Stolpe, den 8ten Juli 1802
[...] Ihre Reisebeschreibung haben Sie sehr in nuce abgefaßt. Daß die Kunst alles bei uns durch Wirthlichkeit verdirbt, ist ein sehr allgemeiner Fehler. Es erinnert mich an ein | schönes Wort eines Franzosen darüber, que tout étoit très beau chez nous, mais qu’il y manquait toujours un écu. Als ich das hörte, schrieb ich mir in mein Gedankenbuch, es wäre recht mein Charakter. Finden Sie das nicht auch? Nicht als ob alles très beau oder auch nur très bon an mir wäre, aber auch allem, was so ist, fehlt immer un écu, es sei nun un écu von Fleiß oder von Genie oder von guter Lebensart. An allen meinen Arbeiten sehe ich es recht, wenn sie fertig sind und sich also übersehen lassen, denn es ist mir ganz klar, wo ich den écu hätte hineinstecken sollen; gehabt hätte ich ihn auch wohl, wie es bei den Preußen auch größtentheils der Fall ist; es ist nur eine übel angebrachte und unverständige Sparsamkeit. Auch in meinem Betragen gegen die Menschen ist es so. Im Ganzen ist es gewiß nach einem richtigen Plan angelegt, und von meinen Grundsäzen möchte ich um keinen Preis etwas ab- oder zuthun. Auch mit meiner Manier bin ich im Ganzen zufrieden; aber bei allen Aufopferungen im Großen, die ich oft der Gesellschaft und den Menschen mache, fehlt fast immer un écu, weßhalb sie oft das Uebrige gar nicht genießen können. Lehren Sie mich doch diesen écu überall bei der Hand haben. Wieviel wäre ich dann gebessert! es wäre ein großer Edelstein in der Krone Ihrer Verdienste um mich.
Mittwoch war die Synodalversammlung der hiesigen Diöcese, und der Probst hatte die Artigkeit, mich dazu einzuladen. Damit ging fast der ganze Tag hin. Das hat mir einmal wehmüthige Empfindungen gemacht! Ach, liebe Freundinn, wenn man so unter 35 Geistlichen ist! – ich habe mich nicht geschämt einer zu sein; aber von ganzem Herzen habe ich mich hineingesehnt und hineingedacht in die hoffentlich nicht mehr ferne Zeit, wo das nicht mehr so wird sein können. Erleben werde ich sie nicht; aber könnte ich irgend etwas beitragen sie herbeizuführen! Von den offenbar infamen will ich gar nicht reden, auch wollte ich mir gern gefallen lassen, daß einige dergleichen unter einer solchen | Anzahl wären, besonders so lange die Pfarren noch 1000 Rthl. eintragen – aber die allgemeine Herabwürdigung, die gänzliche Verschlossenheit für alles Höhere, die ganz niedere sinnliche Denkungsart – sehen Sie, ich war gewiß der Einzige der in seinem Herzen geseufzt hat; gewiß, denn ich habe so viel angeklopft und versucht, daß ich sicher den zweiten gefunden hätte!
Daß ich den Friedrich nicht liebe, lassen Sie Sich ja nicht von Jette einreden. Daß sie es glaubt, ist ganz natürlich. Sie weiß, daß Friedrich’s Character dem meinigen ganz heterogen ist, und sie glaubt nicht, daß man das Heterogene lieben kann. Dann habe ich auch Vieles an ihm mit meiner bekannten Offenheit gegen sie getadelt und ihren Tadel eingestanden. Sie weiß, daß Friedrich’s übermächtige stürmische Sinnlichkeit mir in einigen ihrer Aeußerungen unangenehm und gleichsam meinem Geschmack zuwider gewesen ist, auch daß ich mit großer Mißbilligung gesprochen von der Leichtigkeit, mit der er sich bisweilen einem unrechtlichen Verfahren in seinen Angelegenheiten nähert, und nun erscheint ihr das als das Wesentliche seines Characters, weil das Gegentheil davon, Ruhe und Ordnung, das Wesentliche des ihrigen ist. Sie weiß, daß es ihm an Sinn fehlt für Manches, was mir viel werth ist, und nun glaubt sie, es fehle ihm an Gemüth überhaupt, und meint, es wäre eigentlich nur sein Geist, was mich anzöge und ich wäre mir selbst nicht klar. Aber ich verstehe mich hier sehr gut! Des Geistes wegen liebe ich Niemanden. Schelling und Göthe sind zwei mächtige Geister, aber ich werde nie in Versuchung gerathen sie zu lieben, gewiß aber auch es mir nie einbilden. Schlegel ist aber eine hohe sittliche Natur, ein Mann, der die ganze Welt, und zwar mit Liebe, in seinem Herzen trägt, die Sinnlichkeit ist gar nicht in einem unschönen Mißverhältniß zu seinen übrigen Kräften, er ist auch dem Geiste nach gar nicht unrechtlich, wenn er es gleich dem Buchstaben nach bisweilen wirklich wird. Ich habe das der Jette öfters angedeutet; sie hat es aber nicht finden können, und so habe ich mir weiter keine vergebliche Mühe ge|geben. Ich verlasse mich darauf, sie wird ihn noch sehen, wenn er wird fertig geworden sein in Absicht auf die Darstellung seines Wesens, und dann wird sie ihn und mich besser verstehen. Machen Sie auch noch einen Versuch ihr das zu lehren und zu commentiren; vielleicht gelingt es Ihnen besser!
