Dienstag, den 15ten Juni, Abends.
Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst, wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen, die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! O Tieck, – Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff zu einem Trauerspiel gebe.
Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.
Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen Irrwegen; Du möchtest, – Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen. Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir spreche, ich muß. – Sprich! bin ich Dir denn so nöthig, um Dich von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn so ein kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2 Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst? Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören, und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig einschlummern können?
Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich bey allem was Dir heilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, – wie kannst Du etwas anders als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses, des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden Freuden eines lebenlosen Lebens oder – des Nichtdaseyns selbst kosten kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; – – doch es ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie auf die sie umgebende Welt auch noch trübsinnige, melancholische Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, – ich möchte doch wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, – ich hätte wohl einmal Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, – ich möchte gern aus Spaß einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ – und tausend andre Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben, alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck, ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich glücklich um Deiner Freunde willen!!
Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell, und zerreiß’ es, – zerreiße das Papier und die Worte, – aber den Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz habe prägen wollen, den präge hinein, – mit brennenden Flammenzügen. Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend durchscheinen sehen. –
Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die Thränen in die Augen: Tieck – Du hast es jetzt nicht ganz vergessen, daß Du vor – langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe! daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist – unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge! – Tieck, es muß besser werden mit Dir, besser sag’ ich, – schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, – nein! besser in diesem Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum Unglück, entgegenarbeiten? – Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?
Sonnabend, Mittag.
Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie, hat mich etwas frappirt. So hatte ich sie nicht ganz erwartet. Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seyn scheint, hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen. Bedenke genau was Du thust; frage Dich selber sorgfältig um Rath, ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus einer Uebereilung, die Du späterhin bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit Dir sprechen muß. Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug bist, alles dies aufzuopfern, um – einem einzigen Menschen zu gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 11/2 Jahr alsdann wieder getrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden. Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun – vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre! – könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! – Nur keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nur etwas weniger Deine Liebe verdienen sollte, und Du auch nur etwas von Deiner heißen Liebe nachgelassen hättest, – – doch, wo gerath’ ich wieder hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn können? Nun – vielleicht! Die Hoffnung soll mich nie verlassen! Möchte sie Dir auch beystehen!
Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich zärtlich, und – verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.
W. H. Wackenroder.
Mit nassen Augen fang’ ich an, Dir zu schreiben. O Tieck, Du hast mir schon manche Thränen ausgepreßt; tausend süße, für die ich alle Schätze der Welt nicht verlangte; aber auch bittere, herbe Thränen, die in meinen Augen gebrannt, und mich zu einer melancholischen Sympathie erhitzt haben. Du hast mich lange nicht so erschüttert als durch Deinen letzten Brief. Wenn Du weißt, wie heftig ein solcher Donnerschlag, ein solches Ungewitter, das dem Wohl eines Freundes droht, in dem Herzen seiner anderen Hälfte wiederhallen muß; wenn Du Dir vorstellen kannst, wie schrecklich wahr und lebhaft alle Züge und Bilder vor mir stehen, die Dein flüchtigkühner Pinsel auf das Papier wirft; o so wirst Du empfinden wie das, was Du mir zu erzählen wagst, den kältesten Schauer über mein Gebein gegossen, und alle meine Nerven gewaltsam durchbebt hat. Gütiger Himmel! auf welchem entsetzlichen Rande hast Du gestanden! O Tieck, – Gott möge verhüten, daß unsre Freundschaft, die ein Beyspiel der möglichen Menschenglückseligkeit seyn sollte, keinen Stoff zu einem Trauerspiel gebe.
Um alles in der Welt willen, welcher Dämon macht sich denn ein Vergnügen, Dich unglücklich zu machen? Ich weiß nicht wie meine Zunge zu Dir sprechen soll; sie erstarrt.
