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Novalis to Philippina Büttner TEI-Logo

[Leipzig, 1792?]
Mademoiselle,
Einige der glücklichsten Tage meiner Jugend verlebte ich in Eisleben: Sie werden mir unvergeßlich seyn: die reitzendsten schuf mir Ihre Freundschaft, die mir leider erst in der lezten Periode meines dortigen Aufenthalts aufzublühn begann: Wie gern hätte ich Trennung und Abschied vermieden, wie seelenvergnügt noch, von Jugend und Freundschaft beglückt, dort mich verweilt: Aber mein Weg führte mich allzubald wieder hinweg, weg von dem Orte, wo mir eben erst die Morgenröthe ächtes Glück zu dämmern anfieng: Nur von fern höre ich noch das Rieseln der melodischen Quelle und wandre auf gut Glück auf einem neuen Wege fort, den vielleicht ein jugendlicherer Schimmer, aber nur eine Aftersonne erhellt: Selig, wer wie Sie den Port des Lebens erreichte, und dem Getümmel des Weltmeers so ruhig zusehn kann, aber wenige verdienen auch diese Seligkeit in höherem Maaß, als Sie; der die Natur Herzensmilde und deutschen Geist und Sinn vor tausend andern Ihres liebenswürdigen Geschlechts verlieh. Etwas zur Versüßung einer Ihrer einsamen Stunden beyzutragen, ist der brennendste Wunsch meines Herzens; leider! daß oft das Schicksal ihm Gewährung versagt. Ich habe einen Versuch gemacht, der mir hoffentlich gelingen wird, indem ich Ihnen hier einen kleinen, sehr interressant geschriebenen Roman zuzuschicken wage, von dem ich mit vieler Wahrscheinlichkeit voraussagen kann, daß er Ihnen gefallen wird. Um eins wag ich Sie zu bitten: daß Sie mir doch kund und zu wissen thun ließen, wie das Hôtel heißt, worinn Ihre Frau Mutter und Demoiselle Schwester in Leipzig logiren werden: Da ich, ohne unhöflich zu seyn, Sie nicht bitten kann, Sich selbst eines Viertelstündchens dazu zu berauben, das Sie weit angenehmeren Beschäftigungen widmen können, so wag ich es, Sie zu ersuchen, es nur Schlözern zu sagen, der mir es dann schreiben kann. Zulezt bitte ich Sie, mich dem Herrn Vater und Ihrer ganzen liebenswürdigen Familie gehorsamst zu empfehlen, und ich selbst werde die Zeit unter die entzückendsten meines Lebens rechnen, da Sie mir erlaubt hatten, mich mit dem innigsten Gefühl von Hochachtung zu nennen Ihren gehorsamen Diener
Fridrich von Hardenberg.
Metadata Concerning Header
  • Date: [1792?]
  • Sender: Novalis ·
  • Recipient: Philippina Büttner
  • Place of Dispatch: Leipzig · ·
  • Place of Destination: Eisleben · ·
Printed Text
  • Bibliography: Novalis: Schriften. Tagebücher, Briefwechsel, Zeitgenössische Zeugnisse. Hg. v. Richard Samuel, Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. Bd. 4. Stuttgart u.a. 1975, S. 103‒104.
Language
  • German

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