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Wilhelm Heinrich Wackenroder to Ludwig Tieck TEI-Logo

Freitag, den 20ten Juli.
Mein zärtlich geliebter Tieck.
Endlich hör’ ich einmal wieder etwas von Dir. Gewiß hätt’ ich schon lange, wirklich lange schon wieder an Dich geschrieben, wenn ich nicht so viel Zerstreuungen gehabt hätte. Ich habe in der That allen meinen Verstand und meine Ueberredung, d. h. all mein Phlegma aufbieten müssen, um bey Deinem Stillschweigen, das mich so lange beunruhigt hat, nicht zu unruhig zu werden. Da ich Deine Harzreise ahndete, so war ich ungewiß, ob mein Brief Dich schon wieder in Halle antreffen würde; auch erwartete ich immer einen von Dir, heute aber am sichersten, und – ich bin inniglich froh, daß ich mich nicht getäuscht habe. Aber glaube es mir auf mein Wort, ich hätte, wenn Du auf noch längere Zeit geschwiegen hättest, es doch kaum über’s Herz bringen können, Dir Vorwürfe darüber zu machen: ich hätte es wahrlich nicht gethan.
Seit Deinem letzten Briefe habe ich oft mit sehr zärtlicher Rührung und reger Empfindsamkeit an Dich gedacht; und ich bin über alles glücklich, daß Du, wie ich sehe, auch an mich noch immer mit einer Innigkeit denkst, die ich erst seit Deiner Entfernung aus Deiner Schriftsprache recht erkenne.
Verzeihe es meiner Freundschaft, wenn ich in meinem vorletzten Briefe das demüthige Gefühl der Hochschätzung, den meisternden Ton heftiger Vorwürfe angenommen hatte. Aber Du hast mir schon verziehen. Ich weiß es ja auch selbst, wie übel dieser Ton mir steht, und wie häßlich dabey meine Empfindungen verzerrt werden. Doch der Fall, der diese Diskussion veranlaßte, hatte mich zu gewaltsam erschüttert, als daß, – nun – möge ewige Vergessenheit darüber ruhn. Daß grade jenes Dein Uebelbefinden nicht eine Frucht der Tollkühnheit war, die ich schon manchmal, wenigstens in Gedanken, an Dir gerügt habe, kann seyn; daß Du aber diese großscheinende Schwachheit sonst gehabt hast, – (Tieck, verzeih um’s Himmels willen, daß ich es wieder Schwachheit nenne; ins Gesicht könnt ich’s Dir wahrlich nicht sagen, ich weiß nicht, warum ich’s mir vergebe zu schreiben? –) nun, das gestehst Du selber ein. Und davon Dich abzubringen, (wohl Dir, wenn Du Dich selbst schon geheilt hast,) das allein war die Absicht meiner Invektive gegen Dich. Und o! wie erhaben dünk’ ich mich / als ein Glied der Kette, die Dich an diese Erde fesselt. Ich glaube, ich habe meine Bestimmung in der Welt genugsam erfüllt, wenn ich nur ein starkes Glied dieser Kette bin. Möchte sie nimmer zerreissen!
Du bestrafst mich mit der größesten Belohnung, wenn Du zu meinem Einwand wegen Deiner Wahl von Erlangen blos sagst, ich hätte Dich mißverstanden. Wenn ich aber in einer Sache, wo Eigennutz, (doch der edelste, denk’ ich,) mit der Besorgniß für die Zufriedenheit des Freundes kämpft, nicht so nachsichtig wäre, wenn ich strengere Beweise von Deiner Seite fordern könnte, daß nicht das Glück, was mir zu Theil werden soll, Dir abgehen würde, so würde ich in der That Deine Erklärung hierüber wenig befriedigend finden. Du hättest in Halle keine Verbindungen, deren Auflösung Dir wehe thun könnte? Hast Du nicht die Reichardtsche Familie, Burgsdorff, und vielleicht noch andere? Hast Du nicht schöne Gegenden, die Dich kennen und die Du liebst, Flumina nota u.s.w.? Bist Du Deinen Aeltern nicht näher? – Doch meine selbstsüchtige Seele hält mir den Mund zu, da meine liebende Seele mich fortfahren heißt.
