Mein geliebter Tieck,
Daß Du mir nicht sobald schreiben würdest, habe ich wohl gedacht, ich freue mich nur daß ich nun höre, daß Du gesund, u auf Deiner Reise vergnügt gewesen, und jetzt mit Göttingen so zufrieden bist. Ich kannte aber in der That kaum mehr Deine Hand auf dem Kouvert, als ich den Brief bekam; so lange hab’ ich nichts von Dir gesehn. Indeß vermied ich, mit Aengstlichkeit an Dich zu denken; u ich bin nun nur vergnügt, daß ich mir Dich in Gött. gesund u wohl vorstellen kann. Ich bin gesund gewesen, u habe mancherley Zerstreuungen gehabt. Bernhardi u Rambach, (beiden hab ich zu ihrer Freude Deinen Gruß bestellt,) grüßen wieder, u hoffen auf Briefe. Bernhardi hab’ ich wenig sehn können, bis itzt; aber Mittwochs sind wir mehrmals zusammen in ein Konzert gegangen, wo ich mich abbonnirt habe, haben uns zusammen in einen Winkel gestellt oder gesetzt, u Gutes u Schlechtes nicht nur angehört, sondern auch, wie Du denken kannst, vom Grund des Herzens bewundert, bekritisirt, bedisputirt, belacht u bespottet. Ich glaube, hätten wir unsern Willen, so würde Er gleich ein Baumeister, aus Liebe zur Kunst, u ich ein Musiker, – wenigstens auf einige Monathe lang. Rambach hat mir neulich Etwas aus seinen Syrakusern vorgelesen: Bernh. u ich finden, daß er hierin seinem Styl eine Vollendung, u seinen Gedanken u Empfindungen eine Würde u Wahrheit gegeben hat, die er bey seinen vorigen Fabrikwaaren, aus leidigem Zwange, verläugnen mußte. Er selbst gesteht, daß er dies mit ungleich mehr Besonnenheit u Ueberlegung geschrieben. Ich habe gesehen, wie viel er vermag. /
Es hat mich gefreut daß Du in Leipzig wieder an mich gedacht hast, aber leid gethan, daß diese Erinnerungen Dich einen Tag trübe gemacht haben. Die Truppe „wobey H. Kordemann Hauptrollen spielt,“ habe ich in Dresden gesehen. (H Kord. brachte den Ritter in Liebh. u Nebenb. in Ein. Pers.) Es ist wahr daß die Komödianten alle an einer unglücklichen Mittelmäßigkeit, oder gar Schlechtheit laboriren. Der H. Geiling ist im Komischen noch erträgl., aber doch Karrikatur; u hat, wie Du an allen wirst bemerkt haben, ein abscheulich häßl. u widriges Gesicht. – N. B. Vorige Woche sind „Die heimlichen Vermählten“, die wir in Lpz. mit so vielem Vergnügen sahen, hier aufgeführt, – aber, – wie Du vielleicht schon, zur Ehre u großem Ruhm aller Ohren des Berl. Publikums ahnden wirst, mit großer Gleichgültigkeit aufgenommen. Doch mag das dazu beytragen, daß man hier die Musik nicht mit dem Feuer u der Lebhaftigk. spielt wie da, (so habe ich gehört, ich habs hier noch nicht sehen können,) vornehml. aber, daß – Du wirst erschrecken, – die Stelle des jungen Menschen über dessen unnachahmliche Leichtigkeit u Natur u Anmuth in Geberden u Gesang wir uns so freuten, hier von dem steifen, hölzernen Hn Franz ersetzt wird, der blos – gut singt. Lippert mag jenem Italiäner in affektirten Armschleuderungen nichts nachgeben. Das artige junge Mädchen wird v. d. M. Müllern gespielt. Die Wittwe ist die Baranius; die andre, die Unzelmann. Er, Unzelmann, der den komischen Alten spielt, soll, wie leicht zu erachten, das Stück hier allein noch heben. Heut ist wieder ein neues kleines Lustsp. v. Babo, „die Mahler.“ /
