Weißenfels: am 7ten Oktober. 1791. [Freitag]
Ich hoffe, daß mein Brief Sie schon wieder in Jena trifft. Wie gern hätt ich mir nicht selbst das Vergnügen Sie zu überraschen gegönnt, wenn es irgend möglich gewesen wäre. Auf Weihnachten geschieht es gewiß. Von Ihrer Gesundheit hoffe und wünsche ich alles mögliche Gute aus vollem Herzen. Wie selig wär ich, wenn ich Ihnen die Hälfte meines jetzigen Wolbefindens abtreten könnte; meine eigne Heiterkeit würde gewinnen. Ich leb’ und webe in der frischen Herbstluft, und neue Ströme von Lebenslust fließen in mich mit jedem Athemzuge. Die schöne Gegend, und eine gutmüthige Harmlosigkeit, in die ich aufgelöst bin, zaubern mich in die blühenden Reiche der Fantasie hinüber, die ein ebensomagischer, dünner Nebel umschwimmt, als die ferne Landschaft unter meinen Füßen: Ich freue mich mit dem lezten Lächeln des scheidenden Lebens der Natur und dem milden Sonnenblick des erkaltenden Himmels. Die fruchtbare Reife beginnt in Verwesung überzugehn, und mir ist der Anblick der langsam hinsterbenden Natur beynah reicher und größer als ihr Aufblühn und Lebendigwerden im Frühling. Ich fühle mich mehr zu edeln und erhabenen Empfindungen jezt gestimmt als im Frühjahr, wo die Seele im unthätigen, wollüstigen Empfangen und Genießen schwimmt und anstatt sich in sich selbst zurückzuziehn, von jedem anziehenden Gegenstände angezogen und zerstreut wird. Schon das Loßreißen von so viel schönen, lieben Gegenständen macht die Empfindungen zusammengesezter und interressanter. Daher fühl ich mich auch nie so reingestimmt und empfänglich für alle Eindrücke der höhern, heiligern Muse als im Herbst. Ich habe jezt die Odyssee und den Don Karlos gelesen; auf einem Weinberge gelesen, mitten zwischen hochaufgeschossen vollen Rebenbüschen, und beyde waren wieder für mich neu: So unterschieden sich die dadurch in mir erregten Empfindungen zu andern Zeiten und in dieser romantischen Lage von einander. Ich habe den Homer wieder so liebgewonnen in seiner heiligen, einfachen, Häuslichen, gutmüthigen Sinn und Denkart, daß ich Kronen darum gegeben hätte, wenn ich den biedern Alten um den Hals fallen und mein erröthendes Gesicht in seinem dichten, ehrwürdigen Barte verbergen könnte. So, dachte ich mir, gieng er, so sprach er, so trug er sich. Jung und alt umhüpfte den heiligen Greis und baten ihn um ein Lied von ihren Heroenvätern vor Troja: und dann sang er es Ihnen in der simpelsten, faßlichsten, melodischten Volksart und Weise kunstlos aber tieferschütternd, anschmiegend an jedes Herz und Sinn, und die himmlische Grazie schwebte leise und ihm nur sichtbar um seine Lippen und Natur und Einfalt lehnten sich über seine Schultern. Wenn ich mich in diesen entzückenden Augenblicken des freysten Geistesgenusses hätte ärgern können, so wärs gewiß geschehn über alle die Schulfüchse und moralischen Krüppel und Zwerge, die aus seinem einfachen, schlichten Wanderstabe bald einen Pariser Badin, bald eine Krücke für seine seynwollenden Nachfolger und Schüler verwahrlost an Herz und Kopf, schnizten, und bald mit Lob bald mit Frechheit und Aberwiz die um sein Grabmal schwebenden Geister beleidigten, die moralische Grazie und die gerechte Nemesis. Jeder paßte seinen ästhetischen oder moralischen Leisten mit hohen, zermalmenden Schulwiz dem ehrlichen Alten an und gab dann nach einer angestellten elenden, sinnlosen Vergleichung sein Decisum streng und unerbittlich, wem er seinen demüthigenden Beyfall gnädig zuwinken wollte und wem sein Tadel in den Staub niederwürfe. Genossen und empfunden will Homer seyn von seinen Zeitgenossen und wer sich nicht zu seinen Zeitgenossen erheben kann und will, der bleibe von fern