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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="17788"><titleStmt><title>Samuel Ernst Stubenrauch an Friedrich Schleiermacher</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext ohne Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/17788</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 2. Briefwechsel 1796‒1798 (Briefe 327‒552). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 1988, S. 126‒134.</title></bibl><bibl>https://schleiermacher-digital.de/briefe/</bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/17788"><correspAction type="sent"><persName key="24865" ref="https://d-nb.info/gnd/139551379">Samuel Ernst Stubenrauch</persName><placeName key="10562" ref="https://d-nb.info/gnd/4034340-6">Landsberg (Warthe)</placeName><date when="1797-05-08">8. bis 14. Mai 1797</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="7133" ref="https://d-nb.info/gnd/118608045">Friedrich Schleiermacher</persName><placeName key="15" ref="https://d-nb.info/gnd/2004272-3">Berlin</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-2.tif"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-3.tif"/><graphic n="5" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-4.tif"/><graphic n="6" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-5.tif"/><graphic n="7" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-6.tif"/><graphic n="8" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-7.tif"/><graphic n="9" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-080k-8.tif"/></facsimile><text><body><div><p>Landsb. a. d. W. d. 8ten May 97<lb/>Heute, mein lieber Neveu, ist es mir doch geglückt, bey schönen hellen Sonnenschein in unserm Gartenstübchen ihren lieben Brief, wenigstens größtentheils, lesen oder dechiffriren zu können. Aus dem was Sie mir von der Confirmation zur Antw<hi rend="slant:italic">ort</hi> schreiben sehe ich, daß Sie diesmal mich nicht recht verstanden, und das von mir – vielleicht nicht richtig genug gewählte – Wort <hi rend="weight:bold">feierlich</hi> in einem Sinne genommen haben, der mir warlich gar nicht dabey eingefallen ist, ich dabey im geringsten nicht an bloß äußre Gebräuche u<hi rend="slant:italic">nd</hi> leere Ceremonien, bey welchen der Kopf gar nichts denkt, das Herz nichts empfindet, die den Kindern wohl gar lästig sind, wie z B das öftere u<hi rend="slant:italic">nd</hi> lange Niederknien, welches so manche unserer Amtsbrüder leider! für ganz unentbehrlich halten, u<hi rend="slant:italic">nd</hi> wobey die vereitelten Herzen der für diesen Tag gemeiniglich – freilich auch leider! – stattlich gepuzten Mädchen u<hi rend="slant:italic">nd</hi> Knaben – aus ängstlicher Besorgniß, daß ihr Staat u<hi rend="slant:italic">nd</hi> Putz dabey leiden u<hi rend="slant:italic">nd</hi> beschädigt werden dürfte, von dem Inhalt des Gebets ganz abgezogen wird. Ich verstand vielmehr nichts andres dadurch, als daß diese Handlung ihnen recht wichtig u<hi rend="slant:italic">nd</hi> rührend gemacht | werden müße, damit solche auf das – zu der Zeit noch weniger verdorbne, guter Rührungen noch empfänglichere Herz desto tiefere und mithin bleibende Eindrücke machen möge; weshalb ich auch die Beyspiele des Buchbind<hi rend="slant:italic">e</hi>r der in Magdeb<hi rend="slant:italic">urg</hi> von unsrem Sack, und des Hutmach<hi rend="slant:italic">e</hi>r Stuter der in Halle vom seel<hi rend="slant:italic">igen</hi> Hirsekorn confirmirt worden, anführte, die beyde sich dieser Handlungen noch mit so lebhafter Freude, so innig bewegt erinnerten[.] Ich habe diesmal auch die Freude gehabt [<hi rend="slant:italic">daß</hi>] 