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Lucie Eichmann to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

am 1t. August 1802
Wie oft gedenken wir Ihrer nicht, mein theurer lieber Freund, mit und ohne Veranlaßung. Spalding der jetzt des Dienstags Mittags hier ißt Grüßt Sie herzlich, er bedauert nun all die Stunden in denen er Ihrer hätte froh werden können, und es versäumt hat, mir tuhn die schlechten Zeiten weh in denen wir Sie oft, ich weiß nicht warum? in 6 Wochen nicht sahn! ich habe einen Brief von der guten Mutter für Sie, und erwarte nur Antwort um ihn abzuschicken. Gestern waren wir so recht en famille, wie es so selten geschieht, und ich es so gern habe, auf einen WeinBerg nicht weit von der Charitèe; unwillkürlich zogen sich meine Augen dahin und nach dem Invalidenhause[;] ich gedachte Ihrer und Leonorens, Ihrer dort genoßnen Freuden und Leiden; der son|derbaren Mischung von süßen und bittern Gefühlen die wohl oft in Ihnen gewechselt haben, des Kampfes zwischen Stärke und Schwäche! es ist da eine schöne Gegend viel Wiese, und liebliche Ansichten und mir ist es lieb diesen Ort gefunden, und so nah zu haben. Wir giengen neulich schon in der Gegend mit Jette die bei der Erzählung, wie Sie auf der Brücke dem Ertrincken einmal so nah waren, zusammen schauerte: das Mädchen hätte Sie mit ihrem leichten und ernsten Sinn wohl glücklich gemacht, und hätte von Ihnen gelernt was ihr fehlt.
Montag hatten wir auf den Rollbergen ein schönes Theefest, mit Sacks, und Spaldings, es war der einzige Regenlose Tag, den wir in 5 Wochen hatten, alle wohlgemuth, empfänglich für Natur und Vergnügen. Mit wem feiern Sie nun solche Feste? Noch mit niemand? oder finden sich | die Menschen die zusammen gehören, ein? Haben Sie Bülfingers Bekanntschaft gemacht und wie behagt Sie Ihnen?
Aber ein Leben unbeleuchtet vom Sonnenschein der Freundschaft und Liebe, kömt mir wie eine schöne Gegend bei trüben Tagen vor, es liegt alles da was riechen, erfreuen, erquicken könnte aber der erwärmende, erhellende, jugendliche Strahl fehlt, ohne Anmuth, ohne Witz, ohne Lust zum Gefallen schrumpft man ein, und der eine alles belebende Hauch mangelt.
am 31ten August. Das traue ich Ihnen mein theurer Freund schon zu, das es Ihnen nie in den Sinn kömt wie wir Sie auch nur einen Tag vergeßen könnten, Sie sollten auch Ihre Plage haben wenn so jedes ernstere, längere Andenken ein Brief würde: Könnten sich doch | nur einmal die Woche diese zerstreuten Gedancken in einen Brief formen, oder beßer, könnten wir Sie sehn! Diesesmal ist es eigentlich eine schöne Schuld die es auf sich hat das ich Ihnen nicht geschrieben, der so lange von Eichmann ersehnte, und gewünschte Bruder Becker aus Westphalen ist seit 3 Wochen unser Hausgenoße: er macht mir viel Freude, ist vom ersten Augenblick an Freund, genirt nie, ist sehr gebildet dabei freundlich und herzlich. – Sein Auffenthalt giebt aber Anlaß zu vielem Aussein, zu eignen Gästen, und so folgt es denn natürlich das oft der Wille die That ist. Ihr Brief, der willkomne, ist mir ein neuer Beweis Ihres schönen Vertrauens; aber darauf sagen kann ich Ihnen nichts andres als das er mich von der Wahrheit noch | iniger überzeugt hat wie so jeder Mensch ein eigenthümliches, nur auf ihn anzuwendendes Recht, und Unrecht hat, wie auch jeder seinen eignen Richter haben müßte, und gewiß hat; und wie ich so von ganzen Herzen wünsche das Ihr Wesen und Seyn bald [hohe] Ruhe in dem finden möge, was Sie sich als Quelle Ihres Glücks, und Ihres schönen Lebens ausbilden! Möchten auch die Menschen diese Ruhe Ihnen gönnen, möchte Blick und Wort, voll des Gegentheils Sie nie stören: ohne Ihnen doch die gänzliche Verachtung des Urtheils andrer einzuflößen die ich am guten Menschen nicht schön finde – Demuth (deren Schatten, selbst MondscheinSchatten ich übrigens nicht in den Monologen erblickt habe) diese Demuth also ist freilich Euch hohen Geistern Spreu, aber sie ist doch liebenswürdig, und würde Euch gar zu gut laßen : Wenn so die Meinungen unmaßgäblich wären, | wie viel mehr Aufnahme und Eingang würden sie finden, sie würden ohne Vorurtheil ohne vorhergegangenen Stoß beherzigt werden – Stehn sie aber da wie ein Berg Gottes, so läßt sie jeder stehn. Ihre Angst über Leonore habe ich begreifen können, auch Ihr schönes sich einrichten dabei, eine Liebe wie die Ihrige ist nicht gemein, Ihre Trauer würde es auch nicht gewesen sein: aber mir ist doch der Wald dabei eingefallen, in den man die Bäume nicht sieht: Die Post ist ja so nachläßig das ein Mensch der doch schon zuweilen Briefe bekommen hat, wohl zuerst an sie denken sollte.
Aber was denken Sie von meinem Phlegma, oder von meinem Antheil an Sie? ich hätte Leonore auf eine Einladung von der Herz vieleicht Mitwoch den 25ten sehn können, und bin nicht zur Herz gegangen – ach weil ich zu tuhn hatte, und die Hitze so drückend war das sie auch das sehnliche Verlangen Leonoren zu sehn unterdrückte, | kömt mir morgen keine dringende Abhaltung so gehe ich Nachmittags zur Herz und der günstige Zufall führt uns wohl zusammen.
Diesen Augenblick erwarte ich Spalding der nun Ihre Briefe gelesen hat, er liebt und schätzt Leonoren ist so glücklich sie zuweilen zu sehn, und kaut auch an den wunderbaren Verkettungen des menschlichen Schicksals; er grüßt Sie als treuer Freund –
am 7ten September Diesen Augenblick ist Herr Metger hier, und frägt ob ich etwas mitzuschicken habe ich übergebe dies seinem Schicksal so unvollendet als es ist denn ich sehe es ist das einzige Mittel von Ihnen, von dem ich gern täglich hörte nach langer langer Zeit wieder etwas zu hören – ich konnte nicht schreiben denn meine Zeit stahl mir mein Schweger, so bald der weg | ist hören Sie viel von mir, denn viel ist in mir für Sie
Luzie E.
Metadata Concerning Header
  • Date: 1. August bis 7. September 1802
  • Sender: Lucie Eichmann
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Berlin · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 65‒67.

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