stehn, schlage an seine Brust, und sage: Gott sey mir Sünder gnädig. Ossian und Homer, Milton und Ariost, Virgil und Klopstock, jeder ist, was er wollte und konnte: aber keiner wollte je ein infallibler, einziger Codex der Gesetze der Schönheit und Wahrheit seyn und ein Idol für alle Zeiten und Völker abgeben; gewiß, lieber Herr Hofrath, geben Sie mir hierinn recht, und verzeihen allenfalls meinen jugendlichen Eifer: Aber ein Fehler ganzer Generationen auf Unkosten des gemeinen, reinen Menschensinns, der die Entweihung unsrer Lieblinge angeht, könnte einen zu dem Feuereifer eines Elias berechtigen, der die Baalspfaffen auf gut jüdisch am Bache Kidron schlachten ließ. Mir ist alles lieb im Homer, wie mir in der Natur alles auch lieb und werth ist und so muß es mit jedem großen Menschen seyn, dessen Geist eine runde, vollendete Form hat, wenn sie gleich von der andern himmelweit unterschieden ist. So finde ich auch im Ariost, im Ossian, im Werther, im Don Karlos mehr Homerisches, mehr ächte Homerheit als im Apollonius Rhodius und andern Nachahmern Homers, in deren Händen der Göttliche eine Anthropomorphose ausstehn muß. Aber ich breche hiervon ab; besonders da ich es gewagt habe vertieft und verloren in diese Betrach[tungen] einen längern Aufsaz über Homer, seinen Karakter, seine Sinnesart, seine Beurtheilung und den Geist seines Zeitalters im allgemeinen betreffend, anzufangen, den ich Ihnen vielleicht zur Prüfung nach seiner Vollendung mitzutheilen wagen werde.
Bey Gelegenheit der Lektüre des Don Karlos habe ich noch einmal die Rezension von Bürgers Gedichten gelesen und sie ist mir beynah in der Stimmung, worein Sie mich versezt hatten, noch zu gelind vorgekommen; Da wenigstens der Maaßstab, den Sie darinn nicht, wie viele gethan haben, von der Erfahrung mehrerer Jahrhunderte abstrahirten, sondern ihn a priori aus einem den Gesetzen der Sittlichkeit correspondirenden Gesetze aufstellten und dadurch der Wissenschaft zu einem einzigen Gesichtspunkt verhalfen, der ihr bis dahin mangelte, ihr eine Anwendung und Grenze zeigten, wodurch unfehlbar alles dazu nicht gehörende und falsch angemaaßte getrennt und ihr ein Ziel gesezt wird, das im innersten Heiligthume der Schönheit und Wahrheit steht und unendliche Sonnenwege dem forschenden Auge des Genius eröffnet, und dadurch so viel für sie thaten, wie Prome- 30 theus der Lichträuber, für die Sterblichen, da wenigstens der Maaßstab, sag ich, sich zu den meisten von Bürgers Gedichten nicht harmonisch verhält. O! ich lerne immer mehr einsehn, daß nur moralische Schönheit, je absichtsloser sie bewürkt zu seyn scheint, den einzig unabhängig, wahren Werth eines jedweden Werks des dichterischen Genies ausmacht: daß nur sie denselben den Stempel der Unsterblichkeit aufdrücken kann und sie mit dem Siegel der Klassizitaet bezeichnet. Eine einzige, erhabene, moralische Stelle im Don Karlos ist mehr werth als Voltairs Candide und mehr werth vielleicht im Auge der Nemesis der schönen Künste als seine Werke zusammengenommen. Ein witziger Gedanke verzischt, wie eine Raquete; der Erguß einer veredelten reinen Empfindung ist ewig, wie die Welt und jedem Edeln ein nie zu erschöpfender, nie zu verlierender Schatz. Jeder ist ein Erbtheil und Eigenthum der Menschheit, das selbst die Zeit nie veräußern kann. Hätte Idris tausendmal schönere Stanzen noch als Oberon, so würde er doch an Wert diesem untergeordnet bleiben. Nur gehört freylich viel zur vollendeten Schönheit, was nicht eingeschränkt genug gewähnten Nutzen aufgeopfert werden darf, ohne Verletzung der wesentlichsten Formen; das Utile muß nicht Zweck werden, sonst sinken wir zu moralischen Predigern und Schlendrianisten herab.