Deine GasthofsArbeit ist freilich im Ganzen nichts außerordentliches. Aber ich bin dabey auf die Gedanken gekommen, daß ein Mensch der Poetische Natur durch Uebung u Kritik gereinigt u geläutert u gebildet hat, einer, der eine Anna Boleyn schreiben kann, (wenigstens anfangen kann – verstehst Du?) auch in der kleinsten Armseligkeit die er hinwirft, nicht durchaus, nicht gänzlich sich so herablassen kann, daß kein Funken von seinem Talent erkennbar seyn sollte. Ich habe immer geglaubt, daß der größte Kopf auch einmal, aus hunderterley mögl. Veranlassungen, das elendste Zeug schreiben kann; allein ich halte dafür, daß auch in diesem elenden Zeuge, immer etwas ist, wär’s auch nur ein Einziges Wort, das im kleinen ein Miniaturbild seines Genies ist, u das ihm vielleicht so zu sagen wider Wissen u Willen entschlüpft ist. – Die letzte Strophe Deines Gedichts ist recht schön. In den andern ist Manches was mir nicht gefällt: Schiefes u Queres u Reimzwang. Aber erkläre doch, die (ganz bekannt seyn mögende, mir aber immer etwas räthselhaft gewesene u gebliebene) Phrase: nach Thränen, Seufzern, u dergleichen die Stunden zählen! – Uebrigens muß ich Dir in allem Ernst sagen, daß jedes kleine Geschöpf Deiner Muse, mags so roh seyn als es will, mich doch immer leichter in den poetischen Humor stimmt, als sonst etwas. Aber überhaupt habe ich gemerkt, wenn ich von Dir nichts höre u sehe, – so feiert meine Muse, ich vergeße sie. Ists doch, als wäre Dein / Geist ein Theil von ihr; als zöge sie aus ihm nur Nahrung, als wäre sie nichts ohne ihn. Es ist mir gar auffallend, daß sobald ich was v. Dir lese, oder, noch besser, mit Dir mündl. in das Feld der Poesie hineinschweife, mein Blut sich erwärmt, u ich meine lebhaftern Empfindungen in Rythmen daher ströhmen zu lassen versucht werde. Jetzt habe ich wenig Zeit; allein sollte ich etwas dichten, so schick’ ichs Dir. Doch zweifle ich, bald.
Viva vox docet, ist ein Sprüchwort, was mir bey sehr vielen Wiss., bey historischen z. B., wenig Kraft zu haben scheint. Aber daß die viva vox eines Freundes nöthig ist, um dem Freunde Geist u Frohsinn in die Adern zu gießen, das fühl ich. Täglicher Umgang, wie ich ihn habe, erschlafft u verdirbt. Doch es wird anders werden.
Grüße Burgsdorf von Herzen. Was macht sein Carneval, u Karl u Montmorin?
Bernhardi lachte sehr als ich ihm Dein Urtheil v. Heynes Kollegium sagte: er glaubts gern. Ich? auch! Aber kurios ists um die Fama, dieses großsprecherische Geschöpf mit aufgeblasenen Backen. – Solltest Du in Gött. einmal den Prof. Forkel, der eine Gesch. d. Musik, eine musikal. kritische Bibl. usw. geschrieben, u ein vortreffl. musikal. Kritiker ist, kennen lernen, so schreib mir v. ihm. Schreib mir doch ja, ob er Kollegia üb. d. Musik itzt liest. Er ist mir ein interessanter Mann.
Ich habe nicht mehr Zeit. Bald mehr. Sey nur hübsch ordentlich im Schreiben. Ja? Schreib recht bald. An mir solls nicht fehlen. Leb wohl u vergiß mich nicht.
Wackenroder. Sonnabend Vormittag.
