Single collated printed full text without registry labelling not including a registry

Samuel Ernst Stubenrauch to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Theuerster Neveu
Sie haben uns durch Ihren letzten so umständlichen Brief ungemein Freude gemacht, Mama läßt insbesondere recht sehr danken, daß Sie uns über Ihre dortige Lage so ausführlich geschrieben haben. Daß wir recht oft an Sie gedacht haben, werden Sie ohne viele Betheurung sich vorstellen, da Sie wissen wie werth Sie uns immer gewesen und noch sind. Auf Ihrer Reise haben wir in Gedanken Sie immer begleitet, und bey der abwechselnden und oft so sehr rauhen Witterung uns oft einander zugerufen: der arme Schleiermacher hat auch sehr böses Wetter zu seiner Reise, – und dann wieder: Nun wird er doch wohl schon an Ort und Stelle seyn! – und dann am 1ten Pfingsttage haben wir Sie auf die Kanzel begleitet, und Mittags Ihre Gesundheit in einem Gläschen Bischoff getrunken
Und wie erfreut waren wir, als Ihr Brief ankam, da konnte Mama sich nicht satt hören. Sehr erfreulich war es mir, obgleich gar nicht unerwartet, daß von Ihren Amtsbrüdern sechs in Ihrer Abschiedspredigt gewesen, denn ich wußte es wohl, wie sehr Sie in Berlin geachtet werden. Ihr Nachfolger an der Charité ist wie unsre Frau Inspektor Muzel sagte, in Frankfurt von D. Stosch ordinirt worden; einen Nachfolger für ihn an der Friedrichsschule zu bekomen, wird wohl sehr schwer fallen, da das Gehalt so äußerst geringe. Wer sich zur dasigen Rektorstelle gemeldet, habe ich noch nicht erfahren. Recht vielen Dank für die umständlichen Nachrichten von Stolpe. Das erinnere ich mich noch aus meiner frühesten Jugend, daß viel Bernstein dort verarbeitet wird, desgleichen daß herrliche Lachse dort damals gefangen wurden, hoffentlich doch jetzt auch noch, dann gratulire dazu von Herzen, denn wo mich mein Gedächtniß nicht trüget, so essen Sie auch gern Lachs. Aber von dem dasigen hochadelichen Fräuleinsstift erwähnen Sie nichts, es wird aber doch vermuthlich noch dort bestehen, so gut wie das Cadetten-Institut
Sie haben also dort auch eine Simultankirche und sind mit Ihrem Collegen zufrieden auch das freut uns. In Ihrem Häuschen wohnen Sie vermuthlich noch mit ihrer Frau Antecessorin – das wunderte mich außerordenlich daß Ihr Vorgänger eine so ganz junge Person geheirathet hat – vermuthlich noch dazu als Wittwer, oder hat er etwa so spät erst ans Heirathen gedacht – Machen Sie es ja nicht so. |
Daß Sie unter den dortigen Predigern wenige nach Ihrem Geschmack in Rücksicht auf Literatur finden würden, konnt’ ich leicht denken – um desto erfreulicher war mir die Nachricht, daß Sie in der Nachbarschaft einen Mann finden, den Sie als belletristischen Schriftsteller kennen und schätzen; es scheint auch als ob er Liebhaber und Kenner im historischen Fach. So fand ich neulich in der Allgemeinen Deutschen Bibliothek die Anzeige, daß „die Geschichte des ersten Kreuzzuges im historisch-genealogischen Kalender von 1800 den Prediger Haken zu Symbow bey Stolpe zum Verfasser habe[“.] Von dem HErrn Probst oder Präpositus werden Sie künftig wohl noch nähere Nachrichten uns mittheilen. Das aber war mir ganz unerwartet, daß Sie 3 Filiale haben, und noch dazu das eine in einer Entfernung von 12 Meilen; aber freilich wir haben ja wohl nur vier reformirte Prediger in ganz Pommern. Von kleinen Reisen waren Sie ja sonst ein großer Liebhaber, daher wird Ihnen auch wohl die Reise nach den Kolonien nicht zuwider seyn – aber freilich die Reise nach Westpreußen würde mir auch nicht recht behagen – da können Sie denn versichert seyn, daß wir, da Sie uns die Zeit Ihrer Reisen angegeben haben, ganz treulich Sie auf denselben begleiten und Ihnen recht schönes Wetter wünschen werden. Hier sahen unsere Dames in der Nachbarschaft Frau Ludwig Frau D. Langen u.s.w. auch imer sehr verdrießlich aus, wenn sie auch brav spazieren gehen, oft nicht einmal vor die Thür setzen konnten
Die Benike sieht nun dem versprochenen Briefe begierig entgegen ob sie ihn schon erhalten weiß ich nicht, denn ich bin länger als seit 8 Tagen nicht da gewesen Mama grüßet herzlich, sie wird zu Ende dieser Woche nach Reppen [reisen], wo unsere Tochter ihrer Entbindung entgegensieht; dann bleibe ich Strohwittwer, vielleicht mehrere Wochen. Vielleicht erfreuen Sie bald wieder mit einem Schreiben Ihren aufrichtig treuen Oheim
Stbrch
Landsb. a d W d. 28t. Juni 1802.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 28. Juni 1802
  • Sender: Samuel Ernst Stubenrauch ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Landsberg (Warthe) · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 25‒27.

Zur Benutzung · Zitieren