Aber ich muß, ich muß Dir laut zurufen auf Deinen gefährlichen Irrwegen; Du möchtest, – Gott! wie hat es denn dazu kommen müssen. Halt Dir Dein Ohr nicht zu, wenn ich jetzt mit starker Stimme zu Dir spreche, ich muß. – Sprich! bin ich Dir denn so nöthig, um Dich von Verirrungen und schwelgerischen, verderblichen Ausschweifungen in den Genüssen des Geistes zurückzureißen? Ist Schmohl denn so ein kaltes, stummes, theilnehmungsloses Marmorbild? Ich bitte Dich, um alles was Dir heilig ist: wende ein Körnchen Deiner Vernunft an, und betrachte was Du gethan hast. Welch ein entsetzliches Unternehmen, 2 Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem Athem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äußerste umherjagt, über die Gränzen der Besinnung herumjagt! Wie ist es denn möglich, daß Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas außerordentliches Dir selbst vorzuthun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst? Tieck, ich schäme, ich verdamme mich, daß ich solche Ausdrücke brauchen muß, aber ich kann nicht anders. Das Todte, Unbelebte des Buchstabens mag der Nachdruck der Worte ersetzen. Ist Schmohl denn so blutwenig um Dich besorgt? Wie ist es zu begreifen, daß er Dir immer hat zuhören, und, als wärst Du eine Sprechmaschine, dabey einschlafen, ruhig einschlummern können?
Tieck, ich wollte vieles aufopfern, wenn meine Freundschaft ein einziges von Dir verlangen könnte. Ich weiß, daß Du das Leben nicht achtest, daß Du Dich als einen der Welt schon abgestorbenen betrachtest, der in einem gleichgültigen Mittelzustande lebt, alles um sich her wie aus dem Grabe, wie durch das Gitterfenster eines düstern Gewölbes ansieht; der ohne Ueberlegung aus Laune seinem Körper und Geiste Pönitenzen auflegt, und sich selbst wie einen Nichtswürdigen behandelt, weil er nichts an sich verlieren zu können glaubt. Wann wirst Du von dieser unseligen Krankheit genesen? O daß ich alle Beredsamkeit, die in allen Welttheilen je menschliche Herzen gebeugt hat, zusammenrufen, und auf einen Punkt konzentriren und damit wie durch den Sonnenstrahl vom Brennspiegel Dein verirrtes Herz mit Wahrheitsglanze blenden könnte! Tieck ich beschwöre Dich bey allem was Dir heilig ist, bey der göttlichen Kraft die die Welt beseelt, und deren Funken in Deiner Seele glüht; ich beschwöre, frage Deine übertäubte Vernunft um Rath. Unaufhörlich stürmst Du auf die Gesundheit Deines Körpers und Deiner Seele los, – wie kannst Du etwas anders als Mißbehagen fühlen? In einem Anfall schrecklicher Melancholie würde der Gedanke, das Innere des heiligen Geheimnisses, des Lebens, zu zerstören, zu welchem die Natur allein den Schlüssel hat, er würde in einem heiteren Lichte Dich umschweben, und es würde Deinem Schooßkinde, der Phantasie, gar herzlich kitzeln, wenn sie die Vernunft wie eine weinende Bettlerinn, vor ihrem Thron harren sähe. Aber hier, hier ist es Zeit an Deine Liebe zu appelliren! Hier stelle ich unsre Freundschaft Dir vor die Füße; diese mußt Du zuvor umstürzen, ehe Du die abentheuerlichen, zauberhaften, erquickenden Freuden eines lebenlosen Lebens oder – des Nichtdaseyns selbst kosten kannst. O sammle Dich Freund, in diesen Augenblicken muß ich Dich mit dem kühnsten Stolze angreifen, mit der gespanntesten Empfindung Dich in das Geleise des gemeinen Nachdenkens zurückbringen; – – doch es ist Unsinn was ich schreibe, Du hast kein Acht auf mich, Du hörst mich nicht. Soll ich Dich feiner angreifen? Soll ich Dir im Spiegel der Zukunft die thränenvollen Tage, das unglückselige Schicksal zeigen, das mich verfolgen würde, wenn Du, aus Ungeduld der langsamen Natur zu folgen, oder Lust ein großer