Montag, den 19ten Juli 1802.
Sie sezen meinen Glauben auf die Probe, beste Freundinn, denn dieser Montag hat mich wieder leer ausgehen lassen von Ihnen. [...] Natürlich werden Sie es finden, daß ich nun zur Schadloshaltung wenigstens ein Viertelstündchen mit Ihnen plaudere. Viel länger wird es mein Gewissen nicht zulassen, denn ich habe mir ein Arbeitspensum gesezt, durch dessen Vollendung ich es mir erst verdienen will, meinem Herzen gütlich zu thun. Dies ist eine Maaßregel, die mir bisweilen sehr heilsam ist. Indessen wie weiß sich der Mensch auch dies bequem zu machen. Einmal ergreife ich sie selten anders, als wenn ich zu dem, was mir sonst eigentlich lieber wäre, nicht recht aufgeregt bin, und dann, wenn mir das bei der Arbeit kommt, wie gewöhnlich, so giebt es so viele Hülfsmittel. Jezt z. B. ist es die Uebersezung eines Platonischen Dialogs, wobei ich mir bestimmte Aufgaben mache. Kann ich nun mit der Uebersezung eines philosophischen Kunstwortes nicht einig werden, so wird geschwind decretirt, dieses bis zur lezten Ueberarbeitung zu versparen, weil es sich dann besser werde beurtheilen lassen, bisweilen ist dies in der Natur der Sache gegründet und eine wahre Zeitersparung, bisweilen ist es Bequemlichkeit und eine wahre Zeitversplitterung. Genau untersuche ich nicht, welches jedesmal der Fall sein mag. Denn das wäre öfters wohl auch eine Zeitversplitterung. In diesem Augenblick kann ich mich dessen nicht anklagen. Denn das ist einmal in der Regel; wenn ich Briefe erhalten oder auch nicht erhalten habe, | bin ich zur Arbeit eine Zeitlang nicht tüchtig. Ich muß mich erst in die nach fehlgeschlagener Hoffnung nöthige Gemüthsverfassung sezen, oder, was darin gestanden, recht mit Muße in mich aufnehmen, worin bei mir ein auffallender Unterschied zwischen einem Briefe und einem Gespräch ist. Wie oft bin ich unmittelbar von Ihnen und nach solchen Unterhaltungen, bei denen wir uns am meisten liebten und genügten, sogleich zur Arbeit gegangen, und wie schön und glücklich ging es mir dann von Statten. Nur den Gang durch den Garten widmete ich noch dem reinen Genuß, dem rechten Verarbeiten des gemeinschaftlich hervorgebrachten und angeschauten Schönen durch die ganze Seele. Bei einem Briefe, auch dem schönsten, brauchen Phantasie und Sehnsucht mehr Zeit, um ihr Recht auszuüben.
Zwei Briefe habe ich heute gehabt, unerwartete, anstatt des Ihrigen. Einer hätte mir unangenehm sein können, hat mich aber gar nicht afficirt. Mehmel nemlich meldet mir das im vorigen Monat erfolgte Ende der Erlanger Literatur-Zeitung. Es ist nothwendig, daß solche Anstalten, in denen bei allem guten Willen (wenn man es mit dem Worte so genau nicht nimmt) doch keine rechte Kraft ist, untergehen, dagegen die anderen, die eine schlechte Tendenz haben, aber dafür mit einer gewissen Geschicklichkeit und Virtuosität geführt werden, wohl verdienen zu bestehen. Mein Leidwesen über das nicht zu Stande gekommensein unsrer Annalen erneuert sich bei dieser Gelegenheit mit großer Lebhaftigkeit. Ich bin sehr überzeugt, daß die Kritik in keinen bessern Händen hätte sein können, als in Wilhelm’s und meinen, und früher oder später wird doch so etwas geschehen müssen. Daß ich nun eine ganz fertige und eine beinahe fertige und eine angefangene Recension übrig behalte, ist mir das unangenehmste. Nach Mehmels Briefe muß in den lezten Blättern im Junius eine Recension von meinen Predigten sein. Beherzigen Sie sie doch und referiren Sie mir gelegentlich darüber.
