Göttingen, 30ten Novbr. 1792.
Liebster W.!
Ich hatte schon recht lange auf einen Brief von Dir gewartet, schade nur, daß er nicht länger war. Der nächste wird es wahrscheinlich wieder gut machen, vollends wenn Du mir etwa ein Gedicht von Dir mitschicken wolltest. – Ich bin mit Göttingen in allen Sachen zufrieden, nur damit nicht, daß io ich die Briefe hier ungleich später erhalte als in Halle. – Hier werden seit einiger Zeit alle Briefe, die etwas stärker als gewöhnlich sind, eröffnet, um zu sehn ob sie nicht gedruckte rebellische Sachen enthalten, ist dies der Fall, so behält der Postmeister diese zurück, eine schöne Wirthschaft! –
Nach Thränen die Stunden zählen, ist nach meiner Meinung, ein sehr poetischer Ausdruck, ob er gleich wahrscheinlich nicht neu ist. – Es heißt soviel: andre zählen nach Minuten die Stunden, so andre nach Thränen. – Ich habe Adelbert u. Emma an Rambach geschickt, Du hast es wahrscheinlich schon gesehn, es kann Dich aber nichts daran interessiren, als daß es von Deinem Freunde ist, es lag mir entsezlich zur Last, ich machte es also nur in der grösten Eile fertig; wenn ich nächstens etwas abschicke, so soll es hoffentlich etwas besseres sein. – Schreibe mir doch Dein Urtheil darüber – daß die Emma darinn verächtlich wird und mit ihr Adelbert, ist wohl der gröste Fehler darinn, den abgerechnet, daß die Existenz des ganzen Dinges ein Fehler ist, doch – Du kennst ja meine Grundsätze darüber. –
Ich lebe und webe jezt im Shak., ich habe ihn noch nie so fleissig als izt studirt, in acht Tagen habe ich mir den ganzen Sturm abgeschrieben und trage nun eine Menge Lesearten und Bemerkungen zusammen, ich studiere mich auch jezt mehr in seine Sprache hinein, von meinen Grillen über ihn bin ich noch nicht abgewichen, – Romeo, Hamlet und Othello habe ich seit kurzer Zeit nun auch englisch durchgelesen, die Uebersetzung giebt einem wirklich gar keine rechte Idee von Shk. – Ich habe auch Eschenburgs Schrifft über ihn durchgelesen, die ich in Berlin schon so sehr zu haben wünschte, für den Liebhaber ist fast gar nichts drinn, man muß ausserordentlich genau mit dem Dichter bekannt sein, um etwas Interessantes herauszufinden, ich habe doch manches daraus gelernt.
Burgsdorff läßt Dich grüssen und bitten, Du möchtest ja Niemandem etwas von seinem Stücke sagen, sage dies doch auch ja Rambach u. Bernhardi, es liegt ihm erstaunlich viel daran, er fängt es izt wieder ganz von neuem an, weil er auch so noch nicht damit zufrieden war. Vergiß es nicht. –
Ich habe izt erstaunlich Muth, viel zu thun, meine Behauptung, daß die tägliche Gesellschaft sehr viel auf Lust und Vermögen zu arbeiten wirkt, wird mir immer wahrer. – Bei Rambach, oder bei mir zu Hause muß auch noch das lezte Drittheil der Anna Boleyn liegen, laß doch nachsuchen, ich brauche sie vielleicht, obgleich dies Sujet gar nicht mehr das vorige Interesse für mich hat, ich bin sehr damit unzufrieden.
Bei Heyne lerne ich doch manches; Göttingen gefällt mir gegen Halle ausserordentlich, der Ton ist unter den Studenten ungleich feiner und gesitteter. Bürgern habe ich noch nicht gesehn, auch Forkeln nicht. Dieser giebt hier Concerts, und läßt ausserordentlich viel Dittersdorfsche Musick aufführen, ob dies mit dem guten Geschmack übereinkommt, den Hieronymus Knicker so besonders liebzugewinnen, daran zweifle ich sehr und Du wahrscheinlich noch weit mehr. –
Genau genommen solltest Du Dich ganz allein mit der Musick, und ich mit der Dichtkunst beschäftigen, denn die Welt ist wirklich nicht für uns, so wie wir nicht für die Welt, wir werden dort immer (ich leider wenigstens) ihre Wichtigkeiten unwichtig finden und sie wird uns für excentrische Schwärmer halten, – doch, das ist nun einmahl nicht zu ändern. –
Schreib mir ja längere Briefe, sonst muß ich Dich an die erinnern, die ich in Halle von Dir erhielt.
Du wirst übrigens so gut sein und das kleine Gedicht bloß für poetische Fiction halten. –
Gieb doch meiner Schwester diesen Brief, verzeih daß ich Dir immer die Mühe mache.
Dein Freund Tieck.