Scheine ich Dir nicht einem Kinde ähnlich, das nur darum sich so lange nöthigen läßt, ein Geschenk anzunehmen, um es nachher mit desto größerm Scheine des Rechts, mit desto begierigeren Händen ergreifen zu können? Ich will nicht entscheiden, in wie fern Du in dieser Vorstellung unrecht haben möchtest. Dennoch, – überlege: sieh auf Dich selbst. Wenn dann unser beiderseitiger sehnlichster Wunsch erfüllt werden kann, wenn wir an Einem Orte die blumenreichsten Jahre des Lebens zubringen dürfen: – o welche unaussprechlich reizende Aussicht in die Zukunft. Zwey Wesen, von dem traurigen Schwall und Wuste der Welt isolirt, in einer Freiheit, die Götter beneiden könnten, in einer Sorglosigkeit, die man vergeblich an andern Orten der Erde und in andern Zeitpunkten des menschlichen Lebens sucht, – durch nichts an die Menschen, blos an einander mit den unauflöslichsten Banden gekettet: – so setzen wir uns dann mit Entzücken auf die / Schaukel des Glückes, und lassen uns zusammen von unseren Freuden in herrlichem Schwunge bis an die Sterne schleudern: Coetusque vulgares udamque spernimus humum! – Aber ich schweife wieder aus! Ach! diese Seligkeit scheint mir zuweilen so groß, daß, – soll ich nach der bäurischen Einfalt meiner dunkeln, ahndungsvollen Empfindungen sprechen? – daß ich bange davor bin. Denn ich kann mich nicht überreden, wie das im Guten so haushälterische Schicksal, das so genaue Rechenbücher über die Freuden und Leiden hält, die es uns zutheilt, mich mit einem so großen Kapital beschenken könnte, ohne mir nachher dafür die drückendsten Zinsen abzufordern. Doch ich trage diese Beschwerden, wenn Du mich so glücklich machst. Und ich nehme Deine Wohlthat, die Du an mir thun willst, mit dem dankbarsten Gemüthe an, wenn sie Dich nicht gar zu viel kostet. Dabey bleibt’s. O ich habe heut schon herrliche Scenen aus unserer künftigen Gemeinschaft geträumt! –
Du wirst es wohl ahnden, daß ich den 2ten Theil des Genius nicht ohne besorgliche Gedanken, und nicht ohne etwas dagegen eingenommen zu seyn, kurz nicht ohne fatale Nebenideen zur Hand genommen habe. Aber daß der Verfasser ein origineller Kopf ist, der die Sprache so in seiner Gewalt hat, wie ein Schauspieler seine Stimme, der das Blut durch alle Adern jagen, der kalte Thränen des Schreckens aus den Augen pressen, der die Seele in ein Meer der entzückendsten Gefühle eintauchen kann, das ist unwidersprechlich. Um seinen Styl zu schildern und zu loben, müßte man selbst schreiben wie er. Um nur der Charakterzeichnungen zu gedenken, die im 2ten Theil so häufig vorkommen, welche Meisterstücke! Ich kenne wenigstens keine höheren Muster. Da sind Ideen gehascht und in Worte gekleidet und hell vor die Seele gestellt, die man gewöhnlich nur in einem Nebel sieht, ohne sie sich selbst deutlich erklären zu können; / da sind die feinsten Falten des Herzens aufgedeckt; da ist das ganze Aeußere und Innere des Menschen in ein Gemählde von Worten gebracht, wo alle Züge wahr, bedeutend und treffend, und mit der schönsten Kunst ausgeführt und vereinigt sind. Die Scenen beym Einsiedler sind vortrefflich.
Deine Bücherrekommandationen sind mir natürlich immer sehr willkommen. Den Tasso werde ich mir zu verschaffen suchen. Wie heißt aber eigentlich der Roman von Florian? Estelle? Ich kann’s nicht recht herausbringen.
