Göttingen am 6ten Novbr. 1792.
Liebster Wackenroder!
Ich bin in Göttingen angekommen und wohne in der Weehnerstrasse, dies nur gleich im Voraus, damit ich es etwa nicht ganz und gar vergesse, was bei mir so leicht möglich ist. Wirst Du mir aber meine Nachlässigkeit verzeihen, daß ich Dir während meiner ganzen Reise nicht ein einzigesmahl geschrieben habe? Strafe mich um Gotteswillen nicht der Art, daß Du es eben so mit mir machst, – aber das thust Du nicht, ich kenne Dich zu gut und darum will ich mich auch nicht weitläuftig entschuldigen. – In Dahme bin ich fast vierzehn Tage gewesen, stets vergnügt und gesund, wir waren fast alle Tage in die Comödie, denn es war gerade eine ganz erbärmliche Schauspielertruppe dort, von allen Stücken, die sie entehrt haben, ist keines so erbärmlich verhunzt worden als Julius von Tarent. Während meines dortigen Aufenthalts hat die Wellern etwas reiten gelernt, sie begleitete mich auch zu Pferde bei meiner Abreise über eine Meile weit. – Als ich in Leipzig ankam, erfuhr ich, daß ich einen ganzen Tag auf die Braunschweiger Kutsche warten müste, ich sahe nun alle die Strassen wieder, die wir beide so manchmal durchstrichen hatten, es war wirklich eine sonderbare Empfindung, den Marckt, alle die Läden, die Ueberschriften so allein, ohne Deine Gesellschaft wiederzusehn, seit jener schönen Reise konnte ich mir nur immer Leipzig mit Dir zusammendencken und doch fand ich, daß ich jezt ohne Dich wirklich da sei, ich kam mir so verlohren so verstossen vor, ohne einen Bekannten, allen fremd wanderte ich durch das Gewühl der Menschen, im grösten Getümmel einsam, ich vermied sorgfältig den Gasthof, wo wir gewohnt hatten, aus einer närrischen Furcht man möchte mich wiederkennen, als wäre es ein Verbrechen ohne Dich in Leipzig zu sein. – Am Abend sah ich das Theater wieder und zwar aus blosser peinigender Langeweile und aus Eigensinn, denn so schön das Wetter auch war, so ging ich doch nicht aus; es ward das abscheuliche Ding Betrug durch Aberglauben gegeben, von der Truppe bei der Cordemanns Hauptrollen spielen. Sonderbar habe ich es gefunden, daß die Musick ungleich schneller und rascher als in Berlin gegeben ward, in Berlin dauert das Stück 3, hier nur 2 Stunden, es wurde ausserordentlich beklatscht. Aber selbst bei dieser Truppe fand ich doch mehr ensemble als in Berlin, das stumme Spiel der Nebenpersonen brachte auch wirklich eine Art von Illusion hervor, die Sänger waren einen Hr. Geiling ausgenommen, erbärmlich, Dittersdorf wird von den Leipziger Studenten vergöttert. Am Sonntage reißte ich mit der Kutsche über Merseburg, Lauchstädt, Eisleben und Sangershausen nach Roßlau, ich sah Halle bei der Gelegenheit wieder. Unterwegs übte ich mich sehr im französischen Sprechen mit einem Engländer, wir beide gewöhnten uns sehr an einander, es war ein sehr gebildeter Mann und wir raisonnirten über manche Sachen, von denen ich sehr oft mit Dir gesprochen habe, ihn freute meine Bekanntschaft mit den englischen Dichtern, er sprach auch italiänisch u. spanisch, er wollte mich durchaus mit nach England nehmen, er erbot sich, mir alle Merkwürdigkeiten des ganzen Reichs zu zeigen, ohne daß ich für irgend etwas zu sorgen hätte, Du kannst dencken in welcher Versuchung ich war. Er wurde sehr betrübt, als wir in Roslau von einander Abschied nehmen musten, ich fuhr an demselben Tage noch 3 Meilen bis Nordhausen. Hier erfuhr ich, daß schon seit Mittag die Post nach Göttingen abgegangen sei, eine ganz kuriose Einrichtung. Am Mondtag ruhte ich aus, Nordhausen ist eine freie Reichsstadt und die Einwohner haben nur das Unangenehme der Republikaner, sie sind äusserst grob. Am Dienstag nahm ich einen Bothen und ritt auf so schlechten Wegen, als ich noch nie gesehn habe, nach Göttingen. Die Stadt ist sehr niedlich, mit dem Essen, der Wohnung, dem hiesigen Ton, mit allem bin ich ausserordentlich zufrieden. – Ich habe schon ein Collegium über den Horatz von Heyne gehört, mir hat es äusserst fade geschienen, gerade in der Manier, wie der Rath den H. erklärte.
Sei doch so gut und bringe wenn es möglich ist, meiner Schwester diesen Brief gleich.
Grüsse Rambach und Bernhardi herzlich von mir, ich will nächstens an beide schreiben. Wenn Du kannst, so antworte mir gleich mit der nächsten Post.
Ich bin seit meiner Reise (Leipzig und Nordhausen ausgenommen) so heiter und gesund, als ich es noch nie gewesen bin, sei Du es auch.
