Herzlichen Dank sage ich Ihnen, mein verehrungswürdiger Bruder für Ihre Liebe zu mir.
Ich lebe hier bereits seit dem 27ten vorigen Monats bin aber verhindert, Ihre mich so erfreuende Bitte, an Sie zu schreiben, ehe als jetzt zu erfüllen. Ich kann glücklich seyn in meiner neuen Lage; noch habe ich nichts gefunden, was meiner Vorstellung von einem Zustande, in welchem es einem Menschen, wie ich bin, möglich wäre, froh und glücklich zu seyn, widersprochen hätte. Das Aeußere ist Alles sehr gut; gerade, wie Sie, ohne es Sich vielleicht noch zu erinnern, mir am Abend in dem Sackschen Hause beschrieben, wo nicht noch beßer: die Geschäfte sind mein Vergnügen, selbst, und ich möchte sagen, vorzüglich auf den Krankenstuben. Ich extemporire vor den Kranken, weil der Vorträge, jetzt wenigstens noch für mich, zu viel sind, um sie alle vorher schriftlich abfaßen zu können. Freilich sind es noch die Flitterwochen, aber ich übersehe doch schon den ganzen Umfang meiner Geschäfte, und mag es seyn, daß ein unangenehmer Vorfall kömmt – ich werde doch glücklich seyn. So gratulire ich mich also, Ihr Nachfolger zu seyn. Sie gratuliren Sich auch, dadurch beweisen Sie eine sehr gute Meinung von mir. Es wandelt mich bisweilen ein beunruhigendes Gefühl an, ich möchte nicht immer das leisten, was ich sollte; aber ich hoffe dann wieder, der gute Wille, zumal mit Lust und Neigung zum Geschäfte vereinigt, wird über die Hinderniße siegen.
Es hat mir große Freude gemacht, zu vernehmen, daß Sie in Ihrer neuen Lage kein anderes Uebel, als was vorauszusehen war, Entbehrung des geselligen Vergnügens finden. Der gütige Gott wird es Ihnen | vertraue ich fest, sehr wohl gehen laßen. Ihre Gedanken über das wahre Wesen der Popularität sind ganz mein Gefühl in deutliche Worte ausgesprochen. Ich glaube sicher, kein Prediger muß im Stande seyn, populärer predigen zu können wie Sie. Bei Ihnen ist es glaube ich [fast], nur die erhabene Diction, in der es Ihnen natürlich ist, Ihre Gedanken zu faßen, was ihrer Verständlichkeit im Wege steht.
Was aber die meisten Prediger unpopulär macht, sollte das nicht dieser Umstand seyn? Was für die allgemeinen Begriffe unsers Verstandes die äußere Welt ist, ist für die Religionsbegriffe unser Gefühl, wie also der ungebildete erstere nie im allgemeinen, sondern immer nur in den äußern Erscheinungen denkt, ein post hoc ihm ein propter hoc ist, und die äußern Erscheinungen es sind, die die allgemeinen Verstandesbegriffe den gebildeten erst bewußt machen: so ist das innere Gefühl es, nach deßen Empfindungen sich der ungebildete, wenn man seine Gedächtnißvorstellungen abrechnet, sich seine Religionsideen also nicht als allgemeine Begriffe denkt. Nur das Gefühl hat also der Prediger mit dem ungebildeten gemein; sind seine allgemeinen Begriffe in der Religion, nur von der Art, daß er sie nur mit dem Gedächtniße aufgefaßt, oder ihren innern Zusammenhang nur mit dem Verstande gedacht hat, ohne sie aus dem Gefühle selbst heraus zu heben, so trägt er sie so allgemein wieder vor, und sie sind für den ungebildeten bloße Töne, wenn es nicht die gewöhnlichen Gedächtnißvorstellungen: Gott, Laster, Sünde p sind, die der ungebildete | auch hat, und zu verstehen glaubt.
