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Lotte Schleiermacher to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Gdf. d 24t July
Nun wird mein zweiter Brief bald bei Dir seyn oder ists vielleicht schon – was wirst Du für Augen machen daß die schöne Epistel nicht über Drossen gegangen – einen kleinen Schrecken must Du nun schon für Dein langes Schweigen haben – ob es Dir aber ein Aergerniß sey, 2 Briefe so schnell hintereinander zu erhalten weis ich nun eben nicht – aber gewiß ist es, daß mir die Beraubung einer schriftlichen Mittheilung nach einem solchen Ersehn höchst unangenehm ja wirklich kränkend ist – wenn ihn nicht Krankheit hindert, sagt meine Zimmermann – dann ists unverzeihlich daß der Mensch nicht schreibt – meine gute Hausleutner die mich vorgestern besuchte, wundert sich auch; sie kamen Beide um 4 hier an und wir verbrachten die Zeit biß gegen 7 im Gemeinlogis recht traulich – nachher that ich mit Lotten einen sehr schönen SpazierGang an den nehmlichen Ort wo auch wir am Montag vor 6 Wochen giengen, wir saßen auf einer kleinen Anhöhe den prächtigsten Himmel mit dem schönsten Abendroth gefärbt in mannichfaltigen Veränderungen über uns – die schönen dunklen Berge – gegen über – und den hellern grünen QuestenBerg zur Seite – der alte SeidlizHof – und die hohen Bäume an der TeichAllée zwischen den andern Gebäuden majestätisch hervorragend – herrlich! und nun las ich ihr aus Schubart die Beschreibung von seinem wandeln auf dem großen Münster – ich dachte Deiner viel |
den 27ten July
Gestern Nachmittag erschienen auch ganz unerwartet Aulocks, sie liebt die Ueberraschungen, hatte daher, hier und in Pangel ihre Ankunft später bestimt – fuhr jedoch erst hier durch – blieb ein Stündchen – und wird vielleicht wenn ihre Leute nicht schon alles in Ordnung halten ein unangenehmerer Gast gewesen seyn, als Du in Stein – heute wird ein Bote mit kleinen Geschenken aus dem Bad erscheinen, und mit Anfrage an Scheuerl wann wir mit unsrer Schaar nebst Lotte Schlegel nach Pangel in die Kirschen kommen können – dort erst will sie uns viel erzählen, wohl mir aber, daß sie gestern schon viel auspackte – sie sind über Sachsen und Boehmen gekommen haben sich in Herrnhut einen Tag aufgehalten, gleich am Abend Vater Schlegel besucht – aber welch ein Litum – Arndt war eben mit ihrer Generalin verreist – in Dresden haben sie viel schönes, an Natur und Kunst gesehen – kurz sie ist ganz begeistert – in Warmbrun ist ihr die Bekantschaft unsrer herzigen Stegman sehr interressant – in Hirschberg wo sie sich nur 14 Tage aufhielt – war sie öfterer in der Geselschaft der Oelsnern geborene Hausleutner, doch zieht sie die Stegmann weit vor – aus Warmbrun schikte sie mir lezt – Moos – aus der BaumansHöhle womit ich viel Wesens habe – auch Vitriol aus dem dortigen Bergwerk – sie hatte viel Lamentos über Linen, über welche ich ihr nichts verheele – war aber auch über meine Geduld und schonendes Wesen sehr gerührt – wegen dem Nichtsehen des Landsbergers entstand abermals ein Litum – werde ich von dem Treulosen heute einen Brief bekommen? – |
den 30ten July
Die leztern Worte schrieb ich vergangnen Mitwoch – da ich Nachmittags einige Stunden sehr vergnügt bei der herrlichen Zimmermann solo verlebte – und auch von Dir mancherley gesprochen wurde – was doch die Menschen treiben – daß sie nicht schreiben, so sagten wir verschiedne Sujets betreffend – heute ist denn endlich der erwünschte Brief angelangt und Du hast gewiß auch schon den meinen, wenn er sich nicht etwa verirrt – da ich Grünberg vergaß darauf zu sezen – oder wilst Du mir eine andre Stadt angeben? Du nimmst doch nichts für ungut daß Du nun alles weist was Pritwizens betrift – zum 13 August wird sie wohl wieder hier erscheinen – das anmuthige herrliche Weib!!! und wie guten Appetit – ich will meine Kleinen die sich nebst Lorchen über Deinen Gruß herzlich freuen die Servietten umbinden.
