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Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Den 7ten August 1802.
Recht oft schon, liebe Freundin, erfreue ich mich an dem Gedanken, daß Ihre gute Mutter bei Ihnen draußen ist, ohnerachtet es schwerlich jezt schon der Fall sein mag. Aber es ist mir die angenehmste Vorstellung, die ich mir von Ihrem Zustande machen kann, und darum halte ich mich so gern daran. Wie werden Sie die würdige Greisin pflegen, und wie wird die kindliche Liebe, die Ihrem Herzen so tief eingewurzelt ist, noch einmal ganz neu treiben und blühen! – Ach, es giebt wenig Schöneres in der Welt, ja ich kenne sogar nichts – denn ist nicht dies ein wesentlicher Bestandtheil alles andern Schönen und Herrlichen? Sie wissen, wie lange ich verwaiset bin, aber es giebt wohl nicht leicht einen Tag, wo ich nicht mit Liebe, besonders meines Vaters, gedächte. Zwar habe ich mit meiner Mutter mehr gelebt, aber ich verlor sie zu früh. Ihn hingegen habe ich noch, wenigstens im Anfang meines reiferen Lebens gekannt. Ein unseliges Mißverständniß hatte sein Herz mehrere Jahre von mir entfernt. Er glaubte mich auf einem verderblichen Wege, er hielt mich für aufgeblasen und eitel, indeß ich nur ganz einfältig meiner innersten Ueberzeugung gefolgt war, ohne auch nur einen Schritt weiter | hinaus zu denken oder irgend etwas zu wünschen und zu hoffen. Ich litt viel, ich dachte, welch’ ein schönes Verhältniß zwischen uns stattfinden könnte, und es war nicht! Ohne meine Schuld. Mich rührte seine zärtlich sorgende Liebe, die auch ohnerachtet seines Kummers um mich, nie von mir wich. Aber Sie wissen, wie ich bin; ich that nie etwas Besonderes, um ihn mir näher zu bringen, sondern ging nur still meinen Gang fort, besorgend, jenes möchte nur verkehrt auf ihn wirken. Nach und nach nur folgte sein Urtheil und sein Verstand seinem Herzen; aber nur eben hatte ich das vollste und sicherste Zeugniß in Händen, daß er ganz wieder mein war, als er mir genommen wurde. Wäre es mir so gut geworden, seine lezten Augenblicke zu verschönern, mit kindlicher Hand seine Augen zuzudrücken! – gern hätte ich das Denkmal davon an meiner Gesundheit so lange tragen wollen als Sie! O, liebe Freundin, genießen Sie jezt mit wehmüthiger Besonnenheit, recht ungestört, von Allem absehend, was Sie mit Recht darin stören könnte, das lezte große Mahl, das vielleicht Ihr kindliches Herz sich bereitet hat, und die Augenblicke, welche Sie mir schenken von der Gegenwart Ihrer Mutter – nur die sollen es sein, wenn sie ruht – werden mir doppelt heilig sein, mit allen Ausdrücken und Spuren Ihres wunden Gefühls.
Von der Briefconfusion rede ich nicht mehr, die Thatsache wissen Sie jezt genau. Leid thut es mir, daß ich nicht genau weiß, was in Ihrem verloren gegangenen Briefe gestanden hat, wiewohl Sie mir im Allgemeinen etwas darüber gesagt haben. Sie werden mich gewiß verstehen, wenn ich Sie versichere, daß mir ohnerachtet dieses Königsbergischen Falles, und ganz abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit, daß dabei etwas für mich herauskommen wird, noch nie eine Spur von Reue darüber angekommen ist, daß ich hierher gegangen bin; auch nicht die geringste unangenehme Empfindung ist auf diese Veranlassung in mir entstanden. Wie sollte ich wünschen anders gehandelt zu haben, da ich recht und verständig gehandelt habe? Und zu | wünschen, daß die Umstände anders möchten gekommen sein, dies ist eine Art von Thorheiten, der ich, wenigstens in meinen eignen Angelegenheiten, nicht leicht unterworfen bin. Ich glaube, wir denken auch hierüber ganz gleich, und mache mich deshalb nicht weitläuftig darüber. Auch der nächsten Vacanz dort sehe ich mit großer Gelassenheit entgegen; ich bin überzeugt, daß, wenn man mich auch in Vorschlag bringt und wählt, es weniger Ueberzeugung von meinem Verdienst sein wird, als Gunst, und ich mag in allen bürgerlichen Verhältnissen – und leider ist doch auch der Predigerstand eines – lieber von meinem Vorgesezten etwas Kleines erhalten, als das weit größere durch Privatgunst. Und so denke ich auch, Gott wird mit mir sein, und es wird mir hier, je länger je mehr wohl sein. –
Metadata Concerning Header
  • Date: Samstag, 7. August 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 68‒69.

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