Ich besorge aber, ich habe eine dunkele Vorstellung zu wenig deutlich ausgedrückt; aber wenn sie, welches ich glaube, da sie mir wahr vorkömmt, die Ihrige seyn sollte: so wißen Sie, was ich sagen will.
Ihre Liebe läßt Sie den Wunsch äußern, ich möchte mit Ihnen in eine schriftliche Unterhaltung treten. Ich thäte es sehr gern, weil Ihre Briefe mir so wichtig sind, aber ich besorge, ich werde durch meine Briefe Ihre billigen und gemäßigten Erwartungen nicht befriedigen können. Mit der Geschichte des Tages werde ich so sehr nicht bekannt, und die kann Ihnen auch nicht wichtig seyn. Ihre Freundschaft gegen mich möchte so lebendig seyn, daß sie der Nachrichten von meinem Zustande als Nahrung bedürfte: nun etwas wird es seyn, was meinen Briefen einiges Intereße giebt: ich erfülle gerne Ihren Wunsch, und bitte, da Ihre Briefe mir so theuer sind, mir so oft Sie können, mit Ihnen ein Geschenk zu machen.
Ich ward diesen Morgen zufälliger Weise von Ihrer Denkungsart sehr gerührt. Ich finde unter den Schriften die Sie mir zurükgelaßen haben, eine ausführliche Nachricht von Ihrem Vorgänger HErrn Kriege über die Lage eines hiesigen reformirten Predigers. Sie ist datirt den 28ten August 1796. Ich lese sie begierig durch, weil ich sie für mich auch wichtig hielt. Er sagt, er habe die 25 rth für’s Invalidenhaus ausgewirkt, habe deshalb viele Kosten gehabt, wozu billig seine Nachfolger concurriren müßten. Er habe sich das Quartal von September bis Ende November deshalb auszahlen laßen. Nun ist es mir aber, wahrscheinlich, daß er mit Anfang des Septembers die hiesige Stelle schon | verlaßen hat. So hat er Ihnen also 6 rth 6 ggr abgezogen. Ihr Nachfolger muß Ihnen, schreibt er, dazu mit concurriren. Ferner, Sie wollen mir 14 Tage von dem bis Trinitatis Ihnen pränumerirten Quartal der jährlichen 110 rth zu gute kommen laßen. So handelt der Gewißenhafte. Aber wie Kriege abging, war denn da das von ihm gehobene Quartal völlig zu Ende? Gewiß nicht. Er aber schreibt kein Wort davon, daß er Ihnen davon was anrechnen müße.
Er rechnet Ihnen ferner den Gartenschlüßel zu 4 ggr an. Vorerst also kann ich für obige 14 Tage die 4 rth und mehrere Groschen nicht annehmen. Von obigen 6 rth 6 ggr muß ich natürlich auch einen Theil, ich dächte, die Hälfte tragen. Ueber den Preis Ihrer Mobilien, die ganz nach meinem Gefallen sind, werden wir, Frau Feldprediger Grunow, meine beiden Herren Collegen und ich, uns nächstens besprechen. Meine beiden Herren Collegen erweisen sich sehr freundschaftlich gegen mich; ich hoffe, in dieser Verbindung sehr glücklich zu leben. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie die Güte gehabt haben, mich der Frau Predigerinn so vortheilhaft zu empfehlen. Wenn Ihnen Ihre Empfehlung nur Ehre machen wird. Ich verehre die Frau, von mehr Geist habe ich noch keine gesehen, auch noch keine, die bei so großer Lebhaftigkeit so viel Zartheit des Gefühls besitzen sollte.
Die liebe, theure Sacksche Familie läßt sich Ihnen sehr empfehlen. Sollten Sie nicht Lust, und nicht Gelegenheit haben, Hofprediger in Königsberg zu werden? Haben Sie die Güte und schreiben Sie bald wieder an mich. Vorigen Sonntag bin ich durch Herrn Stosch, der eine Herzrührende Rede hielt, introducirt. Ich bin mit Hochachtung Ihr aufrichtiger Freund und Bruder
Metger. –
Berlin d 21t. Julius 1802.