den 1ten August. Heute der Aulock GeburtsTag! gestern waren wir sämtlich dort das heist meine Kinder – Lorchen, und Lotte Schlegel; früh um 6 waren die Wagens schon da – konten aber erst gegen 7 abfahren der ganze Himmel war umzogen, so, daß man einen starken Regen befürchtete – es hellte sich dennoch wieder auf – und wir kamen nach 8 uhr dort an – giengen bald in den herrlichen Garten – wurden in einer kühlen Laube, zuerst mit Kirschen, und dann mit warmen Getränk und Kuchen bewirtet blieben bis 10 uhr, um alles im Garten in Augenschein zu nehmen – dann giengs zur alten ehrwürdigen von Richthof | woselbst wir uns eine Stunde aufhielten, und dann, in die Stuben umher – zulezt in den SpeiseSaal woselbst wir 20 Personen stark recht vergnügt und gut speisten – nachher kam Besuch, ein sehr verdienstvoller Man HauptMan [Gesug] aus Nimptsch, der am Rhein sein rechtes Bein verlohr – eben nicht gut aussieht aber in der Unterhaltung sehr verständig und angenehm – auch erschien der Herr von [Troiade] mit welchem Du in Grünberg gespeist, sehr freundtschaftlich erinnerte er sich an unsern Vater, der Man hat was außerordentliches – doch da er wenig sprach weiß ich eigentlich nicht wo ich es suchen soll – der HauptMan blieb zum Abendeßen, wozu sich noch Scheuerl mit der jüngsten Tochter eingefunden, wir musten ein kleines Gewitter abwarten nach welchem wir den herlichsten Rükweg hatten und gegen 9 uhr hier anlangten – Nachmittags hatte ich nach einem ziemlichen heißen SpazierGang eine herrliche ofne Unterredung mit der Frau von Richthof, einer Dame, die auf ein Auge blind und auf einer Seite contract ist – und die heftigsten Schmerzen mit exemplarischer Geduld trägt – ihrer Mühe und Sorgfalt ist die Aulock ihr beßres Seyn schuldig, da sie wegen der Menge Kinder bei ihr erzogen wurde, und sie nun aus Dankbarkeit pflegt – doch habe ich Dir das nicht alles schon erzählt. Die Lotte war sehr vergnügt – und ich nicht weniger – Madame war äußerst artig |
den 4ten August
Ein rechtes Fest war es gestern für mich, als der Neusalzer FuhrMan mir einen Brief von meiner guten Schmidt brachte, und hinter her das allerliebste Paquet – ich war allein mit meinen Kindern und der Schlegeln – öfnete es in der Hast – die durch das äußerst schöne und nette einpacken sehr gehemt wurde wirklich wir staunten – und schämten uns, daß wirs kaum so artig machen würden – so viel gutes und schönes auf einmahl zu erbliken! und auch noch dazu Predigten – für welche ich Dir um so vielmehr danke, da ich sehe daß Du während Deines Schweigens doch für mich gearbeitet hast – Dank herzlichen Dank mein Lieber! für alle Deine Bereitwiligkeit und Mühe – einige Zeilen las ich heut in aller Früh in Louisen – der Ton behagt mir außerordentlich – und Lotten auch – in meiner Comode soll es gern logiren aber es scheint ganz neu – die Blätter noch nicht aufgeschnitten also hast Du es erst kürzlich komen laßen – wie! ich den Brief an Mahler bestellen werde weis ich noch nicht – die Ressignation die meine Zimmermann mit vielem Beyfall gelesen, ist auch grün eingebunden es ist ein 2ter Theil ganz kürzlich herausgekommen, den will ich mir komen laßen – lebe wohl – ich gehe an meine Geschäfte |
