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Ludwig Tieck to Wilhelm Heinrich Wackenroder TEI-Logo

Sonntag den 23. oder 24. Juni.
Liebster W.
Mit der größten Freude habe ich Deine Briefe erhalten, und vorzüglich aus dem ersten gesehn, wie sehr Du mich liebst. Daß man mich mißversteht bin ich schon gewohnt, aber liebster W. wir beide sollten uns nicht mißverstehen. Glaube ja nicht, daß ich mir den Schein geben wolle, besser zu sein als ich würklich bin, ich kenne meine Fehler und Schwachheiten so ziemlich, aber diese Schwachheit habe ich wenigstens abgelegt. Du hältst mich also für einen Thoren, für einen der größten Thoren, für ein Kind, das sich erst muthwillig den Kopf an der Mauer stößt und dann jedem entgegenläuft und ihm klagt, daß es Schmerzen empfinde? Daß ich kranck wurde, war diesmahl wahrlich ohne meine Schuld, es war nicht der Trotz, den ich sonst wohl zuweilen an mir bemerkt habe, ich kannte mich noch nicht genug, ich traute mir mehrere Kräffte zu als ich würklich besaß, es war kein vorsäzlicher Fehler. Ich habe Dir und Niemand anders meine Empfindungen vorgelegt, weil Aufrichtigkeit das erste Gesetz unseres Briefwechsels war. –
Ich hasse das Leben nicht mehr, seit ich Freunde habe, die mich mit den schönsten Fesseln zurückziehn, seit ich Dich kenne, seit ich weiß, daß vielleicht ernste Pflichten auf mich warten, daß ich Hoffnungen nicht als ein Boshafter ermorden darf, meine Eltern lieben mich, mein Tod würde auch der ihrige sein, eben so meine Schwester. Vielleicht kann ich ihnen einst wiederbezahlen, was ich ihnen schuldig bin und es gehört zu meinen schönsten Träumen, ihnen ihr hülfloses Alter zu erleichtern. Du siehst, wenn ich dies alles fühle, daß ich dann unmöglich der Leichtsinnige sein kann, für den Du mich würklich hältst, der von einem Vermögen schwelge, was ihm nicht gehört. Wäre ich allein in der Welt, dann, ich gestehe es – doch wozu? ich will abbrechen, da ich heut überdies einmahl froh, sehr froh gewesen bin.
Unterlaß ja nicht, den 2ten Theil des Genius zu lesen, er ist schöner als der Erste. Ich habe Dir dies Buch schon und den Tasso empfohlen, ich will Dir jezt noch ein anderes mehr als Tasso und beinahe noch mehr als den Genius empfehlen, die Estelle von Florian, es ist ein Schäferroman, ein wahres Meisterstück, doch Du sollst mir dann selbst Dein Urtheil darüber schreiben, mich hat es mehr als einmahl zu Thränen gerührt. Lies es aber ja im Französischen, die deutsche Uebersetzung kann Dir unmöglich den dritten Theil des Entzückens gewähren, das ich durchgängig gefühlt habe. Es ist äusserst naiv und oft rührend naiv, unter vielen sehr naiven Ideen nur eine herauszuheben: Ein Schäfer ist auf eine bestimmte Zeit von seiner Geliebten getrennt, damit diese Zeit desto schneller vergehe, treibt er die Schaafe am Abend viel früher ein als die andern Hirten, er glaubt, wenn er früher Abend mache, werde es auch um so früher Morgen werden. Dieser einzige Zug muß Dich schon bewegen können, das ganze zu lesen, es ist überdies nöthig, wenn wir noch beide (d. h. Du) das Lamm schreiben wollen (wozu ich Dir vielleicht schon mit diesem Briefe den Plan mitschicke.)