Ich lebe hier bereits seit dem 27ten vorigen Monats bin aber verhindert, Ihre mich so erfreuende Bitte, an Sie zu schreiben, ehe als jetzt zu erfüllen. Ich kann glücklich seyn in meiner neuen Lage; noch habe ich nichts gefunden, was meiner Vorstellung von einem Zustande, in welchem es einem Menschen, wie ich bin, möglich wäre, froh und glücklich zu seyn, widersprochen hätte. Das Aeußere ist Alles sehr gut; gerade, wie Sie, ohne es Sich vielleicht noch zu erinnern, mir am Abend in dem Sackschen Hause beschrieben, wo nicht noch beßer: die Geschäfte sind mein Vergnügen, selbst, und ich möchte sagen, vorzüglich auf den Krankenstuben. Ich extemporire vor den Kranken, weil der Vorträge, jetzt wenigstens noch für mich, zu viel sind, um sie alle vorher schriftlich abfaßen zu können. Freilich sind es noch die Flitterwochen, aber ich übersehe doch schon den ganzen Umfang meiner Geschäfte, und mag es seyn, daß ein unangenehmer Vorfall kömmt – ich werde doch glücklich seyn. So gratulire ich mich also, Ihr Nachfolger zu seyn. Sie gratuliren Sich auch, dadurch beweisen Sie eine sehr gute Meinung von mir. Es wandelt mich bisweilen ein beunruhigendes Gefühl an, ich möchte nicht immer das leisten, was ich sollte; aber ich hoffe dann wieder, der gute Wille, zumal mit Lust und Neigung zum Geschäfte vereinigt, wird über die Hinderniße siegen.
Es hat mir große Freude gemacht, zu vernehmen, daß Sie in Ihrer neuen Lage kein anderes Uebel, als was vorauszusehen war, Entbehrung des geselligen Vergnügens finden. Der gütige Gott wird es Ihnen | vertraue ich fest, sehr wohl gehen laßen. Ihre Gedanken über das wahre Wesen der Popularität sind ganz mein Gefühl in deutliche Worte ausgesprochen. Ich glaube sicher, kein Prediger muß im Stande seyn, populärer predigen zu können wie Sie. Bei Ihnen ist es glaube ich [fast], nur die erhabene Diction, in der es Ihnen natürlich ist, Ihre Gedanken zu faßen, was ihrer Verständlichkeit im Wege steht.
Was aber die meisten Prediger unpopulär macht, sollte das nicht dieser Umstand seyn? Was für die allgemeinen Begriffe unsers Verstandes die äußere Welt ist, ist für die Religionsbegriffe unser Gefühl, wie also der ungebildete erstere nie im allgemeinen, sondern immer nur in den äußern Erscheinungen denkt, ein post hoc ihm ein propter hoc ist, und die äußern Erscheinungen es sind, die die allgemeinen Verstandesbegriffe den gebildeten erst bewußt machen: so ist das innere Gefühl es, nach deßen Empfindungen sich der ungebildete, wenn man seine Gedächtnißvorstellungen abrechnet, sich seine Religionsideen also nicht als allgemeine Begriffe denkt. Nur das Gefühl hat also der Prediger mit dem ungebildeten gemein; sind seine allgemeinen Begriffe in der Religion, nur von der Art, daß er sie nur mit dem Gedächtniße aufgefaßt, oder ihren innern Zusammenhang nur mit dem Verstande gedacht hat, ohne sie aus dem Gefühle selbst heraus zu heben, so trägt er sie so allgemein wieder vor, und sie sind für den ungebildeten bloße Töne, wenn es nicht die gewöhnlichen Gedächtnißvorstellungen: Gott, Laster, Sünde p sind, die der ungebildete | auch hat, und zu verstehen glaubt.
Ich besorge aber, ich habe eine dunkele Vorstellung zu wenig deutlich ausgedrückt; aber wenn sie, welches ich glaube, da sie mir wahr vorkömmt, die Ihrige seyn sollte: so wißen Sie, was ich sagen will.
