Dienstag.
Mein lieber, bester Tieck,
Unsre Briefe haben sich begegnet, und mit ihnen unsre Seelen. Sollte mein etwas dickleibiges Schreiben ja das Unglück gehabt haben, geöffnet zu werden? Nun, was thuts! Was wird man gelacht haben über meine gereimte Verzweiflung die ich Dir geschickt habe!
Es trägt sehr viel zu meinem Vergnügen, ja zu meinem Leben bey, daß ich Dich in Göttingen so glücklich weiß. Möchte sich das nie ändern, so lange Du dort bist, u möchtest Du eine eben so schöne Zukunft erwarten u finden, wenn ich Dich in meine Arme wieder aufnehmen werde. Ich freue mich schon darauf, wie Du mir in Erlangen den Shakesp. erklären wirst. Da ich wenig geistvollen Umgang habe, so thue ich itzt auch, so viel ich auf gute Weise kann. Du hast vielleicht schon aus meiner neulichen Anführung aus einem altdeutschen Gedichte, ersehen, womit ich mich jetzt beschäftige. Ich höre beym Prediger Koch, der in der That ein äußerst gelehrter, kenntnißreicher u eifrigthätiger Mann ist, ein Kolleg. über die allgm. Litteratur-Geschichte, vornehml. über die schönen Wiss. unter den Deutschen. Da hab’ ich denn manche sehr interressante Bekanntschaft mit altdeutschen Dichtern gemacht, u gesehn, daß dies Studium, mit einigem Geist betrieben, sehr viel anziehendes hat. Ich habe mir auch einige Stücke abgeschrieben; u schmeichle mir jetzt öfters mit der (wenn auch kindischen, doch ergötzenden) Hoffnung, einmal in dem Winkel mancher Bibliothek, Entdeckungen in diesem Fach zu machen, oder wenigstens es durch kleine Aufklärungen zu erweitern. Schon Sprache, Etymologie, u Wortverwandtschaften, (besonders auch das Wohlklingende der alten Ostfränk. Sprache) machen das Lesen jener alten / Ueberbleibsel interressant. Aber auch davon abstrahirt, findet man viel Genie u poet. Geist darin. Du wunderst Dich vielleicht, wie ich auf diese Sachen falle; allein Beschäftigung ist jetzt das beßte für mich; u zu gelehrt werd’ ich wahrlich nicht werden.
Nächst diesem aber hab’ ich noch ein andres Lieblingsstudium, was ich, wär’ ich an dem Orte wo Du bist, mit ganzer Seele umfassen würde, und das ist die Archäologie. Ich beneide Dich: wie wollte ich die Gött. Bibl. nutzen! Besiehst Du etwa auch dies oder jenes große Werk darin über alte Kunst, so gieb mir doch Nachricht davon. – In Erlangen hoff ich meinen Lieblingsneigungen aber mit wahrerer Muße nachhängen zu können, als hier.
Ein paar Neuigkeiten. Im 2ten Stück des 110ten Bandes der Allg. Deutsch. Bibl. hab ich ganz vor Kurzem Rambachs Theseus auf Kr. recensirt gelesen. Man hat ihm nur etwa 11/2 Seiten gegönnt, u darauf stand weiter nichts, als: daß der Plan schlecht sey, daß man lange nicht so holprige, unmusikal. Verse gesehn, u daß die Schreibart in Prosa höchst affektirt sey. Die beyden letzten Punkte waren mit einigen Beispielen belegt. Wieder eine Bestätigung meines Urtheils. – – Moritz hatte neul. geheirathet. Siede, (der abscheul. Mensch,) ist mit seiner [Moritzes] Frau davongegangen: aber man hat sie eingeholt, u Siede sitzt / im Arrest. – Bey Moritz fällt mir noch eins ein. Sage mir, erkläre mir, wie kommt es, daß er, allem Anschein nach, jetzt einen so sonderbaren Karakter annimmt: schon seit einiger Zeit hab ich v. glaubw. Leuten gehört, daß er sich gegen den Grafen Herzb. auf d. Akademie mit der kriechendsten Schmeicheley bezeigen soll. Das ist mir doch noch ein wenig unerklärbarer, als daß er Grammatiken schreiben konnte. Erkläre mir wenn Du kannst, ich bitte Dich recht sehr, diese räthselhafte Erscheinung an Deinem Zwillingsbruder. Das Faktum darfst Du in der That nicht bezweifeln.