10 od<hi rend="slant:italic">er</hi> 12 von den V<hi rend="slant:italic">er</hi>wandten d<hi rend="slant:italic">er</hi> Confirmanden bey dieser Handlung zugegen waren, u<hi rend="slant:italic">nd</hi> die meisten von ihnen auch gerührt schienen: nam de occultis – aut simulatis – non judicat Ecclesia. Es waren 7 Knaben confirm<hi rend="slant:italic">irt</hi> Gutschke, Stuter, Michaely, Kleinhanns, Radestock, Doniges und Pickart, dies ist ungefähr die Rangordnung nach ihren Fähigkeiten u<hi rend="slant:italic">nd</hi> erlangten Kenntnißen[.] Den Kleinh<hi rend="slant:italic">anns </hi>beurtheilen Sie vielleicht etwas zu hart, da meines Erachtens auch Rüksicht genomen werden muß auf die Lage, in welcher er sich befunden. Mich hat er beynahe bis zu Thränen gerührt, als ich ihn bald anfangs, nach geendigter Catechisat<hi rend="slant:italic">ion</hi> besonders nahm, u<hi rend="slant:italic">nd</hi> ihn darüber z<hi rend="slant:italic">ur</hi> Rede stellte, daß er so gar nicht lesen könne. Da ich ab<hi rend="slant:italic">er</hi> erfuhr, daß er wohl gern die Schule besucht haben würde, wenn er nicht von früh auf von seinem Vater zur Bestellung des Tobacksbaus gebraucht worden wäre. | Ich empfand das wahreste Mitleiden mit diesem ohne seine Schuld verwahrloseten Menschen, mir schien es, als ob er durch angestrengte Aufmerksamkeit das bisher versäumte nachholen wollte, und ich kann Ihnen versichern, daß ich weit mehr vernünftige überdachte, passende Antworten von ihm erhalten habe als von Doniges der ziemlich gefühllos u<hi rend="slant:italic">nd</hi> doch voll Eigendünkel ist, den ich aber auf dringendes Anhalten seines Vaters mit confirm<hi rend="slant:italic">irt</hi> habe, weil er bey einem Chirurgus in die Lehre gebracht worden<lb/>Was das Examiniren d<hi rend="slant:italic">er</hi> Confirmanden betrifft, so bin ich darin völlig mit ihnen einv<hi rend="slant:italic">er</hi>standen, daß wenn keiner von den Aeltern od<hi rend="slant:italic">er</hi> Verwandten dabey zugegen, solches ganz unnöthig u<hi rend="slant:italic">nd</hi> unnütz ist. Sind aber diese zugegen, so gereicht es einmal zu ihrer Befriedigung und fürs andre sind meines Erachtens – besonders da wir hier keine öffentl<hi rend="slant:italic">ichen</hi> Katechisationen haben, wobey auch Alte – dergleichen Gelegenheiten auch dazu sehr gut zu benutzen, um so manche crasse Ideen, die durch früheren fehlerhaften Unterricht in so manchen Köpfen so fest eingewurzelt sind, zu berichtigen[.] So habe ich in dieser Absicht den Artikel von der durch Christum geschehenen Erlösung ziemlich durchgefragt – nach Veranlaßung des Ap<hi rend="slant:italic">ostolischen</hi> Glaubensbekänntnißes<lb/>Fr<hi rend="slant:italic">a</hi>ge. Christus <hi rend="slant:italic">wi</hi>rd Gottes eingebohrner Sohn, d<hi rend="slant:italic">er</hi> Erstgeb<hi rend="slant:italic">ohrne </hi>vor allen Kreaturen. Werden wir <hi rend="slant:italic">nicht</hi> auch Kinder Gottes genannt, u<hi rend="slant:italic">nd</hi> warum? Weil wir e<hi rend="slant:italic">ine</hi> Aehnlichk<hi rend="slant:italic">eit </hi>mit Gott haben. Worin besteht diese? daß wir einen vernünftigen Geist haben und z<hi rend="slant:italic">ur</hi> Unsterblichk<hi rend="slant:italic">eit </hi>bestimmt sind. Und worin | soll diese Aehnlichkeit noch ferner bestehen? Daß wir heilig seyn u<hi rend="slant:italic">nd</hi> immer mehr werden sollen pp[.] Warum heißt nun Christus d<hi rend="slant:italic">er</hi> Eingebo<hi rend="slant:italic">hrne</hi> d<hi rend="slant:italic">er</hi> Erstgebohrne? Weil er die <hi rend="weight:bold">allergrößte</hi> Aehnlichk<hi rend="slant:italic">eit</hi> mit Gott [<hi