Den 19ten August 1802.
Ja wohl, meine liebe Freundin, thun Sie etwas Gutes und Schönes, wenn Sie an mich schreiben. Sie können es getrost unter die guten Werke zählen, und ich hoffe auch unter die Thaten der Freude und der schönen Muße. Denn Freude muß Ihnen das Gefühl machen, wie Sie mir wohlthun, und giebt es eine schönere Muße, als die innige stille Selbstbeschauung, das freie Spiel Ihrer tiefsten Gefühle, dem Sie sich überlassen, wenn Sie an mich schreiben? Sie haben Recht, daß uns alles Gute geworden ist, was nur die Kinder des Höchsten erwarten können. Denn vereinigt sich nicht auch bei dieser traurigen Entfernung alles Schöne und Gute in unsrer Verbindung? Ich erfreue mich jezt recht meiner schweigsamen Natur. Wenn ich einen Brief von Ihnen lese, ist mir, als wäre ich bei Ihnen – denn that ich oft viel mehr, als Ihnen zuhorchen und mich weiden an meiner inneren Freude über Sie? Das thue ich jezt auch, ja auch an den Thränen habe ich meine Freude, deren Spuren mir nicht entgehen. Ich sehe noch, wie groß und klar, gleich dem Gefühl, aus welchem sie entsprungen sind, sie in Ihren Augen geglänzt haben und wie majestätisch still sie sich dann plözlich herunterstürzten auf Ihre Wangen. Genießen Sie ihn recht, den Reichthum von Gefühlen, der jezt in Ihnen ist – er gleicht einem Moment in einem großen musikalischen Kunstwerk, worin der Unkundige die widersprechendsten Töne zu vernehmen glaubt, worin aber doch alles Harmonie ist, eine Harmonie, die gewiß jedem noch lange nachklingt, der nur alle Töne vernommen hat, und wer das nicht kann, dem würde gewiß, wenn ihm der Sinn nicht versagt ist, | jeder einzelne wohlthun, wenn Sie sie ihm nacheinander mit Ihrer süßen Hingebung wiederholen wollten. Auch sorgen werden Sie nicht zuviel, sondern ruhig, wenngleich in Schmerzen, abwarten, welche Seite Ihres Gefühls die nahe Zukunft zuerst gewaltig berühren wird.
Lassen Sie sich’s nicht wundern, daß Ihre gute Mutter dem Leben anhängt. Sollte sie nicht? Sie ist unabhängig, sie hat Freude an ihren Kindern und wird ihrer Liebe froh. Das Leben verachten ist ein ungeheurer Stolz oder ein widriger Leichtsinn, gleichgültig dagegen sein darf nur der, der als eine reife Frucht sich selbst fühlt und genießt, oder der, dem das eigentliche Leben schon zerstört ist, und für den der Tod nur noch eine äußere Formalität ist – aber, sich mit aller Anhänglichkeit der Natur ruhig davon losmachen können, das ist der Triumph des Glaubens und der Religion. Er bildet sich oft schnell, der lezte strahlende Moment, auch in solchen Seelen, in denen das ewige Licht nicht immer hell geleuchtet hat. Sie werden ihn wahrnehmen an Ihrer Mutter, gewiß, wenn auch Andre die eilende Erscheinung versäumen. Aber ich glaube noch nicht, daß Ihre traurigen Ahnungen gegründet sind.
Zwei Briefe habe ich schon von Jette ; freilich hat sie auch nachzuholen genug. Sie will, ich soll mich hier als König fühlen, und frei und reich – kurz, ganz wie der stoische Weise und etwas besser. Unrecht hat sie nicht, bei Lichte besehen. Ich schmeichle mir Reichthümer zu besizen, von denen in den Declamationen der Stoiker nichts zu lesen ist; und wenn ich Sie nun noch als Prophetin grüße, so muß ich mich ja der Oede und Leere um mich her recht freuen, damit mir nichts den Plaz wegnimmt für meine schönen Phantasien. Erhält mir nur Gott die Posttage, an denen ich mich nähre und labe, und einen leidlichen Zustand der Augen, mit denen ich allerdings nicht zufrieden bin, so soll der Winter, als Zwischenact zwischen der lezten Generation der heurigen Rosen und der ersten des künftigen Jahres, auch | noch seine Früchte tragen. Denn wenn ich Paradoxien über den Weisen sagen sollte, so würde die erste eine sein, welche die Stoiker vergessen haben, daß nämlich der Weise allein etwas thue. Befehlen Sie mir doch kategorisch, wann ich anfangen soll an der Kritik der Moral wirklich zu schreiben; aber Sie müssen mir einen Termin sezen, vor dessen Ablauf ich noch Vieles lesen kann, etwa nach meiner Rückkunft von Marienfelde, wohin ich den 24sten September zu reisen denke. Nach gerade muß ich eine solche Anstalt machen, sonst schiebt sich die Sache immer weiter hinaus. Und das Befehlen hilft bei mir; das Zeugniß werden Sie mir doch geben!