Ueber Adalb. u Emma hast Du mein Urtheil. Natürl. wars nur ein flüchtiger Aufsatz, wie Du nun auch sagst. Daß Emma verächtl. wird scheint Dir also doch auch so fehlerhaft? Nun sind wir ja immer einig. Deine Schwester wußte mir, als ichs ihr vorlas, zu meinem Vergnügen viele Parrallelstellen aus Deinen älteren Gedichten anzuführen. – Ueber Burgsdorfs Stück hab ich Deinen Auftrag bestellt. Warum wirft er’s um? – Und warum verläßt Du Deine arme Anna B. im Tode? frag’ ich Dich sehr ernstlich. Es sollte mir sehr leid thun, wenn der Gegenstand das Interresse für Dich verlohren hätte!
Was urtheilst Du von meinen neulichen Bruchstücken einer Theorie des Umgangs? Es liegt mir etwas daran / es zu wissen. Ich könnte noch manche Nachträge dazu machen, weil in der Eil mir nicht alles beygefallen ist, meine Meynung ganz auseinanderzusetzen, u sie gegen mehr als Eine Seite für Einwürfe zu sichern. Z. B. daß mein Vorschlag freil. nur das letzte Refugium ist, und es auch sein Widriges hat, wenn man sich etwas dumm, oder vielmehr zurückhaltend stellt; daß in Gesellschaft mehrerer Menschen von ganz verschiednem Werth, man freil. nicht so ganz offen seine Liebe u Neigung dem einen Theil bezeugen kann, wenn man seine Rolle gegen den andern nicht verpfuschen, und das Reizende eines stundenlangen interressanten Umgangs, durch die unangenehmen Folgen erkaufen will, die bey dem nachher immer fortgesetzten Umgang mit jenen anderen die Umwandelung des Charakters, und das Bloßgeben seiner wahren Gesinnungen nach sich ziehn. Mir fällt noch ein Beyspiel ein. Wenn ich einmal von Erziehung spreche, und mit allem Eifer das Abgeschmackte der gewöhnl. Erziehung bestreite; behaupte, daß es ein Gift für Kinder ist, wenn man sie im 4ten J. schon mit Strenge zur Schule treibt, sie mit Kenntnissen aller Art vollpfropft, u zu Hause will, daß sie die Zeit so vernünftig eintheilen, u mit ihren Sachen so ökonomisch umgehen sollen wie, – ein vielleicht bald 70jähriger H. Arnoldi bey uns; – wenn ich mich in dergl. Diskurse mit / Lebhaftigkeit, (u ohnedem kann ichs nicht,) einlasse, – so erzählt mir den Augenblick darauf mein H. V., daß er auch seit dem 4ten J. in die Schule gegangen ist, mit der größten Trockenheit, (denn irgend etwas was er weiß oder denkt, doch wissen ist das rechte Wort, das würde ihm unmögl., – was sag’ ich! ich glaube er würde krank, wenn er es bey sich behielte. –) genug ich bin dann, zumal wenn meine Aeltern dabey sind, aufs Maul geschlagen. Ists nun hier nicht hundertmal besser, wenn ich sage: „Ich halte eine gute Erziehung für äußerst schwer, u weiß nicht, wie ich sie am beßten einrichten sollte.“ Und was vergebe ich denn da meinen eigenthüml. Meynungen? Was schiebe ich mir denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit für Grundsätze unter, deren ich mich zu schämen hätte? – Ich weiß durchaus keine andre Methode als die meinige. Daß sie die bequemste ist, u ich sie deswegen schätze, darfst Du warhl. nicht glauben; denn es würde mir oft weit leichter seyn, mich der drückenden Last meiner Gedanken u Empfindungen zu entladen, als sie in mir zu unterdrücken. – Doch ich will erst Deine Einwürfe gegen das was ich schon gesagt habe, hören, ehe ich mehr sage. Du wirst verzeihen, daß ich so weitläuftig in dieser Sache bin: ich wünschte, daß wir uns auch über diesen Punkt einmal einverständigten, unsre gegenseitigen Meynungen mit einander mischten, u in Eine Masse kneteten, die künftig alsdann ein Eigenthum von / uns beyden würde; wie wir es schon öfters bey andrer Gelegenheit gemacht haben.
