Leipzig am 10ten May 1792.
Lieber, bester W.!
Wüste ich doch, bei welchem Nahmen Du Dich am liebsten nennen hörtest, welcher Dich zu mir herzaubern könnte, aber alle meine Mühe würde vergebens sein. Meinen Brief hast Du wahrscheinlich erhalten, aber auf den Deinigen habe ich vergebens gehofft, ich glaube aber, nächstens wird ein desto längerer Brief von Dir meine vereitelte Hoffnung wieder versöhnen.
Daß Du gesund u. wohl bist, daran will ich nicht zweifeln, ich bin, einige Tage abgerechnet, stets wohl u. munter gewesen, ich soll auch, nach der Aussage mehrerer Zeugen gesunder und röther als im vorigen Jahre aussehn, ich wills gerne glauben.
Ich bin noch einmahl in Coswig gewesen u. habe einige Tage bei der Amtmännin Calezki logirt, sie ist eine vortrefliche Frau, ihr Sohn aber ist ganz u. gar Hansnarr, ich habe ihn auch schon mehrmals in Gedanken so genannt, eben so windbeutelnd, phlegmatisch, eben so tölpelhaft, nun, über’s Jahr wirst Du ihn ja kennen lernen, u. mit diesem Menschen bin ich einen ganzen Tag im Wörlitzer Garten gewesen. Himmel! welch ein Abstand! wenn ich an Dich dachte, wenn ich daran dachte, wie Du jezt neben mir gehen könntest und dann diesen Kaliban vor mir sehn. – Liebster Freund, die Freude must Du mir ja nicht vereiteln, daß wir übers Jahr in den vortreflichen Gegenden hier herumschwärmen. Der Wörlitzer Garten ist göttlich, u. ich habe die Bemerkung gemacht, daß mir diesmahl manches besser gefallen hat, als voriges Jahr, weil diesmahl meine Erwartung nicht gespannt war, sondern im Gegentheil etwas zu niedrig gestimmt war, wenn Du aber Dich vergnügen willst, so denke Dir alle die eigentlichen gepriesenen Raritäten recht klein u. kindisch.
L. W. man muß sich doch in alle Menschen zu finden wissen, wirst Du’s mir glauben können, daß ich mehrmals in Coswig Karten gespielt habe u. sogar fast eine ganze Nacht bei diesen bunten Bilderchen gesessen habe, ist es nicht für Menschen entehrend, so ihre kurze Lebenszeit umzubringen, wie kann man diesen Zeitverderb mit d. Worte Vergnügen beehren? Wenn ich bedenke, wie viele hunderttausend Sachen es giebt, u. wie viele tausend noch täglich erfunden werden, um uns die Zeit zu vertreiben, so ist mir manchmal, als bestünde das ganze Menschengeschlecht aus lauter Kindern, die vor Langeweile nicht wissen, was sie thun sollen. Die meisten Menschen werden kaum 50 Jahr alt, 30 gehen mit Schlaf, Essen u. Trinken dahin, die übrigen sind ein Opfer der Langeweile u. nichtswürdiger Beschäftigungen, ich sollte es freilich nicht, aber das Gefühl dringt sich so oft unwiderstehlich mir auf, daß ich solche Menschen verachten müste, diese Verachtung muß aber bald dem Mitleiden Platz machen: lieber W., rechne mir es aber nicht als Stolz zu, es ist Gefühl, nicht Gedanke u. Du kennst mich ja.
Ich habe auch in Coswig den Pastor Brunn aus Zerbst kennen lernen (sein Sohn ist Professor beim Joachimsthalsch. Gym.) das wahre Original zu dem geschmackvollen Hagestolzen Wachtel, der von nichts als Weinen u. Fasanen spricht, von Rebhünern u. Pastete, er kann von einer gebratenen Gans eine halbe Stunde lang erzählen u. sprach mit einer wahren Entzükkung von einem Schinken den er aus Lyon, oder wer weiß woher, aus Frankreich erhalten hatte. Es giebt traurige Menschen. – Die übrigen Personen hier, sind wenigstens erträglich, ein Hofmeister, der bloß Theolog u. Oekonom ist, ein Amtmann der nichts als Oekonom ist, u. den ich auf einige Tage glücklich gemacht habe dadurch, daß ich seinen sehr mittelmäßigen Garten gelobt habe. Dieser Garten ist ziemlich groß u. jeder Fleck sehr ängstlich benuzt, wenige Bäume, kurz, er ist sehr einträglich, aber um so weniger schön, u. dieser Amtmann bildet sich nun ein, sein Garten sei ein Musterstück der Kunst, ich habe einen ganzen Nachmittag bei ihm aushalten müssen, wo er mir alles zeigte u. die Geschichte seiner Verbesserungen sehr weitläuftig vortrug u. sagte: der Garten stehe stets für jeden Kunstliebhaber offen: er mag ihn in Gedanken für schöner als den Wörlitzer Garten halten. O Einbildung! wie lächerlich machst du die Menschen, ich will es auch beschwören, so wenig als möglich von mir selbst zu sprechen, ausser zu Dir u. meinem vertrautesten Freunde.