Daß Du mir nicht sobald schreiben würdest, habe ich wohl gedacht, ich freue mich nur daß ich nun höre, daß Du gesund, u auf Deiner Reise vergnügt gewesen, und jetzt mit Göttingen so zufrieden bist. Ich kannte aber in der That kaum mehr Deine Hand auf dem Kouvert, als ich den Brief bekam; so lange hab’ ich nichts von Dir gesehn. Indeß vermied ich, mit Aengstlichkeit an Dich zu denken; u ich bin nun nur vergnügt, daß ich mir Dich in Gött. gesund u wohl vorstellen kann. Ich bin gesund gewesen, u habe mancherley Zerstreuungen gehabt. Bernhardi u Rambach, (beiden hab ich zu ihrer Freude Deinen Gruß bestellt,) grüßen wieder, u hoffen auf Briefe. Bernhardi hab’ ich wenig sehn können, bis itzt; aber Mittwochs sind wir mehrmals zusammen in ein Konzert gegangen, wo ich mich abbonnirt habe, haben uns zusammen in einen Winkel gestellt oder gesetzt, u Gutes u Schlechtes nicht nur angehört, sondern auch, wie Du denken kannst, vom Grund des Herzens bewundert, bekritisirt, bedisputirt, belacht u bespottet. Ich glaube, hätten wir unsern Willen, so würde Er gleich ein Baumeister, aus Liebe zur Kunst, u ich ein Musiker, – wenigstens auf einige Monathe lang. Rambach hat mir neulich Etwas aus seinen Syrakusern vorgelesen: Bernh. u ich finden, daß er hierin seinem Styl eine Vollendung, u seinen Gedanken u Empfindungen eine Würde u Wahrheit gegeben hat, die er bey seinen vorigen Fabrikwaaren, aus leidigem Zwange, verläugnen mußte. Er selbst gesteht, daß er dies mit ungleich mehr Besonnenheit u Ueberlegung geschrieben. Ich habe gesehen, wie viel er vermag. /
Es hat mich gefreut daß Du in Leipzig wieder an mich gedacht hast, aber leid gethan, daß diese Erinnerungen Dich einen Tag trübe gemacht haben. Die Truppe „wobey H. Kordemann Hauptrollen spielt,“ habe ich in Dresden gesehen. (H Kord. brachte den Ritter in Liebh. u Nebenb. in Ein. Pers.) Es ist wahr daß die Komödianten alle an einer unglücklichen Mittelmäßigkeit, oder gar Schlechtheit laboriren. Der H. Geiling ist im Komischen noch erträgl., aber doch Karrikatur; u hat, wie Du an allen wirst bemerkt haben, ein abscheulich häßl. u widriges Gesicht. – N. B. Vorige Woche sind „Die heimlichen Vermählten“, die wir in Lpz. mit so vielem Vergnügen sahen, hier aufgeführt, – aber, – wie Du vielleicht schon, zur Ehre u großem Ruhm aller Ohren des Berl. Publikums ahnden wirst, mit großer Gleichgültigkeit aufgenommen. Doch mag das dazu beytragen, daß man hier die Musik nicht mit dem Feuer u der Lebhaftigk. spielt wie da, (so habe ich gehört, ich habs hier noch nicht sehen können,) vornehml. aber, daß – Du wirst erschrecken, – die Stelle des jungen Menschen über dessen unnachahmliche Leichtigkeit u Natur u Anmuth in Geberden u Gesang wir uns so freuten, hier von dem steifen, hölzernen Hn Franz ersetzt wird, der blos – gut singt. Lippert mag jenem Italiäner in affektirten Armschleuderungen nichts nachgeben. Das artige junge Mädchen wird v. d. M. Müllern gespielt. Die Wittwe ist die Baranius; die andre, die Unzelmann. Er, Unzelmann, der den komischen Alten spielt, soll, wie leicht zu erachten, das Stück hier allein noch heben. Heut ist wieder ein neues kleines Lustsp. v. Babo, „die Mahler.“ /