Die übertriebene Reizbarkeit meiner Nerven, für die ich keinen Namen habe, u auf die ich in der That nicht stolz seyn darf, ist mir bey jenem Umgange auch sehr zur Last. Jedem andern würde ich Räthsel sprechen, aber Du wirst in meine Seele eindringen, wenn ich Dir sage, daß der bloße Anblick eines Menschen wie – mir im eigentl. Verstande wehe thut, mir Schmerzen macht. Blos ihn ansehen, macht meine Brust so beklemmt, daß ich nicht frey Athem hohlen kann. Ja was mehr ist, ich kann ihn kaum ansehen, ohne in mir die unbehaglichste Empfindung des Widerwillens u der Abneigung zu fühlen; eine Empfind., die gewiß, öfter wiederholt, einen nachtheil. Einfluß hat, den Kopf abstumpft, u – das Herz verdirbt. Jede Fröhlichkeit, jede Liebe, jede Zuneigung veredelt uns, ist selber Tugend; jedes Gefühl, wovon Haß die Wurzel ist, verschlechtert u erniedrigt uns. Dies sind Grundsätze, von denen ich itzt vollkommen überzeugt bin. Auch verstehe ich itzt ungleich mehr, als sonst, was Du mir einst sagtest: daß der Anblick eines schönen u ausdrucksvollen Gemähldes, ja der Genuß des schönen in allen schönen Künsten, ganz unmittelbar das Herz veredelt, u die Seele erhebt. Ich fühl’ es so deutlich, wenn ich nur Dein Gesicht ansehe, so bin ich gut; aber sein Gesicht, das verstimmt ganz u gar die harmonischen Saiten meiner Seele.
Noch eine Probe meiner Reizbarkeit mußte ich neul. erfahren. Des Abends ward bey Tische aus einer neuen Seereise, die rührende Gesch. eines Schiffskapitäns erzählt, der von seinen rebellirenden Leuten auf ein Boot ausgesetzt, und mit der größten Lebensgefahr, und unter allaugenblicklicher Furcht vor Hunger zu sterben mit wenigen seiner treuen Gefährten von Otaheiti nach Engl. zurückgekommen war. Dies machte mich so mißmüthig, daß ich gleich zu Bette gieng. / Ich hatte eine Empfindung, als wenn mir vor mir selber ekelte, daß ich hier so ruhig u glückl. säße; es war mir, als hätte ich Unglück mit Gold erkaufen können, u meinen Körper geißeln u kasteien. Dabey kam ich aber nachher auf die Idee diese Empfindung in eine Ode zu bringen, u überhaupt, eine ganz eigene Art von Oden einzuführen: Eine Art, die ich lyrische Gedichte κατ' εξοχην nennen würde, u die immer meine Lieblingsgattung gewesen sind. Es sollen treue Gemählde der Empfindung u Leidenschaft seyn, ganz individuell u ganz nach der Natur gemalt. Sie sollen den ächten, wahren Ausbruch der Leidenschaft darstellen, ihren Keim, ihre Quelle andeuten, auf ihre Folgen führen, u so dazu dienen, Menschen, Menschenherzen kennen zu lehren, Menschen, Menschen zu erklären u zu entdecken, u Menschen vor Menschen zu vertheidigen. Sie sollen zeigen, wie der Glückliche u Unglückliche durch das Uebermaaß seiner Empfindung zu Verbrechen geleitet werden kann; sie sollen den kältesten Hörer erwärmen u mit sich fortreißen, daß er am Ende selbst erschrickt wohin er sich gestürzt sieht, aber eben dadurch aufs fühlbarste lerne, wie er von empfindenden Menschen urtheilen soll. Einige Oden v. Stollberg sind ganz in diesem Charakter. Schillers Oden sind die unerreichbaren Muster dieser Gattung. Sieh dagegen Ramlersche Oden an, u – horazische! Der Leser ist immer außerhalb der Welt des Dichters, u kann nur Kritik des Plans anwenden. Wie anders ist das dort? Man mag nachher freil. auch den Dichter als Dichter betrachten u bewundern, man mag seinen Plan analysiren: allein, was ist / dies auch für ein Plan? Kein Plan! es ist der feurige Strohm der Leidenschaft, der wie die Lava vom Aetna ströhmt, wo nicht die Frage ist, warum diese Welle auf jene folgt, warum jene größere alle kleineren vor sich verschlingt! Wo in der Natur, im Original alles Beweisen der Vollkommenheit des Stücks liegt! Hier muß man ganz zur Person der Ode werden, ganz selbst empfinden, selbst Dichter seyn. Bey R. hingegen muß man seinen Scharfsinn anstrengen um die künstl. u ausstudirte Kombination seiner Ideen u klugen Gedanken zu fassen u zu schätzen. Ich hoffe, Du wirst mich ganz so verstehn, wie ich mich selbst verstehe. – Die Ode die ich Dir neulich schickte, sollte ein kleiner Versuch in dieser Art seyn. In der, wovon ich Dir vorher sagte, wollte ich die Empfindung eines Menschen schildern, der, von dem tausendfachen Elend der Menschheit bey eigener Zufriedenheit so niedergedrückt wird, daß er sich in einsame Wüsten stürzt, und in wahnsinniger Schwärmerey auf die Idee kommt, sich allerley Pönitenzen aufzulegen. Sollte eine solche Ode, nicht ein helles Licht auf jene schwärmerischen Eremiten des Mittelalters werfen, und den Weg, wenigstens Einen Weg zeigen, auf welchem die Menschen zu Handlungen kamen, die den meisten so widersinnig u abgeschmackt scheinen, daß sie jene für ganz vernunftlose, fast nicht zur Menschheit gehörende Wesen halten? nicht zeigen, daß es grade das Gefühl ihrer Menschheit war, das sie zu ihren paradoxen Ideen leitete? Ich habe schon mehr / dergl. Entwürfe im Kopf, aber bis itzt, bey tausend Hindernissen u Störungen noch ganz unmögl. Zeit gehabt, einen auszuführen. – Was meine kleinen lyr. Ged. überhaupt betrifft, so sind sie alle mehr empfindungs- als gedankenvoll, weil sie mir weit mehr lyrisch auf jene Art, als auf diese scheinen, u diejenigen, (welche die meisten sind,) die ein Ausbruch meiner eigenen individuellen Empfindung waren, werden einen Beitrag zur Gesch. meines Geistes ausmachen.