Wissen Sie wohl, daß Friedrich einmal seinem Bruder Wilhelm einen Einfall ordentlich verkauft hat? und zwar für eine flanellenes Nachtcamisol. Wenn Sie sich auf einen solchen Handel legen wollen, so schicken Sie mir nur alle Ihre hellen Gedanken, wie Sie sie nennen; über den Preis werden wir einig werden, denn ich dinge gar nicht. Nur das müssen Sie nicht verlangen, daß ich erst noch etwas daraus machen soll.
Sie wissen, ich habe es mir vorlängst als eine Belohnung nach den Katechisationen ausgemacht, an Sie zu schreiben, und heute will ich es mir (ohnerachtet ich des Tages Last und Hize nicht sonderlich getragen habe, sondern von unbedeutenden Dingen fast den ganzen Tag heimgesucht worden bin) nicht entgehen lassen, besonders weil ich sehr zufrieden gewesen bin mit meiner Katechisation. Gar oft wünsche ich mir Sie dabei als Zuhörerin, und ich glaube, ich würde viel lernen können aus Ihren Bemerkungen. Ich habe mir troz des Urplans unseres – nicht Heidelbergischen, sondern, Gott sei Dank nur Heringschen – Katechismus, dem ich folgen muß, einen eignen Plan gemacht, mit dem ich recht zufrieden bin; nur in der Ausführung lasse ich mich noch zu sehr gehen in dem, was mir das Interessanteste ist. Doch lenke ich gern ein, wenn ich merke, daß ich auf einem den Kleinen unzugänglichen Felde bin. Im Allgemeinen ist gewiß Platon der beste | Lehrer der katechetischen Kunst, im Einzelnen muß es eine Frau sein; denn diese sind ja immer unsre Lehrerinnen in dem, was zur Geistesgegenwart, zur schnellen Beurtheilung eines bestimmten Falles gehört. – Mit meiner Erziehung geht es auch ganz leidlich, ich erweitere das Gebiet derselben täglich, und werde bald den ganzen kleinen Menschen unfaßt haben mit meiner Sorge. Er wird zu meiner Freude schon etwas dreister und etwas artiger. Sie wissen schon, wie ich das leztere nehme, wenn ich es rühme, und daß nur das ungeleckte Bärenthum der Gegensaz davon ist, nichts ächt Menschliches aber dadurch ausgeschlossen wird. Gefühl merke ich eben noch nicht viel bei ihm, denn seine Anhänglichkeit an mich ist nur das Bewußtsein der Abhängigkeit und des erhöhten Wohlbefindens. Aber ich mache mir aus dem Mangel des Gefühls nicht viel bei Kindern, sondern schäze mehr an ihnen den Verstand und den Eigensinn. Haben wir darüber schon zufällig gesprochen? Ich glaube, es hängt genau damit zusammen, daß ich eben das ächte Gefühl für das beste im Menschen halte. Dieses ist nach meiner Ansicht nichts anderes, als die ununterbrochene und gleichsam allgegenwärtige Thätigkeit gewisser Ideen. Dessen nun sind Kinder nicht fähig, sondern, was man bei ihnen Gefühl nennt, sind nur Aeußerungen des Instinkts, wodurch sie selbst und Andre zu dem Glauben verleitet werden, als hätten sie nun das rechte. Der Verstand und der Eigensinn aber sind mir Vorboten der Vernunft und der Selbstständigkeit, und mit der Phantasie kann man dann erwarten, daß das Gefühl auch kommen wird, wenn man nur die Phantasie nicht unterdrückt. Sagen Sie mir doch, ob Sie schon als Kind recht viel Gefühl gehabt haben? Es sollte mich wundern, wenn das so wäre, und ich würde Sie dann ganz auf’s Neue bewundern, daß Sie über das Falsche so glücklich Herr geworden wären! Ich kann es von mir verneinen; das erste, was sich entwickelte, war