den 7ten August
Viel habe ich Dir heute zu erzählen – die Aulock war hier, nur auf einige Stunden um Linen die nicht wohl ist zu besuchen – wir kamen auf allerley Sujets – kurz ich wies ihr die Verse, die Du hier hinterlaßen – sie gefielen ihr alle außerordentlich besonders aber der erste an mich und der an Pritwiz – sie sagte einigemahl sehr artig – ach daß er mir doch auch so etwas hier gelaßen – sagen Sie es ihm daß ichs gewünscht hätte – sie war übrigens sehr artig – freute sich daß Du mich mit Lecture versorgt hast – und wolte durchaus wißen was Du zu meinem Nichtkommen zu ihr gesagt – welches ich ihr denn mit aller Bescheidenheit und meiner eigenthümlichen Offenheit nach der Warheit beantwortete – eben als sie noch da war – trat herein eine ganze hochgräfliche Familie denen ich gleich von alten Pritwizens presentirt wurde, der Graf ein mir äußerst unangenehmer brusquer Mann, trat mir schreklich auf den Leib und erkundigte sich lachend nach meinem werthen Befinden, ich wuste daß ihn der Vater gekant – und freute mich bey allem befremdeten Wesen der Ehre seiner Bekantschaft die Frau eine allerliebste Dame erwähnte nichts, die Kinder die wahrscheinlich herkomen werden gefielen mir – und erst als sie hinaus waren – fielen mir die Schuppen vor den Augen, und ich erkannte, daß dis eben die Poninskys die mich vor 2 Jahren in ihr Haus wolten – |
den 8ten Die Aulock ist schon wieder da – eigentlich um dem Begräbniße des bruder Boensch des GemeinlogisWirthes beizuwohnen, und ich bin bei Linen allein weil sie noch nicht in die Luft gehen kan – sie hat ein Geschwäre unter der Lippe und an der Nase, welches ihr den halben Kopf nimmt, sie sähe die Tage ganz gefährlich aus – nun zu meiner Lecture – mit 2 piecen des Ifland bin ich fertig, die Wahl thut mir wehe – ich las was ich zuerst in die Hand bekam und es war Elise Valberg, und dann der HerbstTag, ich weiß nicht, welches ich vorziehen soll, lezteres ist verwikelter, also künstlicher, wie ich meine, und stelt mehr noch caractere des Häußlichen Lebens, und jenes nur den Hof – und ein gutmütiges unverdorbnes Mädchen dar, die mit ihrer eigenthümlichen Naivitaet der Fürstin ihre Pflichten so anschaulich macht daß sie auf dem natürlichsten Wege zurük in die Arme ihres Gemahls kehrt – der AmtsHauptMan, ist wohl der auszeichnende Caracter im Stük, die Personage der OberHofmeistern gefält mir auch sehr gut – aber zum K[linken] möcht man sagen „schäm er sich“ – Elisens Wesen hat was ähnliches mit Peter im HerbstAbend das heist in ihren beiderseitigen HerzensAngelegenheiten – Licenciat Wanner ist ein treflicher Man – macht ohngeachtet seiner sonderbahren reichen AußenSeite alles um sich her glüklich – was denkst Du von Frize Selbert? – |
den 14ten August.