Der andere mir sehr liebe Brief ist der von Spal|ding, welcher mir auf sehr freundschaftliche Weise zuvorkommt. Wir haben mündlich keine Verabredung getroffen uns zu schreiben, es verstand sich aber wohl von selbst, und ich bin schon öfter im Begriff gewesen, die Feder anzusezen. Wie bei allem Angenehmen, so war auch hier mein erster Wunsch, daß Sie doch bei mir sein möchten (denn wenn ich bei Ihnen wäre, hätte ich ja den Brief nicht bekommen), um meine Freude an dem schönen liebenswürdigen Sinn dieses Mannes und an seiner herzlichen Neigung zu mir, zu theilen; dann auch an der schönen Geistesanregung, zu der mir ein Briefwechsel mit ihm nothwendig gereichen muß. Er gehört auch zu den Menschen, von denen ich Ihnen zu wenig gesagt habe; Sie kennen ja aber meine schwache Seite. Besser kann ich Ihnen nun einen kleinen Abriß seines Characters und einige Zeilen seines Briefes geben. Ich habe von Spalding so gern den Ausdruck edel gebraucht, lassen Sie hören, ob Sie ihn nach dieser Probe auch an seiner Stelle finden: „Indem ich Manches schriftlich mit Ihnen besprechen will, das oder das auch nicht in unsern nun unterbrochenen mündlichen Unterredungen vorkam, gebe ich Ihnen einen entscheidenden Beweis meines Zutrauens. Nicht etwa, sofern ich Manches tadle, was Sie gesagt oder geschrieben haben; aus diesem Muthe gegen Sie mache ich mir keinen so großen Ruhm. Aber das ist eine wahre Huldigung (die ich Ihnen indessen schuldig bin, wie ich glaube), daß ich Ihnen mich in meiner ganzen Blöße zeige, mit allen Vorurtheilen, mit allem Mangel an Scharfsinn und Kenntniß philosophischer Dinge. Nur dem, den ich so von Grund aus für gut halte, möchte ich das bieten.“ Die gute Meinung, welche in den lezten Worten liegt, ist hoffentlich nun probehaltig, wenigstens so, daß sie nur auf Augenblicke beunruhigt werden könnte; verlieren, denke ich, kann ich sie nicht mehr. Es wird, wie es scheint, viel Philosophisches und Philologisches zwischen uns verhandelt | werden, alles aber so, daß das Herz nicht leer dabei ausgeht. Alexander und Jette haben sich immer sehr über mein gutes Verhältniß mit Spalding gefreut, und oft mit einer gewissen Aengstlichkeit nach dem Barometerstande desselben gesehen. Dabei war nun viel weltliche Rücksicht, sie wünschten mir einen Anhalt an einen Mann von solchem, auch von der Welt anerkannten persönlichen und literarischen Werth. Das machte mich manchmal lächeln. Sie wissen, wie es mir darauf gar nicht ankommt. Mir ist in einem andern Sinn ein gutes Zeugniß für mich selbst, daß ein Mann von dieser Gesinnung, der im Stande ist, den bloßen Geist ohne den Character auf’s gründlichste zu verachten, und der auf der andern Seite doch in gewisse Tiefen des Menschen nicht immer eindringt, mich so achten und lieben kann, ein Zeugniß, daß mein sittlicher Werth nicht so ganz verborgen und schwer zu finden ist, als ich immer denke.
Sie sezen meinen Glauben auf die Probe, beste Freundinn, denn dieser Montag hat mich wieder leer ausgehen lassen von Ihnen. [...] Natürlich werden Sie es finden, daß ich nun zur Schadloshaltung wenigstens ein Viertelstündchen mit Ihnen plaudere. Viel länger wird es mein Gewissen nicht zulassen, denn ich habe mir ein Arbeitspensum gesezt, durch dessen Vollendung ich es mir erst verdienen will, meinem Herzen gütlich zu thun. Dies ist eine Maaßregel, die mir bisweilen sehr heilsam ist. Indessen wie weiß sich der Mensch auch dies bequem zu machen. Einmal ergreife ich sie selten anders, als wenn ich zu dem, was mir sonst eigentlich lieber wäre, nicht recht aufgeregt bin, und dann, wenn mir das bei der Arbeit kommt, wie gewöhnlich, so giebt es so viele Hülfsmittel. Jezt z. B. ist es die Uebersezung eines Platonischen Dialogs, wobei ich mir bestimmte Aufgaben mache. Kann ich nun mit der Uebersezung eines philosophischen Kunstwortes nicht einig werden, so wird geschwind decretirt, dieses bis zur lezten Ueberarbeitung zu versparen, weil es sich dann besser werde beurtheilen lassen, bisweilen ist dies in der Natur der Sache gegründet und eine wahre Zeitersparung, bisweilen ist es Bequemlichkeit und eine wahre Zeitversplitterung. Genau untersuche ich nicht, welches jedesmal der Fall sein mag. Denn das wäre öfters wohl auch eine Zeitversplitterung. In diesem Augenblick kann ich mich dessen nicht anklagen. Denn das ist einmal in der Regel; wenn ich Briefe erhalten oder auch nicht erhalten habe, | bin ich zur Arbeit eine Zeitlang nicht tüchtig. Ich muß mich erst in die nach fehlgeschlagener Hoffnung nöthige Gemüthsverfassung sezen, oder, was darin gestanden, recht mit Muße in mich aufnehmen, worin bei mir ein auffallender Unterschied zwischen einem Briefe und einem Gespräch ist. Wie oft bin ich unmittelbar von Ihnen und nach solchen Unterhaltungen, bei denen wir uns am meisten liebten und genügten, sogleich zur Arbeit gegangen, und wie schön und glücklich ging es mir dann von Statten. Nur den Gang durch den Garten widmete ich noch dem reinen Genuß, dem rechten Verarbeiten des gemeinschaftlich hervorgebrachten und angeschauten Schönen durch die ganze Seele. Bei einem Briefe, auch dem schönsten, brauchen Phantasie und Sehnsucht mehr Zeit, um ihr Recht auszuüben.