unmittelbar das religiöse; ich kann mich noch seiner ersten Regung entsinnen auf einem Spaziergange mit meinem Vater. Er ließ es mir nie aus | den Augen, nachdem er es zuerst entwickelt hatte, und so war es kein Wunder, daß er mich mißkannte, als ich eine Gesellschaft verließ, in die er mich mit vieler Zuneigung und großen Hoffnungen und nach meinem eignen Wunsche gebrachte hatte, um es mir zu retten gegen die vereinigte Macht der Welt und des skeptischen Verstandes, die er nicht in mir verkannte. Er hielt für das Treiben eines eiteln Herzens, für die verderbliche Sucht, in den Abgrund des Skepticismus zu stürzen, was in mir nur Wirkung des Wahrheitsgefühls war, ohne alle Lust oder Unlust zu dem, was nun kommen würde. Das eitle Wesen in der Welt fürchtete ich, weit entfernt es zu lieben, und hätte ich einen andern ähnlichen Winkel gewußt, wie die Herrnhuter, ich wäre lieber dorthin gegangen. So habe ich auch auf der Universität gelebt und hernach wie ein ächter Herrnhuter, ohne mich um mein Schicksal zu bekümmern, und wenn mein Onkel nicht gewesen wäre, ich glaube, ich wäre buchstäblich niemals auf den Einfall gekommen, zum Examen zu reisen, damit ich auch die Anwartschaft bekäme auf ein Amt. – Da haben Sie ja ein ganzes Fragment von meiner Lebensgeschichte, und ein nicht unbedeutendes; ja ich habe darüber wider meinen Willen dieses Blatt angefangen, welches ich abschneiden wollte. Nun plaudre ich aber gern noch ein Endchen weiter. Zuerst lassen Sie sich noch ein Zeugniß mittheilen oder vielmehr eine Schilderung, die, ich weiß nicht mehr wer, meinem Vater von mir gemacht hat, als ich auf der Universität war. Er theilte sie mir hernach mit und ich begreife noch jezt nicht, wer mich damals so genau gekannt haben kann, da ich fast mit Niemandem umging. Ich wäre, hieß es, in meinem Aeußeren sehr nachlässig, hätte ganz das Wesen eines in sich gekehrten Menschen an mir, cynisch in meiner ganzen Lebensart, für mich sehr genügsam, aber in Gesellschaft, und meinen Freunden zu gefallen, Alles aufopfernd, auch das Nothwendigste; fleißig für mich, aber nur sehr stoßweise, und immer ein schlechter Besucher der Collegien, die ich zu verachten schiene; übrigens die Verborgenheit | fast geflissentlich suchend; aber wenn ich unter die Vornehmen und Reichen käme, so, als wäre ich Beides noch mehr als sie; kalt und stolz gegen alle Höheren, und vorzüglich gegen meine Lehrer und Vorgesezten. – Kennen Sie mich in diesem Gemälde? Einige fremde Züge hatte es wohl, wie jedes Bild, weil der Zeichner nicht immer denselben Gesichtspunkt mag gehabt haben, aber sehr viel Aehnliches war doch darin. Nur müssen Sie bedenken, daß damals noch sehr Vieles tief in mir schlief. Ich hatte schon damals einen so richtigen Tact für das Falsche, Gemeine, Halbe und Verkehrte in allen Dingen, aber das Rechte hatte ich noch nicht gefunden. Die Kunst und die Frauen kannte ich noch gar nicht. Für die lezteren ging mir der Sinn erst in dem häuslichen Cirkel in Preußen auf. Dieses Verdienst um mich hat Friederike mit in die Ewigkeit genommen, und es wird, hoffe ich, nicht das geringste sein, was ihr schönes Dasein gewirkt hat. Und nur durch die Kenntniß des weiblichen Gemüthes habe ich die des wahren menschlichen Werthes gewonnen.