Eine alte Jungfer, die Schwester des Amtmanns ist recht gut u. geschwätzig, sie zeigte mir das ganze Amt mit allen Ställen u. Remisen. Die Söhne der Amtmännin sind 2 kleine liebe Jungen, wovon vorzüglich der ältere einen vortreflichen Kopf hat. Ihre Tochter ist ein sehr interessantes ganz unschuldiges Mädchen von 13 Jahren, schon ziemlich groß und schlanck, die manche Aehnlichkeit mit Malchen hat u. in deren Gesellschaft ich sonst am liebsten bin, sie hat mir ihre Kaninchen gezeigt, einen jungen Hasen den sie auffuttert, kurz, ich bin im ganzen Hause so bekannt, als wenn ich mit zur Familie gehörte, ich habe meinen Reisestock zerbrochen, sie hat mir einen kleinen niedlichen Stock geschenckt.
Den Shak. habe ich indeß nicht vernachlässigt, vorzüglich habe ich das Wintermärchen noch einigemahl durchgelesen u. noch manche Schönheit entdeckt, ich ärgre mich aber immer mehr über die anmaßlichen Commentatoren, die so blind wie Maulwürfe sind, über die Nachbeterei, wo in jedem Lesebuche steht, Shak. sei ein Genie, aber ohne Geschmack, (Genie ohne Geschmack ist für mich jetzt ein Unding) er besitze keine Kunst, u. ich finde auf jeder Seite so feine Kunst, so feines Gefühl, den feinsten Geschmack. Longin sagt, etwas Grosses hervorzubringen, erfordert eine große u. erhabne Seele, ich möchte noch weiter gehn u. behaupten, daß es auch einen etwas grossen Geist erfordere das Grosse u. Erhabne zu fassen, kannst Du es Dir sonst erklären, warum das Angenehme u. Rührende auf ungleich mehrere Gemüther wirke, als das Grosse u. Erhabene? Viele verstehn u. finden dieses gar nicht. – Ich kann ein Adagio für den Harmonika weit eher ohne Thränen anhören als einen Psalm von Reichard, bei der Symphonie zu Hamlet u. Axur sind mir jedesmahl die Thränen in den Augen gekommen, alles Grosse setzt mich in eine Art von Wuth, bei vielen geht es den Ohren vorüber, ohne die Seele anzufassen. Die Reichardinn sagte mir einmahl schon vor langer Zeit, daß das Rührende lange nicht den Eindruck auf sie mache als das Erhabene, wobei sie sich nie der Thränen enthalten könne, ich fand diese Behauptung damahls sonderbar, jetzt nicht mehr, ich habe diese Bemerkung auch nachher an Miekchen gemacht, an Dich u. mehrere andere; alles dies darf aber um Gotteswillen nicht laut werden, sonst werden alle unsre junge Herren u. Damen bei rührenden Stücken gähnen, u. nur bei Crebillons oder Shak. Erhabenheiten ihre Thränen vergiessen wollen, denn nirgends ist doch die affectirte Empfindsamkeit, die Ziererei mehr zu Hause als in Berlin, nirgends wird so viel von Empfindung gesprochen u. nirgends weniger empfunden, man will sich in Menschenhaß u. Reue u. d. Kinde d. Liebe die Augen ausweinen u. doch habe ich oft dieselbe Dame, wenn sie noch mit nassen Augen aus d. Schauspiele kam, den Bettler mit den härtesten Ausdrücken wegschelten sehn, wozu arbeitet dann der Dichter, wenn d. Empfindung nicht wirklich veredelt wird? –
Man fährt u. reitet nach Räderungen u. Verbrennungen u. doch wollen Damen u. junge Herren in Ohnmacht fallen, wenn Roller vom Galgen aufs Theater kömmt, die entehrte Bertha im Fiesko beleidigt wird u. doch wird in der feinsten Gesellschaft genug gesprochen, worüber der Karreschieber erröthen würde. Wahres Gefühl für das Schöne u. Anständige ist untergegangen, u. wir tändeln jezt mit einem Schatten.