Zwei Briefe habe ich heute gehabt, unerwartete, anstatt des Ihrigen. Einer hätte mir unangenehm sein können, hat mich aber gar nicht afficirt. Mehmel nemlich meldet mir das im vorigen Monat erfolgte Ende der Erlanger Literatur-Zeitung. Es ist nothwendig, daß solche Anstalten, in denen bei allem guten Willen (wenn man es mit dem Worte so genau nicht nimmt) doch keine rechte Kraft ist, untergehen, dagegen die anderen, die eine schlechte Tendenz haben, aber dafür mit einer gewissen Geschicklichkeit und Virtuosität geführt werden, wohl verdienen zu bestehen. Mein Leidwesen über das nicht zu Stande gekommensein unsrer Annalen erneuert sich bei dieser Gelegenheit mit großer Lebhaftigkeit. Ich bin sehr überzeugt, daß die Kritik in keinen bessern Händen hätte sein können, als in Wilhelm’s und meinen, und früher oder später wird doch so etwas geschehen müssen. Daß ich nun eine ganz fertige und eine beinahe fertige und eine angefangene Recension übrig behalte, ist mir das unangenehmste. Nach Mehmels Briefe muß in den lezten Blättern im Junius eine Recension von meinen Predigten sein. Beherzigen Sie sie doch und referiren Sie mir gelegentlich darüber.
Der andere mir sehr liebe Brief ist der von Spal|ding, welcher mir auf sehr freundschaftliche Weise zuvorkommt. Wir haben mündlich keine Verabredung getroffen uns zu schreiben, es verstand sich aber wohl von selbst, und ich bin schon öfter im Begriff gewesen, die Feder anzusezen. Wie bei allem Angenehmen, so war auch hier mein erster Wunsch, daß Sie doch bei mir sein möchten (denn wenn ich bei Ihnen wäre, hätte ich ja den Brief nicht bekommen), um meine Freude an dem schönen liebenswürdigen Sinn dieses Mannes und an seiner herzlichen Neigung zu mir, zu theilen; dann auch an der schönen Geistesanregung, zu der mir ein Briefwechsel mit ihm nothwendig gereichen muß. Er gehört auch zu den Menschen, von denen ich Ihnen zu wenig gesagt habe; Sie kennen ja aber meine schwache Seite. Besser kann ich Ihnen nun einen kleinen Abriß seines Characters und einige Zeilen seines Briefes geben. Ich habe von Spalding so gern den Ausdruck edel gebraucht, lassen Sie hören, ob Sie ihn nach dieser Probe auch an seiner Stelle finden: „Indem ich Manches schriftlich mit Ihnen besprechen will, das oder das auch nicht in unsern nun unterbrochenen mündlichen Unterredungen vorkam, gebe ich Ihnen einen entscheidenden Beweis meines Zutrauens. Nicht etwa, sofern ich Manches tadle, was Sie gesagt oder geschrieben haben; aus diesem Muthe gegen Sie mache ich mir keinen so großen Ruhm. Aber das ist eine wahre Huldigung (die ich Ihnen indessen schuldig bin, wie ich glaube), daß ich Ihnen mich in meiner ganzen Blöße zeige, mit allen Vorurtheilen, mit allem Mangel an Scharfsinn und Kenntniß philosophischer Dinge. Nur dem, den ich so von Grund aus für gut halte, möchte ich das bieten.“ Die gute Meinung, welche in den lezten Worten liegt, ist hoffentlich nun probehaltig, wenigstens so, daß sie nur auf Augenblicke beunruhigt werden könnte; verlieren, denke ich, kann ich sie nicht mehr. Es wird, wie es scheint, viel Philosophisches und Philologisches zwischen uns verhandelt | werden, alles aber so, daß das Herz nicht leer dabei ausgeht. Alexander und Jette haben sich immer sehr über mein gutes Verhältniß mit Spalding gefreut, und oft mit einer gewissen Aengstlichkeit nach dem Barometerstande desselben gesehen. Dabei war nun viel weltliche Rücksicht, sie wünschten mir einen Anhalt an einen Mann von solchem, auch von der Welt anerkannten persönlichen und literarischen Werth. Das machte mich manchmal lächeln. Sie wissen, wie es mir darauf gar nicht ankommt. Mir ist in einem andern Sinn ein gutes Zeugniß für mich selbst, daß ein Mann von dieser Gesinnung, der im Stande ist, den bloßen Geist ohne den Character auf’s gründlichste zu verachten, und der auf der andern Seite doch in gewisse Tiefen des Menschen nicht immer eindringt, mich so achten und lieben kann, ein Zeugniß, daß mein sittlicher Werth nicht so ganz verborgen und schwer zu finden ist, als ich immer denke.