Stolpe d 18t. August.
Ich muß wol eilen wenn Dich dieser nach Schwerinsburg gehende Brief nicht eben wieder in Prenzlow finden soll; und doch wünschte ich Du wärest schon an dem lezteren Orte um noch mit Brenna da zu sein der Deine Gegenwart ihren Aufenthalt gewiß sehr verschönern würde. Ueberhaupt glaube ich daß Du da in mancher Hinsicht nothwendig bist auch um Wolf und Julien in ein festes und freies Leben hineinzugeleiten. Dieser Wunsch gründet sich nicht etwa auf ungünstige Facta sondern nur auf meine Kenntniß von Beiden. Das neue Verdienst, was Du Dir um eine weibliche Seele erworben, und die ganze Geschichte derselben hat mich sehr interessirt. Ich fürchte freilich daß sie zu jenen schwächern Gemüthern gehört in denen dasjenige zu sehr überwiegt was ich das Musikalische der Fantasie nennen möchte, die zwar das Bedürfniß fühlen eine gewisse Stimmung in ihrem ganzen Wesen harmonisch auszusprechen, aber das Ganze nicht aus sich hervorbringen und den Grundton nicht in sich finden können. Du hast sie auf die beste Probe gestellt. Wenn sie die Trennung von Jean Paul aushält ohne in ein anderes Aehnliches Verhältniß hineinzugerathen so wird sie wohl gezwungen sein Entdekungen in sich selbst zu machen und da wird sich zeigen was sie findet. Auf jeden Fall ist es treflich, daß Du ihr einen anderen Weg geöfnet, und sie mit dem schlichten wahren Guten in Verbindung gebracht. Im Verein mit Deinen Freundinnen wird sie freier athmen und eine andere Ansicht des Lebens wird ihr aufgehn. Aber daß auch da wieder Stoff zu einer Ehe ist ohne Ehe, das ist sehr traurig. Die Frauen haben zwar wenn es ihnen an Liebe fehlt in | dem Mutterleben eine bessere Zuflucht als wir Männer in dem bürgerlichen oder litterarischen aber eine Zuflucht bleibt es doch immer, wenn es eben auch einseitig ist. Diese Welt ist durchaus die Welt der zwei Hälften; jede vereinzelte muß sich eine Schattenhälfte bilden entweder von innen heraus vermittelst der Sehnsucht oder von außen heran vermittelst irgend einer Kunstäußerung. Dies geht ins Unendliche fort. Aber sage mir lieber Freund wie ist es mit Dir? und wie lange wirst Du sein ohne die nächste Hälfte auch nur zu suchen? Suchst Du sie nicht wenigstens innerlich? Da hast Du schon wieder eine Frau in recht reinem Sinn mit Dir verbunden: wann wirst Du doch in der vollen Kraft der Liebe ein Mädchen mit Dir verbinden? Denn ein Mädchen muß es für Dich sein nach der ganzen vollen Ordnung der Natur. Mich verlangt recht das anzuschauen, und ich freue mich am meisten aus diesem Gesichtspunkt über jeden Schritt den Du thust um hernach auch äußerlich gestalten zu können was sich innerlich wird gebildet haben. Gut also daß es mit Deinem Examen endlich so weit ist, das Uebrige wird sich finden. Ob ich Dir eine Stelle beim Regiment wünschen soll weiß ich nicht; ich verstehe mich nicht auf schwedische Officiere, wenn es preußische wären, würde ich Dir nicht dazu rathen. Deine Freude am Predigen wird Dir bald zeigen, daß Du die rechte Weise gefunden hast. Ich habe jezt besonders meine Freude an meinen Fortschritten im Katechisiren, wiewol ich noch weit von meinem Ideal entfernt bin, welchem ich auch gewiß nicht eher so nahe als möglich kommen werde bis Leonore meine Lehrerin und meine Zuhörerin sein wird. Fürs erste wollte ich nur daß mir das Geschik ein Paar Knaben zuführte, die mich an sich zögen, sonst wird meine Vorliebe für die Mädchen immer dominanter, und ich werde mich einseitig für sie ausbilden. Aber warlich dieses Geschäft wird wo möglich noch schlechter getrieben als das Predigen | und am schlechtesten von den Meistern die sich einbilden es schon zur Kunst ausgebildet zu haben. Wenn Du erst Prediger bist, werden wir einander hierüber wohl recht viel zu sagen haben.