Auch für das Fürchterliche, Schauerliche, Angsterregende sind die Seelen sehr verschieden gestimmt, als ich den Shak. zum erstenmahl sehr flüchtig durchlaß erschien mir alles in einem düsteren, fürchterlichen Lichte, über alles Angenehme hatte ich hinweggelesen u. ich entdeckte dies erst gleichsam, nachdem ich diese Stücke mehr als einmahl gelesen hatte, Piesker lernte dieses Angenehme gleich beim erstenmahle auswendig und kann jenes noch nicht finden.
Was Schmohl betrifft, so habe ich es jezt schon aufgegeben ihn zu ändern, Piesker ist nicht gekommen, u. es ist nun für vieles weniger schön gewesen, als ich es mir gedacht hatte, eine gewöhnliche Erscheinung. Ich kann mit S. von nichts sprechen was Schönheit oder Geschmack betrifft, er ist darinn außerordentlich verwahrloßt u. zeigt auch eine ordentliche Geringschätzung dafür, ich bedaure seinen guten natürlichen Verstand. Ich habe ihm den Sommernachtstraum von Shak. vorgelesen u. er meinte: es wäre eine närrische Geschichte mit der Zauberei. Wo das Göttl. stecke, wie ich es nannte, sagte er, könne er nicht finden. Ich habe ihm den Sturm erklären wollen, wie ich es voriges Jahr Pieskern gethan habe, aber die Langeweile die er dabei fühlte, steckte auch mich an, u. er machte mir oft so kindische Einwendungen, so würklich närrische Einwürfe, daß ich mich ordentlich geärgert habe, er geht lieber u. puzt Bäume, haut Holz u. dergl., sein Gähnen schreckte mich endlich ganz von meinem Vorsatz ab, wir haben bei den ersten Scenen aufgehört. Sein gewöhnl. Schluß bei allen diesen Sachen ist: Das glaubst Du! – Uebrigens liebe ich ihn sehr, seines vortreflichen Herzens wegen u. es thut mir weh, daß ich Dir dieses von ihm schreiben muß.
Wenn ich mich doch erst daran gewöhnte, Dich nicht zu sehn, aber ich glaube, ich könnte es nicht u. wenn ich auf Jahrelang von Dir entfernt wäre, wir sind darinn recht unvorsichtig gewesen, daß wir in den letzten Tagen noch so viel beisammen waren, doch diese Unvorsichtigkeit gehört zu denen, die ich nie bereuen werde u. kann, ich dencke oft an Dich mit wehmüthigem Vergnügen zurück, da ich Dich nicht sehen kann, nicht wahr so wirst Du mir doch schreiben, u. wenn Du etwas haben solltest, etwas von Deiner Arbeit mitschicken, ich freue mich schon darauf; solltest Du nichts neues haben, so schicke mir doch etwas unabgeschriebenes von Deinen ältern Sachen, auch wenn es Dir nicht unangenehm wäre, einige Deiner Compositionen, ich werde jezt bald Gelegenheit haben, sie mir spielen zu lassen, denn künftigen Sonnabend gehe ich nach Halle.
Was macht denn Rambach u. Bernhardi? Grüsse sie doch beide herzlich von mir, sage, sie möchten nicht böse werden, ich würde ihnen nächstens schreiben u. recht viel, schreib mir doch auch, ob Du nicht das Schauspiel besucht hast, schicke mir auch zuweilen einige Theaternachrichten.
Den neulichen Zettul wirst Du wol an meine Schwester besorgt haben, verzeih nur, daß ich Dir schon wieder beschwerlich falle, besorge ihn aber doch gleich, nimm es mir aber ja nicht übel, liebster W. –
Du wünschtest schon sonst etwas von meinem Freunde Toll zu lesen, ich schicke Dir hier eins seiner kleinern Gedichte, das Du aber Niemand weiter zu zeigen brauchst. –
Schreib mir ja bald, daß ich Deinen Brief in Halle finde, lebe wohl, verzeih mir mein langes Geschwätz u. bleibe immer mein Freund wie ich der Deinige.
Tieck.
Wenn Du Petern grade sehn solltest, wenn Du das Billet abgiebst, so mache meine Empfehlung an ihn. – Lebe wohl, recht wohl, tausend mahl wohl u. schreibe mir ja bald, daß ich nicht ganz von Dir verlassen bin. –
Lieber, bester W.!