rend="slant:italic">hat</hi>.] Ist er nun ab<hi rend="slant:italic">er</hi> Gott gleich? Nein denn er sagt selbst: Der Vater ist größer<lb/>Und eben so habe ich auch den Artik<hi rend="slant:italic">el </hi>von der Erlösung durchgenomen. Was heißt das Er ist unser Erlöser? Wovon hat er uns erlöset? Wodurch? Ist solches bloß durch sein Leiden u<hi rend="slant:italic">nd</hi> Sterben geschehen? – Kann sein Blut uns von d<hi rend="slant:italic">er</hi> Sünde reinigen? Wodurch denn also. 1. Durch <hi rend="slant:italic">seine</hi> Lehre, durch den Unterricht, die Anweisungen, die Er uns gegeben. 2. Durch <hi rend="slant:italic">sein</hi> heiliges Beyspiel – in allem dem, was Er uns vorgeschrieben. 3. Durch <hi rend="slant:italic">sein</hi> unschuldiges Leiden u<hi rend="slant:italic">nd</hi> Sterben. Doch ich sehe ich bin allzu weitläuftig geworden, wie es alten Leuten wohl zu gehen pflegt. Ich denke ab<hi rend="slant:italic">er</hi> nicht, daß mich in diesen u<hi rend="slant:italic">nd</hi> ähnlichen Fragen d<hi rend="slant:italic">er</hi> Vorwurf, daß ich mich zu sehr an den Katechism<hi rend="slant:italic">u</hi>s halte – treffen werde, eher vielleicht der, daß ich mich zu sehr bey Theorieen aufhalte: Allein ich glaube bemerkt zu haben, daß die falschen, crassen theoret<hi rend="slant:italic">ischen</hi> Begiffe einen sehr nachtheiligen Einfluß auf das praktische Christenthum haben<lb/>So viel für heute. Vielleicht können Sie einigen Unterschied in diesem Geschreibe bemerken, wieviel noch bey Tage, und was bey Lichte geschrieben[.] Jetzt ist es 10 Uhr, und für einen reconvalesc<hi rend="slant:italic">enten</hi> wohl eben nicht allzu früh, um sich schlafen zu legen. Möchte doch mein lieber Wilmsen auch erst auf dem Wege einer sichren oder doch sehr wahrscheinlichen Beßerung seyn – doch davon, so wie auch von meiner Krankheit im folgenden Gute Nacht! |<lb/>d<hi rend="slant:italic">en</hi> 9ten May Warlich wenn ich auf alle einzelne Punkte Ihres Briefes so weitläuftig oder umständlich zu antworten fortfahre, als gestern auf den einen, so dürfte ich ein ganz ähnliches Päklein zusammenschreiben; indeß ists mir doch, als ob das Schreiben weit weniger, auch in Ansehung der Augen, mich angriffe als das Lesen. So mags also immer dabey bleiben, daß ich noch einen neuen Bogen anfange, da ich so nicht auf eine morgende Predigt zu denken habe, indem H<hi rend="slant:italic">err</hi> Lehmann mich vertreten wird. Aber warum ist der Mann wohl abgesetzt, wenn Ihnen nähere Umstände davon bekannt, so laßen Sie mir es doch wissen, hier sind die Urtheile über ihn eben so verschieden, als über Bülch<lb/>Vermuthlich ist es die Mutter von H<hi rend="slant:italic">errn</hi> Thyms Braut od<hi rend="slant:italic">er</hi> wie wir sagen Frau welche bald nach seiner Flucht hierher kam, um seine unglükl<hi rend="slant:italic">iche</hi> Frau abzuholen – ob sie jetzt noch in Berlin, oder weiter zu ihrem Bruder gegangen sey, werden Sie dort besser wissen können, als wir hier[.] Mir hat die gute Fr<hi rend="slant:italic">au </hi>BürgerMeister herzlich gedauert, und kaum konnte ich mich d<hi rend="slant:italic">er</hi> Thränen enthalten, als sie – von ihrer Schwester begleitet – bey uns vorfuhr, um die Abschiedskarte abgeben zu laßen, weil ich mich gar nicht überzeugen kann, daß sie an den Veruntreuungen ihres Mannes Theil genomen haben sollte, ohnerachtet ich sie immer für eine sehr schwache Person gehalten, die auch durch ihre Eifersucht und Widerspenstigkeit wohl an der üblen Begegnung, die sie von ihrem Manne erfahren, einigermaaßen Schuld gewesen[.] Daher ich auch in die großen Lobeserhebungen von ihrer vortreflichen Denkungsart