Ja wohl, meine liebe Freundin, thun Sie etwas Gutes und Schönes, wenn Sie an mich schreiben. Sie können es getrost unter die guten Werke zählen, und ich hoffe auch unter die Thaten der Freude und der schönen Muße. Denn Freude muß Ihnen das Gefühl machen, wie Sie mir wohlthun, und giebt es eine schönere Muße, als die innige stille Selbstbeschauung, das freie Spiel Ihrer tiefsten Gefühle, dem Sie sich überlassen, wenn Sie an mich schreiben? Sie haben Recht, daß uns alles Gute geworden ist, was nur die Kinder des Höchsten erwarten können. Denn vereinigt sich nicht auch bei dieser traurigen Entfernung alles Schöne und Gute in unsrer Verbindung? Ich erfreue mich jezt recht meiner schweigsamen Natur. Wenn ich einen Brief von Ihnen lese, ist mir, als wäre ich bei Ihnen – denn that ich oft viel mehr, als Ihnen zuhorchen und mich weiden an meiner inneren Freude über Sie? Das thue ich jezt auch, ja auch an den Thränen habe ich meine Freude, deren Spuren mir nicht entgehen. Ich sehe noch, wie groß und klar, gleich dem Gefühl, aus welchem sie entsprungen sind, sie in Ihren Augen geglänzt haben und wie majestätisch still sie sich dann plözlich herunterstürzten auf Ihre Wangen. Genießen Sie ihn recht, den Reichthum von Gefühlen, der jezt in Ihnen ist – er gleicht einem Moment in einem großen musikalischen Kunstwerk, worin der Unkundige die widersprechendsten Töne zu vernehmen glaubt, worin aber doch alles Harmonie ist, eine Harmonie, die gewiß jedem noch lange nachklingt, der nur alle Töne vernommen hat, und wer das nicht kann, dem würde gewiß, wenn ihm der Sinn nicht versagt ist, | jeder einzelne wohlthun, wenn Sie sie ihm nacheinander mit Ihrer süßen Hingebung wiederholen wollten. Auch sorgen werden Sie nicht zuviel, sondern ruhig, wenngleich in Schmerzen, abwarten, welche Seite Ihres Gefühls die nahe Zukunft zuerst gewaltig berühren wird.
Lassen Sie sich’s nicht wundern, daß Ihre gute Mutter dem Leben anhängt. Sollte sie nicht? Sie ist unabhängig, sie hat Freude an ihren Kindern und wird ihrer Liebe froh. Das Leben verachten ist ein ungeheurer Stolz oder ein widriger Leichtsinn, gleichgültig dagegen sein darf nur der, der als eine reife Frucht sich selbst fühlt und genießt, oder der, dem das eigentliche Leben schon zerstört ist, und für den der Tod nur noch eine äußere Formalität ist – aber, sich mit aller Anhänglichkeit der Natur ruhig davon losmachen können, das ist der Triumph des Glaubens und der Religion. Er bildet sich oft schnell, der lezte strahlende Moment, auch in solchen Seelen, in denen das ewige Licht nicht immer hell geleuchtet hat. Sie werden ihn wahrnehmen an Ihrer Mutter, gewiß, wenn auch Andre die eilende Erscheinung versäumen. Aber ich glaube noch nicht, daß Ihre traurigen Ahnungen gegründet sind.
Zwei Briefe habe ich schon von Jette ; freilich hat sie auch nachzuholen genug. Sie will, ich soll mich hier als König fühlen, und frei und reich – kurz, ganz wie der stoische Weise und etwas besser. Unrecht hat sie nicht, bei Lichte besehen. Ich schmeichle mir Reichthümer zu besizen, von denen in den Declamationen der Stoiker nichts zu lesen ist; und wenn ich Sie nun noch als Prophetin grüße, so muß ich mich ja der Oede und Leere um mich her recht freuen, damit mir nichts den Plaz wegnimmt für meine schönen Phantasien. Erhält mir nur Gott die Posttage, an denen ich mich nähre und labe, und einen leidlichen Zustand der Augen, mit denen ich allerdings nicht zufrieden bin, so soll der Winter, als Zwischenact zwischen der lezten Generation der heurigen Rosen und der ersten des künftigen Jahres, auch | noch seine Früchte tragen. Denn wenn ich Paradoxien über den Weisen sagen sollte, so würde die erste eine sein, welche die Stoiker vergessen haben, daß nämlich der Weise allein etwas thue. Befehlen Sie mir doch kategorisch, wann ich anfangen soll an der Kritik der Moral wirklich zu schreiben; aber Sie müssen mir einen Termin sezen, vor dessen Ablauf ich noch Vieles lesen kann, etwa nach meiner Rückkunft von Marienfelde, wohin ich den 24sten September zu reisen denke. Nach gerade muß ich eine solche Anstalt machen, sonst schiebt sich die Sache immer weiter hinaus. Und das Befehlen hilft bei mir; das Zeugniß werden Sie mir doch geben!
