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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="19914"><titleStmt><title>Johann Gottlieb Fichte an Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling</title><editor><persName role="Herausgeber der Website"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin der Website"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname><affiliation>Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</affiliation></persName><persName role="Implementierung Backend/Frontend der Website"><forename>Sandra</forename><surname>Weyand</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="User Experience / Grafisches Design"><forename>Michael</forename><surname>Lambertz</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Projektübergreifende technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Thomas</forename><surname>Burch</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Verantwortlich für die Projektdurchführung am TCDH"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Trier Center for Digital Humanities / Universität Trier</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-mainz.de/">Johannes-Gutenberg-Universität Mainz</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum - Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://www.briefe-der-romantik.de/team">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Laura</forename><surname>Fath</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 4.0 DE)</licence><ab type="edition">Korrespondenzen der Frühromantik</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext ohne Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2025-09-15"/><idno type="url">https://briefe-der-romantik.de/letters/view/19914</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Fichte, Johann Gottlieb: Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Abteilung III, Bd. 5: Briefe 1801–1806. Hg. v. Hans Gliwitzky und Reinhard Lauth. Unter Mitwirkung v. Erich Fuchs, Kurt Hiller, Peter K. Schneider und Manfred Zahn. Stuttgart 1982, S. 43‒53.</title></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://briefe-der-romantik.de/letters/view/19914"><correspAction type="sent"><persName key="7180" ref="https://d-nb.info/gnd/118532847 ">Johann Gottlieb Fichte</persName><placeName key="15" ref="https://d-nb.info/gnd/2004272-3">Berlin</placeName><date when="1801-05-31">31. Mai bis 07. August 1801</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="7155" ref="https://d-nb.info/gnd/118607057">Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling</persName><placeName key="12" ref="https://d-nb.info/gnd/4028557-1">Jena</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-2.tif"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-3.tif"/><graphic n="5" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-4.tif"/><graphic n="6" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-5.tif"/><graphic n="7" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-6.tif"/><graphic n="8" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-7.tif"/><graphic n="9" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-8.tif"/><graphic n="10" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-9.tif"/><graphic n="11" decls="carrier1" url="https://briefe-der-romantik.de/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-0952-a.tif"/></facsimile><text><body><div><p>d. 31. Mäi.