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Wilhelm Heinrich Wackenroder to Ludwig Tieck TEI-Logo

Montags.
Mein liebster Tieck!
Wo bleibt mein Brief, den ich nun wohl bald erwarten dürfte? Wenn zu allen Deinen Fähigkeiten hinzukäme, Ordnung und Pünktlichkeit zu beobachten, so würdest Du ein ganz vollkommnes Wesen seyn, – vielleicht zu vollkommen für diese Welt. Ich freue mich nur über mich selbst, daß ich jene Schreibeträgheit und Nachläßigkeit im Korrespondiren bey mir nicht bemerke; doch ich habe freilich fast lauter angenehme Briefwechsel.
Lebst Du denn vergnügt, gesund? Bernhardi hatte inniglich gewünscht, Dich in den Hundstagsferien zu besuchen, denn er sehnt sich nach Deinem Umgange sehr und wünschte sich mit Dir recht aufzuheitern; aber einfältige Hindernisse sind ihm in die Queer gekommen. Wie schön wär’s nicht gewesen, wenn er zu Dir gekommen wäre; hätt’ ich ihn dann begleiten können! Tieck! hätt’ ich Dich in Halle sehen können! –
Meine Abhaltungen sind durch neue Abhaltungen ersetzt. Der Vater meines Herrn Vetters mit seinem Bruder aus Stockholm, sind itzt auf ein Paar Tage hier; ich sehe mit ihnen dies und das, und gehe hier und dort hin: bald werden sie abreisen, um eine Reise, die zum Theil Geschäfte zum Theil Vergnügen zum Zwecke hat, durch Deutschland vorzunehmen. Von hier reisen sie nach Wien, durch Sachsen. Himmel! was sagst Du, wenn ich sie begleiten könnte, und Dich vielleicht auf einen Augenblick wenigstens im Vorüberreisen, umarmen!
Mein Hauptlehrer, der Assessor Köhler, ist verreist, auch nach Wien; einige andre meiner Lehrer setzen ebenfalls ihre Stunden itzt aus. Ich habe nur 2 Vormittage in der Woche besetzt. Was werde ich in diesen unerwarteten Ferien anfangen? Womit werde ich die Nebenstunden der Erholung ausfüllen, wenn ich nicht einen Freund, einen einzigen, unaussprechlich-geliebten Freund bey mir hätte, oder eine Ferienreise nach Halle unternehmen, mit ihm auf die Felsen klettern, und die Krümmungen der Saale in den wohlgebauten Fluren des Sachsenlandes beschauen dürfte?
Ich habe noch heute an Wißmann geschrieben. Da Bernhardi, Du, keiner seiner Bekannten ihm schreibt, will ich nicht der letzte Hartherzige seyn. Seine Mutter, die ich zuweilen besuche, ist eine geistreiche, gefühlvolle, edle, gütige Frau. Ich bin ihr sehr gut. Sie wünscht mich nach Frankfurth zu ihrem Sohne. Ach! ich wünsche mich am ersten zu Dir! zu Dir, Du Freund meiner heiteren entzückend frohen Stunden, und meiner trüben launenvollen Aprilltage! Wann werd’ ich Dich wiedersehen?? – Soll ich Dir einen kleinen Schreck einjagen? Ich kann Dich nicht länger täuschen und mit Vorbereitungen hintergehn. Kehr’ um und lies die Antwort:
Künftigen Montag!
Höre die Auflösung des Räthsels. Ich bin vor Entzückung äusser mir; ich taumle in der seligsten Hoffnung!
Der Vater meines Herrn Vetters hat mit meinem Vater verabredet, daß ich ihn über – (Höre wie glücklich ich bin,) – über Wörliz, Dessau, Halle! Leipzig, Meissen, bis Dresden begleiten soll. So kurz, so schleunig ward dieser Entschluß gefaßt, daß ich meiner eigenen Ueberzeugung von der Gewißheit nicht traue. Ich sehe Dich – diesen Montag – in Halle! Wer hätte gedacht, daß ich geboren wäre, um so glücklich zu seyn!