Im Großkophta hab’ ich freilich auch nicht etwas außerordentliches, so wie man es von dem Verfasser des Werther gewohnt ist, entdeckt. – Der Charakter des Sekretärs ist Dir in Cabale und Liebe zu abscheulich, und mehr als Franz Moor? Mir scheint selbst der letztere weit mehr zu entschuldigen zu seyn; wie wohl immer mehr Scharfsinn, als ich besitze, dazu gehört, um dergleichen seltene Ungeheuer im Drama zu rechtfertigen. Du weißt, daß sie mir leicht mit zu starken Farben gezeichnet sind, und daß ich auf der Bühne eine Person verabscheue, die gar nichts Menschliches an sich hat, und nicht das geringste uns auffordert, uns mit ihr nur einigermaßen auszusöhnen, wenigstens unsern Abscheu in dem Grade zu dämpfen, daß doch das Gefühl des Mitleids und des Bedauerns dabey in unserer Seele noch Platz behält. Und freilich habe ich noch nichts gefunden, was dies bey der genannten Rolle veranlaßte. Ich sprach vor einiger Zeit auch mit Bernhardi davon. Mich dünkt, daß er in der Anhänglichkeit an den Präsidenten, in dem Diensteifer, den so ein teuflischer Diener gegen seinen Patron hat, etwas zu seiner Entschuldigung dienendes wollte entdeckt haben. Aber ich sage kein Wort darüber. Denn ich möchte Bemhardi’n etwas falsches unterschieben, weil ich dergleichen Dinge nicht immer mit dem geschicktesten Handgriff zu fassen weiß.
Elise von Valberg wirst Du noch tausendmal vortrefflicher finden, als ich bis itzt wenigstens im Stande gewesen bin, es zu finden, da ich es nur einmal gesehen habe; und da Du die Schönheiten und Feinheiten dramatischer Plane und Situationen Dir auseinanderzusetzen verstehst. / Aber, o Himmel! was ist diesem Meisterstücke für ein Ding gefolgt! Hieronymus Knicker, Operette in 2 Akten von Dittersdorf, ist schon 3mal gegeben, und scheint leider Beyfall zu finden! Nach dem was ich nur von solchen, die nicht Willens waren, dem Dinge ihren hohen Beyfall ganz zu versagen, gehört habe, muß es, was Musik, Geist und Geschmack des Gesanges, u.s.w. betrifft, fast noch unter dem rothen Käppchen stehn. Es hat denn doch bis itzt noch alles sein Ende in dieser Welt erreicht; selbst die verderbliche Dürre, die über 14 Tage gewährt hat, ist nun durch ein Gewitter, wenigstens zum Theil, gebrochen; aber die unsinnige Operettenwuth der Berliner scheint nur mit der Zeit immer mehr Nahrung zu bekommen, und noch nicht den höchsten Grad erreicht zu haben. Ist dieser da, so muß nothwendig eine Revolution erfolgen, sonst werden wir so barbarisch in der Kunst als – die Lappländer. – Fort mit dem Gedanken an diese verdammte Seuche. Ich will Dir etwas besseres erzählen. Und das ist, daß ich neulich Diderots Hausvater und den Traktat über die dramatische Dichtkunst, der das Stück begleitet, gelesen habe. O was ist dieser Diderot für ein verehrungswürdiger Mann! Wie weicht sein Charakter, sein Geschmack, doch so ganz von dem empfindungslosen französischen Geist ab! Was hat Er für Fülle des Herzens, für alte Gutherzigkeit, für alten Edelmuth, (denn nach dem modernen Geschmack scheint das nicht recht zu seyn.) Man sollte ihn, wäre sein Name nicht französisch, für einen Deutschen oder Engländer halten. Erinnere Dich an die herrlichen Grundsätze, Vorschläge und Aeußerungen, die in der Poetik vorkommen. Erinnere Dich jener herrlichen Stellen, die mich vorzüglich entzückt haben, und die so sehr für Dich als für mich schön seyn müssen!