u<hi rend="slant:italic">nd</hi> von ihren edlen Gesinnungen, so wenig als in Bülchs Rechtschaffenheit, womit meine Ohren so oft übertäubt wurden, habe einstimmen | können. Eben so wenig aber konnte ich sie doch auch <hi rend="weight:bold">ein</hi> <hi rend="weight:bold">infames Weib</hi> nennen, wie H<hi rend="slant:italic">err</hi> Schneider sich auszudrücken beliebt hat, der doch, solange der Mann hier war, sie recht fleißig besuchte, u<hi rend="slant:italic">nd </hi>so oft er, wenn er nach oder von dem Lazareth ging, sie imer seine <hi rend="weight:bold">liebe Frau Gevattern</hi> nannte. Ueberhaupt wird mir der Mann – je länger ich hier bin, – um desto räthselhafter, so daß ich mich in seine Grundsätze nicht recht finden kann in seine moralischen so wenig, als in seine medicinischen[.] Sie wißen daß ich gleich da ich ihn kennen lernte, eine sehr gute Meinung von ihm hatte u<hi rend="slant:italic">nd</hi> also gewiß – mehr für ihn, als gegen ihn – eingenommen war. – Aber seit einiger Zeit hört man so mancherley von seinem Stolz u<hi rend="slant:italic">nd</hi> Eigendünkel, von seiner Grobheit, die ich an ihm, – weil es ihm an früherer Bildung so sehr gefehlet, – noch am leichtesten übersehen möchte, indeß ist es doch sehr auffallend, wenn er zu H<hi rend="slant:italic">errn</hi> Werkmeist<hi rend="slant:italic">er</hi> sagt: Sie sind d<hi rend="slant:italic">er</hi> dümste Kerl in d<hi rend="slant:italic">er</hi> ganzen Stadt, – zu dessen Frau: Sie sind e<hi rend="slant:italic">in</hi> einfältiges Weib – zu unserer B<hi rend="slant:italic">enike</hi>: Sie haben gerade so viel V<hi rend="slant:italic">er</hi>stand, als mein Spitz: – Oder soll das etwa Spaß seyn – so würde ich mich denn doch für solchen Spaß schönstens bedanken. Noch auffallender ist seine jetzige Behandlung der Kranken: So hat er in einer großen Gesellschaft sich geäußert – wie ich von wenigst 7 Personen die eben in keiner näheren Verbindung stehen, glaubwürdig gehört habe: „Er werde künftig keiner Kranken sich annehmen, von denen es <hi rend="slant:italic">nicht</hi> notorisch, daß sie – ohne ihre eigene Schuld – krank geworden; die übrigen wolle er moralisch behandeln.” Da war es denn, däucht mir, wohl sehr natürlich, daß ich zu dem Manne fernerhin gar kein Zutrauen haben konnte. Ehe Sie mir also hierauf keine völlig befriedigende Antwort geben können, dürfte die ganze Gewissensrüge, womit Sie mich beehret haben, was diesen Punkt betrifft, wohl ganz vergeblich u<hi rend="slant:italic">nd</hi> ohne den erwarteten Erfolg seyn. Das weitere ein andermal. Für jetzt genug. |<lb/>d<hi rend="slant:italic">en</hi> 11ten Nun sind wir ja doch Gottlob! dem Frieden, wie es scheint, etwas näher, da m<hi rend="slant:italic">an</hi> Anfangs gar <hi rend="slant:italic">nicht</hi> daraus klug werden konnte, obs von Friedensprälim<hi rend="slant:italic">inarien</hi> zu v<hi rend="slant:italic">er</hi>stehen sey, od<hi rend="slant:italic">er</hi> vom bloßen Waffenstillstand[.] Buonap<hi rend="slant:italic">a</hi>r<hi rend="slant:italic">te</hi> ist doch warlich e<hi rend="slant:italic">in</hi> herrlicher Mann, in so fern m<hi rend="slant:italic">an</hi> aus dem herrlichen Br<hi rend="slant:italic">ief</hi> an den Erzhe<hi rend="slant:italic">rzog</hi>, und aus dem offenen edelen Benehmen, nachdem die Fr<hi rend="slant:italic">iedens</hi>Prälim<hi rend="slant:italic">inarien</hi> unterschrieben, auf se<hi rend="slant:italic">in</hi> Inneres auf s<hi rend="slant:italic">eine</hi> Gesinnungen zu schließen berechtiget ist. Wie sehr sticht dagegen das Benehmen d<hi rend="slant:italic">er</hi> Oestr<hi rend="slant:italic">eicher</hi> namentlich das Steife das Etiquetmäßige ab, da die frohe Nachricht – im Schauspielhause – verkündigt <hi rend="slant:italic">we</hi>rden mußte, und dann S<hi rend="slant:italic">eine</hi> kayser<hi rend="slant:italic">liche</hi> Maj<hi rend="slant:italic">estät</hi> s<hi rend="slant:italic">elbst</hi> erschienen, um sich Beyfall zuklatschen zu laßen. Wie wenig ward dabey an die niedrigen Stände gedacht!