<lb/>Ihr Brief vom 24. May, mein innigst geliebter Freund, hat mir eine Freudigkeit, und Hofnung für die Wissenschaft wieder gegeben, die ich seit einiger Zeit ziemlich aufgegeben hatte? Der erste Erfolg ist, daß er mich in die Möglichkeit sezt, durchaus offen mit Ihnen zu sprechen, ohne daß ich befürchten müste, früher herbeizuführen, was für das Beste der Wissenschaft lieber gar nicht geschehen sollte.<lb/>Achtung zwischen Männern, die dieselbe Wissenschaft bearbeiten, und die es wissen, wie ich es von mir seit 8. Jahren weiß, daß sie das Rechte ergriffen haben, kann nur darin bestehen, daß sie gegenseitig das höchste Vertrauen auf die Geschiklichkeit des andern setzen, stets am vortheilhaftesten erklären, und wo die vortheilhafteste Erklärung nicht mehr ausreicht, hoffen, der irrende werde durch sein Talent schon auf den rechten Weg kommen. So habe ich stets gegen Sie mich betragen, und Sie, da Sie mich im Irrthum glauben musten, haben dasselbe mir erzeugt. Jezt nur von mir in Beziehung auf Sie.<lb/>Ihre einsmalige Aeusserung im Philosophischen Journale von zwei Philosophien, einer idealistischen, und realistischen, welche – beide wahr, neben einander bestehen könnten, der ich auch sogleich sanft widersprach, weil ich sie für unrichtig einsahe, erregte freilich in mir die Vermuthung, daß Sie die Wissenschaftslehre nicht durchdrungen hätten; aber sie äusserten darauf so unendlich viel klares, tiefes, richtiges, daß ich hofte: Sie würden Zeit genug das fehlende ersetzen. [/]<lb/>Sie theilten mir später Ihre Ansicht der Naturphilosophie mit. Ich sah hierin wieder den alten Irrthum; hofte aber, daß in der Bearbeitung jener Wissenschaft selbst [Sie] den rechten Weg finden würden. Es kam mir zulezt Ihre Aeusserung von der Möglichkeit einer Ableitung der Intelligenz aus der Natur vor. Ihnen zu sagen, was ich ohne Zweifel – <hi rend="slant:italic">jedem andern</hi> gesagt haben würde, – Sie an den greiflichen Zirkel in der Ableitung einer Natur aus der Intelligenz, und hinwiederum der Intelligenz aus der Natur, zu erinnern, und zu meinen, daß ein Mann wie Sie so etwas übersehen haben könnte, konnte mir nicht einfallen. Ich erklärte mir also jenen Saz bei Ihnen, so wie Sie wissen; ohne mich weiter über das Recht, das Intelligible in eine NaturPhilosophie hineinzuziehen, zu erklären; indem ich glaubte, daß auch hierüber Ihnen der Wink genügen werde.<lb/>Endlich erhielt ich Ihr System der Philosophie, und das begleitende Schreiben. Sie sagen in der Einleitung einiges problematisch über <hi rend="slant:italic">meinen</hi> Idealismus, [Sie] sprechen im Schreiben von einer <hi rend="slant:italic">gewöhnlichen</hi> Ansicht des Idealismus, welches, wenn Sie etwa das erste kategorisch gedacht, und in Absicht des leztern gedacht haben, daß <hi rend="slant:italic">ich</hi> diese Ansicht des Idealismus, die wohl die gewöhnliche seyn mag, auch habe, beweis’t, daß Ihr Misverständniß meines Systems fortdauert. Ich habe dieses Ihr früheres Schreiben nicht bei der Hand, aber wenn ich mich recht erinnere, sagten Sie in demselben, ich gestehe zu, daß gewisse Fragen durch die bisherigen Principien noch nicht erledigt wären. Dies gestehe ich nun gar nicht zu. Es fehlt der Wissenschaftslehre durchaus nicht in den Principien; wohl aber fehlt es ihr an Vollendung; die höchste Synthesis nemlich ist noch nicht [/] gemacht, die Synthesis der GeisterWelt. Als ich Anstalt machte, diese Synthesis zu machen, schrie man eben Atheismus?<lb/>Soviel ich in Ihrem System gelesen habe, möchten wir wohl in Absicht der <hi rend="slant:italic">Sachen</hi> auf dasselbe hinauskommen, keinesweges aber in Absicht der <hi rend="slant:italic">Darstellung,</hi> u. diese gehört hier durchaus wesentlich zur Sache. Ich glaube z. B. und glaube es erweisen zu können, daß Ihr System in sich selbst (ohne stillschweigende Erläuterungen aus der Wissenschaftslehre) keine Evidenz hat, und durchaus keine erhalten kann. Gleich Ihr erster Saz beweis’t dies.