Als Juristen, wenn ich je einer werden sollte, wird meine Empfindsamkeit mir auch eine wahre Bürde seyn. Ein paar Abende hat mir mein Vater die Akten eines kl. Prozesses gezeigt, u sie mich ganz durchlesen lassen. Es ist wahr, zur rechten Darstellung der Hauptumstände des Faktums, zur Beurtheilung desselben, u zur Anwendung der Gesetze darauf, gehört eine gewisse Kritik, die allerdings den Verstand beschäftigt u schärft, wenigstens bey etwas schwierigen Sachen. Und alle Kritik ist, wie ich jetzt ganz wohl einsehe, eine schätzbare u liebenswürdige Thätigkeit des Geistes. Aber, abgerechnet, daß sie in der Jurisprud. oft höchst unsicher ist, daß ihre Freiheit durch positive Gesetze, Gewohnheiten u tausend Kleinigkeiten eingeschränkt wird, u daß es kein sehr tröstl. Gedanke seyn kann, sich mit seinem guten Gewissen allein zu beruhigen, u gänzl. ungewiß zu seyn, ob man, weil der Mensch nicht allwissend ist, u Prozesse doch ein Ende haben müssen, wirkl. nach der Gerechtigkeit entschieden, oder, getäuscht, wer weiß wie viel Menschen unglückl. gemacht habe: – das alles abgerechnet, ist es schon eine mir äußerst widrige Aussicht: daß ich meinen kalten Verstand brauchen soll, wo Herzen gegeneinander stoßen; daß ich das Feuer der Leidenschaft mit Wasser ersticken, – den Knoten des mannigfaltig verschlungenen Interesses so vieler / zerhauen, – einen Vorfall, über den ich, wenn ich ihn auf der Bühne dargestellt sähe, von dem innigsten Mitleid durchdrungen, in Thränen zerflöße, einen solchen Vorfall – wie eine Variante einer gemeinen Lesart ansehen, u überlegen, ausrechnen soll, ob er in den Zusammenhang paßt, oder nicht. Freilich ist eine Jurisprud. im Staate nöthig; freil. ist es nöthig, daß der Richter, (ich kann nicht anders sprechen, weil ich durchaus nicht sehe wie das Gegentheil seyn könnte,) daß er menschl. Empfindung verläugnen, u sich zu einem kalt die Handlungen der Menschen abwägenden Wesen, über die Menschheit erhöhen muß; freilich! – Nur ich! – Und, um wieder auf Kritik zurückzukommen, so gestehst Du mir gewiß leicht ein, daß sie nicht das edelste Bestreben, u das höchste Verdienst des Menschen seyn kann. Sie besteht immer nur in Vergleichung, Zusammensetzung u Trennung dessen was schon da ist, Verwandlung des schon existirenden. Nur schaffen bringt uns der Gottheit näher; u der Künstler, der Dichter, ist Schöpfer. Es lebe die Kunst! Sie allein erhebt uns über die Erde, u macht uns unsers Himmels würdig. –
Mein Freund Schuderoff hat uns wieder geschrieben. Die Freude über eine Braut, die ein äußerst liebenswürdiges Mädchen seyn muß, hat ihn in einen ausgelassenen Taumel von Freude versetzt. Er schreibt mit der muthwilligsten Laune. Er will uns mit offenen Armen erwarten; u gar nicht einmal mit 14 Tagen zufrieden seyn. Wir werden göttlich bey ihm leben.
Schreib mir, wenn Du kannst, litterar. u archäologische Neuigkeiten u Alterthümer, – v. d. Gött. Gelehrten Etwas, usw. Forkels Geschmack thut mir leid. – Bleib gesund. Keinen Augenblick länger Zeit! Grüß Burgsdorf! Schreibe bald.
