Dienstag.
Sie glauben doch nicht aus dem Vorigen, daß ich meine Trägheit beim Visitenmachen vertheidigen will? Nein, die bleibt in ihren Würden – nur daß ich hoffe, ich würde sie nicht ausgeübt haben, wenn Sie hier gewesen wären. Aber das kann ich | nicht gelten lassen, daß Sie mein ruhiges suchen und finden-lassen mit zur Trägheit rechnen. Nein, liebe Freundin, entweder verstehen wir uns hier nicht oder Sie denken sich das anders als es ist. Dabei verhalte ich mich nicht passiv. Ich sehe mich wohl um und suche, wo Jemand ist, der mich verstehen möchte. Das Suchen und Finden muß gegenseitig sein, aber es muß nur durch die natürliche Anziehungskraft verwandter Gemüther zu Stande kommen. Je mehr absichtliches dabei ist, je mehr man fördern will, desto mehr ist man in Gefahr zu verderben. Jeder Mensch verräth sich von selbst genug für den, der fähig ist ihn zu verstehen und der Augen und Ohren offen hat, und so nähert man sich von selbst und im rechten Maaße und auf die Art, in welcher allein reine Wahrheit ist und an reine Wahrheit geglaubt werden muß. Alles Absichtliche ist dem Mißverständniß und dem Mißtrauen ausgesezt. Keine Verzögerung, die aus der Anhänglichkeit an diesen Grundsaz (der mein eigentlicher positiver Charakter ist und nicht mein negativer oder meine Trägheit) entsteht, hat mich jemals gereut oder wird mich reuen, und versäume ich irgend etwas darüber ganz, so tröste ich mich damit, daß es mir nicht beschieden war. Denn, was ein Mensch nicht ohne Verlezung seiner eigenthümlichen Sittlichkeit erlangen kann, das ist ihm nicht beschieden, eben so wie das, was ihm physisch unmöglich ist. In einer ganz andren Absicht bin ich diesen Nachmittag über die Fragmente im Athenäum gerathen; ich weiß nicht, ob ich Ihnen einmal die, welche darunter von mir sind, ausgezeichnet habe; es giebt mehrere, in denen ich meine Denkungsart über diese Sache so klar gemacht habe als ich irgend kann. Sie dürfen Sich übrigens gar nicht zum Beispiel anführen. Allerdings ist das Eigne und das wahre Innere Ihres Wesens sehr schwer zu finden. Wer ist denn so glücklich gewesen Sie zu verstehen vor mir? Nun die Fahrt einmal auf der Charte verzeichnet ist, finden Andre auch wohl den Weg. Bei Ihnen nun fand ich die eine von diesen Kräften ganz gebunden und zurückgedrängt. Wissen | Sie, womit ich Sie vergleichen möchte? mit einem Magneten, der sich ganz in Eisenfeile gehüllt hat, weil er kein solides Stück Eisen fand. Kommt ihm nun eins nahe, so kann es ihn vor dieser Umgebung nicht erkennen, sondern höchstens ahnden, und es kommt auf einen herzhaften Griff an, mit dem man die Eisenfeile abstreift. Als ich dachte, „aus der Frau ist etwas zu machen“, hatte ich Ihr innerstes Wesen noch nicht gefunden – denn das ist und braucht weiter nichts daraus gemacht zu werden – sondern nur Ihren Verstand, und Sie wissen, daß der Verstand allein mich eben nicht sehr persönlich afficirt. Sie konnte ich der Hauptsache nach nicht anders finden, als ich Sie gefunden habe, durch eine Offenbarung der Liebe. Und was hätten Sie denn auch ohne die mit meinem Zutrauen gemacht? Haben Sie mein Inneres nicht auch erst nach dieser Offenbarung und durch sie gefunden? Hielten Sie Sich nicht vorher auch nur an meinen Verstand oder meinen Geist, wenn Sie wollen, und etwa an meine Art die Welt anzusehen? Und wären wir auf diesem Wege viel weiter gekommen, als eben zu den Mittheilungen unsres Verstandes? Doch ich will mich jezt gar nicht weiter in uns vertiefen, sondern auf meine Trägheit zurückkommen. Sie besteht eigentlich darin, daß ich auf gewisse Dinge keine Gedanken wenden will und es nicht der Mühe werth halte sie zu überlegen; so wende ich denn lieber Zeit darauf. Und nur deßhalb, weil, wie Sie allerdings recht haben, diese Zeit mich doch um Gedanken bringt, rechne ich sie mir zum Fehler an, so wie die Maxime, lieber Geld auf etwas zu wenden, als Zeit, auch für diejenigen zu tadeln ist, die das Geld dann wieder für Zeit kaufen müssen. [...]
