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Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Den 12ten August 1802.
Ich reise nach Rügenwalde, halte Montag auf dem Rückweg wieder Gottesdienst in Stemnitz, und komme erst an diesem Tage gegen Abend zurück. Das erste, was mich erfreut, wird dann Ihr Brief sein, und das zweite, mein kleiner Pensionair. Freundlich bin ich ihm, darauf verlassen Sie sich; es ist mir eben natürlich und ich bin überzeugt, es wäre mir nie möglich anders gegen Kinder zu sein, wenn ich sie allein oder in Gemeinschaft mit einer befreundeten Seele zu behandeln hätte. Als Hofmeister war ich es nicht immer, das war aber eine Folge der Umstände, und nur ein kleines Uebermaaß davon mag Unbeholfenheit gewesen sein. Ich konnte den Kindern wenig Gutes thun, ihre kleinen Freuden hingen nicht von mir ab, und bei ihren ernsten Beschäftigungen hatte ich allein die Last, allen Vernachlässigungen, Unordnungen und dem eingewurzelten Hange zur Ungründlichkeit entgegen zu | arbeiten. Das war ein schwerer Stand, und es brach auch endlich über diesen Punkt zwischen mir und den Eltern. Uebrigens haben Sie sehr recht, daß die Männer gewöhnlich den Himmel leer lassen, nämlich die Phantasie, aus welcher die Liebe und der Himmel hervorgehen müssen. Sie haben’s nur immer mit der Vernunft, und zwar mit der auf die bürgerlichen Verhältnisse gerichteten, in welchen allein sie leben, weben und sind; auch alle Sittlichkeit, welche sie anerziehen möchten, ist nichts anderes als dieses. Darum ekelt mir so unmenschlich vor ihren pädagogischen Büchern und ihrem Thun; einmal habe ich schon mein Herz darüber ausgeschüttet, es wird aber noch öfter kommen! Schon vor zwei Jahren habe ich halb im Scherz dem kleinen Franz versprochen, ein Kinderbuch zu schreiben; wer weiß, ob ich nicht einmal Ernst daraus mache. Vor der Hand bin ich neugierig auf Schwarz’s Erziehungslehre, ohnerachtet ich sie nicht mehr, wie ich wollte, in der Erlanger Zeitung recensiren kann. Wenn Sie Zeit hätten, könnten Sie sich sie wohl von Klaproth geben lassen; ich wüßte gern, wie es Ihnen vorkommt.
[...] Auch über den Ofterdingen habe ich Sie verstanden, und, wohl zu merken, nicht nur mit dem Verstande, sondern auch mit dem Herzen und der Phantasie. Sie haben da, wie oft, in aller Kürze ein großes Wort gesagt, von dem gewiß in Bergks Kunst zu lesen, einem Werke von mehreren Bänden, keine Silbe steht. Es ist etwas gar jämmerliches, wenn man ein Buch nur mit dem Verstande versteht und ist gewöhnlich entweder an dem Leser oder an dem Buche nichts weiter. Wem aber das größere Verstehen mit der Phantasie gegeben ist, der kann jenes kleinere, nachdem er will, leicht lernen oder leicht entbehren. Darin sind nun die Frauen stark, bloß weil man ihnen so viel Ruhe läßt, und wenn es sich irgend vertheidigen läßt, daß sie in der eigentlichen Wissenschaft und in der bürgerlichen Welt keine eigne Stelle haben sollen, so ist es nur in dieser Beziehung, daß die bürgerliche Welt die Phantasie unterdrückt, und daß, je weniger sie eigent|lich wissen, desto deutlicher hervorstrahlt, wie sie Alles wissen könnten. Das wäre nun das rechte Meisterstück, wenn Sie M. lehrten die Monologen mit der Phantasie verstehen (das Herz ist mit darunter begriffen).
Metadata Concerning Header
  • Date: Donnerstag, 12. August 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 71‒72.

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