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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="16526"><titleStmt><title>Joseph Rückert an Johann Gottlieb Fichte</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/16526</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Fichte, Johann Gottlieb: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Abteilung III, Bd. 5: Briefe 1801–1806. Hg. v. Hans Gliwitzky und Reinhard Lauth. Unter Mitwirkung v. Erich Fuchs, Kurt Hiller, Peter K. Schneider und Manfred Zahn. Stuttgart 1982, S. 146‒147.</title></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Handschrift verschollen</institution></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/16526"><correspAction type="sent"><persName key="23925" ref="https://d-nb.info/gnd/116673672">Joseph Rückert</persName><placeName key="22" ref="https://d-nb.info/gnd/4035206-7">Leipzig</placeName><date when="1802-09-18">1802-09-18</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="7180" ref="https://d-nb.info/gnd/118532847 ">Johann Gottlieb Fichte</persName><placeName key="15" ref="https://d-nb.info/gnd/2004272-3">Berlin</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-076j-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-076j-1.tif"/></facsimile><text><body><div><p><placeName key="22">Leipzig</placeName> den 18. September 1802.<lb/>Hiermit sende ich Ihnen, verehrter Lehrer und Freund, Ihre kritischen Bemerkungen über den <name key="26692" type="work">Realismus</name> ohne Gegenbemerkungen zurück, weil ich mich beim Studium derselben überzeugte, daß sie blos die Darstellung des Realismus treffen, die ich jetzt selbst für äußerst mangelhaft erkenne.<lb/>Folgende Wahrheiten sind inzwischen bei mir zur höchsten Evidenz gestiegen:<lb/>1) Alle Realität kann nur <hi rend="weight:bold">erfahren</hi>, nicht a priori demonstrirt werden.<lb/>2) Eine ursprüngliche absolute Synthesis zwischen dem Ich und einem Unbekannten = X kann nur auf praktischem Standpunkte angenommen werden. Für das Theoretische ist eine Uebereinstimmung zwischen Subjekt und Objekt (in sofern das Letztere ein Absolutes seyn soll) ganz <hi rend="weight:bold">zufällig</hi>.<lb/>3) Ein Objekt, ein wahres Objekt nämlich, hat das empirische Bewußtseyn, so auch der Philosoph nur auf prak[/]tischem Standpunkte. Im Theoretischen fließt alles Objektive in lauter <hi rend="weight:bold">Ichheit</hi> über. Nur in einer Richtung auf das gegebene (also auch kritisch <hi rend="weight:bold">gefundene</hi>) Nothwendige, nur in der Anerkennung dieses Nothwendigen für mich bildet sich ein fester Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, jenem als freiem, diesem als nothwendigem u. s. w.<lb/>Im kommenden Winter will ich den Realismus von Grund aus, und, wie ich hoffe, fest aufbauen und lichtvoll. Denn Niemand kennt seine dermaligen Unvollkommenheiten in dieser Hinsicht besser, als ich selbst.<lb/>Auch über das Charakteristische Ihrer neuen Darstellung habe ich weiter nachgedacht, mein edler Freund. Eine solche Synthesis, wie Sie wollen, kann aber nur, wie mich dünkt, nach vorhergegangener Kritik des ganzen Ichs philosophisch und gesetzlich an die Spitze gestellt werden. Denn Ihr = X muß im Fortgange ein für das Ich selbst nothwendig Bestimmtes werden, d. h. ein <hi rend="weight:bold">Bekanntes</hi>. Alles Nothwendige muß in’s Ich herein, in’s Bewußtseyn desselben, damit jenes Nothwendige aber unter dem Charakter objektiver Nothwendigkeit hereinkommt, muß es praktisch herein, d. h. nach einer vorhergegangenen Kritik, als Nothwendiges für das Ich ursprünglich von diesem anerkannt werden. Sonst verwandelt sich alles Objektive bei dem ersten Eintritt gleich in Subjektives.<lb/>Daß das <persName key="8168"><hi rend="weight:bold">Bardilische</hi></persName> Wesen nichts Anderes ist als blinder unvollkommener Idealismus, wissen Sie selbst am besten; und daß das übrige edle Chor der Philosophen dermalen nicht weiß, wo ihm der Kopf steht, und damit [er] ihm nicht da oder dort anstoße, lieber auf einem Fleck stehen bleibt, ebenfalls ohne zu wissen wo, gleich dem verirrten Nachtwandler, wissen Sie gleichfalls! Aber können Sie wohl auch das Ende aller dieser Bewegungen errathen? Wenn nicht ein neuer gewaltiger Umschwung geschieht, so ist dies Ende wahrscheinlich ein bescheidener skeptischer Rückzug mit geschloss’nen Augen zu einem gewissen Katholicis[/]mus nach dem Beispiele des <persName key="792">Herrn Grafen von <hi rend="weight:bold">Stollberg</hi></persName> und aus demselben Grunde. Ich fürchte, <persName key="2748"><hi rend="weight:bold">Reinhold</hi></persName>, um seinen Kreislauf würdig zu beschließen, werde den Zug anführen.<lb/>Gottlob! Ich finde noch Muth genug in mir, auf diesem Glatteise des freien Denkens so lange zu fallen und zu wackeln, bis ich endlich auch hier gerade zu gehen gelernt habe; und ich weiß gewiß, mein theurer Freund, daß Sie mir Ihren ganzen Segen dazu ertheilen.<lb/>Möchte ich doch bald durch einige Zeilen von Ihnen erfreut werden! Mit meinen besten Wünschen für Sie und für das Wohlergehen [der] Ihrigen verharre ich als<lb/>Ihr dankbarer Freund	<lb/>J. <hi rend="weight:bold">Rückert</hi>.</p></div></body></text></TEI>