Am Platon bin ich ziemlich fleißig gewesen; ob aber der Schlegel-Schleiermachersche deutsche Platon überall erscheinen wird, das wird von Schlegels Fleiß in Paris abhängen und ich werde es erst in den nächsten Wochen durch Frommann erfahren. Es sollte mich sehr schmerzen wenn das ganze Unternehmen unterginge und wenn ich nicht im höchsten Nothfall einen Verleger fände der es mit mir allein wagte. Wohl ist er der Vater der Weisheit auf Erden, und für mich immer noch die erste und höchste Liebe in dieser Weltgegend.
Das Sektenwesen ist mir übrigens nicht ganz so verhaßt als Dir, es ist recht verstanden nur ein unvermeidlicher Schein. Meinst Du nicht daß wir mit unserer Art zu denken zu leben zu lieben und zu sein Anderen auch als eine Sekte erscheinen? Wir wissen aber doch daß wir keine sind, und so ist es auch nur Schein wenn wir welche sehen ein Schein welcher von der indirekten Darstellung des gemeinschaftlichen Eigenthümlichen unzertrennlich ist. Du wirst freilich sagen das was Du hassest wäre nur wenn Menschen eine Sekte sein oder scheinen wollen. Aber diese indirekte Darstellung zu wollen liegt doch ganz in der menschlichen Natur und ist oft das einzige Mittel um eine directe erst möglich zu machen. Grade Du würdest den Menschen wenn sie Dein ganzes Thun in der Welt recht kennen entsezlich sektirisch vorkommen; sie würden sagen Du wärest ein idealistischer Herrnhuter, ein Missionair für den unkörperlichen Heiland und die eigenmächtige Gnade, und mir würde es recht gefallen wenn sie Dich so nähmen, und ich würde ihnen beifallend sagen sie hätten ganz das Rechte getroffen: so wärest Du.
Was Du mir von Schildner schreibst ist besser als was | mir Reimer sonst von ihm gesagt hat. Da hatte ich ihn auch in Verdacht einiger Unwahrheiten. Ueber Muhrbek trauert Reimer als über einen der sich selbst zerstören werde ehe er sich gefunden habe. Er hatte ihn, als er an mich schrieb noch so wenig gesehen als Dich. Uebrigens lebt Reimer zu sehr in seiner Frau und seinem Kinde als daß ich glauben könte er lebe zu sehr in sich selbst. Doch mag er wohl noch leiden an etwas gehemmter Mittheilung die ich erst verstehen werde wenn ich mehr von seiner Geschichte weiß: denn so viel glaube ich zu sehn daß sie mehr zu seinem Werden gehört als zu seinem Sein. Leonoren hat er aus meinen Erzählungen sehr rein und freundlich aufgenommen, und sie wird einen Freund an ihm haben in der Nähe in den trüben Tagen die ihr bevorstehn. Sie lebt jezt ganz in kindlicher Liebe mit dem Gefühl, daß es der lezte Genuß ist den sie in dieser Art hat. Ihre Mutter ist bei ihr, und ist sehr schwach so daß Leonore ihr nahes Ende vermuthet. – Grunow hat ihr gesagt er wolle, wenn sie sich von ihm trenne, das seinige thun, damit sie nicht mit mir solle leben dürfen. Ich freue mich, daß er die ganze Schlechtigkeit so gerade herauskehrt: aber seine elende Feigherzigkeit wird doch über diesen schlechten Troz gewiß wieder siegen. Ich schließe aus einer Aeußerung von ihr daß sie auch an Dich geschrieben hat. Sollte es nicht sein so geschieht es gewiß bald, und ihrer Liebe bist Du doch gewiß wenn sie sich auch eine Zeitlang nicht äußern kann. Sie erscheint mir noch immer lieblicher und größer. Jette ist seit dem 8ten zurük und Du wirst auch gewiß bald von ihr hören. In Pyrmont ist es ihr so schlecht gegangen, daß sie nicht einmal Zeit und Raum gehabt hat zu schreiben. Brenna meint sie sei noch viel stärker geworden. Was macht Dein Wilhelm? ich habe jezt auch einen kleinen Pflegesohn, aber wenn wir recht ins Geschik zusammen gekommen sind werden wir uns wohl trennen müssen. Adieu, schreibe mir bald.
