Single collated printed full text without registry labelling not including a registry

Ludwig Tieck to Wilhelm Heinrich Wackenroder TEI-Logo

Lieber W,
Daß ich Dir neulich so gut wie gar nicht geschrieben habe, verzeih doch ja, denn ich ging in eben dem Augenblick fort. Wie kömmt es, daß ich so lange auf einen Brief von Dir warten muß? Daß Du krank seist, will ich nicht glauben. – Ich bin izt ein wenig nicht gerade kranck, aber auch nicht gesund und darum verzeihe, wenn ich Dir nur wenig schreibe, über mehr Stellen in meinen neulichen Briefen, die Du mißverstanden hast, wollen wir mündlich sprechen. Der Roßtrapp ist schlecht, aber Du thust ihm doch ein wenig Unrecht, nach Burgsdorfs Meinung (die aber nicht die meinige ist) wär er besser als der Adalbert und Alla Moddin, den ich izt fast vollendet habe, er war auch Schuld daran, daß ich ihn in Reimen geschrieben habe, in Prosa wäre manches anders geworden, einige Stellen habe ich sogar oft geändert, was Du mir schwerlich glauben wirst. – Den Abdallah hast Du wahrscheinlich schon gelesen, ich bin auf Dein Urtheil sehr neugierig. – Daß ich so schnell meine Laune, oder wie soll ich es nennen, geändert habe, wie Du in Deinem lezten Briefe zu glauben scheinst, ist nicht im mindesten der Fall, Du wirst die Spuren davon vielleicht im Abdallah befunden haben. – Warum ich Dir nichts von dem Abschied gesagt habe, – Bernhardi hatte mich schon seit lange gebeten, ihm ein kleines Trauerspiel von 3 Personen zu machen, das er dann für das seinige ausgeben wollte und in einer Familie aufführen, er wollte es Dir und Rambach zeigen und um Eure Meinung fragen, – Du siehst also, daß ich Dir nichts davon schreiben konnte, denn Du hättest eine lästige Rolle spielen müssen, wenn Du etwas darum gewußt hättest, – sage ihm auch nichts davon izt. – Daß es Dir so sehr gefallen würde, hätt’ ich nicht geglaubt, ich hielt es nicht für so gut, denn ich habe noch nichts so schnell geschrieben als das Stück, den ersten Akt schrieb ich in einem Abend und den zweiten am folgenden und schrieb an demselben Abend noch das ganze Stück ab, fast wörtlich so, wie ich es zuerst niedergeschrieben hatte, doch daß ich nicht langsam schreiben kann, weißt Du ja schon seit lange. – Den Orest hab’ ich noch nicht angefangen, in Jena, in Erlangen. – Es werden schöne Tage sein, leicht die schönsten meines Lebens, – doch wenn ich nur in mir selber froh wäre, so ist hier kein Hinderniß von außen, ich lebe mir ganz selbst, bin oft in angenehmer Gesellschaft, ich habe hier einen gelehrten Mahler Fiorillo kennen lernen, einen äußerst angenehmen Mann, in ein paar Tagen werde ich Bürgern besuchen.
Von seichten Köpfen und oberflächlichen Menschen hat man allenthalben viel auszustehn, von Einbildung auf Nichtswürdigkeiten, oder von tausend Sachen, die einem alle gute Laune nehmen können, es giebt nur wenig Menschen, die so gerade und simpel in die Welt hinein leben, wie es die Natur von uns verlangt, der eine will ein Philosoph sein, der andre ein Dichter, der dritte ein Hoffmann und so quälen sie sich selbst statt ruhig und mit sich und andren zufrieden zu leben. – In Erlangen wollen wir soviel als möglich allein unsre Gesellschaft ausmachen, allen den Menschen, die nicht um und neben Dir stehn, werd’ ich so viel als möglich aus dem Wege gehn. –
Was spricht man denn in Berlin von der Hinrichtung Ludwigs? Und was sagt Dein sanftes weiches Herz dazu, ich fürchte Du bist auf einmahl dadurch mit der französischen Freiheit zerfallen.
Schreibe mir ja bald, ich habe mich lange vergebens auf Briefe aus Berlin und von Dir am meisten gefreut. –
Wie war ich doch so wonnereich, – natürlich habe ich dabei an Dich gedacht, – in Erlangen sollst Du es mir oft vorspielen; – In ein paar Tagen bekömst Du den zweiten Theil des Abdallah und in 14 Tagen ohngefähr den dritten. – Schreib mir ja, wenn Du diesen Brief erhalten hast.
Was ist das für eine Monatsschrift die Rambach schreiben will? Wie kann sich Rambach mit dem Heidemann so sehr einlassen, ich kenne ihn nur wenig, aber mir ist er unausstehlich. –
Grüße meine Schwester und sage ihr, daß ich gesund bin, denn ich werde ihr vielleicht nicht schreiben. – An Bernhardi und Rambach gieb doch die Billets ab, – schreibe und bleibe mein Freund so, wie ich
Der Deinige
Tieck.
Metadata Concerning Header
  • Date: Freitag, 1. März 1793
  • Sender: Ludwig Tieck ·
  • Recipient: Wilhelm Heinrich Wackenroder
  • Place of Dispatch: Göttingen · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Wackenroder, Wilhelm Heinrich: Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. 2: Briefwechsel, Reiseberichte. Hg. v. Richard Littlejohns u. Silvio Vietta. Heidelberg 1991, S. 132‒133.
Manuscript
  • Provider: Handschrift verschollen
Language
  • German

Zur Benutzung · Zitieren