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Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Stolpe, den 21sten Juni 1802.
Heute, meine theure Freundinn, ist mir die Freude Ihren Brief zu lesen etwas spät zu Theil geworden. Ich war auf meinem Filial und hatte alle möglichen Anstalten getroffen, um die Briefe noch vor meiner Abreise zu bekommen, es hatte aber nichts geholfen und ich fand ihn erst, als ich des Nachmittags ziemlich ermüdet nach Hause kam. Fast hatte ich schon gezweifelt, ob ich einen Brief haben werde, eben, weil er des Morgens nicht kam. Ich suchte mich bestmöglichst vorzubereiten auf meinem Bauerwagen auf den traurigen Fall, mußte mir aber doch gestehn, daß es mich sehr mißmüthig machen würde und daß ich dagegen keine Hülfe wüßte. Verwöhnt bin ich nun schon, oder soll ich lieber sagen eingewöhnt, durch Ihr Versprechen und die bisherige Erfüllung desselben, und es ist gar keine Frage, daß ich mir ängstliche Gedanken machen würde, wenn Ihr Brief einmal ausbliebe, ohne daß Sie mich darauf vorbereitet hätten. Denken Sie sich aber auch nur recht, wie ich mit Ihren Briefen umgehe, wie sie erst verschlungen, dann gelesen, dann genossen, dann gründlich überlegt werden und zulezt noch allerlei kritische Vermuthungen über einzelne Stellen hinzukommen, wie ich mich allen Erinnerungen hingebe, die sie in mir wecken, allen Bewegungen Ihres Gemüthes und Ihrer Gesichtszüge, die sehr lebhaft vor mir stehen, zuschaue und gern, ja mit rechter Freudigkeit, in meinen Busen greife, wenn Sie mir etwas von mir selbst sagen. Diesmal aber kann ich wenigstens nicht ganz mit Ihnen einstimmen.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 21. Juni 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 17.

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