Frankfurt d. 19t. Aug. 1802.
Verehrungswürdiger Herr Bruder
Sie erhalten hier die verlangten 6 Heringschen Catechismen und 12 Communionbücher nebst dem mir von Herrn Klaproth übergebenen Schwarz und Schelling. Der Preis der 6 Catechismen à 21/2 gr und der 12 Communionbücher à 2 gr ist 1 rth 15 gr, und der beiden Einbände des Schwarz und Schelling 12 ggr. Meine Auslage also für Sie ist 2 rth 3 gr.
Ihre mir hinterlaßenen Mobilien sind von Madame Grunow und meinen beiden Collegen folgendermaßen gewürdigt. Der Secretair zu 6 rth die drei Tische zu 4 rth 12gr der Spiegel zu 1 rth die drei Gardinenbretter zu 1 rth. 2 Spukkasten wie ich glaube, zu 4 gr. Von dem Preise, den ich vorher für mich selbst fest gesetzt hatte, weicht dieser etwas ab. Ich rechnete Secretair und Tische zu 12 rth. Die Tische zu 6 rth gerechnet, geht nicht über die Gränzen der Billigkeit hinaus. Die Haken für die Gardinenbretter wollte die Gesellschaft mir anrechnen. Dazu wollte ich mich aber nicht verstehen, weil ich sie meinem Nachfolger nicht anrechnen würde, und es Ihnen freistellte, sie herausreißen zu laßen. Jedoch müßte ich dann wieder andere einsetzen laßen, ich halte es also jetzt für billig, dafür 1 rth zu rechnen. Mehrere Sachen habe ich von Ihnen nicht vorgefunden, | außer eine Strohdecke auf den Tisch.
So haben Sie also von mir zu fordern 15 rth 4 gr. Meine ökonomischen Umstände sind in einem etwas zerrütteten Zustande. Sie thäten mir daher einen großen Gefallen, wenn Sie mich mit der Bezahlung noch etwas warten ließen. Ich wünschte, ich könnte sie nach und nach leisten, und Sie ließen Sich den Vorschlag gefallen, Ihnen Bücher, derer Sie benöthigt wären zu besorgen.
Ich hoffe schon einige Zeit, mit einem Brief von Ihnen erfreuet zu werden. Haben Sie die Güte, meinen Wunsch bald zu erfüllen. In meiner Lage gefalle ich mich noch immer recht sehr. Im Predigen fehlt es mir zwar noch sehr an Gewandheit. Die erste Ausarbeitung befriedigt mich noch nie, oft erst die dritte. Jedoch habe ich noch einige Zeit übrig, um Bücher zu lesen. Unter diesen haben mich Ihre Monologen am meisten beschäftigt. Ich habe sie, weil der erste Versuch gar nicht gelang, dreimal durchgelesen. Ich glaube sie zu verstehen. Sie waren so gütig, in Ihrem Briefe, mich aufzufordern, Ihnen unverhohlen zu sagen, was mir in Ihren Schriften etwa nicht klar und etwa noch anstößig wäre. Ich glaube, in den Resultaten stimmen wir beide überein. Ist da etwa auch einige Verschiedenheit, so ist sie wohl nur in den Worten. Der Weg auf dem Sie zu diesen Resultaten gelangen, der ist freilich für mich etwas zu erhaben. Aber das kann einmahl nicht anders seyn. |
Die Fichtische Philosophie, in deren Tiefe Sie, wie ich fest glaube, ganz eingedrungen sind, enthält Gedanken, die mich überaus erheben. Es mag vielleicht nothwendig seyn, daß ein consequent fortfahrendes scharfsinniges Denken, das von der Freiheit, als dem ersten Puncte ausgehet, dahin endigt, die Körperwelt zum Product unsers freien Geistes zu machen. Es mag seyn, daß die Körperwelt, wegen der engen Gemeinschaft zwischen ihr und unserm Geiste, falls sie als eine unabhängig von unserm freien Handeln bestehende Realität angesehen würde, zum unbiegsamsten Determinismus führen, und uns den übrigen Geschöpfen, die unter den nothwendigen Gesetzen der Natur stehen, gleich machen würde. Ich fühle mich gezwungen die unabhängig, auch bei der Vernichtung aller endlichen Geister, bestehende Realität der äußern Welt anzunehmen. Ich bin mir ihrer zwar nicht unmittelbar bewußt, sondern nur der Eindrücke, die nacheinander in mir entstehen, aber ich fühle mich gezwungen, von diesen Eindrücken auf eine Ursache außer mir, auf eine wirkliche Realität außer mir zu schließen. Darin also weiche ich von Ihren Vorstellungen ab, aber was schadet das, da wir über die innere Bildung des Menschen gleich denken. Freilich muß aus Ihren Vorstellungen folgen, der Mensch könne unter Schmerz und Leiden, wie heftig sie auch wären, einen beständigen Gleichmuth erhalten, da jeder widrige Eindruck der Körperwelt in ihm, nichts andres | ist, als etwas durch die eigene Thätigkeit seines Geistes hervorgebracht. Seine Freude hängt also gar nicht ab, vom Einfluße der Außenwelt in ihn. Aber ich kann mit meinen Vorstellungen auf nichts weiter kommen, als darauf, der Mensch ist Herr über die Körperwelt nicht in Absicht seines Gefühls, also er ist unglücklich, wenn die Körperwelt ihn mit herben Leiden heimsucht – sondern nur in Absicht seines Handelns, wenn alles sich zu seinem Ruin vereinigt, er ist nicht gezwungen in Absicht seines Handelns.