Eine ächt erhabene Stelle, im größesten Sinne dieses Worts kann nur moralisch seyn. Sie ergreift die Seele in ihren mächtigsten Tiefen und bewegt den ganzen Ozean der Empfindungen; Sie erhebt uns über uns selbst und täuscht selbst den Lasterhaften mit einer augenblicklichen sittlichen Existenz. Sie sezt alle Kräfte in Bewegung und läßt uns höher denken und empfinden. Sie bleibt das unzerstörbare Monument der ewigen Schönheit der Seele, in der sie entstand. O! wie viel verdankt ich Ihnen nicht, wenn ich Ihnen auch nur diese einzige Ueberzeugung verdankte. Sie könnte mich allein zu Werken begeistern, die einen höhern Ursprung verriethen, und was noch mehr ist, nur ein Quell des heitersten Bewußtseyns, der himmlischten Empfindungen werden.
Könnte ich doch diese Liebe zur sittlichen Grazie zur moralischen Schönheit zur reinsten, edelsten Leidenschaft entflammen, die je einen sterblichen Busen durchglühte. Zwar unterbricht sie den ruhigen Strom des Nachdenkens, aber sie läßt uns auch schnell die Größe eines Gedankens erhaschen, der zwar längstgeahndet, doch dem stilleren Herzen unerreichbar noch lange geblieben wäre: Sie giebt unsern Empfindungen, unsern Gefühlen einen Schwung, dessen Schnellkraft auch gegen verdoppelte Hindernisse und die dicke Atmosphäre der Sinnlichkeit aushält. Der Entschluß tritt dem Entwurfe in die Fußtapfe. Tagtäglich such ich den Grazien meine Seele würdiger zu machen und an jede Stunde einen kleinen Sieg über meine befangne Seele anzuknüpfen. Die vorüberfließenden Eindrücke und Typen des Schönen halte ich fest und entlasse sie nicht eher, als bis sie sich auf manchem zerstreuten Blatte meiner Seele verewigten. Vielleicht daß einst das mißgestimmte Instrument rein und voll tönt, und Natur und Einfalt ihren verlornen Sohn wiederfinden; daß Künstler erneuern, was Pfuscher verdarben, und was Künsteley verstümperte, die Kunst wieder adelt. Vielleicht daß auch die Linie, die hier sich um die Schönheit windet dort auch an das Gute sich schmiegt und auf ihrem sanftgeschwungnen Pfade sich Schönheit und Wahrheit findet und Herz und Geist mit den zartesten Faden und im reichsten Bunde vereinigt. Jünglinge, die ihr mit mir einem gleichen Wege nachspürt, bey den Grazien, folget dieser Spur, die uns unser Lehrer, unser angebeteter Schiller zeigte. Ihr werdet glücklich seyn. Verzeihn Sie mir, bester Herr Hofrath, diesen wortreichen Erguß des herrschenden Enthusiasmus meiner Seele; ich war zu voll davon und konnte ich wol mich besser ausschütten als in den Busen eines zärtlichgeliebten, duldsamen Freundes, denn Sie unter dieser Beziehung zu denken wird immer der Stolz seyn
Ihres
Sie innig liebenden Verehrers
Fridrich Leopold von Hardenberg.