Vorgestern hatte ich einen treflichen Abend bey Zimmermans – schon am frühen Morgen hatte ich mir vorgenommen gegen 7 hinzuwandern und es gelang mir – sie saßen noch am Tische – ich wolte nicht stören – gieng in Garten – nach einem Weilchen kam, er, freute sich meiner Ankunft – führte mich herein wo die gute Zimmermann mit Madame Berger ihrer ehmaligen Hausjungfer die hier besucht mit ganz freundlichen Gesichtern mich bewilkomenten – sie hatten einen SpazirGang in den Girlachsdorfer Busch gemacht – draußen Coffé gekocht und sich herrlich belustigt viel an Lotten gedacht – die Zimmermann hatte eine ganz sonderbare Haube aus der alten Zeit auf – er in einem kurzen Schlafrock und so en bon humeur als ich ihn seit langer Zeit nicht gesehn – sie hatten blaue Beeren gespeist – noch stand etwas in der Terrine auf dem Tisch – er woite durchaus ein couvert für mich – und sie meinte, Lotte müste aus der Schüßel eßen und Zuker drauf streuen so viel sie wolte – ich that es – und das freute sie herzlich es war alles so froh – und so einzig, daß ich an den ehrwürdigen Pfarrer von Grünau, und die verständige Hausfrau dachte, worüber wir Lotte und ich öfters lachen – wir blieben bis gegen 9 uhr – |
den 25ten August
Da ich nichts von Dir und Deinem Wesen höre werde ich nur fortfahren Dich von mir und meinen kleinen Freuden zu unterhalten – gestern habe ich viel an Dich gedacht und gesprochen so auch vergangnen Sonabend da ich auf Einladung der Zimmermann Nachmittags zu ihr gieng um mir ihr das Fest im Walde zu feiern – das heist wir wanderten in den schon genanten Busch – ihre Servante, wie sie spricht, voran – Feuer gemacht und dann den Coffe gekocht kaum hatten wir eine Taße getrunken; als der ehrwürdige Pfarrer von Grünau vor uns stand, der uns in der besten Laune eingeholt – wir waren außerordentlich froh – die Zimmermann sprach mehrentheils in dem Tone der verständigen HausFrau – und freute sich so stark und inig über die schöne Natur und unser Beisamen seyn, als ich es nur zu fühlen vermochte – gegen 7 uhr giengen wir zu Hause da noch ein ländliches Mahl, rothe Beeren mit süßen Rahm – schon gebratne Hüner – und herrliche Butter meiner wartete – sie ist seit 14 Tagen hier in der Gegend gewaltig umhergestrichen – sie hoft von diesen vielen Bewegungen gute Wirkung für ihre gichtische Materie und ich glaube es mit ihr – lezt war sie auf dem Kleutschberge – nun zu gestern, da ich mit Lotten auf dem Pilz war – ein herlicher Nachmittag – wie giengen nach dem wir einen guten Coffe hier eingenomen um 2 uhr weg – ruheten hinter | den Scheunen des Baron Cotwiz unter schattigten Bäumen aus da ich Lotten den ersten Aufzug aus dem Vormund vorlaß ein Stük welches mir sehr wohl behagt und außerordentlich merkwürdig zu sehen wenn es gut gespielt werden soll – allemahl hat Rotenburg die schwerste Rolle – die Geschichte mit der Haube ist sehr lehrreich für alle diejenigen die alles für Kleinigkeit ansehen und kaum der Mühe werth halten über etwas nachzudenken was so sehr, für, oder wieder sie zeugen kann –
Du weist wie beschwerlich mirs war, über den Graben nach der Allée zu gehen – da wurde ich ganz angenehm durch eine schöne hölzerne Brüke überrascht, die Cotwiz angelegt – und dabey Bänkchens zum ausruhen angebracht – ganz laut sagte ich dem Edlen Dank! und so wanderten wir hinauf – wichen immer der Sonne aus, biß wir ganz in den tiefsten Gebüsch waren wo wir unsre Lecture fortsezten – eine Citrone mit Zuker und etwas Gebaknes ganz nach eigner Manier schmaußten – da es kühler wurde – nach dem Baum wanderten den wir bald mit den eingeschnitnen Nahmen erblikten Lotte hatte viel Freude drüber – kurz wir waren so herzlich vergnügt warteten den Untergang der Sonne noch in der Alée ab – und kamen erst nach 8 uhr zu Hause wir gedachten Deiner und Carls mit Herzlichkeit – und | Lotte meinte, was sie schon öfters beym Gespräch vom Landsberger sagte, daß alles gut wäre wenn der Mensch nur öftrer schriebe – ja wohl! denn auf dieses alles werde ich wohl erst 1797 Antwort erhalten – jedem PostTag sehe ich mit Sehnsucht entgegen und immer werde ich getäuscht – auch Charles schreibt nicht unbegreiflich! die Arndt auch nicht – doch ihre Kinder sind sehr krank gewesen, das entschuldigt.
