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Friedrich Schleiermacher to Alexander von Dohna TEI-Logo

Stolpe d 27t. Junius
Schon vorigen Posttag lieber Graf wollte ich Ihnen für Ihren freundlichen Brief danken und Ihnen die mir sehr interessanten Einlagen zurüksenden ich ward aber daran verhindert und nun hat mich Ihr zweiter Brief sehr angenehm überrascht. Lauter Herrliches erfahre ich von Ihnen, und Sie sind mir eine wahre Freudenquelle hier in Stolpe. Ihre guten Nachrichten von Sich Selbst, das Angenehme was Ihrem Herrn Vater begegnet und was gewiß einen vortheilhaften Einfluß auf seine Gesundheit und dadurch auf Ihre allerseitige Zufriedenheit haben wird, die wiederholten Aeußerungen Ihrer herzlichen Freundschaft für mich und das so sehr wohlwollende und gütige Interesse das Ihre trefliche Schwester an mir nimmt – alles hat mich auf eine eigne Art erfreut.
In der Nähe dieser Schwester kann es Ihnen gewiß nicht anders als wohl gehn; Ihr gegenseitiges Vertrauen zu einander und Ihre Freude an einander wird gewiß noch immer zunehmen. Von dieser Seite ist mir nichts für Sie zu wünschen übrig; aber von Herzen wünsche ich daß auch Ihre Amtsverhältnisse Ihnen immer lieber werden mögen. Ich kann nicht umhin, lieber Graf, ich habe es Ihnen zwar schon oft gesagt; aber ich kann es Ihnen nicht genug wiederholen welchen tödtlichen Schreken mir jedes Wort verursacht, welches Sie fallen lassen von einem bevorstehenden Austreten aus dem Dienst, oder wenigstens von Ihrem Verlangen danach. Wahrhaftig | es ist ein Vaterlandsverrätherischer Gedanke, den Sie niemals fassen sollten. Umsonst wollen Sie Sich alle diese Jahre über gequält haben? Ja, umsonst. Denn was Sie bisher in ziemlich subalternen Verhältnissen geleistet haben, das hätte vielleicht Mancher Andere auch gekonnt, was Sie in den höhern Verhältnissen in welche Sie nun eintreten leisten werden, das können nur wenige so wie Sie. Ich mag auf Ihr Inneres oder auf Ihre äußere Lage sehn, so sind Sie recht geschaffen zum Dienst. Ihre Rechtlichkeit und Treue, Ihr Fleiß, Ihre richtige Ansicht von den verschiedenen Verhältnissen, die auf allen Seiten so sehr mißverstanden werden, ist selten, das wissen Sie Selbst troz aller Demuth; und wenn es schon an und für sich ein Grund zu vielem Unheil ist, wenn in einem Staate wie der unsrige die Begütertsten sich von der höheren Staatsverwaltung zurükziehn: wie viel mehr wenn dieser äußere Beruf mit einem solchen innern zusammentrifft. Reden Sie doch nicht von Ihren mangelhaften Kenntnissen: sehen Sie Sich um unter denen, welche wenn Sie abgehn etwa Ihre Stelle einnehmen können, und Sie werden gewiß schweigen müssen. Reden Sie auch nicht von Ihren Besizungen[,] von der Pflicht für Ihre Unterthanen zu sorgen, von der Pflicht Ihre Güter so sehr als möglich zu verbessern und zu benuzen. Glauben Sie doch nicht, daß Sie jemals werden ein praktischer Landmann im Detail werden, ganz gewiß nicht und die Oberaufsicht zu führen das lehrt der Dienst am besten. Sie werden Ihre eignen Beamten zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit auch in der Entfernung eben so gut zwingen können und besser als die königlichen, und wenn Sie ohne Uebertreibung nur den unvermeidlichen Verlust berechnen den eine so getheilte Existenz nach sich zieht, so dürfen Sie ihn gar nicht in die Wage legen gegen das Gute was Sie im öffentlichen Dienst stiften können. Und nun gar wenn ich an Ihr persönliches Wohlbefinden denke, auf dem Lande, unverheirathet – lieber Freund ich kann zittern vor Angst
Metadata Concerning Header
  • Date: Sonntag, 27. Juni 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Alexander von Dohna ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Finckenstein ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 23‒24.

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