Dein
Schleiermacher
Ich muß wol eilen wenn Dich dieser nach Schwerinsburg gehende Brief nicht eben wieder in Prenzlow finden soll; und doch wünschte ich Du wärest schon an dem lezteren Orte um noch mit Brenna da zu sein der Deine Gegenwart ihren Aufenthalt gewiß sehr verschönern würde. Ueberhaupt glaube ich daß Du da in mancher Hinsicht nothwendig bist auch um Wolf und Julien in ein festes und freies Leben hineinzugeleiten. Dieser Wunsch gründet sich nicht etwa auf ungünstige Facta sondern nur auf meine Kenntniß von Beiden. Das neue Verdienst, was Du Dir um eine weibliche Seele erworben, und die ganze Geschichte derselben hat mich sehr interessirt. Ich fürchte freilich daß sie zu jenen schwächern Gemüthern gehört in denen dasjenige zu sehr überwiegt was ich das Musikalische der Fantasie nennen möchte, die zwar das Bedürfniß fühlen eine gewisse Stimmung in ihrem ganzen Wesen harmonisch auszusprechen, aber das Ganze nicht aus sich hervorbringen und den Grundton nicht in sich finden können. Du hast sie auf die beste Probe gestellt. Wenn sie die Trennung von Jean Paul aushält ohne in ein anderes Aehnliches Verhältniß hineinzugerathen so wird sie wohl gezwungen sein Entdekungen in sich selbst zu machen und da wird sich zeigen was sie findet. Auf jeden Fall ist es treflich, daß Du ihr einen anderen Weg geöfnet, und sie mit dem schlichten wahren Guten in Verbindung gebracht. Im Verein mit Deinen Freundinnen wird sie freier athmen und eine andere Ansicht des Lebens wird ihr aufgehn. Aber daß auch da wieder Stoff zu einer Ehe ist ohne Ehe, das ist sehr traurig. Die Frauen haben zwar wenn es ihnen an Liebe fehlt in | dem Mutterleben eine bessere Zuflucht als wir Männer in dem bürgerlichen oder litterarischen aber eine Zuflucht bleibt es doch immer, wenn es eben auch einseitig ist. Diese Welt ist durchaus die Welt der zwei Hälften; jede vereinzelte muß sich eine Schattenhälfte bilden entweder von innen heraus vermittelst der Sehnsucht oder von außen heran vermittelst irgend einer Kunstäußerung. Dies geht ins Unendliche fort. Aber sage mir lieber Freund wie ist es mit Dir? und wie lange wirst Du sein ohne die nächste Hälfte auch nur zu suchen? Suchst Du sie nicht wenigstens innerlich? Da hast Du schon wieder eine Frau in recht reinem Sinn mit Dir verbunden: wann wirst Du doch in der vollen Kraft der Liebe ein Mädchen mit Dir verbinden? Denn ein Mädchen muß es für Dich sein nach der ganzen vollen Ordnung der Natur. Mich verlangt recht das anzuschauen, und ich freue mich am meisten aus diesem Gesichtspunkt über jeden Schritt den Du thust um hernach auch äußerlich gestalten zu können was sich innerlich wird gebildet haben. Gut also daß es mit Deinem Examen endlich so weit ist, das Uebrige wird sich finden. Ob ich Dir eine Stelle beim Regiment wünschen soll weiß ich nicht; ich verstehe mich nicht auf schwedische Officiere, wenn es preußische wären, würde ich Dir nicht dazu rathen. Deine Freude am Predigen wird Dir bald zeigen, daß Du die rechte Weise gefunden hast. Ich habe jezt besonders meine Freude an meinen Fortschritten im Katechisiren, wiewol ich noch weit von meinem Ideal entfernt bin, welchem ich auch gewiß nicht eher so nahe als möglich kommen werde bis Leonore meine Lehrerin und meine Zuhörerin sein wird. Fürs erste wollte ich nur daß mir das Geschik ein Paar Knaben zuführte, die mich an sich zögen, sonst wird meine Vorliebe für die Mädchen immer dominanter, und ich werde mich einseitig für sie ausbilden. Aber warlich dieses Geschäft wird wo möglich noch schlechter getrieben als das Predigen | und am schlechtesten von den Meistern die sich einbilden es schon zur Kunst ausgebildet zu haben. Wenn Du erst Prediger bist, werden wir einander hierüber wohl recht viel zu sagen haben.
