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Georg Andreas Reimer an Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Greifswald d. 10n July 2
Deinen Brief, lieber Schleiermacher, empfing ich, nur wenige Tage vor meiner Abreise, in Berlin; und so sehr es nun auch meine Absicht war Dir sogleich zu antworten, so hinderten mich doch die vielen unerwarteten und unwillkommenen Ereigniße, die fast beständig die Zeit vor einer Reise verkürzen, daran.
Für Deinen Brief danke ich Dir herzlich. Du hast mir den Mittelpunkt Deines Lebens aufgeschloßen, indem Du mich hast ein heilig menschliches Gemüth schauen laßen, in welchem sich künftig das Deinige abspiegeln soll. Wie hat es mich gerührt und erfreut zugleich ein Leben zu erkennen, deßen Angelegentlichstes es ist die Welt von Gefühlen in seinem Innern zur Einheit zu bringen, und aus der hiedurch erworbenen Ruhe die That hervorgehen zu laßen! Und aus den einzelnen Zügen Deiner Schilderung habe ich auch, wenn mich nicht alles trügt, die Gleichheit eurer Gemüther erkannt die Welt in sich aufzunehmen und darzustellen; daher wird eure Vereinigung die reinste Harmonie bewirken. Wie sehr ich es übrigens gewünscht hätte, daß die äußern Verhältniße eben so ruhig gewesen wären, wie es die innern sind, kannst Du Dir leicht vorstellen; besonders deshalb weil mir nun ganz die Freude verloren ist, sogleich fortdauernd einen unmittelbaren Berührungspunkt mit Deinem Leben zu behalten.
am 15ten
Versäume daher keinen Augenblick, sobald es thulich, mir die Bekanntschaft Deiner Freundin zu verschaffen. Ob ich sie lieben werde frägst Du! Ich würde es schon deshalb weil sie Dir angehört; selbst dann, wenn mir ihr Innerstes verschloßen bliebe, würde ich nur voraus|setzen mir fehle der rechte Gesichtspunkt ihr Leben zu erkennen. Und was bedarf denn auch die Liebe der Zustimmung der Freundschaft! Wo sich das höchste Lebendige, unerschöpfliche Kraft und ewige Sehnsucht, vereinigt; wo zwei Leben, wie aus eines Wesens Natur, in des Nehmens und Gebens steter Wechselwirkung sich zur höchsten Vollkommenheit immerdar zu erheben trachten; wo sich die ewigen Grundkräfte in Natur und Geist, Schaffen und Bilden, innigst mit einander verbinden, und gegenseitig die Mittelpunkte ihres Seyns berühren, da entsteht ein Kunstwerk des Lebens, das selbst die heiligste Freundschaft kaum zu ahnden vermag!
Es hat mir sehr wehe gethan Dich hier nicht zu treffen, oder vielmehr Dich auf Rügen nicht finden zu sollen. So sehr ich mich indeß darauf voraus freute, so trug ich doch immer die Sorge in mir: mein Wunsch und meine Hoffnung würden nicht erfüllt werden. Ich hatte mir herrliche Stunden geträumt in der Gesellschaft von Menschen, die alle, bei der verschiedensten Gemüthsbildung, dennoch die Erkenntniß des höchsten Zwecks erfüllte, und die bei der verschiedensten Wahl der Mittel dennoch einem Ziel entgegen strebten; denen ewige Jugend in der Brust wohnte; die entbunden von allen äußern Verhältnißen nur sich und ihrer Freiheit lebten; unter den Einflüßen einer kräftigen und herrlich ausgebildeten Natur; unter den unmittelbaren Einwürkungen aller Urelemente, die für die Sinnenwelt Symbole der Ewigkeit sind. Gewiß es müßten sich aus solcher Vereinigung des Aeußern und Innern | herrliche Resultate erzeugt haben; dies müßte nicht bloß zur Erquickung und Erfrischung des Lebens, sondern auch zur Erweckung neuer Anschauungen, zur Erhöhung der Erkenntniß, und zur Erhebung des eigenthümlichen Standpunktes des Lebens gereicht haben!
Auch Muhrbeck habe ich nicht gefunden. Er ist ins Bad nach Doberan gereist, und wird vielleicht auch nicht einmal während meines Hierseyns von da zurück kehren. Er kränkelt so viel ich weiß noch immer an unbefriedigter Sehnsucht, deren Befriedigung er von seiner äußern Lage hofft. Mit ihm wird es daher wohl schwerlich je sich ganz beßern. Er ist eine zu früh gediehene Pflanze, die üppig in Treibhaushitze schnell aufschoß, und nun zergeht unter dem Einfluße der freien Luft. Schade ist es um dieses zarte Gemüth, um diese Sanftheit und Milde, die sich, dem Anscheine nach, so nutzlos selbst zerstört!
Auch von Süvern habe ich den Tag vor meiner Abreise von Berlin einen Brief erhalten, der voller Trauer und Klagen ist, so wohl seiner Lage und seiner Amtsverhältniße wegen, als besonders (doch muß dies durchaus bei uns bleiben, da er so nur leise darauf hindeutet) seiner mislungenen Heirath wegen. Ihn hat vielleicht Leidenschaftlichkeit unüberlegt dazu getrieben. Ich habe ihm Muth und Trost zu gesprochen. Gönne Du doch | auch seinem Leben eine Stunde des Zuspruchs und der Ermunterung; es würde ihm sehr wohlthuend und stärkend seyn!
Der Termin den ich zur Erscheinung der Critik der Moral, falls sie nicht bis August fertig werden könnte, am dienlichsten hielt, war bald nach Neujahr, und ich bekomme das Manuscript daher zeitig genug wenn es nur Ende Novembers oder Anfang Decembers bei mir eintrifft. Uebrigens brauchst Du auch diesen Termin eben nicht streng zu halten, wenn Du sonst keine Gründe für eine frühere Erscheinung hast, indem es dem Absatze wenig mehr förderlich seyn wird, wenn das Buch zu Neujahr, als wenn es zu Ostern erscheint. Nur diesen letzten Termin müßtest Du ja halten. Ich sage das alles nur damit Du nicht etwa um den abermals gesetzten Termin (zu Neujahr) nun zu halten, Dich unnöthiger Weise im Arbeiten übertreibest. – Den Athenaeus werde ich Dir schicken sobald er eingegangen und gebunden ist; so auch den Aristoteles Tomus V. Eine Veränderung mit der Verlagseinrichtung von den Zweibrücker Autoren macht Aufenthalt hierin. Die Buchbinderrechnung werde ich ebenfalls übernehmen. Wünschest Du indeß einen bestimmten Buchbinder, so schreib es mir.
Thiele habe ich ein Exemplar der Predigten gegeben; und die Bücher von Sander und Göschen werde ich zu besorgen suchen und sie Dir schicken sobald ich Dir eine Sendung zu machen habe.
Mein Weib grüßt Dich herzlich, und mein Kind gedeiht. Du bist unserm Herzen sehr theuer. Laß es uns dem Deinigen auch seyn. Lebe recht wohl
Dein G. R.
Briefkopfdaten
  • Datum: 10. bis 15. Juli 1802
  • Absender: Georg Andreas Reimer ·
  • Empfänger: Friedrich Schleiermacher ·
  • Absendeort: Greifswald · ·
  • Empfangsort: Stolp · ·
Druck
  • Bibliographische Angabe: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 42‒45.

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