Wissen Sie wohl, daß Friedrich einmal seinem Bruder Wilhelm einen Einfall ordentlich verkauft hat? und zwar für eine flanellenes Nachtcamisol. Wenn Sie sich auf einen solchen Handel legen wollen, so schicken Sie mir nur alle Ihre hellen Gedanken, wie Sie sie nennen; über den Preis werden wir einig werden, denn ich dinge gar nicht. Nur das müssen Sie nicht verlangen, daß ich erst noch etwas daraus machen soll.
Sie wissen, ich habe es mir vorlängst als eine Belohnung nach den Katechisationen ausgemacht, an Sie zu schreiben, und heute will ich es mir (ohnerachtet ich des Tages Last und Hize nicht sonderlich getragen habe, sondern von unbedeutenden Dingen fast den ganzen Tag heimgesucht worden bin) nicht entgehen lassen, besonders weil ich sehr zufrieden gewesen bin mit meiner Katechisation. Gar oft wünsche ich mir Sie dabei als Zuhörerin, und ich glaube, ich würde viel lernen können aus Ihren Bemerkungen. Ich habe mir troz des Urplans unseres – nicht Heidelbergischen, sondern, Gott sei Dank nur Heringschen – Katechismus, dem ich folgen muß, einen eignen Plan gemacht, mit dem ich recht zufrieden bin; nur in der Ausführung lasse ich mich noch zu sehr gehen in dem, was mir das Interessanteste ist. Doch lenke ich gern ein, wenn ich merke, daß ich auf einem den Kleinen unzugänglichen Felde bin. Im Allgemeinen ist gewiß Platon der beste | Lehrer der katechetischen Kunst, im Einzelnen muß es eine Frau sein; denn diese sind ja immer unsre Lehrerinnen in dem, was zur Geistesgegenwart, zur schnellen Beurtheilung eines bestimmten Falles gehört. – Mit meiner Erziehung geht es auch ganz leidlich, ich erweitere das Gebiet derselben täglich, und werde bald den ganzen kleinen Menschen unfaßt haben mit meiner Sorge. Er wird zu meiner Freude schon etwas dreister und etwas artiger. Sie wissen schon, wie ich das leztere nehme, wenn ich es rühme, und daß nur das ungeleckte Bärenthum der Gegensaz davon ist, nichts ächt Menschliches aber dadurch ausgeschlossen wird. Gefühl merke ich eben noch nicht viel bei ihm, denn seine Anhänglichkeit an mich ist nur das Bewußtsein der Abhängigkeit und des erhöhten Wohlbefindens. Aber ich mache mir aus dem Mangel des Gefühls nicht viel bei Kindern, sondern schäze mehr an ihnen den Verstand und den Eigensinn. Haben wir darüber schon zufällig gesprochen? Ich glaube, es hängt genau damit zusammen, daß ich eben das ächte Gefühl für das beste im Menschen halte. Dieses ist nach meiner Ansicht nichts anderes, als die ununterbrochene und gleichsam allgegenwärtige Thätigkeit gewisser Ideen. Dessen nun sind Kinder nicht fähig, sondern, was man bei ihnen Gefühl nennt, sind nur Aeußerungen des Instinkts, wodurch sie selbst und Andre zu dem Glauben verleitet werden, als hätten sie nun das rechte. Der Verstand und der Eigensinn aber sind mir Vorboten der Vernunft und der Selbstständigkeit, und mit der Phantasie kann man dann erwarten, daß das Gefühl auch kommen wird, wenn man nur die Phantasie nicht unterdrückt. Sagen Sie mir doch, ob Sie schon als Kind recht viel Gefühl gehabt haben? Es sollte mich wundern, wenn das so wäre, und ich würde Sie dann ganz auf’s Neue bewundern, daß Sie über das Falsche so glücklich Herr geworden wären! Ich kann es von mir verneinen; das erste, was sich entwickelte, war