W. H. Wackenroder.
Mein lieber, bester Tieck,
Unsre Briefe haben sich begegnet, und mit ihnen unsre Seelen. Sollte mein etwas dickleibiges Schreiben ja das Unglück gehabt haben, geöffnet zu werden? Nun, was thuts! Was wird man gelacht haben über meine gereimte Verzweiflung die ich Dir geschickt habe!
Es trägt sehr viel zu meinem Vergnügen, ja zu meinem Leben bey, daß ich Dich in Göttingen so glücklich weiß. Möchte sich das nie ändern, so lange Du dort bist, u möchtest Du eine eben so schöne Zukunft erwarten u finden, wenn ich Dich in meine Arme wieder aufnehmen werde. Ich freue mich schon darauf, wie Du mir in Erlangen den Shakesp. erklären wirst. Da ich wenig geistvollen Umgang habe, so thue ich itzt auch, so viel ich auf gute Weise kann. Du hast vielleicht schon aus meiner neulichen Anführung aus einem altdeutschen Gedichte, ersehen, womit ich mich jetzt beschäftige. Ich höre beym Prediger Koch, der in der That ein äußerst gelehrter, kenntnißreicher u eifrigthätiger Mann ist, ein Kolleg. über die allgm. Litteratur-Geschichte, vornehml. über die schönen Wiss. unter den Deutschen. Da hab’ ich denn manche sehr interressante Bekanntschaft mit altdeutschen Dichtern gemacht, u gesehn, daß dies Studium, mit einigem Geist betrieben, sehr viel anziehendes hat. Ich habe mir auch einige Stücke abgeschrieben; u schmeichle mir jetzt öfters mit der (wenn auch kindischen, doch ergötzenden) Hoffnung, einmal in dem Winkel mancher Bibliothek, Entdeckungen in diesem Fach zu machen, oder wenigstens es durch kleine Aufklärungen zu erweitern. Schon Sprache, Etymologie, u Wortverwandtschaften, (besonders auch das Wohlklingende der alten Ostfränk. Sprache) machen das Lesen jener alten / Ueberbleibsel interressant. Aber auch davon abstrahirt, findet man viel Genie u poet. Geist darin. Du wunderst Dich vielleicht, wie ich auf diese Sachen falle; allein Beschäftigung ist jetzt das beßte für mich; u zu gelehrt werd’ ich wahrlich nicht werden.
Nächst diesem aber hab’ ich noch ein andres Lieblingsstudium, was ich, wär’ ich an dem Orte wo Du bist, mit ganzer Seele umfassen würde, und das ist die Archäologie. Ich beneide Dich: wie wollte ich die Gött. Bibl. nutzen! Besiehst Du etwa auch dies oder jenes große Werk darin über alte Kunst, so gieb mir doch Nachricht davon. – In Erlangen hoff ich meinen Lieblingsneigungen aber mit wahrerer Muße nachhängen zu können, als hier.
Ein paar Neuigkeiten. Im 2ten Stück des 110ten Bandes der Allg. Deutsch. Bibl. hab ich ganz vor Kurzem Rambachs Theseus auf Kr. recensirt gelesen. Man hat ihm nur etwa 11/2 Seiten gegönnt, u darauf stand weiter nichts, als: daß der Plan schlecht sey, daß man lange nicht so holprige, unmusikal. Verse gesehn, u daß die Schreibart in Prosa höchst affektirt sey. Die beyden letzten Punkte waren mit einigen Beispielen belegt. Wieder eine Bestätigung meines Urtheils. – – Moritz hatte neul. geheirathet. Siede, (der abscheul. Mensch,) ist mit seiner [Moritzes] Frau davongegangen: aber man hat sie eingeholt, u Siede sitzt / im Arrest. – Bey Moritz fällt mir noch eins ein. Sage mir, erkläre mir, wie kommt es, daß er, allem Anschein nach, jetzt einen so sonderbaren Karakter annimmt: schon seit einiger Zeit hab ich v. glaubw. Leuten gehört, daß er sich gegen den Grafen Herzb. auf d. Akademie mit der kriechendsten Schmeicheley bezeigen soll. Das ist mir doch noch ein wenig unerklärbarer, als daß er Grammatiken schreiben konnte. Erkläre mir wenn Du kannst, ich bitte Dich recht sehr, diese räthselhafte Erscheinung an Deinem Zwillingsbruder. Das Faktum darfst Du in der That nicht bezweifeln.