Wüste ich doch, bei welchem Nahmen Du Dich am liebsten nennen hörtest, welcher Dich zu mir herzaubern könnte, aber alle meine Mühe würde vergebens sein. Meinen Brief hast Du wahrscheinlich erhalten, aber auf den Deinigen habe ich vergebens gehofft, ich glaube aber, nächstens wird ein desto längerer Brief von Dir meine vereitelte Hoffnung wieder versöhnen.
Daß Du gesund u. wohl bist, daran will ich nicht zweifeln, ich bin, einige Tage abgerechnet, stets wohl u. munter gewesen, ich soll auch, nach der Aussage mehrerer Zeugen gesunder und röther als im vorigen Jahre aussehn, ich wills gerne glauben.
Ich bin noch einmahl in Coswig gewesen u. habe einige Tage bei der Amtmännin Calezki logirt, sie ist eine vortrefliche Frau, ihr Sohn aber ist ganz u. gar Hansnarr, ich habe ihn auch schon mehrmals in Gedanken so genannt, eben so windbeutelnd, phlegmatisch, eben so tölpelhaft, nun, über’s Jahr wirst Du ihn ja kennen lernen, u. mit diesem Menschen bin ich einen ganzen Tag im Wörlitzer Garten gewesen. Himmel! welch ein Abstand! wenn ich an Dich dachte, wenn ich daran dachte, wie Du jezt neben mir gehen könntest und dann diesen Kaliban vor mir sehn. – Liebster Freund, die Freude must Du mir ja nicht vereiteln, daß wir übers Jahr in den vortreflichen Gegenden hier herumschwärmen. Der Wörlitzer Garten ist göttlich, u. ich habe die Bemerkung gemacht, daß mir diesmahl manches besser gefallen hat, als voriges Jahr, weil diesmahl meine Erwartung nicht gespannt war, sondern im Gegentheil etwas zu niedrig gestimmt war, wenn Du aber Dich vergnügen willst, so denke Dir alle die eigentlichen gepriesenen Raritäten recht klein u. kindisch.
L. W. man muß sich doch in alle Menschen zu finden wissen, wirst Du’s mir glauben können, daß ich mehrmals in Coswig Karten gespielt habe u. sogar fast eine ganze Nacht bei diesen bunten Bilderchen gesessen habe, ist es nicht für Menschen entehrend, so ihre kurze Lebenszeit umzubringen, wie kann man diesen Zeitverderb mit d. Worte Vergnügen beehren? Wenn ich bedenke, wie viele hunderttausend Sachen es giebt, u. wie viele tausend noch täglich erfunden werden, um uns die Zeit zu vertreiben, so ist mir manchmal, als bestünde das ganze Menschengeschlecht aus lauter Kindern, die vor Langeweile nicht wissen, was sie thun sollen. Die meisten Menschen werden kaum 50 Jahr alt, 30 gehen mit Schlaf, Essen u. Trinken dahin, die übrigen sind ein Opfer der Langeweile u. nichtswürdiger Beschäftigungen, ich sollte es freilich nicht, aber das Gefühl dringt sich so oft unwiderstehlich mir auf, daß ich solche Menschen verachten müste, diese Verachtung muß aber bald dem Mitleiden Platz machen: lieber W., rechne mir es aber nicht als Stolz zu, es ist Gefühl, nicht Gedanke u. Du kennst mich ja.
Ich habe auch in Coswig den Pastor Brunn aus Zerbst kennen lernen (sein Sohn ist Professor beim Joachimsthalsch. Gym.) das wahre Original zu dem geschmackvollen Hagestolzen Wachtel, der von nichts als Weinen u. Fasanen spricht, von Rebhünern u. Pastete, er kann von einer gebratenen Gans eine halbe Stunde lang erzählen u. sprach mit einer wahren Entzükkung von einem Schinken den er aus Lyon, oder wer weiß woher, aus Frankreich erhalten hatte. Es giebt traurige Menschen. – Die übrigen Personen hier, sind wenigstens erträglich, ein Hofmeister, der bloß Theolog u. Oekonom ist, ein Amtmann der nichts als Oekonom ist, u. den ich auf einige Tage glücklich gemacht habe dadurch, daß ich seinen sehr mittelmäßigen Garten gelobt habe. Dieser Garten ist ziemlich groß u. jeder Fleck sehr ängstlich benuzt, wenige Bäume, kurz, er ist sehr einträglich, aber um so weniger schön, u. dieser Amtmann bildet sich nun ein, sein Garten sei ein Musterstück der Kunst, ich habe einen ganzen Nachmittag bei ihm aushalten müssen, wo er mir alles zeigte u. die Geschichte seiner Verbesserungen sehr weitläuftig vortrug u. sagte: der Garten stehe stets für jeden Kunstliebhaber offen: er mag ihn in Gedanken für schöner als den Wörlitzer Garten halten. O Einbildung! wie lächerlich machst du die Menschen, ich will es auch beschwören, so wenig als möglich von mir selbst zu sprechen, ausser zu Dir u. meinem vertrautesten Freunde.