Grüß Rambach u. Bernhardi.
Liebster W.!
Ich hatte schon recht lange auf einen Brief von Dir gewartet, schade nur, daß er nicht länger war. Der nächste wird es wahrscheinlich wieder gut machen, vollends wenn Du mir etwa ein Gedicht von Dir mitschicken wolltest. – Ich bin mit Göttingen in allen Sachen zufrieden, nur damit nicht, daß io ich die Briefe hier ungleich später erhalte als in Halle. – Hier werden seit einiger Zeit alle Briefe, die etwas stärker als gewöhnlich sind, eröffnet, um zu sehn ob sie nicht gedruckte rebellische Sachen enthalten, ist dies der Fall, so behält der Postmeister diese zurück, eine schöne Wirthschaft! –
Nach Thränen die Stunden zählen, ist nach meiner Meinung, ein sehr poetischer Ausdruck, ob er gleich wahrscheinlich nicht neu ist. – Es heißt soviel: andre zählen nach Minuten die Stunden, so andre nach Thränen. – Ich habe Adelbert u. Emma an Rambach geschickt, Du hast es wahrscheinlich schon gesehn, es kann Dich aber nichts daran interessiren, als daß es von Deinem Freunde ist, es lag mir entsezlich zur Last, ich machte es also nur in der grösten Eile fertig; wenn ich nächstens etwas abschicke, so soll es hoffentlich etwas besseres sein. – Schreibe mir doch Dein Urtheil darüber – daß die Emma darinn verächtlich wird und mit ihr Adelbert, ist wohl der gröste Fehler darinn, den abgerechnet, daß die Existenz des ganzen Dinges ein Fehler ist, doch – Du kennst ja meine Grundsätze darüber. –
Ich lebe und webe jezt im Shak., ich habe ihn noch nie so fleissig als izt studirt, in acht Tagen habe ich mir den ganzen Sturm abgeschrieben und trage nun eine Menge Lesearten und Bemerkungen zusammen, ich studiere mich auch jezt mehr in seine Sprache hinein, von meinen Grillen über ihn bin ich noch nicht abgewichen, – Romeo, Hamlet und Othello habe ich seit kurzer Zeit nun auch englisch durchgelesen, die Uebersetzung giebt einem wirklich gar keine rechte Idee von Shk. – Ich habe auch Eschenburgs Schrifft über ihn durchgelesen, die ich in Berlin schon so sehr zu haben wünschte, für den Liebhaber ist fast gar nichts drinn, man muß ausserordentlich genau mit dem Dichter bekannt sein, um etwas Interessantes herauszufinden, ich habe doch manches daraus gelernt.
Burgsdorff läßt Dich grüssen und bitten, Du möchtest ja Niemandem etwas von seinem Stücke sagen, sage dies doch auch ja Rambach u. Bernhardi, es liegt ihm erstaunlich viel daran, er fängt es izt wieder ganz von neuem an, weil er auch so noch nicht damit zufrieden war. Vergiß es nicht. –
Ich habe izt erstaunlich Muth, viel zu thun, meine Behauptung, daß die tägliche Gesellschaft sehr viel auf Lust und Vermögen zu arbeiten wirkt, wird mir immer wahrer. – Bei Rambach, oder bei mir zu Hause muß auch noch das lezte Drittheil der Anna Boleyn liegen, laß doch nachsuchen, ich brauche sie vielleicht, obgleich dies Sujet gar nicht mehr das vorige Interesse für mich hat, ich bin sehr damit unzufrieden.
Bei Heyne lerne ich doch manches; Göttingen gefällt mir gegen Halle ausserordentlich, der Ton ist unter den Studenten ungleich feiner und gesitteter. Bürgern habe ich noch nicht gesehn, auch Forkeln nicht. Dieser giebt hier Concerts, und läßt ausserordentlich viel Dittersdorfsche Musick aufführen, ob dies mit dem guten Geschmack übereinkommt, den Hieronymus Knicker so besonders liebzugewinnen, daran zweifle ich sehr und Du wahrscheinlich noch weit mehr. –
Genau genommen solltest Du Dich ganz allein mit der Musick, und ich mit der Dichtkunst beschäftigen, denn die Welt ist wirklich nicht für uns, so wie wir nicht für die Welt, wir werden dort immer (ich leider wenigstens) ihre Wichtigkeiten unwichtig finden und sie wird uns für excentrische Schwärmer halten, – doch, das ist nun einmahl nicht zu ändern. –
Schreib mir ja längere Briefe, sonst muß ich Dich an die erinnern, die ich in Halle von Dir erhielt.
Du wirst übrigens so gut sein und das kleine Gedicht bloß für poetische Fiction halten. –
Gieb doch meiner Schwester diesen Brief, verzeih daß ich Dir immer die Mühe mache.
Dein Freund Tieck.
Grüß Rambach u. Bernhardi.