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Ernst Ludwig von Berger to Novalis TEI-Logo

Ratzeburg, den 6. Februar 1795. [Mittwoch]
Ich hatte mir erst vorgenommen, mein theurer Hardenberg, die Beantwortung Deiner beiden Briefe, die mir eine unbeschreibliche Freude gemacht haben, bis zum künftigen Posttag aufzuschieben, weil ich heute nicht allein eine Menge Briefe zu schreiben habe, sondern auch weil meine Laune äußerst verstimmt ist, aber ich habe mich eines andern bedacht, da die Unterhaltung mit Dir gewiß das beste Mittel ist, mich ein wenig zu erheitern, und ich versichert seyn darf, daß Du meinen Unmuth eher trägst und mich besser verstehen wirst als jeder andere. Damit Du aber gleich den Grund davon weißt und ihn nicht bloß in einer Sympathie der Seele oder in einem Nervenreiz suchst, wie das sonst oft der Fall bey mir ist, so muß ich Dir sagen, daß wir mit der letzten Post die Nachricht erhalten haben, daß ein großer Theil unsres Korps marschieren soll und unser Regiment gerade das Unglück trifft, weil es in einer Grenzfestung liegt, im Lande bleiben zu müssen. Vielleicht lachst Du nun ein wenig über meine Unzufriedenheit, aber Freund, setze Dich an meine Stelle und denke Dir, daß mein höchster Wunsch immer der gewesen ist, einmal in der Thätigkeit zu kommen, die unserem Stande noch einigen Reiz geben kann, und wodurch wir Anspruch erlangen, nützliche Staatsbürger zu werden. Ich diene jetzt schon 12 Jahre, und noch nie habe ich etwas andres als das Unnütze, Lure und Pedantische des Militairs können in Ausübung bringen. Das Wesentliche und Nutzbare desselben war nun immer ein angenehmer Traum der Zukunft für mich, und jetzt, da ich dem Ziele so nahe war, da ich Hoffnung hatte, die mir in meinem Fache erworbenen Kenntnisse, so geringe sie auch immer seyn mögen, endlich einmal anzuwenden und mir selbst Bekanntschaft über die Anwendung meiner Zeit abzulegen, so verschwindet auf einmal die Aussicht und ich sinke in meiner vorigen Lure wieder zurück. Nun bin ich höchstwahrscheinlich Zeit meines Lebens verdammt, die Puppe des Fürsten zu bleiben, mit der er in müßigen Stunden sein Spiel treibt und die er von einem Winkel in den andern wirft. Bey Gott, es ist hart, Kraft zu fühlen und in dieser Kraft zu ersticken, ohne sie verwenden zu können! Auf die Parade zu gehen, Rekruten zu exerzieren und hierdurch unnütze Mitglieder des Staats zu bilden und mich ohne Murren dem Despotismus einfältiger Obern zu unterwerfen, ist nun alles, was man von mir in dem Stande, worin ich lebe, fordert. Dies, lieber Freund, ist die wahre Schilderung meiner Lage, und ich glaube, Du wirst es fühlen, daß sie drückend und eines Menschen, der sich nicht gern unter den rohen Haufen geworfen sieht, unwürdig ist. Alles, was Du mir entgegensetzen kannst, weiß ich und habe es mir gewiß auch gesagt, allein ich finde darin weder Trost noch Beruhigung. Hätte ich auch Lust und Fähigkeit, eine andere Laufbahn anzutreten, so sind mir dazu alle Wege versperrt, weil es bey uns durchaus auf Konnexionen – ich glaube, Du kennst den Sinn dieses verhaßten Worts – ankömmt, die mir aber ganz fehlen. Dann bin ich auch zu alt, um in einem andern Stande wieder von unten anzufangen. Ich muß mich also durchaus in meinem Schicksal schmiegen und duldend schweigen. – Und nun kein Wort weiter davon.
Der Zustand, in welchem Du Dich seit einiger Zeit befindest, scheint mir einer sehr genauen Untersuchung werth. Du sagst mir, daß Dein Herz von einer Leidenschaft entflammt ist, die Dich zugleich glücklich und unglücklich macht, und die Dir nicht allein Deine Ruhe, sondern auch zugleich alle Thätigkeit raubt. Ich glaube es gern, daß Du für alles in der Welt, die seligen Gefühle, welche die Liebe Dir giebt, nicht entbehren möchtest und daß Du gerne jedes Ungemach trägst, was damit verbunden ist. Aber, lieber Freund, liegt hier vielleicht nicht auch eine Täuschung zum Grunde? Sollte nicht das Bedürfniß zu lieben Dir mehr werth seyn, als der Gegenstand selbst? Untersuche dies genau und hintergeh Dich nicht. Ich weiß es aus eigener Erfahrung, und Du wirst es auch leicht bey anderen jungen Männern wahrnehmen, daß eine erhitzte Phantasie, die sich gern liebliche Bilder und hohe Ideale entwirft, auch leicht zum Truge führen kann und daß, wenn wir in irgendeinem Gegenstande nur einen Zug, und sollte es auch der unbedeutendste seyn, von dem unserer Seele vorschwebenden Gemählde finden, wir gern glauben, dann alles gefunden zu haben, und dann uns so lange täuschen, bis wir durch ein Ohngefähr aus diesem entzückenden Traum erwachen und mit Schaudern bemerken, daß alles nur ein leeres Hirngespinst unsrer Einbildungskraft war. Du, mein lieber Hardenberg, hast gewiß vor allen anderen Jünglingen Ursach, bey solchen Vorfällen auf Deiner Huth zu seyn, da Dein lebhaftes Temperament und Dein Dichtergenie Dich noch weit leichter irreführen können, als jeden Andern. Ich habe zwar nicht das Glück, Deine Julie genau zu kennen, und wage es noch weniger, sie nach ihrer Schwester [Laura] zu beurtheilen, aber prüfe sie genau und denke, daß es nicht Deine erste Liebe ist. Erinnerst Du Dich noch wohl, was Du mir in Deinem ersten Briefe schriebest und wie Du da in lauter Wonnegefühlen und Seeligkeiten für eine andre schwärmtest. Denke, daß das Band welches man einmal knüpft, auf ewig uns fesselt und dann unser Glück oder Unglück entschieden ist. Dies ist alles, was ich Dir über Deine Lage sagen kann, und hiermit Gott befohlen.
Lebewohl
von Berger.
Ich bitte Dich recht herzlich, schreib mir bald und vor allem recht aufrichtig über den Zustand Deines Herzens.
Was macht Dein Bruder Muß [Erasmus]? Grüße ihn doch von mir recht herzlich.
Metadata Concerning Header
  • Date: Mittwoch, 6. Februar 1793
  • Sender: Ernst Ludwig von Berger
  • Recipient: Novalis ·
  • Place of Dispatch: Ratzeburg · ·
  • Place of Destination: Leipzig · ·
Printed Text
  • Bibliography: Novalis: Schriften. Tagebücher, Briefwechsel, Zeitgenössische Zeugnisse. Hg. v. Richard Samuel, Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz. Bd. 4. Stuttgart u.a. 1975, S. 348‒350.
Manuscript
  • Provider: Privatbesitz
  • Classification Number:
Language
  • German

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