Aber ich eile Dir einige langweilige Betrachtungen vorzupredigen, die ein Paar Tropfen Wassers in das Feuer meiner Entzückung tröpfeln. Es wird nicht angehn, daß wir länger als Einen Tag in Halle bleiben; denn unsre Zeit ist beschränkt. Ferner muß ich dort in Halle einen Besuch für meinen Vater machen. Doch so viel als das gütige Fatum mir Zeit übrig läßt, oder so viel ich Stunden, Minuten und Sekunden von meinen Reisegefährten erbetteln kann, – so lange leb’ ich ganz für Dich. Doch versteht sich nicht das von selbst? – Aber ferner, was Dich zwar nicht betrifft, aber wohl mich und meine Laune: meine Reisegesellschafter sind, in dem engen Raume eines offnen Extrapost-Wagens: – mein Herr Vetter, die beyden Herren von –, und ihr Hofmeister. Dies ist etwas, was vielleicht meine reine, hochgestimmte, volle Freude und Empfindung des Wohlseyns zuweilen etwas dämpfen möchte. Aber fort mit den Ideen! Meine Reise ist vortrefflich; ich bin so froh, Dich zu sehen, daß ich keinen angemessenem Ausdruck für meine Freudigkeit finden kann.
Donnerstag Mittag reisen wir: am Abend sind wir in Potzdam: den folgenden Tag wird die Reise nach Wörliz vollendet; am Sonnabend genieße ich die schöne Natur und Kunst, an einem Orte, den Du betreten hast und mit dem Du (das thut mir leid, daß darin unsre Hoffnung fehlschlägt,) mich zuerst bekannt machen wolltest. Den Sonntag werden wir wohl nach Dessau gehn, vielleicht uns dort etwas umsehen und dann – nach Halle, zu meinem Tieck! fahren. Doch ist es auch keine absolute Unmöglichkeit, daß wir erst Montag früh hinführen. Im ersten Fall würden wir den Montag, im andern Montag Nachmittag und Dienstag Vormittag in Halle bleiben. So viel kann ich im Voraus sagen. Daß, sobald ich ankomme und es angeht, es sey Morgen, Mittag, Abend oder Nacht, ich nach der Klausstraße und nach dem Chirurg. Kern frage, ist so gewiß, als ich wünsche, Dich gesund und froh in der Stimmung zu finden, Deinen Freund zu umarmen. Der Montag wird einer meiner goldenen Tage seyn. –
Noch eins! ich bringe Dir ein Paar stumme Freunde mit: 2 Briefe von Deiner Schwester und von Bernhardi.
Aber noch eins! Wenn ich wüßte, daß Du nicht auf Michaelis nach Berlin kommen würdest oder könntest oder wolltest, was doch der Haupttrost Deiner Aeltern u.s.w. ist, so würde ich mich auf ein ganzes Packet Bewegungsgründe gefaßt machen, die aus dem Munde eines Freundes doch wohl einige Autorität haben müßten.
Wen ich außer Dir in Halle sehen möchte? Keinen als Reichardts! Diese Familie liebe und schätze ich innig. – O ich sehe es schon im Geist, wie wir in ihrem romantischen Garten wandeln, und vom Giebichensteiner Felsen herab die Landschaft unter uns liegen sehen! Dann meinen Arm um den Deinen und meinen Mund auf Deine Lippen, – so kenn’ ich nichts höheres! An dem Tage wollen wir die Zeit mit unserm süßen Geschwätz so ausfüllen, daß kein Moment ungenutzt bleibt, – so wie in einem wohlgefüllten Raum von Menschen kein Apfel zur Erde kommen kann.
So lebe denn wohl, mein Theuerster! Ich brenne vor heißer Sehnsucht, Dir an den Busen zu fliegen! – Nur! – erwarte mich nicht zu ängstlich zu einer gewissen Stunde, – freue Dich nicht zu sehr auf einen vergänglichen Tag, – hörst Du? – Doch sey, wenn Du von meiner Hand berührt wirst, eben der gütige Freund, der Du in einer Entfernung von 20 Meilen geblieben bist.
Mit entzückungsvoller Hoffnung des Wiedersehns –
Dein
Freund
W. H. Wackenroder.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 6. August 1792
  • Sender: Wilhelm Heinrich Wackenroder
  • Recipient: Ludwig Tieck ·
  • Place of Dispatch: Berlin · ·
  • Place of Destination: Halle ·
Printed Text
  • Bibliography: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 2: Briefwechsel, Reiseberichte. Hg. v. Richard Littlejohns u. Silvio Vietta. Heidelberg 1991, S. 74‒76.
Manuscript
  • Provider: Handschrift verschollen
Language
  • German

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