Ich habe auch vor einiger Zeit den Großkophta gelesen, und ich muß gestehen, daß er mir nicht sehr gefallen hat, die Verwickelung ist sehr artig, die Charaktere sind sehr gut durchgeführt, aber doch vermiße ich jene Züge des grossen Genie’s das in allen andern Werken Göthens hervorleuchtet, ich hätte aufhören können zu lesen wo ich gewollt hätte und die Entwickelung scheint mir etwas hart und zu gedrängt. Der Charakter des Cagliostro hätte auch wohl so gezeichnet werden müssen, daß der Zuschauer nicht so das Plumpe seiner Intriguen einsähe und welchen schwachen Zusammenhang hat dann auch seine Geschichte mit der der übrigen Personen?
In Kabale und Liebe hat mir Fleck nie gefallen wollen, am wenigsten in den Scenen mit Louisen, die lezten und den Schluß des 2ten Akts spielt er göttlich. Kaselitz und Reinwald sind vielleicht unter der Kritick. Die Unzelmann spielt ziemlich, Herdt vortreflich (alles nach meiner Meinung.) – Ist es Dir nicht aufgefallen, daß Schiller in dem Sek. Wurm einen grossen Fehler begangen hat. Erinnerst Du Dich noch, daß wir es einst an Shk. Bösewichtern bewunderten, daß man sie gar nicht hassen könne? – Dies ist hier nicht der Fall. – Er wird so sehr gehaßt, daß er selbst die Illusion stört, weil er gar zu abscheulich ist (denn er ist in meinen Augen abscheulicher als Franz Moor, der doch noch bereut) am meisten in der grossen Scene, in welcher er Louisen den Brief diktirt.
Elisa von Wallberg will ich nächstens lesen, ich habe es schon lange als ein Meisterstück gekannt.
Wenn Du nach Erlangen gehst, gehe ich auf jeden Fall mit, Du hast mich auch hierinn mißverstanden, wenn Du diesen Ausdruck in meinem Briefe für einen Ausdruck der kalten resignierenden Verzweiflung gehalten hast, er war ein Resultat meiner Ueberlegung, mich kann hier nichts zurückhalten, ich habe keine Verbindungen, deren Auflösung mir schmerzen könnte, in Dir finde ich alles hundertfach wieder, ich vermisse mich selbst in Dir hier gar zu sehr.
Weißt Du denn aber auch von wo ich Dir diesen Brief schreibe? Aus einer Schenke in Walbeck auf dem Wege nach Gernrode, wo ich Burgsdorf besuchen will. Du wirst Dich erinnern, daß ich nach dem Harz eine kleine Reise verfertigen wollte, (um dies gute alte Wort auch einmahl wieder zu brauchen) eine Kranckheit hielt mich acht Tage ab, heut bin ich aufgebrochen. Neben mir an ist Musik und Tanzen und auf dies und die Schenke schiebe alle vorgefallenen Unrichtigkeiten, das schlechte Papier u.s.w. – Du wirst den Brief zwar jezt nicht erhalten, aber ich will Dir denn doch immer schreiben.
Lieber W., die Reise ist es, die mich so froh gemacht hat, die Bewegung hat mein Blut, die Gegenstände meinen Geist rascher umgetrieben.
Schlaf wohl, ich bin sehr müde.
d. 19ten Juli 1792.
Fast 4 Wochen nach dem vorigen Brief, ich bin schon 3 Wochen wieder in Halle. Warum hast Du mir nicht geschrieben? Ich erwarte jezt und bald Antwort. – Sei doch so gut und gieb das Billet an meine Schwester ab. –
Nächstens recht viel, ich bin heut nicht wohl. –
Dein Tieck.
Metadata Concerning Header
  • Date: 24. Juni bis 19. Juli 1792
  • Sender: Ludwig Tieck ·
  • Recipient: Wilhelm Heinrich Wackenroder
  • Place of Dispatch: Walbeck (Hettstedt) · , Halle ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 2: Briefwechsel, Reiseberichte. Hg. v. Richard Littlejohns u. Silvio Vietta. Heidelberg 1991, S. 67‒69.
Manuscript
  • Provider: Handschrift verschollen
Language
  • German

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