<lb/>Ganz deutlich Ihnen zu werden, verspreche ich mir nur von der neuen Darstellung. <lb/>Vorläufig nur so viel. Die Fragen, ob die Wissenschaftslehre das Wissen subjektiv, oder objektiv nehme, ob sie Idealismus sey, oder Realismus, haben keinen Sinn; denn diese Distinktionen werden erst <hi rend="slant:italic">innerhalb</hi> der W.L. gemacht, nicht ausserhalb ihrer, und vor ihr vorher; auch bleiben sie ohne die W.L. unverständlich. Es giebt keinen besondern Idealismus, oder Realismus, oder NaturPhilosophie, u. dergl. die da <hi rend="slant:italic">wahr</hi> wären; sondern es giebt überall nur Eine Wissenschaft, dies ist die W.L: und alle übrigen Wissenschaften sind nur <hi rend="slant:italic">Theile</hi> der W.L. und sind wahr, und evident, nur inwiefern sie auf dem Boden derselben ruhen.<lb/>Es kann nicht von einem <hi rend="slant:italic">Seyn</hi> (alles worauf ein blosses <hi rend="slant:italic">Denken</hi> bezogen, und, was hieraus folgt, darauf der <hi rend="slant:italic">RealGrund</hi> angewandt wird, ist <hi rend="slant:italic">Seyn,</hi> gesezt auch man nennte es Vft.) sondern es muß von einem <hi rend="slant:italic">Sehen</hi> ausgegangen werden; auch muß die Idendität des Ideal= <hi rend="slant:italic">und</hi> Real=Grundes, = der Idendität des Anschauens und Denkens aufgestellt werden.<lb/>Fassen Sie auf z. B. Ihr Bewußtseyn, daß zwischen zwei Punkten nur Eine gerade ist. Zuförderst haben Sie da eben Ihr sich <hi rend="slant:italic">Erfassen, u. Durchdringen</hi>, den Akt der Evidenz, und dieses [ist] mein <hi rend="slant:italic">Grundpunkt.</hi> Sie setzen voraus, und sagen schlechthin aus, daß dieser Satz <hi rend="slant:italic">von</hi> allen möglichen Linien, sowie <hi rend="slant:italic">für</hi> alle mögliche Intelligenzen gelte; und dies geht Ihnen so zu: Sie setzen in der ersten Rüksicht sich d. h. eben die Form des <hi rend="slant:italic">sich erfassens</hi> als <hi rend="slant:italic">bestimmtes</hi> (materiales) in der leztern als <hi rend="slant:italic">bestimmbares.</hi> Das erstere giebt Ihnen mit der Zeit <hi rend="slant:italic">sich als Individuum</hi>; das leztere, wo [Sie] eben [/] um es nur als <hi rend="slant:italic">bestimmbar</hi> zu setzen, die leere Form der Ichheit sezten, giebt Ihnen späterhin die Geisterwelt. Das allgemeine (endliche) Bewußtseyn ist sonach die absolute Vereinigung des Bewußtseyn[s] der Geisterwelt, und des Individuum. Das leztere ist der IdealGrund der erstern; die erstere der (nie aber <hi rend="slant:italic">erkennbare,</hi> und durch die Evidenz zu <hi rend="slant:italic">durchdringende</hi>) <hi rend="slant:italic">RealGrund</hi> des leztern.<lb/>Sie sezten sich d. i. Ihr Erfassen, Ihr Zusammenfallen der Subjekt=Objektivität, als <hi rend="slant:italic">bestimmtes</hi>; sagte ich. Dieses geschieht in dem absoluten, durch kein Bewußtseyn zu überfliegenden u. wiederum zu reflektirenden Bewußtseyn; jene Bestimmtheit ist daher auch eine <hi rend="slant:italic">absolute,</hi> durch kein Bewußtseyn zu reflectirende, und zu durchdringende <hi rend="slant:italic">Bestimmtheit</hi> = der nun einmal gegebnen Wirklichkeit, oder Realität, dem <hi rend="slant:italic">Seyn.