den 18ten September Beinahe 4 Wochen, daß ich nichts zu diesem Vademecum hinzugethan, diese Tage aber werde ich so fleißig seyn daß ich wohl noch einen halben Bogen dazu legen muß – ich habe Dir noch so manches zu erzählen, so allerley Mittheilungen, die Dir interressant – und Bitten die Du wohl erfüllen wirst – als auch Fragen die Du redlich beantworten solst darzustellen – aber jezt das was mir diesen Augenblik am nächsten. Ich komme eben aus Mahlers lezter Predigt, hoffentlich wird er selbst Dir, den Zusamenfluß der Umstände melden – die ihn wieder nach Uist in seine vorigen Laage zurückrufen – woselbst er seinen Eleven nach dem Rath der Conferenz der Unitaet mit nehmen wird – ich höre er thut es ungern und nur bloß darum um sich in der Folge keine beßre Stelle zu verscherzen. Frühauf der sonst mit ihm ganz gleich, nun, mit einem lieben Weibchen als Inspector um sich zu sehn, und vielleicht in mancher Rüksicht unter ihm zu stehn – und von ihm abzuhängen mag, ihm, der sich im stillen nach häußlichem Glük sehnt, wohl nicht angenehm seyn |
O! weh! das ist ja traurig! hör ich Dich beym Anblick dieser bunten Zeilen ausrufen – betrübe Dich nur nicht zu sehr – ich wolte Dir gestern einen Auszug aus Mahlers Predigt hersezen – fühlte mich aber da ich heute fortfahren wolte nach Geist und Leib so schwach – daß ichs für beßer hielt das angefangne Werk nicht fortzusezen. Vor einer Stunde erhielt ich endlich die dem Mahler geliehnen Predigten nebst einem Brief an Dich – und der Versicherung daß dieselben nicht nur einigemahl, gelesen, sondern, studirt werden müsten – da ich bald nach Empfang des mir so lieben Paquets Gelegenheit hatte sie ihm zu schiken, wanderte die eine ungelesen von mir, zu ihm – also werde ich sie jezt erst beherzigen – da ich einmahl von Mahler spreche – ists wohl so ganz natürlich, daß ich Dir sage, daß in kurzen nehmlich zu Anfang December, die älteste Tochter des Herrn von Tzirschky nach Berlin komt, da sie vorgestern mit dem HauptMan Strampf verlobt worden – einem sehr lieben soliden Mann der dort beym KriegsCollegio engagirt – und ohnweit Montbijou | wohnt er und seine Brüder die ich Beide kenne sind sehr liebe Leute, und zugleich Freunde der Gemeine und Verehrer des Guten was sie bey uns finden, der älteste hatte seine Tochter hier in der Anstalt alle 3 besonders aber dieser, der OberstLieutenant war der Freund unsers Vaters – mit diesen lieben neu verheirateten will ich Dir schreiben und vielleicht alles geliehne Dir wieder schiken – vorher aber wünsch ich eine ausführliche Antwort von Dir auf diesen Folianten, und vorzüglich ob inliegende Strümpfe die ich in den Zeiten der Muße Dir gestrikt, Deinen Beyfall haben – ob sie Dir gut sizen, oder vielleicht etwas zu eng im Fuß, da müsten sie denn bis zum Abgenehme nach der Ferse wieder aufgezogen – oder vielleicht auch Carl’n gegeben werden – wenn sie gar nicht paßen – bitte schreibe mir darüber offen, auch möchte ich wißen ob Charles der ProbeStrumpf der hier mit folgt, recht ist – so bitte ihn mir, mit der Schwester Graf die jezt ihre Schwester Fabricius besucht zurük, oder einen von Charles – ist sie noch da wenn Du dieses empfängst, so ersuche sie doch mir einen Brief und diesen Strumpf mitzunehmen – sie wird es mit Vergnügen thun, es ist die jüngste von den Grafs die sich seit einiger Zeit in Herrnhut aufhält – Du must aber bald nach Leesung dieses Erkundigung einziehen, ob sie noch da ist – Du hast ja ohnedieß Dir vorgenommen Fabriciuss Bekantschaft zu machen[;] eben fält mir ein, daß meine Frize einen Brief an diese Schwester einschließen will, da hast Du die beste Gelegenheit. | Vielleicht giebst Du mir in diesem zu erwartenden Briefe schon Nachricht, wegen der Comission welche mir unsre Vorstehern an Dich aufgetragen; sie ersucht Dich unbekanter Weise recht freundtschaftlich, doch in Berlin