Ich hoffe, daß mein Brief Sie schon wieder in Jena trifft. Wie gern hätt ich mir nicht selbst das Vergnügen Sie zu überraschen gegönnt, wenn es irgend möglich gewesen wäre. Auf Weihnachten geschieht es gewiß. Von Ihrer Gesundheit hoffe und wünsche ich alles mögliche Gute aus vollem Herzen. Wie selig wär ich, wenn ich Ihnen die Hälfte meines jetzigen Wolbefindens abtreten könnte; meine eigne Heiterkeit würde gewinnen. Ich leb’ und webe in der frischen Herbstluft, und neue Ströme von Lebenslust fließen in mich mit jedem Athemzuge. Die schöne Gegend, und eine gutmüthige Harmlosigkeit, in die ich aufgelöst bin, zaubern mich in die blühenden Reiche der Fantasie hinüber, die ein ebensomagischer, dünner Nebel umschwimmt, als die ferne Landschaft unter meinen Füßen: Ich freue mich mit dem lezten Lächeln des scheidenden Lebens der Natur und dem milden Sonnenblick des erkaltenden Himmels. Die fruchtbare Reife beginnt in Verwesung überzugehn, und mir ist der Anblick der langsam hinsterbenden Natur beynah reicher und größer als ihr Aufblühn und Lebendigwerden im Frühling. Ich fühle mich mehr zu edeln und erhabenen Empfindungen jezt gestimmt als im Frühjahr, wo die Seele im unthätigen, wollüstigen Empfangen und Genießen schwimmt und anstatt sich in sich selbst zurückzuziehn, von jedem anziehenden Gegenstände angezogen und zerstreut wird. Schon das Loßreißen von so viel schönen, lieben Gegenständen macht die Empfindungen zusammengesezter und interressanter. Daher fühl ich mich auch nie so reingestimmt und empfänglich für alle Eindrücke der höhern, heiligern Muse als im Herbst. Ich habe jezt die Odyssee und den Don Karlos gelesen; auf einem Weinberge gelesen, mitten zwischen hochaufgeschossen vollen Rebenbüschen, und beyde waren wieder für mich neu: So unterschieden sich die dadurch in mir erregten Empfindungen zu andern Zeiten und in dieser romantischen Lage von einander. Ich habe den Homer wieder so liebgewonnen in seiner heiligen, einfachen, Häuslichen, gutmüthigen Sinn und Denkart, daß ich Kronen darum gegeben hätte, wenn ich den biedern Alten um den Hals fallen und mein erröthendes Gesicht in seinem dichten, ehrwürdigen Barte verbergen könnte. So, dachte ich mir, gieng er, so sprach er, so trug er sich. Jung und alt umhüpfte den heiligen Greis und baten ihn um ein Lied von ihren Heroenvätern vor Troja: und dann sang er es Ihnen in der simpelsten, faßlichsten, melodischten Volksart und Weise kunstlos aber tieferschütternd, anschmiegend an jedes Herz und Sinn, und die himmlische Grazie schwebte leise und ihm nur sichtbar um seine Lippen und Natur und Einfalt lehnten sich über seine Schultern. Wenn ich mich in diesen entzückenden Augenblicken des freysten Geistesgenusses hätte ärgern können, so wärs gewiß geschehn über alle die Schulfüchse und moralischen Krüppel und Zwerge, die aus seinem einfachen, schlichten Wanderstabe bald einen Pariser Badin, bald eine Krücke für seine seynwollenden Nachfolger und Schüler verwahrlost an Herz und Kopf, schnizten, und bald mit Lob bald mit Frechheit und Aberwiz die um sein Grabmal schwebenden Geister beleidigten, die moralische Grazie und die gerechte Nemesis. Jeder paßte seinen ästhetischen oder moralischen Leisten mit hohen, zermalmenden Schulwiz dem ehrlichen Alten an und gab dann nach einer angestellten elenden, sinnlosen Vergleichung sein Decisum streng und unerbittlich, wem er seinen demüthigenden Beyfall gnädig zuwinken wollte und wem sein Tadel in den Staub niederwürfe. Genossen und empfunden will Homer seyn von seinen Zeitgenossen und wer sich nicht zu seinen Zeitgenossen erheben kann und will, der bleibe von fern stehn, schlage an seine