</hi> Seyn ist – sich <hi rend="slant:italic">nicht durchdringendes Sehen</hi>. Setzen Sie diese Bestimmtheit indessen (sie wird unten eine andere Ansicht bekommen,) als ein Quantum der gegenüberliegenden Bestimmbarkeit, so liegt der RealGrund, daß gerade dieses Quantum, nicht mehr noch weniger abgetrennt wurde, ausserhalb alles Bewußtseyns; er ist = X. der Evidenz ewig undurchdringlich. <lb/>Setzen Sie das absolute Bewußtseyn = A. so ist in ihm<lb/>Form des Bewußtseyns als <hi rend="slant:italic">Bestimmbares</hi> = B. [...] C. Bestimmtheit des Bewußtseyns, und es wird in ihm abgebildet ein <hi rend="slant:italic">ideales Uebergehen</hi> von C. zu B. und ein <hi rend="slant:italic">reales,</hi> aber nur der Form nach zu beschreibendes von B zu C. – In a. Durchgangs= und WendePunkt sich entgegenlaufender Richtungen. (Hier liegt der Grund der Synthesis.)<lb/>Die Evidenz gilt <hi rend="slant:italic">von</hi> allen (im Bewußtseyn C.) und <hi rend="slant:italic">für</hi> alle (im Bewußtseyn B.) Woher dies: wo ist der Vereinigungs= und WendePunkt dieser doppelten Gültigkeit? Antwort. C. ist selbst ein <hi rend="slant:italic">In</hi> in Beziehung auf B. und ein <hi rend="slant:italic">Für</hi> in Beziehung auf sich selbst.<lb/>Nichts ist <hi rend="slant:italic">von</hi> allen gültig, was nicht eben darum auch <hi rend="slant:italic">für</hi> alle gültig wäre, und umgekehrt: denn das <hi rend="slant:italic">von</hi> ist selbst nur das – nur als <hi rend="slant:italic">bestimmtes</hi> genommene, <hi rend="slant:italic">für</hi>: und das <hi rend="slant:italic">für</hi> selbst nur das, nur als bestimmbar genommene, <hi rend="slant:italic">Von.</hi> <lb/>Das <hi rend="slant:italic">Von</hi> aber geht von dem <hi rend="slant:italic">Für</hi> realiter aus (und eben darum auch die Welt des Von, die Sinnenwelt, von der Welt der <hi rend="slant:italic">Für,</hi> der Geisterwelt) eben darum weil in dem absoluten Bewußtseyn das erstere das <hi rend="slant:italic">bestimmte</hi> ist von dem lezteren, als bestimmbaren.<lb/>Wohl aber geht idealiter das Für von dem Von aus; das Allgemeine wird durch Erkennung des besonderen, die GeisterWelt durch die Sinnenwelt erkannt. <lb/>Wir haben gar kein <hi rend="slant:italic">bestimmtes</hi> (individuelles) Bewußtseyn, ohne das <hi rend="slant:italic">bestimmbare</hi> (universelle der endlichen Vft) zu haben, und umgekehrt. Dieses Gesez ist eben Grundgesez der Endlichkeit, und dieser <hi rend="slant:italic">Wechsel</hi>Punkt ist ihr Standpunkt.<lb/>Unser keiner denkt ihm selber, noch wähnt er, ihm selber zu denken, so gewiß er – denkt[.]<lb/>Lassen wir jezt das Bewußtseyn A. liegen, und gehen zu C. Dieses ist nun eben auch <hi rend="slant:italic">Bewußtseyn</hi>; und es kommt zum Bewußtseyn durch <hi rend="slant:italic">die Form der Evidenz</hi>, doch so daß die <hi rend="slant:italic">Bestimmtheit</hi> bleibe. Ein unmittelbares Bewußtseyn dieser Art ist nun (ich trage hier nur kurz die Resultate vor) das Bewußtseyn des Handelns, das da wieder einen Zwekbegriff, als sein bestimmendes, und dieser einen <hi rend="slant:italic">Ding</hi>=Begriff, als sein bestimmbares voraussezt: Lassen wir jezt das Bewußtseyn A. liegen, und gehen zu C. Dieses ist nun eben auch Bewußtseyn; und es kommt zum Bewußtseyn durch die Form der Evidenz, doch so daß die Bestimmtheit bleibe. Eind’ unmittelbares Bewußtseyn dieser Artf’ ist nun (ich trage hier nur kurz die Resultate vor) das Bewußtseyn des Handelns, das da wieder einen Zwekbegriff, als sein bestimmendes, und dieser einen <hi rend="slant:italic">Ding</hi>=Begriff, als sein bestimmbares voraussezt: – u. hier erst, in dieser kleinen Region des Bewußtseyns liegt eine SinnenWelt: eine Natur. [/]<lb/>Das ganze Bewußtseyn C. ist sonach selbst nur <hi rend="slant:italic">Objekt</hi> des Bewußtseyns A. Es hat aber absolute Gültigkeit<hi