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Friedrich Schleiermacher to Ehrenfried von Willich TEI-Logo

Stolpe d. 15t. Junius 2
Diesmal, mein lieber Freund, hast Du es Jetten eben nicht sehr schwer gemacht, Dir zuvorzukommen; sie hätte um ein gutes langsamer sein können. Indeß glaube ja nicht daß ich mit Schelten anfangen will wiewohl Du dem einsamen Freunde allerdings eher hättest ein freundliches Wörtchen zurufen können. Ich bin herzlich froh nun endlich einen Brief von Dir zu haben, und mit Sicherheit zu wissen wohin ich Dir schreiben kann. Denn beim Schreiben wird es doch wohl bleiben müssen; die Aussicht auf die Reise nach Rügen ist mir ganz zu Wasser geworden, welches ich dem guten Reimer, der sehr gewiß darauf gerechnet hatte in diesen Tagen leider auch werde schreiben müssen. Von meinem Leben hier ist allerdings nicht sonderlich viel zu sagen. Bis jezt habe ich die doppelte Verwirrung der Besuche und des Einstudirens in das Kirchen Archiv welches immer soviel möglich das erste Geschäft eines Predigers sein muß auszustehen gehabt, und sie sind beide noch nicht ganz überstanden. Dann gehen die Reisen in die Filialen an. Menschen habe ich noch nicht viel gefunden, und einigermaßen gelebt noch nirgends als in dem Hause meines ersten Kirchenvorstehers, eines Kaufmanns, der vorzugsweise der reiche genannt wird. Man ist dort sehr freundlich und artig gegen mich, es sind brave gute Leute aber viel mehr ist denn auch nicht dabei. Was nicht zur Gemeine gehört, habe ich noch gar nicht besucht und doch bin ich auch noch gar nicht dazu gekommen irgend etwas zu arbeiten. Uebrigens verbitte ich | mir die Redensart ganz, daß Deine lieblichen Augen mich in Stolpe gar nicht erreichen werden. Mich in meinem einsamen Zustande zu besuchen wäre freilich ein großes Verdienst um mich, aber für Dich allerdings keiner großen Aufopferung werth. Dagegen erkläre ich es ausdrüklich für Deine Schuldigkeit, daß wenn ich erst Leonoren habe Du uns auf einige Zeit besuchest ehe Du eine Pfarre in Rügen antrittst. So ganz ungenuzt sollst Du Deinen amtlosen ledigen Stand nicht für uns lassen und Du magst Dich nur in Zeiten bedenken, wie Du das am klügsten einrichtest. Du hast unten ein großes Zimmer zu Deiner Disposition, wenn Du nicht vorziehst auf einem von den zwei kleinen Stübchen oben zu wohnen, die ich jezt einnehme, und wovon das Andre unsere Schlafstube sein soll. Du siehst wie ich schon in der Zukunft lebe. Die Hochzeit, das ist wieder etwas Anderes. Freilich hast Du Dich schon einmal darauf zu Gaste gebeten; Gott weiß aber wo sie sein wird. Wenn nicht Leonorens Mutter und Geschwister von Herzen mit uns gleich Anfangs einverstanden sind, und wenn nicht Grunow außer Berlin lebt wird Leonore sie gewiß ungern in Berlin feiern[.] Sie hat einmal eine Idee geäußert sie bei Wedecke zu halten, und das wäre wohl eine köstliche Sache, und wenn Du dorthin kommen und diesen herrlichen Mann und seine höchst liebliche Frau auch kennen lernen könntest: was wäre schöner! Wo indeß diese Hochzeit auch sein mag, wenn es irgend möglich zu machen ist so sei immer dabei; wiewohl Du nichts sehen wirst als zwei stille Menschen mit einer solchen innern Freude, bei der es gewiß ohne ein gut Theil Wemuth nicht abgeht. Von Leonoren habe ich Zwei Briefe, und sie will mir alle Woche schreiben[.] Eine | köstliche Nahrung sind sie mir ohnerachtet sie beide in der Möglichkeit von ihm gesehen zu werden und also nicht ganz ohne Lüken und im Sie geschrieben sind. Eben so schreibe ich auch an sie, ausgenommen was ich unter Brenna’s Adresse schreibe. Ich hoffe Du wirst beim Lesen dieser Worte wenn es nicht schon eher geschehen ist zugestehn daß Du Dich von einer ganz neuen Seite gezeigt hast nemlich einer entsezlichen Unbeholfenheit. Kannst Du denn nicht Deine Briefe an Schwester Brenna adressiren oder einschließen? Die beiden sehen sich zwar selten, aber doch bisweilen und werden schon Mittel finden sich Bestellungen zu machen. Uebrigens sehe ich nicht ein warum Du nicht unter ihrer ganz eignen Adresse an sie solltest schreiben können; doch frage sie erst darum. Leonore und Jette haben Schwesterschaft gemacht; das freut mich recht innig. Auch ich habe es nicht aushalten können aus dieser weiten Entfernung Jetten Sie zu nennen; indeß nach Pyrmont hin wage ich doch nicht es fortzusezen.