Ueber Adalb. u Emma hast Du mein Urtheil. Natürl. wars nur ein flüchtiger Aufsatz, wie Du nun auch sagst. Daß Emma verächtl. wird scheint Dir also doch auch so fehlerhaft? Nun sind wir ja immer einig. Deine Schwester wußte mir, als ichs ihr vorlas, zu meinem Vergnügen viele Parrallelstellen aus Deinen älteren Gedichten anzuführen. – Ueber Burgsdorfs Stück hab ich Deinen Auftrag bestellt. Warum wirft er’s um? – Und warum verläßt Du Deine arme Anna B. im Tode? frag’ ich Dich sehr ernstlich. Es sollte mir sehr leid thun, wenn der Gegenstand das Interresse für Dich verlohren hätte!
Was urtheilst Du von meinen neulichen Bruchstücken einer Theorie des Umgangs? Es liegt mir etwas daran / es zu wissen. Ich könnte noch manche Nachträge dazu machen, weil in der Eil mir nicht alles beygefallen ist, meine Meynung ganz auseinanderzusetzen, u sie gegen mehr als Eine Seite für Einwürfe zu sichern. Z. B. daß mein Vorschlag freil. nur das letzte Refugium ist, und es auch sein Widriges hat, wenn man sich etwas dumm, oder vielmehr zurückhaltend stellt; daß in Gesellschaft mehrerer Menschen von ganz verschiednem Werth, man freil. nicht so ganz offen seine Liebe u Neigung dem einen Theil bezeugen kann, wenn man seine Rolle gegen den andern nicht verpfuschen, und das Reizende eines stundenlangen interressanten Umgangs, durch die unangenehmen Folgen erkaufen will, die bey dem nachher immer fortgesetzten Umgang mit jenen anderen die Umwandelung des Charakters, und das Bloßgeben seiner wahren Gesinnungen nach sich ziehn. Mir fällt noch ein Beyspiel ein. Wenn ich einmal von Erziehung spreche, und mit allem Eifer das Abgeschmackte der gewöhnl. Erziehung bestreite; behaupte, daß es ein Gift für Kinder ist, wenn man sie im 4ten J. schon mit Strenge zur Schule treibt, sie mit Kenntnissen aller Art vollpfropft, u zu Hause will, daß sie die Zeit so vernünftig eintheilen, u mit ihren Sachen so ökonomisch umgehen sollen wie, – ein vielleicht bald 70jähriger H. Arnoldi bey uns; – wenn ich mich in dergl. Diskurse mit / Lebhaftigkeit, (u ohnedem kann ichs nicht,) einlasse, – so erzählt mir den Augenblick darauf mein H. V., daß er auch seit dem 4ten J. in die Schule gegangen ist, mit der größten Trockenheit, (denn irgend etwas was er weiß oder denkt, doch wissen ist das rechte Wort, das würde ihm unmögl., – was sag’ ich! ich glaube er würde krank, wenn er es bey sich behielte. –) genug ich bin dann, zumal wenn meine Aeltern dabey sind, aufs Maul geschlagen. Ists nun hier nicht hundertmal besser, wenn ich sage: „Ich halte eine gute Erziehung für äußerst schwer, u weiß nicht, wie ich sie am beßten einrichten sollte.“ Und was vergebe ich denn da meinen eigenthüml. Meynungen? Was schiebe ich mir denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit für Grundsätze unter, deren ich mich zu schämen hätte? – Ich weiß durchaus keine andre Methode als die meinige. Daß sie die bequemste ist, u ich sie deswegen schätze, darfst Du warhl. nicht glauben; denn es würde mir oft weit leichter seyn, mich der drückenden Last meiner Gedanken u Empfindungen zu entladen, als sie in mir zu unterdrücken. – Doch ich will erst Deine Einwürfe gegen das was ich schon gesagt habe, hören, ehe ich mehr sage. Du wirst verzeihen, daß ich so weitläuftig in dieser Sache bin: ich wünschte, daß wir uns auch über diesen Punkt einmal einverständigten, unsre gegenseitigen Meynungen mit einander mischten, u in Eine Masse kneteten, die künftig alsdann ein Eigenthum von / uns beyden würde; wie wir es schon öfters bey andrer Gelegenheit gemacht haben.