rend="slant:italic"> für alle</hi>, inwiefern es in der ursprünglichen Form des Bewußtseyns A. ist. Dieses ganze geschloßne Bewußtseyn C. wieder in A. aufgenommen, giebt ein System der GeisterWelt (das obige B.) und einen unbegreiflichen RealGrund der Getrenntheit der Einzelnen, und ideales Band aller = Gott. Dies ist’s, was ich die intelligible Welt nenne. Diese lezte Synthesis ist die höchste. Will man das, was auch diesem Blike noch undurchdringbar bleibt, <hi rend="slant:italic">Seyn</hi> nennen, und zwar das absolute, so ist Gott das reine Seyn; aber dieses Seyn ist an sich nicht etwa Compression, sondern es ist durchaus Agilität, reine Durchsichtigkeit, Licht, nicht das Licht zurükwerfender Körper. Das leztere ist es nur für die endliche Vft: es ist daher nur für diese, nicht aber an sich ein <hi rend="slant:italic">Seyn</hi>.<lb/>Die Synthesis des Bewußtseyns A u. C. / A + C. / = A + C in X = dem absoluten Begreifen, und darum in jedem einzelnen Begreifen Unbegreiflichen / ist das Princip der endlichen Vft. Die W.L. stellt das System aus diesem Principe dar; sie stellt <hi rend="slant:italic">sonach das durchaus universelle Bewußtseyn der gesammten Geisterwelt</hi>, <hi rend="slant:italic">als solches</hi>, dar, und ist selbst dieses Bewußtseyn. Jedes Individuum ist eine <hi rend="slant:italic">besondre Ansicht</hi> jenes Systems aus einem eignen GrundPunkte; aber dieser Punkt ist der Wissenschaftslehre, die selbst Wissenschaft, ein Durchdringen des universellen Bewußtseyns ist, undurchdringlich = X. Weit entfernt s&lt;onach&gt;, daß die W.L. vom Individuum, als solchem ausgehen sollte, kann sie nicht einmal bis zu demselben hinkommen. Dem <hi rend="slant:italic">Leben</hi> aber ist jenes X. <hi rend="slant:italic">faktisch</hi> (nicht genetisch) durchdringlich. <lb/>Jedes Individuum ist ein rationales Quadrat einer irrationalen Wurzel, die in der gesammten Geisterwelt liegt; und die gesammte Geisterwelt ist wiederum rationales Quadrat der – <hi rend="slant:italic">für</hi> <hi rend="slant:italic">sie,</hi> und ihr universelles Bewußtseyn, welches jeder hat, und haben kann – irrationalen Wurzel = dem immanenten Lichte oder Gott.<lb/>* Die Sinnenwelt aber, oder die Natur, ist durchaus nichts denn Erscheinung, eben des immanenten Lichtes. (Eine NaturPhilosophie mag wohl von dem schon fertigen, und stehenden Begriffe einer Natur ausgehen: aber dieser Begriff selbst, und seine Philosophie sind in [/] einem Systeme des gesammten Wissens erst aus dem absoluten X. bestimmt durch die Gesetze der endlichen Vft. abzuleiten. .<lb/>Ein Idealismus aber, der noch einen Realismus neben sich duldete, wäre gar nichts: oder wenn er doch etwas seyn wollte, müste er die allgemeine formale Logik seyn.[)]<lb/>So ist auch das Räsonnement S. 533. f. treflich.<lb/>Besonders aus dem leztern muß sich ergeben, wie meine Philosophie sich zu der Ihrigen, sowie zu den Ahnungen, Wünschen, und Misverständnissen unsrer Zeitgenossen verhält. Inwiefern man meinem Ich irgend eine Spur von Individualität aufrükte, müste man freilich auf ein Ableiten dieses Individuellen bedacht seyn. Sie sehen aus dem obigen, daß ich gleichfals ableite [–] darin also sind wir einig; nur um’s Himmels willen nicht aus einer Natur, oder einem begreiflichen Universum, oder irgend etwas, worauf der RealGrund anwendbar ist.