Geist zu werden, Dich immer unglücklicher machtest? Und bin ich der einzige? Du weißt nicht, wie sehr z. B. Bernhardi Dich liebt; ich weiß es. Und Du, Du, Tieck, Du könntest unbesonnen genug seyn, aus muthwilligem Humor, aus bloßem armseligem Kitzel, aus Sucht, Dir ein schaales kleines Vergnügen zu machen, etwas zu thun, wodurch Du Deine Freunde auf ihre Lebenszeit unglücklich machst, Elend auf ihr heiteres Leben säest, und durch sie auf die sie umgebende Welt auch noch trübsinnige, melancholische Gefühle verbreiten willst? Du denkst: „Ich möchte doch sehen, ob ich das Buch in einem Abend ganz durchlesen könnte, – ich möchte doch wissen, ob ich es aushielte, mehrere Nächte hintereinander oder in einer heftigen Geistesspannung zu arbeiten, – ich hätte wohl einmal Lust, in einem Tage 14 Meilen zu gehn, – ich möchte gern aus Spaß einmal in einer ganz finstern Nacht auf den Giebichensteiner Felsen an den gefährlichsten Stellen heraufklettern“ – und tausend andre Sachen. Entsetzlich! Deine Laune, die durch einen elenden Genuß einer angenehmen Stunde befriedigt seyn will, Deine Laune soll der Götze seyn, an dessen Altar Du die Freundschaft, die Glückseligkeit von wahren Menschen schlachten willst, die Du zu lieben, über alles zu lieben vorgabst? Alle die hohen Gefühle, die wir Dir geweiht haben, alle die Seligkeiten, die Dein wachsender, immer wachsender Geist uns künftig versprach, stößest Du die unter nichtsbedeutendem Lächeln, und mit abgewandtem Gesicht, in den furchtbaren Ocean des Nichts? Tieck, ein Engel ruft durch mich Dir zu: Erhalte Dich, schone Dich, mache Dich glücklich um Deiner Freunde willen!!
Pfui, daß ich so abscheuliches Zeug habe sagen müssen. Ließ es schnell, und zerreiß’ es, – zerreiße das Papier und die Worte, – aber den Sinn, den ich Dir durch dieses Gewirre krasser Ausdrücke ins Herz habe prägen wollen, den präge hinein, – mit brennenden Flammenzügen. Alles, alles bezeugt meine innige Liebe zu Dir, und diese, wenn Du mich kennst, und mich zu durchschauen würdigst, wirst Du auch durch alle heftigen Vorwürfe, die ich Dir je gemacht habe, hell und glänzend durchscheinen sehen. –
Ach ich hatte doch geglaubt, daß Du froher in Halle leben würdest; Deinen Rückfall, was sag’ ich, Dein Fortschreiten in der fürchterlichsten Schwermuth, hatte ich wahrlich nicht erwartet. Du flößest mir eine tiefe Betrübniß ein. Mir kommen wirklich wieder die Thränen in die Augen: Tieck – Du hast es jetzt nicht ganz vergessen, daß Du vor – langen Jahren einmal mit mir vergnügt warst? Oder erinnerst Du Dich, daß Du in Deinem Leben mehr als einmal gelacht hast? Um Gotteswillen! Ist die Trennung von mir, von Deinen Freunden die Ursach Deiner beklagenswürdigen Stimmung? Willst Du zu eben der Zeit, da ich Deine Lehren über eine weise Gleichmüthigkeit gegen die Kleinigkeiten des vulgären Lebens, auszuüben anfange, wieder mir durch ein entgegenstehendes Verhalten Anlaß zur Trauer geben? O Wehe, Wehe! daß ich in der That einen schwarzen Trauermantel um meinen Freund, um meinen besten, einzigen Freund anlegen möchte! Denn mein Freund ist – unglücklich! O wenn mein heißes Gebet zum Himmel Erhörung herabzöge! – Tieck, es muß besser werden mit Dir, besser sag’ ich, – schiele nicht nach dem traurigen Platz um die Kirche hin, wo Hügel und Kreuze stehn, und falber Wermuth wächst, – nein! besser in diesem Leben. Sollte der Himmel Dir einen erhabenen Geist blos zu Deiner eigenen Qual gegeben haben? Und willst Du, unter dieser Voraussetzung, immer selbst Deiner vermeyntlichen Bestimmung zum Unglück, entgegenarbeiten? – Es ist nicht möglich, Tieck! Du bist ein Engel! und Du solltest ewig unglücklich seyn?
