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Friedrich Carl Gottlieb von Duisburg to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Danzig d. 21 Juny. 1802.
Alter Freund,
Ich sollte nicht gewußt haben, daß Du nach Stolpe verpflantzst wärst? – Da müßte ich ja wenig mich um meine alte Freunde kümmern; müßte ja auch keine LitteraturZeitungen lesen, die es mir ankündigten. Mit voller Freude lief ich, das Intelligenzblatt in der Hand, herunter und las es meiner Frau vor; denn nun hatte ich Hofnung, wenn Du nicht Deinen obscuren Freund ganz vergeßen hättest, doch ein Brieflein und einen Besuch von Dir zu erhalten. Und, das sag’ ich Dir bey unserer alten Freundschaft! Laß ja Dir keine Gelegenheit entwischen nach Danzig zu kommen. Du sollst denn doch, wenn auch nicht so hohe socratische Freuden, wie mit Schlegel, Spalding und anderen zu genießen, doch auch nicht ganz mager ausgehn. Zuerst führe ich Dir meine 4 schönen Kinder, lauter Mädchens, vor; dann führe ich Dich zu meinem Freund Troschel, der ein schönes Eigenthum in Oliva besitzt und in deßen froher Gesellschaft Du gewiß auch froh und vergnügt seyn sollst; ferner führe ich Dich zu meinen alten Eltern, die jetzt auf Sankt Elisabeths Kirchhof wohnen, und ein ziemlich heiteres Alter genießen; auch führe ich Dich zu meinem Bruder, den Artzt, wo du philosophische Unterhaltung nach Deinem Sinn und für Dein Kunstgefühl in einer herrlichen Sammlung der ausgesuchtesten, alten und neuen Kupferstiche vorfindest; und zuletzt führe ich Dich wieder nach der Oliva, wo mein jüngster Bruder ein | Etablißement hat. So denke ich sollen Dir denn wohl ein 8 Tage verschwinden, ohne daß Du über viel Langeweile klagen sollst. Vor allem aber hast Du mich nicht mehr im Poggenphul, sondern am Buttermarkt zu suchen, wo ich mir ein größeres, geräumigeres Haus miethen mußte, weil ich eine Zeitlang mehrere Pensionairs hatte, von denen noch ein junger Engländer übrig geblieben ist. Es war auch nahe dran diesen Winter in den heiligen Prediger Orden zu treten; die Stelle in Naßenhuben, mit etwa 500 rth, war vacant geworden und ich hatte alle mögliche Hofnung und Aussicht sie zu erhalten, als durch eine Kabale und Vetterschaft ein Prediger Kilmar aus Goldapp damit abfuhr. Hier in Danzig wird durch Majewski’s Tod nichts an Platz gewonnen, da die dritte Stelle wegen Verringerung der Gemeinde vacant bleiben soll. Kann ich einen guten CivilPosten bekommen, so nehme ich ihn mit Freuden. Doch davon nichts vor heute. Du schreibst mir in Deinem Brief, daß Dein Haus noch nicht | frey ist. Wie kömmt denn das? Ist da noch eine Wittwe? – Bist Du nicht auch zugleich Inspecktor der Kirchen in Vor- und HinterPommern? – Ist die Stelle die Du hast einträglich genug mit einer Familie davon zu leben? Und, sub rosa, nenne mir doch Deine Zukünftige? – Vieleicht errathe ich sie. Auf diese Fragen antworte mir doch hübsch genau. Faulheitssünden sollst Du an mir nicht mehr finden. Wir wollen unsere Nähe jetzt redlich nützen und das Band, das solange etwas los geworden, wieder fest zusammen ziehen. Ich bin Dir noch immer der Alte. In Gottes freyer Natur bin ich froh wie ein Vogel; trinke noch gern und mit wahrem Geschmack mein Gläschen, wenn ich es haben kann; sehe gern hübsche Mädchen; überlaße mich, wenn es bunt geht, der süßen Hofnung beßerer Zeiten und bin gesund wie ein Fisch. Lustig seyn und ein zufriedenes Herz haben, Freund, das sind doch die Perlen des Lebens. Was die hiesigen Bibliothecken betrift, darauf sollst Du in meinem, diesen auf dem Fuß folgenden Brief, Nachricht haben. Ein Loos in der | ClaßenLotterie werd ich Dir auch Morgen oder Übermorgen treulich besorgen und Dir die Nummer überschreiben. Und was Du sonst für Bestellungen hast, bin ich gern erbötig Dir gefällig zu seyn. Heute mußte ich nur auf Deinen lieben Brief antworten, und Dir für Deine alte, mir erhaltene Freundschaft dancken.
Meine Frau läßt Dich tausendmal grüßen. Überrasche nur bald. Dein alter Freund
Duisburg
Mein Haus ist: Buttermarkt. No. 438. wenn Du mich einst, Gott gebe bald, aufsuchest.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 21. Juni 1802
  • Sender: Friedrich Carl Gottlieb von Duisburg ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Danzig · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 15‒16.

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