Eine alte Jungfer, die Schwester des Amtmanns ist recht gut u. geschwätzig, sie zeigte mir das ganze Amt mit allen Ställen u. Remisen. Die Söhne der Amtmännin sind 2 kleine liebe Jungen, wovon vorzüglich der ältere einen vortreflichen Kopf hat. Ihre Tochter ist ein sehr interessantes ganz unschuldiges Mädchen von 13 Jahren, schon ziemlich groß und schlanck, die manche Aehnlichkeit mit Malchen hat u. in deren Gesellschaft ich sonst am liebsten bin, sie hat mir ihre Kaninchen gezeigt, einen jungen Hasen den sie auffuttert, kurz, ich bin im ganzen Hause so bekannt, als wenn ich mit zur Familie gehörte, ich habe meinen Reisestock zerbrochen, sie hat mir einen kleinen niedlichen Stock geschenckt.
Den Shak. habe ich indeß nicht vernachlässigt, vorzüglich habe ich das Wintermärchen noch einigemahl durchgelesen u. noch manche Schönheit entdeckt, ich ärgre mich aber immer mehr über die anmaßlichen Commentatoren, die so blind wie Maulwürfe sind, über die Nachbeterei, wo in jedem Lesebuche steht, Shak. sei ein Genie, aber ohne Geschmack, (Genie ohne Geschmack ist für mich jetzt ein Unding) er besitze keine Kunst, u. ich finde auf jeder Seite so feine Kunst, so feines Gefühl, den feinsten Geschmack. Longin sagt, etwas Grosses hervorzubringen, erfordert eine große u. erhabne Seele, ich möchte noch weiter gehn u. behaupten, daß es auch einen etwas grossen Geist erfordere das Grosse u. Erhabne zu fassen, kannst Du es Dir sonst erklären, warum das Angenehme u. Rührende auf ungleich mehrere Gemüther wirke, als das Grosse u. Erhabene? Viele verstehn u. finden dieses gar nicht. – Ich kann ein Adagio für den Harmonika weit eher ohne Thränen anhören als einen Psalm von Reichard, bei der Symphonie zu Hamlet u. Axur sind mir jedesmahl die Thränen in den Augen gekommen, alles Grosse setzt mich in eine Art von Wuth, bei vielen geht es den Ohren vorüber, ohne die Seele anzufassen. Die Reichardinn sagte mir einmahl schon vor langer Zeit, daß das Rührende lange nicht den Eindruck auf sie mache als das Erhabene, wobei sie sich nie der Thränen enthalten könne, ich fand diese Behauptung damahls sonderbar, jetzt nicht mehr, ich habe diese Bemerkung auch nachher an Miekchen gemacht, an Dich u. mehrere andere; alles dies darf aber um Gotteswillen nicht laut werden, sonst werden alle unsre junge Herren u. Damen bei rührenden Stücken gähnen, u. nur bei Crebillons oder Shak. Erhabenheiten ihre Thränen vergiessen wollen, denn nirgends ist doch die affectirte Empfindsamkeit, die Ziererei mehr zu Hause als in Berlin, nirgends wird so viel von Empfindung gesprochen u. nirgends weniger empfunden, man will sich in Menschenhaß u. Reue u. d. Kinde d. Liebe die Augen ausweinen u. doch habe ich oft dieselbe Dame, wenn sie noch mit nassen Augen aus d. Schauspiele kam, den Bettler mit den härtesten Ausdrücken wegschelten sehn, wozu arbeitet dann der Dichter, wenn d. Empfindung nicht wirklich veredelt wird? –
Man fährt u. reitet nach Räderungen u. Verbrennungen u. doch wollen Damen u. junge Herren in Ohnmacht fallen, wenn Roller vom Galgen aufs Theater kömmt, die entehrte Bertha im Fiesko beleidigt wird u. doch wird in der feinsten Gesellschaft genug gesprochen, worüber der Karreschieber erröthen würde. Wahres Gefühl für das Schöne u. Anständige ist untergegangen, u. wir tändeln jezt mit einem Schatten.