<lb/>Ad vocem <hi rend="weight:bold">niedrige Stände</hi> fällt mir die Recens<hi rend="slant:italic">ion</hi> von Formey’s Versuch e<hi rend="slant:italic">iner</hi> medicinischen Topographie von Berlin, ein, die ich vor e<hi rend="slant:italic">in</hi> paar Tagen in d<hi rend="slant:italic">er</hi> A<hi rend="slant:italic">llgemeinen</hi> L<hi rend="slant:italic">iteratur</hi> Z<hi rend="slant:italic">eitung</hi> n<hi rend="slant:italic">umero</hi> 119 gelesen, und die mir – besonders wegen s<hi rend="slant:italic">einer</hi> offenen Freymüthigk<hi rend="slant:italic">eit</hi> womit er herrschende Gebrechen unverholen anzeigt. Da finde ich auch von d<hi rend="slant:italic">er </hi>Charité Nachrichten, davon mir jedoch manche etwas übertrieben dünken – daß Sie mit ihrer Wohnung außerhalb d<hi rend="slant:italic">er </hi>Charité zufrieden sind, freuet uns allen gar sehr – ohnerachtet ich mich noch nicht recht orientiren kann, wo eigentl<hi rend="slant:italic">ich </hi>dieselbe gelegen, da Sie schreiben <hi rend="weight:bold">vor dem Thore</hi>, vermuthlich also vor dem Oranienb<hi rend="slant:italic">urger</hi> Thore – ab<hi rend="slant:italic">er</hi> da verstehe ich nicht, wie u<hi rend="slant:italic">nd</hi> warum dies außerhalb dem Thore – ihnen e<hi rend="slant:italic">ine jährliche</hi> Ausgabe v<hi rend="slant:italic">on</hi> 10 rth. verursache<lb/>d<hi rend="slant:italic">en</hi> 14ten Da kommt gleich e<hi rend="slant:italic">ine </hi>kleine Bitte an Sie von meinem Sohne. Er wünscht u<hi rend="slant:italic">nd</hi> bittet, daß Sie ihm doch die Hypotheken- und Deposital- u<hi rend="slant:italic">nd</hi> VormundschaftsOrdnung aus e<hi rend="slant:italic">inem</hi> Buchladen ausnehmen u<hi rend="slant:italic">nd</hi> anher überschicken möchten und das Register zur neuesten ProceßOrdnung – und wenn Sie doch einmal in den Buchladen gehen, so wollte ich denn auch wohl um die lezte Schrift von Spalding, d<hi rend="slant:italic">er</hi> Tit<hi rend="slant:italic">el</hi> den Sie mir geschrieben, ist mir entfallen, wie mir däucht wars: Die Relig<hi rend="slant:italic">ion</hi> die wichtigste Angelegenheit d<hi rend="slant:italic">er</hi> Menschen – gegen <hi rend="slant:italic">we</hi>lche, wie Sie mir schreiben, H<hi rend="slant:italic">err</hi> Jenisch aufzutreten sich unterfangen hat. Sollten Sie noch vor Pfingsten, wie die B<hi rend="slant:italic">enike</hi> versichert, zu uns komen: so wären Sie wohl so gut, wenn es nicht zu beschwerlich, die angezeigten Bücher uns mitzubringen. Es thut | leid, daß ich <hi rend="slant:italic">nicht</hi> früh genug an diese Bücher gedacht habe, oder daran erinnert worden bin, sonst würde ich Sie ersucht haben, sogleich von der Besoldung die Auslage zurükzubehalten[.] Und nun <hi rend="slant:italic">muß</hi> ich wohl schließen, damit das Pack nicht allzu unbändig wäre. Viele Grüße von Mama u<hi rend="slant:italic">nd </hi>dem Sohn[.] Wir erwarten Sie recht bald – doch vielleicht noch wohl vorher e<hi rend="slant:italic">in </hi>Brieflein mit Nachrichten von meinem guten lieben Wilm<hi rend="slant:italic">sen</hi> den ich so wie Vetter Reinh<hi rend="slant:italic">ardt</hi> etc. herzlich zu grüßen bitte von<lb/>Ihrem treuergebenen Oheim <lb/>St.</p></div></body></text></TEI>