Von Deiner Harzreise schreibst Du mir vielleicht künftig noch etwas. Weißt Du denn schon, daß Bernhardi Dich bald vielleicht besuchen dürfte? Aber rechne noch nicht sicher darauf; denn er hat mir gesagt, daß er noch nicht gewiß wäre, ob es Zeit und Umstände erlaubten. Ich rathe ihm sehr zu. Seine / Freundschaft ist mir itzt viel, sehr viel werth. Wir kennen uns itzt genauer als sonst, und sprechen sehr vertraulich, ungleich vertraulicher als sonst. Wenn Du wüßtest, wie sehr er Dich liebt! wie sehr er Deine ganze Gegenliebe verdient! Rambach seh ich seltener. Er ist gewöhnlich, oder doch oft nicht zu Hause, wenn ich ihn besuchen will. – Daß Du auf Michaelis herkommst, ist doch in höchstem Grade wahrscheinlich? – um nicht mit einem: Gewiß, Dir Einwendungen, wider meinen Willen, zu entlocken. Deine Schwester und ich, wir trösten uns dadurch über Deine Abwesenheit, wenn ich sie spreche. Soll ich Dich bey Dir selber verklagen? Soll ich Dich nicht auffordern, an Deine liebe gute Schwester und Deine Aeltern öfter und länger zu schreiben? Sie würden sich sehr freuen, wenn Du es thätest. – Dein Bruder ist ein paarmal bey Bernhardi gewesen, der ihn zuerst wegen Deines Gesichts und Gleichheit im Aeußern liebgewonnen hat. – Ich lege einen Brief von Deiner Schwester ein. Ich habe es ganz vergessen, es ihr eher anzubieten.
Liebst Du mich, so antworte mir bald, damit unser Briefwechsel in ordentlichem Schritte geht. Ich für mein Theil werde alles dazu beytragen. – Die Zeit vergeht mir jetzt schneller als jemals, und deswegen werde ich verleitet, fast alle Tage schon an meine Abreise aus Berlin zu denken. Sie wird mich Thränen kosten; und käm’ ich ohne Freund auf eine 56 Meilen entfernte Universität, so würde ich mich gar nicht wohl befinden.
Noch habe ich versäumt, Dir vom Père de Famille zu sagen, daß meine Erwartung hier einmal wieder um ein kleines Haarbreit getäuscht ist. Der natürliche Sohn von Diderot hat mich wegen der vielen schönen Empfindung, die darin herrscht, zu heißen Thränen gerührt, und thut dies bey wiederholtem Lesen gewiß immer. Den Hausvater find’ ich schön, – aber – so innig habe ich nicht Antheil genommen, so lebhaft bin ich lange nicht erschüttert, als bey jenem Stück. Liegt beim Hausvater die Schönheit mehr im Plan? Vielleicht fühl’ ich sie bey wiederholtem Lesen tiefer. Der Sohn, der Hausvater, und die Geliebte des ersten, sind herrlich gezeichnet. Aber ich muß gestehn, was z.B. die Putzhändlerin in der 1. Scene des 2. Akts thut, was diese ganze Scene wirken soll, oder warum sie nothwendig war, sehe ich noch nicht ganz ein. Belehre mich hierüber etwa einmal, wenn Du willst.
In der Hoffnung, Dich auf Michaelis hier zu sehn und baldige Antwort von Dir zu erhalten, bin ich
Dein
Wackenroder.
P. S. Bernhardi schreibt künftigen Posttag, ob er noch nach Halle kommt, und schickt Dir kleine Bemerkungen über die Anna Boleyn.
Metadata Concerning Header
  • Date: Freitag, 20. Juli 1792
  • Sender: Wilhelm Heinrich Wackenroder
  • Recipient: Ludwig Tieck ·
  • Place of Dispatch: Berlin · ·
  • Place of Destination: Halle ·
Printed Text
  • Bibliography: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 2: Briefwechsel, Reiseberichte. Hg. v. Richard Littlejohns u. Silvio Vietta. Heidelberg 1991, S. 69‒74.
Manuscript
  • Provider: Handschrift verschollen
Language
  • German

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