Brust, und sage: Gott sey mir Sünder gnädig. Ossian und Homer, Milton und Ariost, Virgil und Klopstock, jeder ist, was er wollte und konnte: aber keiner wollte je ein infallibler, einziger Codex der Gesetze der Schönheit und Wahrheit seyn und ein Idol für alle Zeiten und Völker abgeben; gewiß, lieber Herr Hofrath, geben Sie mir hierinn recht, und verzeihen allenfalls meinen jugendlichen Eifer: Aber ein Fehler ganzer Generationen auf Unkosten des gemeinen, reinen Menschensinns, der die Entweihung unsrer Lieblinge angeht, könnte einen zu dem Feuereifer eines Elias berechtigen, der die Baalspfaffen auf gut jüdisch am Bache Kidron schlachten ließ. Mir ist alles lieb im Homer, wie mir in der Natur alles auch lieb und werth ist und so muß es mit jedem großen Menschen seyn, dessen Geist eine runde, vollendete Form hat, wenn sie gleich von der andern himmelweit unterschieden ist. So finde ich auch im Ariost, im Ossian, im Werther, im Don Karlos mehr Homerisches, mehr ächte Homerheit als im Apollonius Rhodius und andern Nachahmern Homers, in deren Händen der Göttliche eine Anthropomorphose ausstehn muß. Aber ich breche hiervon ab; besonders da ich es gewagt habe vertieft und verloren in diese Betrach[tungen] einen längern Aufsaz über Homer, seinen Karakter, seine Sinnesart, seine Beurtheilung und den Geist seines Zeitalters im allgemeinen betreffend, anzufangen, den ich Ihnen vielleicht zur Prüfung nach seiner Vollendung mitzutheilen wagen werde.
Bey Gelegenheit der Lektüre des Don Karlos habe ich noch einmal die Rezension von Bürgers Gedichten gelesen und sie ist mir beynah in der Stimmung, worein Sie mich versezt hatten, noch zu gelind vorgekommen; Da wenigstens der Maaßstab, den Sie darinn nicht, wie viele gethan haben, von der Erfahrung mehrerer Jahrhunderte abstrahirten, sondern ihn a priori aus einem den Gesetzen der Sittlichkeit correspondirenden Gesetze aufstellten und dadurch der Wissenschaft zu einem einzigen Gesichtspunkt verhalfen, der ihr bis dahin mangelte, ihr eine Anwendung und Grenze zeigten, wodurch unfehlbar alles dazu nicht gehörende und falsch angemaaßte getrennt und ihr ein Ziel gesezt wird, das im innersten Heiligthume der Schönheit und Wahrheit steht und unendliche Sonnenwege dem forschenden Auge des Genius eröffnet, und dadurch so viel für sie thaten, wie Prome- 30 theus der Lichträuber, für die Sterblichen, da wenigstens der Maaßstab, sag ich, sich zu den meisten von Bürgers Gedichten nicht harmonisch verhält. O! ich lerne immer mehr einsehn, daß nur moralische Schönheit, je absichtsloser sie bewürkt zu seyn scheint, den einzig unabhängig, wahren Werth eines jedweden Werks des dichterischen Genies ausmacht: daß nur sie denselben den Stempel der Unsterblichkeit aufdrücken kann und sie mit dem Siegel der Klassizitaet bezeichnet. Eine einzige, erhabene, moralische Stelle im Don Karlos ist mehr werth als Voltairs Candide und mehr werth vielleicht im Auge der Nemesis der schönen Künste als seine Werke zusammengenommen. Ein witziger Gedanke verzischt, wie eine Raquete; der Erguß einer veredelten reinen Empfindung ist ewig, wie die Welt und jedem Edeln ein nie zu erschöpfender, nie zu verlierender Schatz. Jeder ist ein Erbtheil und Eigenthum der Menschheit, das selbst die Zeit nie veräußern kann. Hätte Idris tausendmal schönere Stanzen noch als Oberon, so würde er doch an Wert diesem untergeordnet bleiben. Nur gehört freylich viel zur vollendeten Schönheit, was nicht eingeschränkt genug gewähnten Nutzen aufgeopfert werden darf, ohne Verletzung der wesentlichsten Formen; das Utile muß nicht Zweck werden, sonst sinken wir zu moralischen Predigern und Schlendrianisten herab.