Die übertriebene Reizbarkeit meiner Nerven, für die ich keinen Namen habe, u auf die ich in der That nicht stolz seyn darf, ist mir bey jenem Umgange auch sehr zur Last. Jedem andern würde ich Räthsel sprechen, aber Du wirst in meine Seele eindringen, wenn ich Dir sage, daß der bloße Anblick eines Menschen wie – mir im eigentl. Verstande wehe thut, mir Schmerzen macht. Blos ihn ansehen, macht meine Brust so beklemmt, daß ich nicht frey Athem hohlen kann. Ja was mehr ist, ich kann ihn kaum ansehen, ohne in mir die unbehaglichste Empfindung des Widerwillens u der Abneigung zu fühlen; eine Empfind., die gewiß, öfter wiederholt, einen nachtheil. Einfluß hat, den Kopf abstumpft, u – das Herz verdirbt. Jede Fröhlichkeit, jede Liebe, jede Zuneigung veredelt uns, ist selber Tugend; jedes Gefühl, wovon Haß die Wurzel ist, verschlechtert u erniedrigt uns. Dies sind Grundsätze, von denen ich itzt vollkommen überzeugt bin. Auch verstehe ich itzt ungleich mehr, als sonst, was Du mir einst sagtest: daß der Anblick eines schönen u ausdrucksvollen Gemähldes, ja der Genuß des schönen in allen schönen Künsten, ganz unmittelbar das Herz veredelt, u die Seele erhebt. Ich fühl’ es so deutlich, wenn ich nur Dein Gesicht ansehe, so bin ich gut; aber sein Gesicht, das verstimmt ganz u gar die harmonischen Saiten meiner Seele.
Noch eine Probe meiner Reizbarkeit mußte ich neul. erfahren. Des Abends ward bey Tische aus einer neuen Seereise, die rührende Gesch. eines Schiffskapitäns erzählt, der von seinen rebellirenden Leuten auf ein Boot ausgesetzt, und mit der größten Lebensgefahr, und unter allaugenblicklicher Furcht vor Hunger zu sterben mit wenigen seiner treuen Gefährten von Otaheiti nach Engl. zurückgekommen war. Dies machte mich so mißmüthig, daß ich gleich zu Bette gieng. / Ich hatte eine Empfindung, als wenn mir vor mir selber ekelte, daß ich hier so ruhig u glückl. säße; es war mir, als hätte ich Unglück mit Gold erkaufen können, u meinen Körper geißeln u kasteien. Dabey kam ich aber nachher auf die Idee diese Empfindung in eine Ode zu bringen, u überhaupt, eine ganz eigene Art von Oden einzuführen: Eine Art, die ich lyrische Gedichte κατ' εξοχην nennen würde, u die immer meine Lieblingsgattung gewesen sind. Es sollen treue Gemählde der Empfindung u Leidenschaft seyn, ganz individuell u ganz nach der Natur gemalt. Sie sollen den ächten, wahren Ausbruch der Leidenschaft darstellen, ihren Keim, ihre Quelle andeuten, auf ihre Folgen führen, u so dazu dienen, Menschen, Menschenherzen kennen zu lehren, Menschen, Menschen zu erklären u zu entdecken, u Menschen vor Menschen zu vertheidigen. Sie sollen zeigen, wie der Glückliche u Unglückliche durch das Uebermaaß seiner Empfindung zu Verbrechen geleitet werden kann; sie sollen den kältesten Hörer erwärmen u mit sich fortreißen, daß er am Ende selbst erschrickt wohin er sich gestürzt sieht, aber eben dadurch aufs fühlbarste lerne, wie er von empfindenden Menschen urtheilen soll. Einige Oden v. Stollberg sind ganz in diesem Charakter. Schillers Oden sind die unerreichbaren Muster dieser Gattung. Sieh dagegen Ramlersche Oden an, u – horazische! Der Leser ist immer außerhalb der Welt des Dichters, u kann nur Kritik des Plans anwenden. Wie anders ist das dort? Man mag nachher freil. auch den Dichter als Dichter betrachten u bewundern, man mag seinen Plan analysiren: allein, was ist / dies auch für ein Plan? Kein Plan! es ist der feurige Strohm der Leidenschaft, der wie die Lava vom Aetna ströhmt, wo nicht die Frage ist, warum diese Welle auf jene folgt, warum jene größere alle kleineren vor sich verschlingt! Wo in der Natur, im Original alles Beweisen der Vollkommenheit des Stücks liegt! Hier muß man ganz zur Person der Ode werden, ganz selbst empfinden, selbst Dichter seyn. Bey R. hingegen muß man seinen Scharfsinn anstrengen um die künstl. u ausstudirte Kombination seiner Ideen u klugen Gedanken zu fassen u zu schätzen. Ich hoffe, Du wirst mich ganz so verstehn, wie ich mich selbst verstehe. – Die Ode die ich Dir neulich schickte, sollte ein kleiner Versuch in dieser Art seyn. In der, wovon ich Dir vorher sagte, wollte ich die Empfindung eines Menschen schildern, der, von dem tausendfachen Elend der Menschheit bey eigener Zufriedenheit so niedergedrückt wird, daß er sich in einsame Wüsten stürzt, und in wahnsinniger Schwärmerey auf die Idee kommt, sich allerley Pönitenzen aufzulegen. Sollte eine solche Ode, nicht ein helles Licht auf jene schwärmerischen Eremiten des Mittelalters werfen, und den Weg, wenigstens Einen Weg zeigen, auf welchem die Menschen zu Handlungen kamen, die den meisten so widersinnig u abgeschmackt scheinen, daß sie jene für ganz vernunftlose, fast nicht zur Menschheit gehörende Wesen halten? nicht zeigen, daß es grade das Gefühl ihrer Menschheit war, das sie zu ihren paradoxen Ideen leitete? Ich habe schon mehr / dergl. Entwürfe im Kopf, aber bis itzt, bey tausend Hindernissen u Störungen noch ganz unmögl. Zeit gehabt, einen auszuführen. – Was meine kleinen lyr. Ged. überhaupt betrifft, so sind sie alle mehr empfindungs- als gedankenvoll, weil sie mir weit mehr lyrisch auf jene Art, als auf diese scheinen, u diejenigen, (welche die meisten sind,) die ein Ausbruch meiner eigenen individuellen Empfindung waren, werden einen Beitrag zur Gesch. meines Geistes ausmachen.