[...] Ihre Reisebeschreibung haben Sie sehr in nuce abgefaßt. Daß die Kunst alles bei uns durch Wirthlichkeit verdirbt, ist ein sehr allgemeiner Fehler. Es erinnert mich an ein | schönes Wort eines Franzosen darüber, que tout étoit très beau chez nous, mais qu’il y manquait toujours un écu. Als ich das hörte, schrieb ich mir in mein Gedankenbuch, es wäre recht mein Charakter. Finden Sie das nicht auch? Nicht als ob alles très beau oder auch nur très bon an mir wäre, aber auch allem, was so ist, fehlt immer un écu, es sei nun un écu von Fleiß oder von Genie oder von guter Lebensart. An allen meinen Arbeiten sehe ich es recht, wenn sie fertig sind und sich also übersehen lassen, denn es ist mir ganz klar, wo ich den écu hätte hineinstecken sollen; gehabt hätte ich ihn auch wohl, wie es bei den Preußen auch größtentheils der Fall ist; es ist nur eine übel angebrachte und unverständige Sparsamkeit. Auch in meinem Betragen gegen die Menschen ist es so. Im Ganzen ist es gewiß nach einem richtigen Plan angelegt, und von meinen Grundsäzen möchte ich um keinen Preis etwas ab- oder zuthun. Auch mit meiner Manier bin ich im Ganzen zufrieden; aber bei allen Aufopferungen im Großen, die ich oft der Gesellschaft und den Menschen mache, fehlt fast immer un écu, weßhalb sie oft das Uebrige gar nicht genießen können. Lehren Sie mich doch diesen écu überall bei der Hand haben. Wieviel wäre ich dann gebessert! es wäre ein großer Edelstein in der Krone Ihrer Verdienste um mich.
Mittwoch war die Synodalversammlung der hiesigen Diöcese, und der Probst hatte die Artigkeit, mich dazu einzuladen. Damit ging fast der ganze Tag hin. Das hat mir einmal wehmüthige Empfindungen gemacht! Ach, liebe Freundinn, wenn man so unter 35 Geistlichen ist! – ich habe mich nicht geschämt einer zu sein; aber von ganzem Herzen habe ich mich hineingesehnt und hineingedacht in die hoffentlich nicht mehr ferne Zeit, wo das nicht mehr so wird sein können. Erleben werde ich sie nicht; aber könnte ich irgend etwas beitragen sie herbeizuführen! Von den offenbar infamen will ich gar nicht reden, auch wollte ich mir gern gefallen lassen, daß einige dergleichen unter einer solchen | Anzahl wären, besonders so lange die Pfarren noch 1000 Rthl. eintragen – aber die allgemeine Herabwürdigung, die gänzliche Verschlossenheit für alles Höhere, die ganz niedere sinnliche Denkungsart – sehen Sie, ich war gewiß der Einzige der in seinem Herzen geseufzt hat; gewiß, denn ich habe so viel angeklopft und versucht, daß ich sicher den zweiten gefunden hätte!
Daß ich den Friedrich nicht liebe, lassen Sie Sich ja nicht von Jette einreden. Daß sie es glaubt, ist ganz natürlich. Sie weiß, daß Friedrich’s Character dem meinigen ganz heterogen ist, und sie glaubt nicht, daß man das Heterogene lieben kann. Dann habe ich auch Vieles an ihm mit meiner bekannten Offenheit gegen sie getadelt und ihren Tadel eingestanden. Sie weiß, daß Friedrich’s übermächtige stürmische Sinnlichkeit mir in einigen ihrer Aeußerungen unangenehm und gleichsam meinem Geschmack zuwider gewesen ist, auch daß ich mit großer Mißbilligung gesprochen von der Leichtigkeit, mit der er sich bisweilen einem unrechtlichen Verfahren in seinen Angelegenheiten nähert, und nun erscheint ihr das als das Wesentliche seines Characters, weil das Gegentheil davon, Ruhe und Ordnung, das Wesentliche des ihrigen ist. Sie weiß, daß es ihm an Sinn fehlt für Manches, was mir viel werth ist, und nun glaubt sie, es fehle ihm an Gemüth überhaupt, und meint, es wäre eigentlich nur sein Geist, was mich anzöge und ich wäre mir selbst nicht klar. Aber ich verstehe mich hier sehr gut! Des Geistes wegen liebe ich Niemanden. Schelling und Göthe sind zwei mächtige Geister, aber ich werde nie in Versuchung gerathen sie zu lieben, gewiß aber auch es mir nie einbilden. Schlegel ist aber eine hohe sittliche Natur, ein Mann, der die ganze Welt, und zwar mit Liebe, in seinem Herzen trägt, die Sinnlichkeit ist gar nicht in einem unschönen Mißverhältniß zu seinen übrigen Kräften, er ist auch dem Geiste nach gar nicht unrechtlich, wenn er es gleich dem Buchstaben nach bisweilen wirklich wird. Ich habe das der Jette öfters angedeutet; sie hat es aber nicht finden können, und so habe ich mir weiter keine vergebliche Mühe ge|geben. Ich verlasse mich darauf, sie wird ihn noch sehen, wenn er wird fertig geworden sein in Absicht auf die Darstellung seines Wesens, und dann wird sie ihn und mich besser verstehen. Machen Sie auch noch einen Versuch ihr das zu lehren und zu commentiren; vielleicht gelingt es Ihnen besser!