unmittelbar das religiöse; ich kann mich noch seiner ersten Regung entsinnen auf einem Spaziergange mit meinem Vater. Er ließ es mir nie aus | den Augen, nachdem er es zuerst entwickelt hatte, und so war es kein Wunder, daß er mich mißkannte, als ich eine Gesellschaft verließ, in die er mich mit vieler Zuneigung und großen Hoffnungen und nach meinem eignen Wunsche gebrachte hatte, um es mir zu retten gegen die vereinigte Macht der Welt und des skeptischen Verstandes, die er nicht in mir verkannte. Er hielt für das Treiben eines eiteln Herzens, für die verderbliche Sucht, in den Abgrund des Skepticismus zu stürzen, was in mir nur Wirkung des Wahrheitsgefühls war, ohne alle Lust oder Unlust zu dem, was nun kommen würde. Das eitle Wesen in der Welt fürchtete ich, weit entfernt es zu lieben, und hätte ich einen andern ähnlichen Winkel gewußt, wie die Herrnhuter, ich wäre lieber dorthin gegangen. So habe ich auch auf der Universität gelebt und hernach wie ein ächter Herrnhuter, ohne mich um mein Schicksal zu bekümmern, und wenn mein Onkel nicht gewesen wäre, ich glaube, ich wäre buchstäblich niemals auf den Einfall gekommen, zum Examen zu reisen, damit ich auch die Anwartschaft bekäme auf ein Amt. – Da haben Sie ja ein ganzes Fragment von meiner Lebensgeschichte, und ein nicht unbedeutendes; ja ich habe darüber wider meinen Willen dieses Blatt angefangen, welches ich abschneiden wollte. Nun plaudre ich aber gern noch ein Endchen weiter. Zuerst lassen Sie sich noch ein Zeugniß mittheilen oder vielmehr eine Schilderung, die, ich weiß nicht mehr wer, meinem Vater von mir gemacht hat, als ich auf der Universität war. Er theilte sie mir hernach mit und ich begreife noch jezt nicht, wer mich damals so genau gekannt haben kann, da ich fast mit Niemandem umging. Ich wäre, hieß es, in meinem Aeußeren sehr nachlässig, hätte ganz das Wesen eines in sich gekehrten Menschen an mir, cynisch in meiner ganzen Lebensart, für mich sehr genügsam, aber in Gesellschaft, und meinen Freunden zu gefallen, Alles aufopfernd, auch das Nothwendigste; fleißig für mich, aber nur sehr stoßweise, und immer ein schlechter Besucher der Collegien, die ich zu verachten schiene; übrigens die Verborgenheit | fast geflissentlich suchend; aber wenn ich unter die Vornehmen und Reichen käme, so, als wäre ich Beides noch mehr als sie; kalt und stolz gegen alle Höheren, und vorzüglich gegen meine Lehrer und Vorgesezten. – Kennen Sie mich in diesem Gemälde? Einige fremde Züge hatte es wohl, wie jedes Bild, weil der Zeichner nicht immer denselben Gesichtspunkt mag gehabt haben, aber sehr viel Aehnliches war doch darin. Nur müssen Sie bedenken, daß damals noch sehr Vieles tief in mir schlief. Ich hatte schon damals einen so richtigen Tact für das Falsche, Gemeine, Halbe und Verkehrte in allen Dingen, aber das Rechte hatte ich noch nicht gefunden. Die Kunst und die Frauen kannte ich noch gar nicht. Für die lezteren ging mir der Sinn erst in dem häuslichen Cirkel in Preußen auf. Dieses Verdienst um mich hat Friederike mit in die Ewigkeit genommen, und es wird, hoffe ich, nicht das geringste sein, was ihr schönes Dasein gewirkt hat. Und nur durch die Kenntniß des weiblichen Gemüthes habe ich die des wahren menschlichen Werthes gewonnen.