Single collated printed full text without registry labelling not including a registry

Wilhelm Heinrich Wackenroder to Ludwig Tieck TEI-Logo

Montag, den 4ten Juni. Abends.
Eben leg’ ich Deinen Brief wieder aus der Hand, den ich wieder gelesen habe. An meinen verlaßnen Freund Tieck soll ich denken? O ich denke oft, und mit ganzer Seele an ihn, – aber daß er verlassen sey, – daß eine düstere Traurigkeit sich wieder wie ein Staar über das heitere Auge seines Geistes gezogen hat, – daß er in Halle noch nicht vergnügt gewesen ist, – das, das hatte ich nicht erwartet. Schreibst Du doch fast grade so, wie Wißmann, dem ich heute früh geantwortet und Trost einzusprechen gesucht habe. Von ihm ahndete ichs; – aber von Dir, wahrlich, von Dir hatte ichs nicht erwartet. Ich glaubte, Du würdest dort Dich zerstreuen, und – wenigstens in den Augen Deiner Freunde, und auch in Deinen eigenen, wenn Du nicht zu tief in Dich hineinblicktest, – einer frohen Heiterkeit genießen. O wehe! daß ich mich getäuscht habe. Du bist in Halle noch gar nicht vergnügt gewesen! Ich bitte Dich, lieber Tieck! Du bist ja lange hinweg über die Periode in dem Lebenslaufe empfindender Menschen, da sie sich alles zu Herzen ziehen, und ihre üble Laune nur pflegen, und es für Sünde halten sich aus ihren Klauen loszureißen! Du weißt ja über Dich zu siegen, Du hast es mich ja gelehrt, so daß ich auch mir wenigstens Mühe gebe, es eben so weit zu bringen. Aus Bülzig schriebst Du mir so heiter, daß ich mich recht freute. Was soll ich nun sagen? Ich möchte mich schämen, daß ich hier noch zufriedner leben soll, als Du in Halle. Tieck, ich bitte Dich, wache auf Dich! – Und, was mich in ein bittersüßes Erstaunen setzt, ist, daß Du mich so vermissest. O Tieck, so liebst Du mich denn mehr, als ich je kühn genug war, und seyn konnte, zu erwarten? Es ist als hättest Du mir meine Empfindungen gegen Dich aus meinem Herzen geraubt und ströhmtest sie nun auf mich zurück. Du giebst mir wieder, alles was ich Dir geben kann? Ich beschwöre Dich, hör’ auf! Es ist die göttlichste Seligkeit, die ein menschliches Herz zu fassen vermag, aus dem Munde eines Freundes sein Lob zu hören! aber dieser Nektar möchte Gift für mich werden. Hör auf mit diesem Wiedergeben und Wechseln der Freundschaftsergebenheit, denn Du berauschest mich, und wir machen uns in unsrer jetzigen Lage (da kein Sprachrohr einmal dem einen die Worte des andern überbringen kann), nur noch unglücklicher. Ich erschrecke aufs heftigste, wenn Du mir in die Augen sagst: ich sey Dir zum leben nothwendig! Noch einmal! Was stiehlst Du mir meine Gefühle, – warum verwechselst Du die Rollen in dem schönen Duodram, das wir zusammen spielen, und nimmst die meine? Tieck, ich müßte mich ja in den Staub legen und trauern, wenn ich wüßte, daß meine Entfernung Dir so viel trübe Stunden brächte. Ich habe das nie so geglaubt! Du hast mir das nie so deutlich zu empfinden gegeben. O ich möchte verzweifeln, – ich weiß nicht was ich thun soll, um Dich glücklich zu machen. Du nennst meine Sprache Schwärmerey. O wenn ich Dich je weniger lieben könnte, – ich wäre der bedaurenswürdigste Mensch unter der Sonne. Und wenn ich je Deiner Freundschaft weniger werth seyn sollte, o so erinnere Dich, daß Du mich geliebt hast, und sey so mitleidig, mich wieder zu Dir hinaufzuziehn; verachte mich nicht! – Aber genug! Tieck laß die wilden Ströhme unsrer Empfindungen sanfter fließen. Wir jagen alles heiße Blut in unsre Adern und bringen uns durch diese schädliche Erhitzung in einen kranken Zustand.
Wie sehr muß ich es bedauren, daß Schmohl mit Dir nicht mehr harmonirt. Ich hatte auch das nicht erwartet. Er scheint sich eher von Dir zu entfernen als sich Dir zu nähern. Was Du mir von Bothen sagst, Du kannst leicht denken, wie auffallend und unvermuthet auch das mir gewesen ist. Aber ich glaube es, weil Du es sagst. Wie Menschen sich ändern können! Wenn Du zwischen diesen beyden Dir heterogenen Köpfen hin und wieder schwankst, so kannst Du freilich nicht in Ruhe seyn. Aber – ach! Gott! eben wollt’ ich einen Trost für Dich aussinnen, und – Du wirst Dir meine Gedankenstriche erklären können. Ja! es ist schwer für mich, Dich zu trösten. Doch wohl Dir, wenn Du keines Trostes bald mehr bedarfst; wenn der rasche Flügel der Zeit die Gewölke vor Deinen Blicken zertheilt hat, wenn der allmählige Aufenthalt Dir behaglicher wird, und Du Umgang, und in Dir selbst Zufriedenheit findest. Nimm Deine Kraft zusammen und erhalte Deinen Körper und Geist aufrecht und fest. – Ach! ich schreibe konfuses Zeug! Wollte Gott, Du wärst glücklich. O Du wirst, Du mußt es werden.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 4. Juni 1792
  • Sender: Wilhelm Heinrich Wackenroder
  • Recipient: Ludwig Tieck ·
  • Place of Dispatch: Berlin · ·
  • Place of Destination: Halle ·
Printed Text
  • Bibliography: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 2: Briefwechsel, Reiseberichte. Hg. v. Richard Littlejohns u. Silvio Vietta. Heidelberg 1991, S. 45‒46.
Manuscript
  • Provider: Handschrift verschollen
Language
  • German

Zur Benutzung · Zitieren