Eine ächt erhabene Stelle, im größesten Sinne dieses Worts kann nur moralisch seyn. Sie ergreift die Seele in ihren mächtigsten Tiefen und bewegt den ganzen Ozean der Empfindungen; Sie erhebt uns über uns selbst und täuscht selbst den Lasterhaften mit einer augenblicklichen sittlichen Existenz. Sie sezt alle Kräfte in Bewegung und läßt uns höher denken und empfinden. Sie bleibt das unzerstörbare Monument der ewigen Schönheit der Seele, in der sie entstand. O! wie viel verdankt ich Ihnen nicht, wenn ich Ihnen auch nur diese einzige Ueberzeugung verdankte. Sie könnte mich allein zu Werken begeistern, die einen höhern Ursprung verriethen, und was noch mehr ist, nur ein Quell des heitersten Bewußtseyns, der himmlischten Empfindungen werden.
Könnte ich doch diese Liebe zur sittlichen Grazie zur moralischen Schönheit zur reinsten, edelsten Leidenschaft entflammen, die je einen sterblichen Busen durchglühte. Zwar unterbricht sie den ruhigen Strom des Nachdenkens, aber sie läßt uns auch schnell die Größe eines Gedankens erhaschen, der zwar längstgeahndet, doch dem stilleren Herzen unerreichbar noch lange geblieben wäre: Sie giebt unsern Empfindungen, unsern Gefühlen einen Schwung, dessen Schnellkraft auch gegen verdoppelte Hindernisse und die dicke Atmosphäre der Sinnlichkeit aushält. Der Entschluß tritt dem Entwurfe in die Fußtapfe. Tagtäglich such ich den Grazien meine Seele würdiger zu machen und an jede Stunde einen kleinen Sieg über meine befangne Seele anzuknüpfen. Die vorüberfließenden Eindrücke und Typen des Schönen halte ich fest und entlasse sie nicht eher, als bis sie sich auf manchem zerstreuten Blatte meiner Seele verewigten. Vielleicht daß einst das mißgestimmte Instrument rein und voll tönt, und Natur und Einfalt ihren verlornen Sohn wiederfinden; daß Künstler erneuern, was Pfuscher verdarben, und was Künsteley verstümperte, die Kunst wieder adelt. Vielleicht daß auch die Linie, die hier sich um die Schönheit windet dort auch an das Gute sich schmiegt und auf ihrem sanftgeschwungnen Pfade sich Schönheit und Wahrheit findet und Herz und Geist mit den zartesten Faden und im reichsten Bunde vereinigt. Jünglinge, die ihr mit mir einem gleichen Wege nachspürt, bey den Grazien, folget dieser Spur, die uns unser Lehrer, unser angebeteter Schiller zeigte. Ihr werdet glücklich seyn. Verzeihn Sie mir, bester Herr Hofrath, diesen wortreichen Erguß des herrschenden Enthusiasmus meiner Seele; ich war zu voll davon und konnte ich wol mich besser ausschütten als in den Busen eines zärtlichgeliebten, duldsamen Freundes, denn Sie unter dieser Beziehung zu denken wird immer der Stolz seyn
Ihres
Sie innig liebenden Verehrers
Fridrich Leopold von Hardenberg.