Deine GasthofsArbeit ist freilich im Ganzen nichts außerordentliches. Aber ich bin dabey auf die Gedanken gekommen, daß ein Mensch der Poetische Natur durch Uebung u Kritik gereinigt u geläutert u gebildet hat, einer, der eine Anna Boleyn schreiben kann, (wenigstens anfangen kann – verstehst Du?) auch in der kleinsten Armseligkeit die er hinwirft, nicht durchaus, nicht gänzlich sich so herablassen kann, daß kein Funken von seinem Talent erkennbar seyn sollte. Ich habe immer geglaubt, daß der größte Kopf auch einmal, aus hunderterley mögl. Veranlassungen, das elendste Zeug schreiben kann; allein ich halte dafür, daß auch in diesem elenden Zeuge, immer etwas ist, wär’s auch nur ein Einziges Wort, das im kleinen ein Miniaturbild seines Genies ist, u das ihm vielleicht so zu sagen wider Wissen u Willen entschlüpft ist. – Die letzte Strophe Deines Gedichts ist recht schön. In den andern ist Manches was mir nicht gefällt: Schiefes u Queres u Reimzwang. Aber erkläre doch, die (ganz bekannt seyn mögende, mir aber immer etwas räthselhaft gewesene u gebliebene) Phrase: nach Thränen, Seufzern, u dergleichen die Stunden zählen! – Uebrigens muß ich Dir in allem Ernst sagen, daß jedes kleine Geschöpf Deiner Muse, mags so roh seyn als es will, mich doch immer leichter in den poetischen Humor stimmt, als sonst etwas. Aber überhaupt habe ich gemerkt, wenn ich von Dir nichts höre u sehe, – so feiert meine Muse, ich vergeße sie. Ists doch, als wäre Dein / Geist ein Theil von ihr; als zöge sie aus ihm nur Nahrung, als wäre sie nichts ohne ihn. Es ist mir gar auffallend, daß sobald ich was v. Dir lese, oder, noch besser, mit Dir mündl. in das Feld der Poesie hineinschweife, mein Blut sich erwärmt, u ich meine lebhaftern Empfindungen in Rythmen daher ströhmen zu lassen versucht werde. Jetzt habe ich wenig Zeit; allein sollte ich etwas dichten, so schick’ ichs Dir. Doch zweifle ich, bald.
Viva vox docet, ist ein Sprüchwort, was mir bey sehr vielen Wiss., bey historischen z. B., wenig Kraft zu haben scheint. Aber daß die viva vox eines Freundes nöthig ist, um dem Freunde Geist u Frohsinn in die Adern zu gießen, das fühl ich. Täglicher Umgang, wie ich ihn habe, erschlafft u verdirbt. Doch es wird anders werden.
Grüße Burgsdorf von Herzen. Was macht sein Carneval, u Karl u Montmorin?
Bernhardi lachte sehr als ich ihm Dein Urtheil v. Heynes Kollegium sagte: er glaubts gern. Ich? auch! Aber kurios ists um die Fama, dieses großsprecherische Geschöpf mit aufgeblasenen Backen. – Solltest Du in Gött. einmal den Prof. Forkel, der eine Gesch. d. Musik, eine musikal. kritische Bibl. usw. geschrieben, u ein vortreffl. musikal. Kritiker ist, kennen lernen, so schreib mir v. ihm. Schreib mir doch ja, ob er Kollegia üb. d. Musik itzt liest. Er ist mir ein interessanter Mann.
Ich habe nicht mehr Zeit. Bald mehr. Sey nur hübsch ordentlich im Schreiben. Ja? Schreib recht bald. An mir solls nicht fehlen. Leb wohl u vergiß mich nicht.
Wackenroder. Sonnabend Vormittag.