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Friedrich Carl Gottlieb von Duisburg to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Danzig d. 13 Aug. 1802
Daß ich Deinen lieben Brief vom 15ten July nicht früher beantwortet ist nicht meine, sondern meines Bruders Schuld, der jedesmal wenn der Posttag da war, seinen Brief noch nicht fertig hatte. Jetzt habe ich ihn abermals erinnern laßen, und ich erwarte in einer Viertel Stunde sein Schreiben. Da Dir nun dieses wichtiger wie das meinige seyn muß, so darf ich mich nicht entschuldigen, daß ich mit meiner Zuthat so lange zurück hielt, bis ich das Haubteßen mit aufsetzen konnte. Was die Bibliothecken anlangt, so wirst Du Dich an Morgenstern nicht viel halten können, denn der Vogel fliegt wieder davon; er geht als Professor nach Dorpat und wird die Reise dahin innerhalb 2 Monaten antreten. Du wirst Dich dann wohl auf Discretion an mich ergeben müßen, und ich versichere daß ich schon thun will was ich kann, um Dich mit dem zu versorgen was Du brauchst, wenn Du mir jedesmal einen, mit Deinem Nahmen unterzeichneten Zettel Deiner Bedürfniße zuschickst. Herrlich wäre es gewesen, wenn Du vor acht Tagen nach Danzig gekommen wärst, da hatte ich einen alten Freund bey mir, der Dich auch in Berlin kennen gelernt hat: den jetzigen Prediger Bahr aus Lißa. Er hat ein ganz niedliches lebhaftes, gebildetes Weibchen, die mir sehr gefallen hat, denn ich liebe die Weiberchen. Sie ist aus Glogau. Bahr muß sich in Lißa recht wohl befinden, er wird aber wahrscheinlich nicht mehr lange da bleiben, indem da er sehr gegründete Hofnung hat, nach Königsberg als Hofprediger geruffen zu | werden. Ich hatte eine große Freude den alten Pagen wieder zu sehen, den ich seit meiner Abreise aus Königsberg gäntzlich aus dem Gesichte verlohren hatte. Aber sollte ich nicht mit dem Schicksale etwas zancken, daß es Euch alle fortgeholfen und mich immer noch im Schulstaub hat sitzen laßen? So ganz verworfen bin ich denn doch auch nicht. Aber ich mercke mit dem schwarzen Rock will es nicht gehen, ich werde also versuchen [ob] es mir vielleicht im blauen beßer glückt, und dazu haben [wir] schon einige Anstalten getroffen. So eine RentAmt Meister Stelle soll nicht dumm seyn. – Wir erwarten jetzt den OberConsistorialRath Zoellner, mit dem ich wohl in BerührungsPunkte kommen werde, als Bruder Frey Maurer; denn unter uns gesagt, seine Reise hat Bezug auf Maurerey; und das andere ist nur so ein Vorwand. Bist Du denn nicht [in] die Geheimniße initiirt? Bahr gab sich mir auch als Bruder zu erkennen. Weißt Du denn gar nicht wo unser Loos geblieben ist? Er war auch eine gute Haut. Hat er Fehler, ach wer von uns mag den ersten Stein auf ihn werfen! Wir sind alle Menschenkinder, nur der eine läßt seine liebe Menschheit offener und deutlicher hervorleuchten, wie die anderen. Mit diesem Quodlibet nimm denn heut vorlieb. Ich bin die Nacht bey meinem Freund Troschel in Oliva gewesen und nun muß ich meine Stunden wahr nehmen. Bleibe mir gut und vergiß nicht Deinen treuen Freund
Duisburg |
den 19 August
Nur erst heute ist mir der Brief von meinem Bruder an Dich eingehändigt worden. Seinen vielen und überhäuften Geschäften mußt Du es zuschreiben daß er es so lange verschleppt hat. Wir haben ungeachtet der Größe unsres Orts und der ziemlichen Menge Ärtzte doch nur eigentlich 5 die so [vielseitig] in Praxis sind und unter diesen ist mein Bruder noch einer der gebrauchtesten; Du kannst also dencken daß er alle Hände voll zu thun hat, da man an den nichtbesetzten Taffeln schon dafür sorgt, daß es ihm nie an Patienten gebricht. – Zoellner ist hier gewesen und heute früh abgereiset. Ich habe viel im eigentlichen Wortverstande mit ihm zu thun gehabt und ihn genau kennen gelernt. Der Mann gefällt mir ungemein, er ist human, heiter, beynahe etwas zu burschig, wenn er sich seinem Frohsinn ganz überläßt. Er ist Großmeister der 3 WeltkugelLoge, zu der wir als Tochter gehören und seine Reise hat auch maurerische Zwecke; aber ich irrte mich, wenn ich oben sagte, daß dieß die Haubt- und seine übrige Geschäfte nur Nebensache wäre. Er hat königliche Aufträge und bereißt West, Ost, und NeuOstPreußen in Rücksicht auf Kirchen, Schul und Armen-Sachen. Hofentlich werden wir eine intreßante Beschreibung dieser Reise durch diese terra incognita von ihm erhalten, und ich freue mich recht sehr darauf. Mit Professor Morgenstern habe ich in Rücksicht Deines Wunsches, aus der hiesigen öffentlichen Bibliothek Bücher zu leihen, gesprochen. Er kennt Dich und hat irgendwo mit Dir in Berlin zusammen einen Abend zugebracht. Er wünscht daß Du noch vor seiner Abreise nach Dorpat hieher kommen mögest, damit er Dich noch genauer kennen lerne, dann würde er es bey dem difficilen Bibliothekar Everbeck einzuleiten suchen, daß Dein Wunsch Dir erfüllt werde. Morgenstern reißt in der Mitte des kommenden Monats ab. Ist Dir unser Dr. und Professor Ring näher bekannt als durch die Angriffe des salva venia Volmer? | Ich habe die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht und er gefällt mir recht wohl. Er gehört nicht zu den steifen, sondern zu den gewandten Theologen; er ist angenehm und unterhaltend und wird Dir wohl behagen. Was meinst Du: ich fange auch an der Preße auch etwas in die Hände zu arbeiten. Du wirst lachen. Nun es ist nicht was gelehrtes, wie ihr zu Tage fördert. Es ist nur gewöhnliche Hausmannskost. Ein englisch deutsch und deutsch englisches Lesebuch, für solche, die eine von diesen Sprachen lernen wollen. Ich besitze englische Lehrbücher genug, aber für die armen Gentlemen, die her gewandert kommen um deutsch zu lernen, hat man gar nicht gesorgt und da habe ich nun meine liebe Noth; das hat mich auf den Gedanken gebracht, diß opusculum zu unternehmen. Nun lache Dich satt. Auch das magere Feld will Frucht tragen. Ach wer doch seine Jugend und manche vergeudete Kraft zurük hätte! Wenn ich mich so einem Zöllner gegenüber stelle; welch’ ein demüthigendes Gefühl durchschauert mich dann. Nun ist die Partie für diesmal verlohren. Ich hoffe aber wir kommen wohl noch einmal wieder und dann wollen wir es beßer machen. Lebe wohl.
Dbg.
Metadata Concerning Header
  • Date: 13. bis 19. August 1802
  • Sender: Friedrich Carl Gottlieb von Duisburg ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Danzig · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 72‒75.

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