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Friedrich Carl Gottlieb von Duisburg to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

D. d. 28 Juny 1802
Jetzt muß ich Dir, damit Du nur gleich Dein Glück in den Berliner Zeitungen nachsuchen kannst, die Nummer Deines Looses melden; sie ist: 22463, schreibe zwey und zwanzig tausend, vierhundert, drey und sechßig. Auf Dein Verlangen behalte ich das Loos an mich, habe aber auf der Rückseite bemerckt, daß es Dir gehört. Den Gewinn hast Du von mir zu erhalten, aber das rede ich mir doch aus, wenn Du die 30. 000 rth ziehst, daß Du mir dann eine kleine Summe zum Ankauf eines ländlichen Grundstückes creditiren mußt. Vorreden, habe ich immer gehört, geben keine Nachreden. –
Und nun zur Beantwortung Deines Briefes; da ist die erste Frage: Was wir hier für Bibliothecken, besonders in philosophischer Hinsicht, haben? Auf diese Frage dient zur Antwort: Wir haben hier 3 öffentliche Bibliotheken die aber nur blos so den Nahmen führen, denn niemand bekommt sie zu sehen. Die HErren Bibliotheckare wißen wohl selbst nicht was sie haben, und bestimmte Zeiten zum Besuch für Jedermann sind nicht festgestellt, man muß sich also bey den HErrn Aufsehern melden, die sich aber nicht gern bestauben. Doch gillt dies gesagte nicht gäntzlich von der Rathsbibliothek, welche im Gymnasio aufgestellt ist.
Bey dieser ist der Professor Philosophiae Everbeck, der Dir noch von Halle her erinnerlich seyn wird, als Bibliotheckar angestellt und sie muß und wird regelmäßig Mittwochs und Sonnabends Nachmittags von 2–4 Uhr geöfnet. Es kömmt aber gewöhnlich niemand hin und der HErr Professor sieht es auch überall nicht gern, wenn er besucht wird. Diese Bibliothek ist nun unter allen die wichtigste. Allein in philosophischer Hinsicht ist | sie gewiß sehr unwichtig. Du weißt wie es auf solchen Büchersammlungen beschaffen ist. Da findet man eine Menge alte zur Geschichte und ihren Hülfswissenschaften gehörige Sachen, und das ist allerdings noch das Beßte und Brauchbarste. Ferner eine Wust alte und neue Theologie; Jurisprudenz, und dergleichen. Doch sind in dieser Bibliothek auch schöne und seltene Ausgaben der Claßiker. Von neuen Sachen wird größtentheils für die Geschichte gesammlet, doch hat man auch die Prachtausgabe von Wieland angeschaft. Bey dem allen aber ist das schlimmste daß man nur mit Mühe etwas zu lesen bekömmt, jedoch wenn Du nach Danzig kömmst, dencke ich soll es wohl möglich gemacht werden, daß Du das, was Du zu haben wünschest daraus erhältst. Ferner sind noch Büchersammlungen bey der hiesigen JohannisKirche, und bey unsrer PetriKirche. Die HErren Recktoren haben die Verwaltung, folglich bey der PetriKirch Bibliothek der Recktor Bellair. Sie werden aber nie zu bestimmten Zeiten geöfnet und enthalten auch nichts von neueren Sachen. Unsere Privatbibliotheken sind sehr zahlreich und von mannigfaltigem Werth. Die ansehnlichsten sind: die Büchersammlung der Naturforschenden Gesellschaft; die Uphagensche, und die Weickhmannsche. Die erstere sammlet blos für Naturgeschichte und soll gut besetzt seyn, von Angesicht zu Angesicht kenne ich sie nicht, da es für jemandem der nicht Mitglied der Gesellschaft ist, schwer hält die Naturaliensammlung nebst | den Büchern zu sehen zu bekommen. Die Uphagensche ist die ansehnlichste und zählt gegen 25000 Bände, aber sie enthält blos Geschichte und deren gesammte Hülfswißenschaften; die Weickhmannsche sammlet blos für polnische und preußische Geschichte. Alles übrige ist wohl nicht des [hernennens] werth. Überhaubt bekümmert man sich in Danzig nicht sonderlich um Philosophie. Es giebt wohl einige gute philosophische Köpfe, aber sie sind mit Berufsarbeiten zu sehr überhäuft als daß sie sich eigentlich dem Studio widmen könnten. Da will ich Dich unter andern mit einem guten Freund, den JustizRath Rindfleisch, bekannt machen, dessen Vater Du in Schlobitten gekannt haben mußt, (er war Amtmann zu Carwinden) dieser ist in die Geheimniße der neuen Philosophie vollkommen eingeweiht, aber seine Dienstgeschäfte, da er auch zugleich Ober Accise und Zollrath ist, erlauben ihm nicht viel Zeit zur Leckture anzuwenden. Und so wäre denn Deine Frage in Rücksicht der Bibliotheken beantwortet. – Was Deine Zweite Frage anlangt: Ob Du mir wohl dann und wann kleine Aufträge machen kannst; darauf glaube ich hab ich schon in dem ersten Theil meiner Antwort mich erklärt. Es wird mir immer angenehm seyn, meinem alten Freunde gefällig zu werden. Was Du von neuen Büchern brauchst will ich Dir bey Troschel besorgen, und wenn Du Kinder in die Welt setzen willst, so wird er so gern wie jeder andere, die Hebamme machen. Wenn hier Bücherauctionen sind und die Verzeichniße zeitig genug erscheinen werde ich sie Dir senden und | Du kannst mir dann Deine Aufträge machen. – Wenn Du von Deinen Kindern welche in duplo hast, so mache mir doch ein Geschenk damit. Sollte ich noch in meinem Leben so etwas von Nachkommenschaft in die Welt setzen, so erwidre ich ehrlich die Spende. Aber es ist ja des gehaltlosen Zeugs genug in der Welt und ich bescheide mich gern, daß ich nichts geben kann, was nicht tausende schon beßer gegeben hätten, oder noch geben werden. Ich merke denn doch daß ich meine früheren Jahre beßer hätte nützen sollen, was dem Genie abgeht, ersetzt denn doch manchmal der Fleiß, aber verliebte Schwermerey, Hang zu Bequemlichkeit, und nun verdammtes fiducit haben alles mir verdorben. Jetzt muß man sich so durchstümpern. Aber es muß eine herrliche Sache seyn, wenn man mit jedem über jedes dreist sich einlaßen darf. Aber da komme ich in das moralisiren und das kleidet gar nicht. Ich will Dir also nur sagen, daß ich wenigstens immer ein ehrlicher Kerl bin, der Farbe hält, und so denke ich auch, will's Gott, zu bleiben. Du weißt ja: Dumm und ehrlich, ist das alte Sprüchlein. Und nun gehabe Dich wohl! I am your most sincerely old friend
Duisburg.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 28. Juni 1802
  • Sender: Friedrich Carl Gottlieb von Duisburg ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Danzig · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 27‒29.

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