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Novalis to Friedrich Schiller TEI-Logo

[Jena, den 22. September 1791. Donnerstag]
Bester Herr Hofrat,
Mein widerwärtiges Schicksal verhindert diesmal meine so lang ersehnte Reise nach Erfurt. Es ist hier in ganz Jena für heute kein Wagen und noch viel weniger ein Pferd zu bekommen. Meine angestrengteste Mühe gieng verloren und es bleibt mir nichts übrig, als meiner Fantasie so lebendig, als möglich, die Darstellung des auf mich wartenden Vergnügens vollenden zu lassen. Wie gern hätt’ ich Sie nicht gesehn, wie gern an Ihrer Seite so glühend und froh den Dichter des Don Karlos und die gelungensten Augenblicke der Kunst in der Vorstellung genossen und verschlungen; wie freute ich mich nicht zugleich auf die persönliche Bekanntschaft mit dem guten, seelenvollen Dalberg, der leider nur noch fast einzig unter den Fürsten Deutschlands steht, und den ich schon deswegen hochschätzen würde, wenn er sich nur für meinen lieben Schiller recht warm und innig interressirte: aber nun ist dis alles vereitelt, und ich muß mich resigniren; welches ich auch desto leichter kann, da mir wenigstens die Hoffnung nicht benommen ist doch Sie noch während dieser Ferien einmal zu sehn. Offenherzig war Ihre persönliche Bekanntschaft und Ihr freundschaftlicher Umgang auch das Einzige, was ich höchst ungern in Jena verlasse und was ich in Leipzig nicht aufhören werde zu vermissen. Ein Wort von Ihnen wirkte mehr auf mich als die wiederholtesten Ermahnungen und Belehrungen Anderer. Es entzündete tausend andre Funken in mir und ward mir nüzlicher und hülfreicher zu meiner Bildung und Denkungsart als die gründlichsten Deductionen und Beweisgründe. Unendlich viel hätte ich in diesen Winter von Ihnen gewonnen und spielend gewonnen, was des angewandtesten Fleißes, des willigsten Bestrebens ohngeachtet mir vielleicht erst in Jahren erreichbar wird. Und selbst dis abgerechnet, so wäre Ihr freundschaftliches Herz, Ihre ganze Individualitaet, der ich so nah mich wußte, genug gewesen um Jena mir angenehm und unvergeßlich zu machen. Und doch werde ich Alles leichter ertragen, wenn mich nur das Bewußtseyn begleitet, daß ich Ihnen ein bischen lieb bleibe, und daß ich, wenn ich Sie wiedersehe noch immer die alte Stelle in Ihrem Herzen offen finde. Denn wen sollte nicht das überschwänglich selige Gefühl sich von Ihnen wärmer umfaßt zu wissen für alles und selbst den persönlichen Umgang mit Ihnen entschädigen. Ihnen größestentheils werde ich es zuschreiben, wenn diesen Winter mein eifrigster Wille meine Kräfte unterstüzt, um die gefährlichste Klippe eines jungen, lebendigen Kopfs die sauren und anhaltenden Vorarbeiten zu einem künftigen, bestimmten Beruf glücklich zu übersteigen, denn Sie machten mich auf den mehr als alltäglichen Zweck aufmercksam, den ein gesunder Kopf sich hier wählen könne und müsse und gaben mir damit den lezten, entscheidenden Stoß, der wenigstens meinen Willen sogleich festbestimmte und meiner herumirrenden Thätigkeit eine zu allen meinen Verhältnissen leichtbezogne und passende Richtung gab. Ich kann Ihnen zwar nicht verheelen, daß ich fest glaube, daß meine Neigung zu den süßen Künsten der Musen nie erlöschen und meine liebe, freundliche Begleiterinn durchs Leben seyn wird, daß immer die Werke der Lieblinge Apolls einen unnennbaren Zauber für meine Seele behalten werden, und ich nie ungeneigt seyn werde dem Wunsche des Königs von Preußen beyzupflichten, wenn gleich auf eine ganz verschiedne Art, der die Zaÿre Voltairs lieber gemacht haben wollte als Sieger in so vielen Schlachten gewesen zu seyn; daß ich endlich selbst in manchen süßen, heimlichen Augenblicken Funken vom heiligen Altar der Kunst zu entwenden mir nicht entbrechen werde und selbst an der Seite der strengen Göttin, zu deren Priester ich mich an Kopf und Herzen combabisiren lassen soll, noch manchen verstohlnen Blick und manchen liebeathmenden Seufzer den glücklicheren Lieblingen der Grazien und Musen und ihren Schutzgöttinnen zuzuwerfen, aber demohngeachtet hoffe ich auch zu Gunsten meines bessern aber vielleicht kleinsten Selbsts, der Vernunft meinem gefaßten Vorsatz und dem mir am fernen Ziel winkenden Genius der höhern Pflicht treu zu bleiben und dem Rufe des Schicksals gehorsam zu seyn, das aus meinen Verhältnissen unverkennbar deutlich zu mir spricht. Aber zuseufzen werde ich Ihnen doch noch wol zuweilen: ora pro nobis. Der Frau Hofräthin bitte ich Sie mich unterthänig zu empfehlen und Sie, bester Herr Hofrath, wünsche ich bald gesunder als jemals und im vollen Gefühl erneuter Jugendkraft und Munterkeit zu umarmen und Ihnen mündlich wärmer und inniger sagen zu können, mit welchen tiefen Empfindungen von Liebe und Hochachtung ich nie aufhören werde mich zu nennen
Ihren
gehorsamen Diener
Fridrich von Hardenberg.
Jena, am 22sten September
1791.
Metadata Concerning Header
  • Date: Donnerstag, 22. September 1791
  • Sender: Novalis ·
  • Recipient: Friedrich Schiller ·
  • Place of Dispatch: Jena · ·
  • Place of Destination: Erfurt · ·
Printed Text
  • Bibliography: Novalis: Schriften. Tagebücher, Briefwechsel, Zeitgenössische Zeugnisse. Hg. v. Richard Samuel, Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. Bd. 4. Stuttgart u.a. 1975, S. 89‒91.
Manuscript
  • Provider: Goethe- und Schiller-Archiv
  • Classification Number: A4
Language
  • German

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