Tieck.
Liebster Wackenroder!
Ich bin in Göttingen angekommen und wohne in der Weehnerstrasse, dies nur gleich im Voraus, damit ich es etwa nicht ganz und gar vergesse, was bei mir so leicht möglich ist. Wirst Du mir aber meine Nachlässigkeit verzeihen, daß ich Dir während meiner ganzen Reise nicht ein einzigesmahl geschrieben habe? Strafe mich um Gotteswillen nicht der Art, daß Du es eben so mit mir machst, – aber das thust Du nicht, ich kenne Dich zu gut und darum will ich mich auch nicht weitläuftig entschuldigen. – In Dahme bin ich fast vierzehn Tage gewesen, stets vergnügt und gesund, wir waren fast alle Tage in die Comödie, denn es war gerade eine ganz erbärmliche Schauspielertruppe dort, von allen Stücken, die sie entehrt haben, ist keines so erbärmlich verhunzt worden als Julius von Tarent. Während meines dortigen Aufenthalts hat die Wellern etwas reiten gelernt, sie begleitete mich auch zu Pferde bei meiner Abreise über eine Meile weit. – Als ich in Leipzig ankam, erfuhr ich, daß ich einen ganzen Tag auf die Braunschweiger Kutsche warten müste, ich sahe nun alle die Strassen wieder, die wir beide so manchmal durchstrichen hatten, es war wirklich eine sonderbare Empfindung, den Marckt, alle die Läden, die Ueberschriften so allein, ohne Deine Gesellschaft wiederzusehn, seit jener schönen Reise konnte ich mir nur immer Leipzig mit Dir zusammendencken und doch fand ich, daß ich jezt ohne Dich wirklich da sei, ich kam mir so verlohren so verstossen vor, ohne einen Bekannten, allen fremd wanderte ich durch das Gewühl der Menschen, im grösten Getümmel einsam, ich vermied sorgfältig den Gasthof, wo wir gewohnt hatten, aus einer närrischen Furcht man möchte mich wiederkennen, als wäre es ein Verbrechen ohne Dich in Leipzig zu sein. – Am Abend sah ich das Theater wieder und zwar aus blosser peinigender Langeweile und aus Eigensinn, denn so schön das Wetter auch war, so ging ich doch nicht aus; es ward das abscheuliche Ding Betrug durch Aberglauben gegeben, von der Truppe bei der Cordemanns Hauptrollen spielen. Sonderbar habe ich es gefunden, daß die Musick ungleich schneller und rascher als in Berlin gegeben ward, in Berlin dauert das Stück 3, hier nur 2 Stunden, es wurde ausserordentlich beklatscht. Aber selbst bei dieser Truppe fand ich doch mehr ensemble als in Berlin, das stumme Spiel der Nebenpersonen brachte auch wirklich eine Art von Illusion hervor, die Sänger waren einen Hr. Geiling ausgenommen, erbärmlich, Dittersdorf wird von den Leipziger Studenten vergöttert. Am Sonntage reißte ich mit der Kutsche über Merseburg, Lauchstädt, Eisleben und Sangershausen nach Roßlau, ich sah Halle bei der Gelegenheit wieder. Unterwegs übte ich mich sehr im französischen Sprechen mit einem Engländer, wir beide gewöhnten uns sehr an einander, es war ein sehr gebildeter Mann und wir raisonnirten über manche Sachen, von denen ich sehr oft mit Dir gesprochen habe, ihn freute meine Bekanntschaft mit den englischen Dichtern, er sprach auch italiänisch u. spanisch, er wollte mich durchaus mit nach England nehmen, er erbot sich, mir alle Merkwürdigkeiten des ganzen Reichs zu zeigen, ohne daß ich für irgend etwas zu sorgen hätte, Du kannst dencken in welcher Versuchung ich war. Er wurde sehr betrübt, als wir in Roslau von einander Abschied nehmen musten, ich fuhr an demselben Tage noch 3 Meilen bis Nordhausen. Hier erfuhr ich, daß schon seit Mittag die Post nach Göttingen abgegangen sei, eine ganz kuriose Einrichtung. Am Mondtag ruhte ich aus, Nordhausen ist eine freie Reichsstadt und die Einwohner haben nur das Unangenehme der Republikaner, sie sind äusserst grob. Am Dienstag nahm ich einen Bothen und ritt auf so schlechten Wegen, als ich noch nie gesehn habe, nach Göttingen. Die Stadt ist sehr niedlich, mit dem Essen, der Wohnung, dem hiesigen Ton, mit allem bin ich ausserordentlich zufrieden. – Ich habe schon ein Collegium über den Horatz von Heyne gehört, mir hat es äusserst fade geschienen, gerade in der Manier, wie der Rath den H. erklärte.
Sei doch so gut und bringe wenn es möglich ist, meiner Schwester diesen Brief gleich.
Grüsse Rambach und Bernhardi herzlich von mir, ich will nächstens an beide schreiben. Wenn Du kannst, so antworte mir gleich mit der nächsten Post.
Ich bin seit meiner Reise (Leipzig und Nordhausen ausgenommen) so heiter und gesund, als ich es noch nie gewesen bin, sei Du es auch.
Tieck.