Sie werden es mir nicht übel nehmen, daß ich so frei bin, meine Gedanken Ihnen hier darzulegen. Vielleicht stimmte ich Ihnen ganz bei, wenn ich Ihren tief dringenden Geist hätte. Alle haben nicht gleiche Gaben, wenn ein jeder das annimmt, was er für wahr zu halten, durch seinen Geist sich genöthigt sieht, so herrscht doch bei aller Verschiedenheit in den Meinungen, Eintracht und Liebe auf der Welt. Erhalten Sie mir denn diese Liebe. Gestern habe ich mich mit Madame Grunow unterhalten. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie mich der vortreflichen Frau so empfohlen haben, daß ich ihr kein unangenehmer Gast bin.
Ich verbleibe mit Hochachtung und Verehrung Ihr ergebenster [Freund] und Bruder
Metger.
Herr Klaprot läßt sich Ihnen freundschaftlich empfehlen.
Verehrungswürdiger Herr Bruder
Sie erhalten hier die verlangten 6 Heringschen Catechismen und 12 Communionbücher nebst dem mir von Herrn Klaproth übergebenen Schwarz und Schelling. Der Preis der 6 Catechismen à 21/2 gr und der 12 Communionbücher à 2 gr ist 1 rth 15 gr, und der beiden Einbände des Schwarz und Schelling 12 ggr. Meine Auslage also für Sie ist 2 rth 3 gr.
Ihre mir hinterlaßenen Mobilien sind von Madame Grunow und meinen beiden Collegen folgendermaßen gewürdigt. Der Secretair zu 6 rth die drei Tische zu 4 rth 12gr der Spiegel zu 1 rth die drei Gardinenbretter zu 1 rth. 2 Spukkasten wie ich glaube, zu 4 gr. Von dem Preise, den ich vorher für mich selbst fest gesetzt hatte, weicht dieser etwas ab. Ich rechnete Secretair und Tische zu 12 rth. Die Tische zu 6 rth gerechnet, geht nicht über die Gränzen der Billigkeit hinaus. Die Haken für die Gardinenbretter wollte die Gesellschaft mir anrechnen. Dazu wollte ich mich aber nicht verstehen, weil ich sie meinem Nachfolger nicht anrechnen würde, und es Ihnen freistellte, sie herausreißen zu laßen. Jedoch müßte ich dann wieder andere einsetzen laßen, ich halte es also jetzt für billig, dafür 1 rth zu rechnen. Mehrere Sachen habe ich von Ihnen nicht vorgefunden, | außer eine Strohdecke auf den Tisch.
So haben Sie also von mir zu fordern 15 rth 4 gr. Meine ökonomischen Umstände sind in einem etwas zerrütteten Zustande. Sie thäten mir daher einen großen Gefallen, wenn Sie mich mit der Bezahlung noch etwas warten ließen. Ich wünschte, ich könnte sie nach und nach leisten, und Sie ließen Sich den Vorschlag gefallen, Ihnen Bücher, derer Sie benöthigt wären zu besorgen.