Als Juristen, wenn ich je einer werden sollte, wird meine Empfindsamkeit mir auch eine wahre Bürde seyn. Ein paar Abende hat mir mein Vater die Akten eines kl. Prozesses gezeigt, u sie mich ganz durchlesen lassen. Es ist wahr, zur rechten Darstellung der Hauptumstände des Faktums, zur Beurtheilung desselben, u zur Anwendung der Gesetze darauf, gehört eine gewisse Kritik, die allerdings den Verstand beschäftigt u schärft, wenigstens bey etwas schwierigen Sachen. Und alle Kritik ist, wie ich jetzt ganz wohl einsehe, eine schätzbare u liebenswürdige Thätigkeit des Geistes. Aber, abgerechnet, daß sie in der Jurisprud. oft höchst unsicher ist, daß ihre Freiheit durch positive Gesetze, Gewohnheiten u tausend Kleinigkeiten eingeschränkt wird, u daß es kein sehr tröstl. Gedanke seyn kann, sich mit seinem guten Gewissen allein zu beruhigen, u gänzl. ungewiß zu seyn, ob man, weil der Mensch nicht allwissend ist, u Prozesse doch ein Ende haben müssen, wirkl. nach der Gerechtigkeit entschieden, oder, getäuscht, wer weiß wie viel Menschen unglückl. gemacht habe: – das alles abgerechnet, ist es schon eine mir äußerst widrige Aussicht: daß ich meinen kalten Verstand brauchen soll, wo Herzen gegeneinander stoßen; daß ich das Feuer der Leidenschaft mit Wasser ersticken, – den Knoten des mannigfaltig verschlungenen Interesses so vieler / zerhauen, – einen Vorfall, über den ich, wenn ich ihn auf der Bühne dargestellt sähe, von dem innigsten Mitleid durchdrungen, in Thränen zerflöße, einen solchen Vorfall – wie eine Variante einer gemeinen Lesart ansehen, u überlegen, ausrechnen soll, ob er in den Zusammenhang paßt, oder nicht. Freilich ist eine Jurisprud. im Staate nöthig; freil. ist es nöthig, daß der Richter, (ich kann nicht anders sprechen, weil ich durchaus nicht sehe wie das Gegentheil seyn könnte,) daß er menschl. Empfindung verläugnen, u sich zu einem kalt die Handlungen der Menschen abwägenden Wesen, über die Menschheit erhöhen muß; freilich! – Nur ich! – Und, um wieder auf Kritik zurückzukommen, so gestehst Du mir gewiß leicht ein, daß sie nicht das edelste Bestreben, u das höchste Verdienst des Menschen seyn kann. Sie besteht immer nur in Vergleichung, Zusammensetzung u Trennung dessen was schon da ist, Verwandlung des schon existirenden. Nur schaffen bringt uns der Gottheit näher; u der Künstler, der Dichter, ist Schöpfer. Es lebe die Kunst! Sie allein erhebt uns über die Erde, u macht uns unsers Himmels würdig. –
Mein Freund Schuderoff hat uns wieder geschrieben. Die Freude über eine Braut, die ein äußerst liebenswürdiges Mädchen seyn muß, hat ihn in einen ausgelassenen Taumel von Freude versetzt. Er schreibt mit der muthwilligsten Laune. Er will uns mit offenen Armen erwarten; u gar nicht einmal mit 14 Tagen zufrieden seyn. Wir werden göttlich bey ihm leben.
Schreib mir, wenn Du kannst, litterar. u archäologische Neuigkeiten u Alterthümer, – v. d. Gött. Gelehrten Etwas, usw. Forkels Geschmack thut mir leid. – Bleib gesund. Keinen Augenblick länger Zeit! Grüß Burgsdorf! Schreibe bald.
W. H. Wackenroder.