Ihre Liebe läßt Sie den Wunsch äußern, ich möchte mit Ihnen in eine schriftliche Unterhaltung treten. Ich thäte es sehr gern, weil Ihre Briefe mir so wichtig sind, aber ich besorge, ich werde durch meine Briefe Ihre billigen und gemäßigten Erwartungen nicht befriedigen können. Mit der Geschichte des Tages werde ich so sehr nicht bekannt, und die kann Ihnen auch nicht wichtig seyn. Ihre Freundschaft gegen mich möchte so lebendig seyn, daß sie der Nachrichten von meinem Zustande als Nahrung bedürfte: nun etwas wird es seyn, was meinen Briefen einiges Intereße giebt: ich erfülle gerne Ihren Wunsch, und bitte, da Ihre Briefe mir so theuer sind, mir so oft Sie können, mit Ihnen ein Geschenk zu machen.
Ich ward diesen Morgen zufälliger Weise von Ihrer Denkungsart sehr gerührt. Ich finde unter den Schriften die Sie mir zurükgelaßen haben, eine ausführliche Nachricht von Ihrem Vorgänger HErrn Kriege über die Lage eines hiesigen reformirten Predigers. Sie ist datirt den 28ten August 1796. Ich lese sie begierig durch, weil ich sie für mich auch wichtig hielt. Er sagt, er habe die 25 rth für’s Invalidenhaus ausgewirkt, habe deshalb viele Kosten gehabt, wozu billig seine Nachfolger concurriren müßten. Er habe sich das Quartal von September bis Ende November deshalb auszahlen laßen. Nun ist es mir aber, wahrscheinlich, daß er mit Anfang des Septembers die hiesige Stelle schon | verlaßen hat. So hat er Ihnen also 6 rth 6 ggr abgezogen. Ihr Nachfolger muß Ihnen, schreibt er, dazu mit concurriren. Ferner, Sie wollen mir 14 Tage von dem bis Trinitatis Ihnen pränumerirten Quartal der jährlichen 110 rth zu gute kommen laßen. So handelt der Gewißenhafte. Aber wie Kriege abging, war denn da das von ihm gehobene Quartal völlig zu Ende? Gewiß nicht. Er aber schreibt kein Wort davon, daß er Ihnen davon was anrechnen müße.
Er rechnet Ihnen ferner den Gartenschlüßel zu 4 ggr an. Vorerst also kann ich für obige 14 Tage die 4 rth und mehrere Groschen nicht annehmen. Von obigen 6 rth 6 ggr muß ich natürlich auch einen Theil, ich dächte, die Hälfte tragen. Ueber den Preis Ihrer Mobilien, die ganz nach meinem Gefallen sind, werden wir, Frau Feldprediger Grunow, meine beiden Herren Collegen und ich, uns nächstens besprechen. Meine beiden Herren Collegen erweisen sich sehr freundschaftlich gegen mich; ich hoffe, in dieser Verbindung sehr glücklich zu leben. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie die Güte gehabt haben, mich der Frau Predigerinn so vortheilhaft zu empfehlen. Wenn Ihnen Ihre Empfehlung nur Ehre machen wird. Ich verehre die Frau, von mehr Geist habe ich noch keine gesehen, auch noch keine, die bei so großer Lebhaftigkeit so viel Zartheit des Gefühls besitzen sollte.
Die liebe, theure Sacksche Familie läßt sich Ihnen sehr empfehlen. Sollten Sie nicht Lust, und nicht Gelegenheit haben, Hofprediger in Königsberg zu werden? Haben Sie die Güte und schreiben Sie bald wieder an mich. Vorigen Sonntag bin ich durch Herrn Stosch, der eine Herzrührende Rede hielt, introducirt. Ich bin mit Hochachtung Ihr aufrichtiger Freund und Bruder
Metger. –
Berlin d 21t. Julius 1802.