Sonnabend, Mittag.
Auch Deine Antwort auf meine Zweifel wegen meiner Wahl einer Akademie, hat mich etwas frappirt. So hatte ich sie nicht ganz erwartet. Du überzeugst mein Herz, wie wehe es dem Deinigen thun werde, Dich aus Deiner Situation in Halle herauszureißen, und doch setzest Du mit einer Kälte, mit einer Trockenheit, die mich erschreckt hat, weil sie die Frucht einer verzweiflungsvollen Stimmung zu seyn scheint, hinzu, Du würdest am Ende doch wohl noch mit mir nach Erlangen gehen. Bedenke genau was Du thust; frage Dich selber sorgfältig um Rath, ehe Du hierüber etwas, vielleicht aus einer Uebereilung, die Du späterhin bereuen möchtest, zu beschließen wagst. Zürne nicht, und (was noch tausendmal ärger wäre) mißverstehe mich nicht, argwöhne nichts, was ich Dir verschwiege, unter dieser Vorsicht versteckt. Es ist dies ein Punkt, über den ich mit der nacktesten Offenheit mit Dir sprechen muß. Also noch einmal: bedenke zuvor, ehe Du Dich entschließest; und glaube nur um Gotteswillen nicht, daß ich aus einer gehässigen Kälte und aus Vernünfteley zu unrechter Zeit die Wirkung Deiner leidenschaftlichen Liebe zu mir stören will. Es ist zu Deinem besten, was ich sage. Du wirst in Halle bis Ostern gewiß immer mehr Behagen fühlen, wirst in angenehme Verbindungen verkettet werden und manchen schönen Umgang anspinnen. Nun prüfe Dich selber ja mit Strenge, ob Du stark genug bist, alles dies aufzuopfern, um – einem einzigen Menschen zu gefallen, von dem Du doch nach 1 oder 11/2 Jahr alsdann wieder getrennt wirst, 30 Meilen weiter in die Mitte von Deutschland hinein zu ziehen. Es würde nichts kränkender für mich seyn, als wenn Du dies mißverständest, und nur auf einen Augenblick verleitet werden könntest zu glauben, meine Liebe zu Dir wäre um einen Gran verringert geworden. Mein Vater meynt, es würde Dir vielleicht nicht leid thun, mehr von Deutschland gesehen und in Erlangen einige Zeit gelebt zu haben. Nun – vielleicht ist uns der Himmel günstig. Vielleicht, daß es möglich wäre! – könnte meine Gegenwart die Wolken von Deiner Stirn scheuchen. Aber dann die Trennung wieder! Welch ein neuer Blitz für uns beyde! – Nur keine Aufopferung von Deiner Seite, Tieck! Ich will keine Schuld auf mich geladen wissen! Und wenn ich künftig auch nur etwas weniger Deine Liebe verdienen sollte, und Du auch nur etwas von Deiner heißen Liebe nachgelassen hättest, – – doch, wo gerath’ ich wieder hin. O, ist es denn nicht vergönnt, daß wir zusammen glücklich seyn können? Nun – vielleicht! Die Hoffnung soll mich nie verlassen! Möchte sie Dir auch beystehen!
Vergieb mir, wenn mein Brief heftig und sonderbar ist. Ich küße Dich zärtlich, und – verspreche, wenn es nur irgend angeht, Dir künftigen Posttag wieder zu schreiben. Gott sey mit Dir.
W. H. Wackenroder.