Ich hoffe schon einige Zeit, mit einem Brief von Ihnen erfreuet zu werden. Haben Sie die Güte, meinen Wunsch bald zu erfüllen. In meiner Lage gefalle ich mich noch immer recht sehr. Im Predigen fehlt es mir zwar noch sehr an Gewandheit. Die erste Ausarbeitung befriedigt mich noch nie, oft erst die dritte. Jedoch habe ich noch einige Zeit übrig, um Bücher zu lesen. Unter diesen haben mich Ihre Monologen am meisten beschäftigt. Ich habe sie, weil der erste Versuch gar nicht gelang, dreimal durchgelesen. Ich glaube sie zu verstehen. Sie waren so gütig, in Ihrem Briefe, mich aufzufordern, Ihnen unverhohlen zu sagen, was mir in Ihren Schriften etwa nicht klar und etwa noch anstößig wäre. Ich glaube, in den Resultaten stimmen wir beide überein. Ist da etwa auch einige Verschiedenheit, so ist sie wohl nur in den Worten. Der Weg auf dem Sie zu diesen Resultaten gelangen, der ist freilich für mich etwas zu erhaben. Aber das kann einmahl nicht anders seyn. |
Die Fichtische Philosophie, in deren Tiefe Sie, wie ich fest glaube, ganz eingedrungen sind, enthält Gedanken, die mich überaus erheben. Es mag vielleicht nothwendig seyn, daß ein consequent fortfahrendes scharfsinniges Denken, das von der Freiheit, als dem ersten Puncte ausgehet, dahin endigt, die Körperwelt zum Product unsers freien Geistes zu machen. Es mag seyn, daß die Körperwelt, wegen der engen Gemeinschaft zwischen ihr und unserm Geiste, falls sie als eine unabhängig von unserm freien Handeln bestehende Realität angesehen würde, zum unbiegsamsten Determinismus führen, und uns den übrigen Geschöpfen, die unter den nothwendigen Gesetzen der Natur stehen, gleich machen würde. Ich fühle mich gezwungen die unabhängig, auch bei der Vernichtung aller endlichen Geister, bestehende Realität der äußern Welt anzunehmen. Ich bin mir ihrer zwar nicht unmittelbar bewußt, sondern nur der Eindrücke, die nacheinander in mir entstehen, aber ich fühle mich gezwungen, von diesen Eindrücken auf eine Ursache außer mir, auf eine wirkliche Realität außer mir zu schließen. Darin also weiche ich von Ihren Vorstellungen ab, aber was schadet das, da wir über die innere Bildung des Menschen gleich denken. Freilich muß aus Ihren Vorstellungen folgen, der Mensch könne unter Schmerz und Leiden, wie heftig sie auch wären, einen beständigen Gleichmuth erhalten, da jeder widrige Eindruck der Körperwelt in ihm, nichts andres | ist, als etwas durch die eigene Thätigkeit seines Geistes hervorgebracht. Seine Freude hängt also gar nicht ab, vom Einfluße der Außenwelt in ihn. Aber ich kann mit meinen Vorstellungen auf nichts weiter kommen, als darauf, der Mensch ist Herr über die Körperwelt nicht in Absicht seines Gefühls, also er ist unglücklich, wenn die Körperwelt ihn mit herben Leiden heimsucht – sondern nur in Absicht seines Handelns, wenn alles sich zu seinem Ruin vereinigt, er ist nicht gezwungen in Absicht seines Handelns.
Sie werden es mir nicht übel nehmen, daß ich so frei bin, meine Gedanken Ihnen hier darzulegen. Vielleicht stimmte ich Ihnen ganz bei, wenn ich Ihren tief dringenden Geist hätte. Alle haben nicht gleiche Gaben, wenn ein jeder das annimmt, was er für wahr zu halten, durch seinen Geist sich genöthigt sieht, so herrscht doch bei aller Verschiedenheit in den Meinungen, Eintracht und Liebe auf der Welt. Erhalten Sie mir denn diese Liebe. Gestern habe ich mich mit Madame Grunow unterhalten. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie mich der vortreflichen Frau so empfohlen haben, daß ich ihr kein unangenehmer Gast bin.
Ich verbleibe mit Hochachtung und Verehrung Ihr ergebenster [Freund] und Bruder
Metger.
Herr Klaprot läßt sich Ihnen freundschaftlich empfehlen.