nachzuforschen ob dort keine Scheeren wie beikomende zu haben sind welche sie in die Etuis und dergleichen gebrauchen kan – die sie von Breslau bekomt sind noch einmahl so groß daher denen Käufern nicht gelegen sie hoft auf Deine Güte Du werdest ihr so bald als möglich ein Duzend zur Probe herschiken, für die Bezahlung – stehe ich, da sie nicht erst ihren Nahmen nach Berlin leihen will – Du wirst mir, lieber Bruder! eine große Freude machen, wenn Du diese Besorgung über Dich nehmen wilst, ich schäze liebe die liebe Schweizern sehr auch allen Fremden die mit ihr vorhaben – ist sie ein angenehmes Geschöpf – über den Beutel hatte sie viel Freude und alle unsre Honorabilis – Julchen Märchen, und Comtesse Posadowsky die sich denselben von mir ausbaten – ohne daß ich ihnen davon vorgeschwazt; es wäre mir sehr leid gewesen dieses schöne Meisterstük so ungesehn von Dir, nach Landsberg zu schiken, und da ohnedies die Schriften und Strümpfe nach Berlin körnen müßen, so ist es wirklich einerley – und in meinen Augen noch schiklicher wenn Du den Beutel der Beneke schikst, daß ihn der gute träumende Charles auch sehen wird hoffe ich, da ich diß alles an ihn adressire, das Geld für den Beutel, kann ja auch mit jener Gelegenheit kommen – oder auch mit der Post – wie Du wilst – es kostet mich viel, mich von | diesem lieblich anzuschauenden, zwar selenloosen aber doch äußerst feinen Wesen zu trennen – und wünsche nichts mehr als daß, Du, und die künftige Besizerin auch den Werth davon schäzen möget.
den 20ten Vorgestern sprach ich von Deinen Predigten die ich eben von Mahler zurükerhalten – O! Lieber, diese folgen jezt nicht mit – erst mit Strampfs[,] müßen erst abgeschrieben werden – verdienen nicht nur einigemahl durch gelesen – sondern selbst zu besizen, vorzüglich die am Carfreitag – welche ich – nimm es hin dis ofne Geständniß, nicht Freudigkeit hatte zuerst zu lesen die andre aber bald auf einer schönen Anhöhe im Grünen las – und viele schöne Stellen darin fand die mir recht wohl behagten – besonders die Darstellung von dem [Warnen] der Freundtschaft mit seinen Mangelhaftigkeiten auf beiden Seiten – und dis gegen die stärkere durchdringendere Stimme der Pflichten beym öffentlichen Vortrage die Zueignungen auf uns selbst die verborgensten Falten unsers Herzens betreffend – und dann der Saz von dem schönen Band der Brüderlichen Liebe welches durch das Gefühl eigner Schuld und Versehn gegen den Alliebenden nur um so vester wird – und wir je mehr wir Vergebung von Gott bedürfen um desto schonender, duldender gegen unsern MitBruder werden – dis Alles, so wie der Trost der aus Gottes Wort in das Herz des Leidenden – des Schwachen wankenden Menschens Beruhigung gießt, gefiel mir sehr wohl – aber wie ist dis doch so gar nichts gegen die Gefühle der tiefsten Beschämung und Reue über meine Heftigkeit – und schrekliche Ungestüm mit welchen ich gegen Dich in jenen Stunden verfuhr | ich sage Dir – diese Empfindungen von Schaam und Freude die mich bey Anhörung dieser Predigt ergriffen waren einzig – sie musten es aber nach allem Vergangnen auch seyn – sonst – wäre ichs nicht werth diese Predigt gelesen – und Dich auf diese mir so schäzbahre Art kennen gelernt zu haben – unser guter Vater fiel mir verschiedne mahl dabey ein – und dan auch der Wunsch eine Predigt aus neuern Zeiten von Dir zu haben – eben so gieng es meiner guten Geisler ein neues Sujet für Dich – dieses interressante Mädchen wohnt eigentlich in Herrnhut im SchwesternHause, und giebt sich, so lange sie selbst Bildung des Geistes erlangt hat – mit Unterricht der Jugend in verschiednen Fächern ab vorzüglich auch in der Music in welcher sie im Clavier und Violine ziemlich stark ist – seit 5 Jahren so viel ich weiß ist sie die Freundin meiner besten Lisette erst durch correspondenz und dann auch vor 4 Jahren als ich sie kennen lernte – hier mehr noch – nach Geist und Cörper geworden – sie führten bis jezt einen sehr engen Briefwechsel der natürlich auf des Weibes Seite größrer Pflichten wegen etwas gemindert – aber das Herz deshalb nicht kälter wird – seit einige Wochen ist diese Geislern hier, mehrentheils nur um Lisetten zu besuchen und hat die Freuden der Freundtschaft und des einfachen Landlebens in Kuchendorf bey den Beiden Lieben reichlich genoßen[;] wenn sie hier ist – wie das in diesen Tagen der Fall, so benuze ich manches freie Stündchen in ihrer Geselschaft – die mir schon als Freundin meiner Pritwiz sehr angenehm als auch in sich selbst so viel werth an Herz und Geist daß ich sie wohl näher bey uns wünschte. | Auch ist sie eine sehr nahe Freundin von meiner Arndt – durch welche sie, wie ich bald gewahr ward so manche Dinge mich betreffend genau unterrichtet – natürlich auch von Deiner Existenz, von Deinem Besuch alhier – diese war es auch die mir gestern Abend die Predigt vorlas – welche ganz ihren Beifall hat – viel werth ist mirs daß sie mir sie las und so innig sich darüber freute – vielleicht wünschst Du bey Leesung dieses, diese Person, die übrigens ein GemeinKind, und in den Anstalten ganz erzogen, kennen zu lernen – welches in der That der Mühe werth – ihr Vater muß Dir dem Nahmen nach, als Arbeiter in der Gemeine und starker Componist bekant seyn – die Stärke in der Music betreffend und in einigen, eigenthümlichen, Zügen des Caracters, läst sich leicht seine Tochter in ihr finden, aber, übrigens – was das innre, das wesentliche des Menschens – und die Art mit Menschen zu seyn, und zu leben – das ist etwas andres mit diesem lieben Wesen doch genug davon – auch sie wünscht Dich kennen zu lernen, und mehr von Dir zu lesen, besonders eine Predigt, die Du ganz nach Deiner Weise ohne weiter an Gnadenfrey zu denken für Leute schreibst denen Dein Vortrag gefält, und besonders die jene Predigt mit so viel Beifall und Eindruk gelesen wie wir Beide – O! Lieber! keine schönere Beßere Rechtfertigung in Betracht jener wirklich nur unseeligen Mißverständniße betreffend köntest Du mir schiken – Dank! herzlichen Dank dafür! nichts mehr – mein voriger Brief sagt schon viel von dem was dahin zielt. | Daß ich von alle dem mir geschikten noch viel also auch die Predigten mit Lotten beherzigen werde versteht sich von selbst – jezt aber bin ich so schwach daß ich mich mit Vorlesen nicht angreifen kan, da es bei mir imer lebhafterer damit zugeht als bey vielen Andern. Schon einige Wochen her – fühle ich mich so schwach daß auch mein Kopf sehr leidet – ich unruhig schlafe und mich überhaupt alles sehr mitnimt – deswegen ich auch seit einigen Tagen vom Doctor brauche, der mir auflösende Tropfen gegeben, weil er meint mein Uebel rühre von Verschleimung her – ich will ihre Wirkung in möglichster Geduld abwarten – heute sind meine Kleinen nach Mittelpeile zu Tische gebeten – ich aber bin hier geblieben und werde meine Meßer bey Seidlizens auflegen, weil mich dieser Gang grade in der MittagsStunde zu sehr schwächen und ich auch bei meinem armseeligen Kopf so viel als möglich dem KinderLerm aus dem Wege gehe – überhaupt alle laute Töne gern vermeide, natürlich auch in diesen Tagen nicht spiele – sonst bleibt kein Tag aus – und Lotte meint ich hätte bey diesem exercicium der 4händigen Stüke schon viel im Tact profitirt – spazieren gehe ich alle Tage wenn es das Wetter erlaubt – denn die Luft stärkt mich heute werde ich noch den schönen Beutel einen Augenblick zur Zimmermann tragen – lebe wohl erschrik nicht zu sehr über diese ungebührliche Epistel von
Lotten
Places
Persons
Works
  • Schleiermacher, Lotte  Schweigen  tadeln  Schleiermacher, Friedrich
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Zimmermann, Renate Christiane
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Oelsner, Frau