Am Platon bin ich ziemlich fleißig gewesen; ob aber der Schlegel-Schleiermachersche deutsche Platon überall erscheinen wird, das wird von Schlegels Fleiß in Paris abhängen und ich werde es erst in den nächsten Wochen durch Frommann erfahren. Es sollte mich sehr schmerzen wenn das ganze Unternehmen unterginge und wenn ich nicht im höchsten Nothfall einen Verleger fände der es mit mir allein wagte. Wohl ist er der Vater der Weisheit auf Erden, und für mich immer noch die erste und höchste Liebe in dieser Weltgegend.
Das Sektenwesen ist mir übrigens nicht ganz so verhaßt als Dir, es ist recht verstanden nur ein unvermeidlicher Schein. Meinst Du nicht daß wir mit unserer Art zu denken zu leben zu lieben und zu sein Anderen auch als eine Sekte erscheinen? Wir wissen aber doch daß wir keine sind, und so ist es auch nur Schein wenn wir welche sehen ein Schein welcher von der indirekten Darstellung des gemeinschaftlichen Eigenthümlichen unzertrennlich ist. Du wirst freilich sagen das was Du hassest wäre nur wenn Menschen eine Sekte sein oder scheinen wollen. Aber diese indirekte Darstellung zu wollen liegt doch ganz in der menschlichen Natur und ist oft das einzige Mittel um eine directe erst möglich zu machen. Grade Du würdest den Menschen wenn sie Dein ganzes Thun in der Welt recht kennen entsezlich sektirisch vorkommen; sie würden sagen Du wärest ein idealistischer Herrnhuter, ein Missionair für den unkörperlichen Heiland und die eigenmächtige Gnade, und mir würde es recht gefallen wenn sie Dich so nähmen, und ich würde ihnen beifallend sagen sie hätten ganz das Rechte getroffen: so wärest Du.
Was Du mir von Schildner schreibst ist besser als was | mir Reimer sonst von ihm gesagt hat. Da hatte ich ihn auch in Verdacht einiger Unwahrheiten. Ueber Muhrbek trauert Reimer als über einen der sich selbst zerstören werde ehe er sich gefunden habe. Er hatte ihn, als er an mich schrieb noch so wenig gesehen als Dich. Uebrigens lebt Reimer zu sehr in seiner Frau und seinem Kinde als daß ich glauben könte er lebe zu sehr in sich selbst. Doch mag er wohl noch leiden an etwas gehemmter Mittheilung die ich erst verstehen werde wenn ich mehr von seiner Geschichte weiß: denn so viel glaube ich zu sehn daß sie mehr zu seinem Werden gehört als zu seinem Sein. Leonoren hat er aus meinen Erzählungen sehr rein und freundlich aufgenommen, und sie wird einen Freund an ihm haben in der Nähe in den trüben Tagen die ihr bevorstehn. Sie lebt jezt ganz in kindlicher Liebe mit dem Gefühl, daß es der lezte Genuß ist den sie in dieser Art hat. Ihre Mutter ist bei ihr, und ist sehr schwach so daß Leonore ihr nahes Ende vermuthet. – Grunow hat ihr gesagt er wolle, wenn sie sich von ihm trenne, das seinige thun, damit sie nicht mit mir solle leben dürfen. Ich freue mich, daß er die ganze Schlechtigkeit so gerade herauskehrt: aber seine elende Feigherzigkeit wird doch über diesen schlechten Troz gewiß wieder siegen. Ich schließe aus einer Aeußerung von ihr daß sie auch an Dich geschrieben hat. Sollte es nicht sein so geschieht es gewiß bald, und ihrer Liebe bist Du doch gewiß wenn sie sich auch eine Zeitlang nicht äußern kann. Sie erscheint mir noch immer lieblicher und größer. Jette ist seit dem 8ten zurük und Du wirst auch gewiß bald von ihr hören. In Pyrmont ist es ihr so schlecht gegangen, daß sie nicht einmal Zeit und Raum gehabt hat zu schreiben. Brenna meint sie sei noch viel stärker geworden. Was macht Dein Wilhelm? ich habe jezt auch einen kleinen Pflegesohn, aber wenn wir recht ins Geschik zusammen gekommen sind werden wir uns wohl trennen müssen. Adieu, schreibe mir bald.
Dein
Schleiermacher