Auch für das Fürchterliche, Schauerliche, Angsterregende sind die Seelen sehr verschieden gestimmt, als ich den Shak. zum erstenmahl sehr flüchtig durchlaß erschien mir alles in einem düsteren, fürchterlichen Lichte, über alles Angenehme hatte ich hinweggelesen u. ich entdeckte dies erst gleichsam, nachdem ich diese Stücke mehr als einmahl gelesen hatte, Piesker lernte dieses Angenehme gleich beim erstenmahle auswendig und kann jenes noch nicht finden.
Was Schmohl betrifft, so habe ich es jezt schon aufgegeben ihn zu ändern, Piesker ist nicht gekommen, u. es ist nun für vieles weniger schön gewesen, als ich es mir gedacht hatte, eine gewöhnliche Erscheinung. Ich kann mit S. von nichts sprechen was Schönheit oder Geschmack betrifft, er ist darinn außerordentlich verwahrloßt u. zeigt auch eine ordentliche Geringschätzung dafür, ich bedaure seinen guten natürlichen Verstand. Ich habe ihm den Sommernachtstraum von Shak. vorgelesen u. er meinte: es wäre eine närrische Geschichte mit der Zauberei. Wo das Göttl. stecke, wie ich es nannte, sagte er, könne er nicht finden. Ich habe ihm den Sturm erklären wollen, wie ich es voriges Jahr Pieskern gethan habe, aber die Langeweile die er dabei fühlte, steckte auch mich an, u. er machte mir oft so kindische Einwendungen, so würklich närrische Einwürfe, daß ich mich ordentlich geärgert habe, er geht lieber u. puzt Bäume, haut Holz u. dergl., sein Gähnen schreckte mich endlich ganz von meinem Vorsatz ab, wir haben bei den ersten Scenen aufgehört. Sein gewöhnl. Schluß bei allen diesen Sachen ist: Das glaubst Du! – Uebrigens liebe ich ihn sehr, seines vortreflichen Herzens wegen u. es thut mir weh, daß ich Dir dieses von ihm schreiben muß.
Wenn ich mich doch erst daran gewöhnte, Dich nicht zu sehn, aber ich glaube, ich könnte es nicht u. wenn ich auf Jahrelang von Dir entfernt wäre, wir sind darinn recht unvorsichtig gewesen, daß wir in den letzten Tagen noch so viel beisammen waren, doch diese Unvorsichtigkeit gehört zu denen, die ich nie bereuen werde u. kann, ich dencke oft an Dich mit wehmüthigem Vergnügen zurück, da ich Dich nicht sehen kann, nicht wahr so wirst Du mir doch schreiben, u. wenn Du etwas haben solltest, etwas von Deiner Arbeit mitschicken, ich freue mich schon darauf; solltest Du nichts neues haben, so schicke mir doch etwas unabgeschriebenes von Deinen ältern Sachen, auch wenn es Dir nicht unangenehm wäre, einige Deiner Compositionen, ich werde jezt bald Gelegenheit haben, sie mir spielen zu lassen, denn künftigen Sonnabend gehe ich nach Halle.
Was macht denn Rambach u. Bernhardi? Grüsse sie doch beide herzlich von mir, sage, sie möchten nicht böse werden, ich würde ihnen nächstens schreiben u. recht viel, schreib mir doch auch, ob Du nicht das Schauspiel besucht hast, schicke mir auch zuweilen einige Theaternachrichten.
Den neulichen Zettul wirst Du wol an meine Schwester besorgt haben, verzeih nur, daß ich Dir schon wieder beschwerlich falle, besorge ihn aber doch gleich, nimm es mir aber ja nicht übel, liebster W. –
Du wünschtest schon sonst etwas von meinem Freunde Toll zu lesen, ich schicke Dir hier eins seiner kleinern Gedichte, das Du aber Niemand weiter zu zeigen brauchst. –
Schreib mir ja bald, daß ich Deinen Brief in Halle finde, lebe wohl, verzeih mir mein langes Geschwätz u. bleibe immer mein Freund wie ich der Deinige.
Tieck.
Wenn Du Petern grade sehn solltest, wenn Du das Billet abgiebst, so mache meine Empfehlung an ihn. – Lebe wohl, recht wohl, tausend mahl wohl u. schreibe mir ja bald, daß ich nicht ganz von Dir verlassen bin. –