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Schlegel, Charlotte
  • Schleiermacher, Lotte  Lektüre  mitteilen  Schubart, Christian Friedrich Daniel: Leben und Gesinnungen, Bd. 2
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Aulock, Caroline von
  • Schleiermacher, Lotte  Nicht-Begegnung  beklagen  Arndt, Henriette Wilhelmine
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Schlegel, Karl August Moritz
  • Schlegel, Charlotte   Kennenlernen  wünschen  Stegmann und Stein, Karoline Friederike von
  • Schlegel, Charlotte   beklagen  Aulock, Caroline von
  • Schlegel, Charlotte   wertschätzen  Zimmermann, Renate Christiane
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  sich freuen  Prittwitz, Juliane Elisabeth (Lisette) von
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  sich freuen  Prittwitz, Karl Christian Gottlob von
  • Schlegel, Charlotte   positiv bewerten  Prittwitz, Juliane Elisabeth (Lisette) von
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  Aulock, Caroline von
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  Richthof, Frau von
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  Gesug, Herr
  • Schlegel, Charlotte   positiv bewerten  Richthof, Frau von
  • Schlegel, Charlotte   charakterisieren  Gesug, Herr
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  Troiade, Herr von
  • Schlegel, Charlotte   charakterisieren  Troiade, Herr von
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  Scheuerl, Johannes
  • Schlegel, Charlotte   Begegnung  Scheuerl, Frau
  • Schlegel, Charlotte   charakterisieren  Richthof, Frau von
  • Schlegel, Charlotte   Brief  empfangen  Schmidt, Mine
  • Schlegel, Charlotte   Paket  sich freuen  Schleiermacher, Friedrich
  • Schlegel, Charlotte   Manuskript  danken  Schleiermacher, Friedrich
  • Schleiermacher, Friedrich  Brief  senden  Mahler, Johann Christlieb
  • Schleiermacher, Friedrich  Brief  senden lassen  Schleiermacher, Lotte
  • Zimmermann, Renate Christiane  positiv bewerten  La Roche, Sophie von: Schönes Bild der Resignation
  • Schleiermacher, Lotte  Lektüre  ankündigen  La Roche, Sophie von: Schönes Bild der Resignation
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Prittwitz, Christian Wilhelm von
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Prittwitz, Sophie Beate Christiane von
  • Schleiermacher, Lotte  negativ bewerten  Prittwitz, Christian Wilhelm von
  • Schleiermacher, Lotte  Gesundheit  mitteilen  Aulock, Caroline von
  • Schleiermacher, Lotte  Kritik  Iffland, August Wilhelm: Herbsttag
  • Schleiermacher, Lotte  Kritik  Iffland, August Wilhelm: Elise Valberg
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Zimmermann, Christian Theophil
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Berger, Frau
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Mahler, Johann Christlieb
  • Schleiermacher, Lotte  Gesundheit  beklagen  Schleiermacher, Friedrich
  • Graff, Caroline Juliane Wilhelmine  Begegnung  Fabricius, Charlotte Louise
  • Mahler, Johann Christlieb  Manuskript  zurückgeben  Schleiermacher, Lotte
  • Schleiermacher, Lotte  positiv bewerten  Schleiermacher, Friedrich
  • Schleiermacher, Lotte  charakterisieren  Geisler, Frau
  • Schleiermacher, Lotte  Begegnung  Geisler, Frau
  • Prittwitz, Juliane Elisabeth (Lisette) von  Begegnung  Geisler, Frau
  • Schleiermacher, Lotte  Brief  danken  Schleiermacher, Friedrich
Metadata Concerning Header
  • Date: 24. Juli bis 20. September 1796
  • Sender: Lotte Schleiermacher ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Gnadenfrei ·
  • Place of Destination: Gnadenfrei ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 1. Briefwechsel 1774‒1796 (Briefe 1‒326). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 1985, S. 411‒422.

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