Wechsel bestirnt durch eine Nichtausdehnung und einen Nichtwechsel seyn wird. Hiemit habe ich das <hi rend="slant:italic">Genus</hi> das ich durch ein <hi rend="slant:italic">+b</hi> ausdrücke, und das wirklich in jedem seiner möglichen details als Ursache – als Allheit – als individualisirtes Leben – nach dem absoluten Grunde seiner Möglichkeit betrachtet, als Verstand /: wo im Bewußtseyn selbst ihm ein -B ausdrücklich voransteht :/ diese Erklärung von ihm rechtfertigen [/] wird, /: ein nach Absichten d.i. unter Beziehungen jedes Theils aufs Ganze Bestimtes Neben= und Nacheinanderseyn ist das <hi rend="slant:italic">Genus</hi>, ist der <hi rend="slant:italic">Organismus</hi>, und ist – ein <hi rend="slant:italic">Begrif</hi>.<lb/>g) Ich sehe aber durch die endliche unauflösbare Verbindung eines -B mit einem B. so wie durch die unhintertreibliche Zurückweisung des -B auf ein A als A auch ein[,] warum kein <hi rend="slant:italic">Mathematiker</hi> ein Loch in die Welt hinein negiren kann, sondern wenn er 1 – 1 = 0 setzt damit bloß andeutet dieses 1 sey als <hi rend="slant:italic">Gegenstand</hi> seiner Beachtung für itzt in seinem Animalischen Bewußtseyn vorüber gegangen bleibe aber darum doch noch ein Gedachtes <hi rend="slant:italic">als</hi> <hi rend="slant:italic">Gedacht</hi> und die Ausdehnung <hi rend="slant:italic">als</hi> <hi rend="slant:italic">Ausdehnung</hi>, der Wechsel <hi rend="slant:italic">als Wechsel</hi> bleibe ebenfalls er möge es mit seinem Negiren, das ist mit dem Verschieben einer ihm gegenwärtigen Vorstellung in die Reihe des bloß Gedachten als Gedachten /: aber eben darum &lt;doch nicht&gt; reellen :/ auch halten wie [er] es wolle /: S. 355. 56 der Logik :/ Ich sehe ferner ein was der <hi rend="slant:italic">Logiker mit seinem</hi> Negiren denn eigentlich wolle wenn er mir z. B. zu erkennen giebt: ein seinem Subjecte negiertes Prädicat trete in den ganzen Umfang seiner sonstigen Sphäre wieder ein. Dieß muß nur so viel bedeuten als: Es werde durch Negiren für etwas bloß im Denken überhaupt setzbares genommen. Wer folglich sagt: Dieß ist nicht gut, setzt: <hi rend="slant:italic">gut</hi> bloß als ein Prädicat, das im Denken überhaupt setzbar ist, mithin setzt er sein <hi rend="slant:italic">Urtheil</hi> dißfalls unter -B /: S. 287 der Logik :/ Wer aber sagt: Dieß ist gut, sezt, das Prädicat im <hi rend="slant:italic">Augenblike der Aussage </hi>als Identisch mit dem Subjecte mithin Steht sein <hi rend="slant:italic">Urtheil</hi> unter +B.<lb/><hi rend="slant:italic">Anm</hi>. Es giebt drey unterscheidbare Fälle des Negirens 1) Eine Negation der Ausdehnung als Ausdehnung [/] […]<lb/>[…] § 13.	<lb/>Jenes Gesetz muß also nur von einem Seyn κατ εξοχην von einem Wesen aller Wesen außerhalb des Weltsystems abhangen; es ist der unverwerfliche Zeuge eines οὐ κατ εξοχην.<lb/>§ 14	<lb/>Dieses Wesen aller Wesen manifeßtirt sich mir in meinem Denken an jenem Gesetze der Identität, gleichwie es sich überall durch Beziehungen des Einzelnen aufs Ganze, und des Ganzen aufs Einzelne durch Absichten und Zwecke im Weltall manifestirt.<lb/>§ 15	<lb/>Folge ich dem Gesetze der Identität so folge ich der Ordnung, der Pflicht und dem Recht.<lb/>§ 16	<lb/>Ich muß also schließen daß das Wesen der Wesen ein Weises und Gerechtes Wesen sey ungeachtet ich mich als mit der Sinnlichkeit behaftet bey der um meiner selbst willen ihm schuldigen Verehrung vom Antropomorphismus nie werde loßsagen können.<lb/>§ 17	<lb/>Dem <hi rend="slant:italic">Pythagoras</hi> hieß dieß :/ οὐ κατ εξοχην schlechthin die <hi rend="slant:italic">Monas</hi>, dem <hi rend="slant:italic">Eleaten</hi> δίκη, dem Platon und den Stoikern πρόνοια, ersterem auch το ἀγαθὸν /: das schlechthin Gute :/ Ja Platon beschreibt es wie es hier bestimmt ist nicht als das Wesen irgend eines Dinges sondern als noch über daßelbe erhaben, als das Unnennbare rein Intelligible ohne Gattung ohne Differenz ohne &lt;Anders&gt; wiewohl es den Urgrund dieses alles, die Möglichkeit [/] aller Möglichkeiten enthält. Bey <hi rend="slant:italic">Antonin</hi> heißt es ὁ ενδον δαίμων, bey <hi rend="slant:italic">Christus</hi> – <hi rend="slant:italic">Vater</hi>. Es anbetten wie die genannten Männer<hi rend="slant:italic"> im Geiste und in der Wahrheit</hi> ist nichts anderes <hi rend="slant:italic">als seiner eigenen Tugend pflegen.</hi></p></div></body></text></TEI>