<lb/>Ich muß es jezt Ihnen überlassen, ob Sie mit weitern Erörterungen Ihres Systems die Erscheinung meiner neuen Darstellung abwarten wollen, oder nicht. Daß <hi rend="slant:italic">ich</hi> meiner Sache sehr sicher bin, darf ich Ihnen wohl freimüthig sagen; theils um der innern Natur der Evidenz selbst willen; theils aus dem äussern Grunde, daß ich jezt wiederum beinahe ein ganzes Jahr nichts gethan habe, als von den verschiedensten Seiten und Wegen diese Untersuchungen anspinnen, und immer wieder, gegen Wissen, und Willen, auf dasselbe gekommen [bin], was in meiner, von mir durchaus vergessenen alten Darstellung vor 8. Jahren gefunden wurde: ferner, wegen der merkwürdigen Organisation des Ganzen. Doch versteht es sich von selbst, daß ich dadurch Ihrer Prüfung nicht vorgreifen will.	<lb/>Daß Differenzen zwischen uns weiter laut würden, würde der guten Sache [/] gewiß sehr schaden, und von den Feinden der Wissenschaft, und den Blödsinnigen auf die schlimmste Weise benuzt werden.<lb/>Daß meine Schrift gegen Nikolai, und die gegen Reinhold Ihren Beifall hat, freut mich sehr. In dem sonnenklaren Berichte, den ich beilege, werden <hi rend="slant:italic">Sie</hi> kaum etwas neues finden. Wenn ich mit Ihrer Abfertigung Reinholds nicht ganz zufrieden wäre, so würde es warlich nicht <hi rend="slant:italic">Reinholds</hi> halber, sondern <hi rend="slant:italic">Ihrer selbst </hi>halber seyn. Rein <hi rend="slant:italic">objektive</hi> Polemik läßt den Polemiker selbst reiner erscheinen, und schneidet tiefer ein. Doch bin ich auch in dieser Rüksicht zufrieden.<lb/>Reinholds Aufsatz im Merkur hatte ich noch nicht gelesen, als ich mein Schreiben abfaßte; und Sie sehen aus demselben, daß ich sogar die Hofnung äusserte, er werde diese saubere Arbeit nicht fortsetzen. Ich habe ihn jezt gelesen, und finde ihn – denn doch bei weitem <hi rend="slant:italic">dümmer,</hi> als er boshaft ist. Man sollte irgendwo einrüken: daß Reinhold seine eigne vorige Gottesvergessenheit, und Egoismus so reuig beichte, sey recht gut, und erbaulich; man müsse jedem glauben, der da versichere ein böser Bube zu seyn, denn das müsse jeder von sich selbst am besten wissen: daß er aber Kanten, und uns in diese allgemeine Kirchenbeichte einschliesse, sey nicht erlaubt, und ein großer Verstoß.<lb/>Daß ich in meinem Schreiben Reinholden zu viel zugestanden, mag wohl seyn. Entweder er begreift es auch nach diesem Schreiben noch nicht, so kommt seine Dummheit nu&lt;n&gt; erst so recht an den Tag: oder er begreift es; so geht es mit einem geringem Skandal für das große Volk ab. So dachte ich; jezt aber vermehrt er leider selbst durch Schreibereien, wie die im Merkur, das Skandal. [/]<lb/>D. 7. August.<lb/>So lange, mein Theuerster, blieb dieser Brief, wegen einer gewissen Trägheit nach aussen, die bei mir sehr leicht aus solchen Arbeiten, dergleichen ich diesen Sommer hatte, entsteht, ungeschlossen liegen.<lb/>Zu Michaelis wird meine neue Darstellung nun freilich wohl nicht erscheinen, aber doch zu NeuJahr. Ich habe die W.L. einige male wieder, und von einigen Seiten her, neu erfunden.<lb/>Nichts würde mir erwünschter seyn, als wenn Sie die Hofnung erfüllten, die Sie mir machen, die Ferien hier zuzubringen.<lb/>Ich sende Ihnen diesen Brief durch Schlegel, der mir während seines hiesigen Aufenthalts bekannter geworden ist, als je, und dadurch lieber – durch seine Redlichkeit, und seinen unermüdeten Fleiß.<lb/>Leben Sie recht wohl, und behalten Sie mich lieb.<lb/>Ganz der Ihrige<lb/>Fichte.<hi rend="weight:bold"> </hi> <lb/>* Ich lese so eben in der Erlanger L.Z.N. 67. Was S. 531 vorkommt, enthält ganz meine Gedanken: nur daß ich hierüber mich nicht <hi rend="slant:italic">zweifelhaft,</hi> sondern <hi rend="slant:italic">kategorisch</hi> ausdrüken würde.<lb/>So ist auch das Räsonnement S. 533. f. treflich.<lb/><lb/><lb/>  <lb/><lb/> </p></div></body></text></TEI>