Von Johanna schreibst Du kein Wort; auch nicht was Du von Wolf und Lea weißt. – Da Jette Dir seit meiner Abreise geschrieben hat wird sie Dir auch wohl gesagt haben daß ich mit Reimer noch in ein recht schönes und inniges Verhältniß gekommen bin, und ich sage Dir daher heute noch nichts weiter darüber. In ihm hatte es lange gearbeitet. Nach Deinen Aeußerungen über ihn zu urtheilen vermuthe ich beinahe daß Du etwas dagegen haben wirst; vielleicht mißkennst Du ihn doch. Erkläre Dich doch näher über ihn.
Von allem litterarischen bin ich bis jezt hier noch rein abgeschnitten gewesen, habe auch noch nichts gelesen als Schellings Bruno den ich mir NB mitgebracht hatte. Unter den Geistlichen hier ist sicherlich kein litterarischer Mensch, ich werde also anfangen müssen Journale zu lesen, und werde nur nächstens | eine Meile von hier den Pastor Haake aufsuchen, den Verfasser der grauen Mappe. Vielleicht ist doch noch etwas mehr an ihm, als seine ganz leidliche Prosa. Von meinen Amtsverhältnissen kann ich auch noch wenig sagen. Beifall scheine ich zu finden, indeß habe ich freilich erst Dreimal gepredigt, und rechne noch gar nicht auf etwas bleibendes. Morgen fange ich die Katechisationen an; das wird mir hoffentlich wohl thun.
Ich wollte ich könnte Dir etwas sagen von meinem Abschied von Leonoren, wie wir uns gesegnet und an Alles, auch an das Sterben in dem Jahre das noch zwischen uns liegt gedacht haben. Ich bat sie, auch wenn ich stürbe aus ihrer jezigen Lage herauszugehn. Auch das war schon in ihr gewesen, und mit einem Tone, den Du noch nicht an ihr kennst sagte sie: „Wenn Du stirbst will ich in Ruhe Deine stille traurige Wittwe sein.“ Als sie mir erzählte was für Stüzen und Freunde ich ihr zurückließ sagte sie unaussprechlich rührend Deine Lotte soll meine Schwester sein Willich mein Bruder, Jette mein Rath, Brenna meine Gesellschaft. Ich hoffe Du freust Dich über diese Stelle.
Lebe wohl lieber Freund, und schreibe mir oft, es ist mir wohlthätig. Grüße Johannen mittelbar oder unmittelbar, und wenn sie vor Deiner Abreise kommen so bewillkommne Wolff und Lea recht herzlich von mir
Dein
Schleiermacher
Noch Eins. Ich glaube ich habe eine Confusion mit der Maria Stuart gemacht. Hast Du eine auf Papier Velin bekommen so ist es die meinige, die mir fehlt. Du schreibst ja aber gar nicht einmal daß Du sie, und die beschriebnen Blätter und den Ofterdingen bekommen hast. Alles dies ist mit meinem lezten Briefe mit mir zugleich von Berlin abgegangen.
Metadata Concerning Header
  • Date: Dienstag, 15. Juni 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Ehrenfried von Willich ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Prenzlau ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 10‒13.

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