Sie glauben doch nicht aus dem Vorigen, daß ich meine Trägheit beim Visitenmachen vertheidigen will? Nein, die bleibt in ihren Würden – nur daß ich hoffe, ich würde sie nicht ausgeübt haben, wenn Sie hier gewesen wären. Aber das kann ich | nicht gelten lassen, daß Sie mein ruhiges suchen und finden-lassen mit zur Trägheit rechnen. Nein, liebe Freundin, entweder verstehen wir uns hier nicht oder Sie denken sich das anders als es ist. Dabei verhalte ich mich nicht passiv. Ich sehe mich wohl um und suche, wo Jemand ist, der mich verstehen möchte. Das Suchen und Finden muß gegenseitig sein, aber es muß nur durch die natürliche Anziehungskraft verwandter Gemüther zu Stande kommen. Je mehr absichtliches dabei ist, je mehr man fördern will, desto mehr ist man in Gefahr zu verderben. Jeder Mensch verräth sich von selbst genug für den, der fähig ist ihn zu verstehen und der Augen und Ohren offen hat, und so nähert man sich von selbst und im rechten Maaße und auf die Art, in welcher allein reine Wahrheit ist und an reine Wahrheit geglaubt werden muß. Alles Absichtliche ist dem Mißverständniß und dem Mißtrauen ausgesezt. Keine Verzögerung, die aus der Anhänglichkeit an diesen Grundsaz (der mein eigentlicher positiver Charakter ist und nicht mein negativer oder meine Trägheit) entsteht, hat mich jemals gereut oder wird mich reuen, und versäume ich irgend etwas darüber ganz, so tröste ich mich damit, daß es mir nicht beschieden war. Denn, was ein Mensch nicht ohne Verlezung seiner eigenthümlichen Sittlichkeit erlangen kann, das ist ihm nicht beschieden, eben so wie das, was ihm physisch unmöglich ist. In einer ganz andren Absicht bin ich diesen Nachmittag über die Fragmente im Athenäum gerathen; ich weiß nicht, ob ich Ihnen einmal die, welche darunter von mir sind, ausgezeichnet habe; es giebt mehrere, in denen ich meine Denkungsart über diese Sache so klar gemacht habe als ich irgend kann. Sie dürfen Sich übrigens gar nicht zum Beispiel anführen. Allerdings ist das Eigne und das wahre Innere Ihres Wesens sehr schwer zu finden. Wer ist denn so glücklich gewesen Sie zu verstehen vor mir? Nun die Fahrt einmal auf der Charte verzeichnet ist, finden Andre auch wohl den Weg. Bei Ihnen nun fand ich die eine von diesen Kräften ganz gebunden und zurückgedrängt. Wissen | Sie, womit ich Sie vergleichen möchte? mit einem Magneten, der sich ganz in Eisenfeile gehüllt hat, weil er kein solides Stück Eisen fand. Kommt ihm nun eins nahe, so kann es ihn vor dieser Umgebung nicht erkennen, sondern höchstens ahnden, und es kommt auf einen herzhaften Griff an, mit dem man die Eisenfeile abstreift. Als ich dachte, „aus der Frau ist etwas zu machen“, hatte ich Ihr innerstes Wesen noch nicht gefunden – denn das ist und braucht weiter nichts daraus gemacht zu werden – sondern nur Ihren Verstand, und Sie wissen, daß der Verstand allein mich eben nicht sehr persönlich afficirt. Sie konnte ich der Hauptsache nach nicht anders finden, als ich Sie gefunden habe, durch eine Offenbarung der Liebe. Und was hätten Sie denn auch ohne die mit meinem Zutrauen gemacht? Haben Sie mein Inneres nicht auch erst nach dieser Offenbarung und durch sie gefunden? Hielten Sie Sich nicht vorher auch nur an meinen Verstand oder meinen Geist, wenn Sie wollen, und etwa an meine Art die Welt anzusehen? Und wären wir auf diesem Wege viel weiter gekommen, als eben zu den Mittheilungen unsres Verstandes? Doch ich will mich jezt gar nicht weiter in uns vertiefen, sondern auf meine Trägheit zurückkommen. Sie besteht eigentlich darin, daß ich auf gewisse Dinge keine Gedanken wenden will und es nicht der Mühe werth halte sie zu überlegen; so wende ich denn lieber Zeit darauf. Und nur deßhalb, weil, wie Sie allerdings recht haben, diese Zeit mich doch um Gedanken bringt, rechne ich sie mir zum Fehler an, so wie die Maxime, lieber Geld auf etwas zu wenden, als Zeit, auch für diejenigen zu tadeln ist, die das Geld dann wieder für Zeit kaufen müssen. [...]