Single collated printed full text without registry labelling not including a registry

Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Den 26sten August 1802 Abends.
Eigentlich, meine theure Freundin, verdiene ich wohl nicht nach einem ziemlich verschleuderten Tage an Sie zu schreiben. Ich habe mich zwar nach dem Thee wieder an’s Arbeiten gegeben, um das Gefühl dieser Unwürdigkeit etwas zu mildern, aber im Ganzen bleibt es mir doch und ich demüthige mich vor Ihnen, wie oft, wenn ich daran denke, wie Sie grade jezt die Beschickung aller beschwerlichen Geschäfte des gemeinen Lebens mit der Erfüllung der schönsten Pflichten auf die thätigste Art vereinigen und wie ich diesen Kleinigkeiten regelmäßig unterliege. Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen meine Rechenschaft ablege, unsre Freundin Jette aber würde ihr Aergerniß daran haben. Des Vormittags habe ich freilich einige Stunden gearbeitet, wiewohl auch ohne sonderlichen Succeß, theils weil die Hoffnung mehrerer Briefe mich hintergangen hat (in solchem Fall pflege ich dann mit desto größerer Genauigkeit und Zeitverschwendung die Zeitungen zu lesen), theils auch, weil ich wußte, was mir bevorstand. Nemlich, nachdem die Hofpredigerin auf einige Tage wieder hier gewesen und das Haus nun ganz geräumt hat, beschloß ich von oben herunter zu ziehen, und dieses große Stück sollte heute ausgeführt werden. Die Leute kamen auch zur gehörigen Zeit, um den großen Sekretair auseinander zu heben und herunter zu transportiren. Um mich von der schweren Arbeit, die Schiebladen einzusezen und die Papiere wieder an ihren Ort zu legen, einigermaßen zu erholen, ließ ich mir’s ein paar Stunden recht wohl sein in Hippel’s Biographie zu lesen, die mir der Prediger H. geliehen hat, und in Schwarz’s Erziehungslehre zu blättern, die eben angekommen | war. Erst gegen Abend konnte ich mich entschließen, zu dem großen Werke des Büchertransportes zu schreiten. Die Bücher wurden mit Hülfe der alten Hausehre ausgepackt und nun wollten wir das Repositorium herunterschaffen, aber damit sind wir stecken geblieben; es widersezte sich hartnäckig die lezte Hälfte der Treppe herabzusteigen, und meine Mathematik reichte nicht hin um die Richtung auszufinden, in der ich es dazu zwingen könnte. Den Tischler schämte ich mich wieder kommen zu lassen – denn es mußte ihm ja natürlich einfallen, daß, wenn ich so klug gewesen wäre die Bücher vor seiner Ankunft auszupacken, er dies Stück Arbeit gleich hätte mitbesorgen können – wiewohl ich ihm gewiß, wenn er Morgen kommt, um kein Procent klüger erscheinen werde, und so wohnt also das hölzerne Ungeheuer auf der Treppe, die Bücher liegen theils oben, theils hier auf der Erde herum, und der Spaß muß Morgen von neuem angehn, wobei mir jedoch vor nichts so sehr graut als vor der Schaam vor dem Tischler. Ausgelacht habe ich mich genug, und mir besonders Jette recht lebhaft gedacht, wie mich die würde gescholten und mir augenblicklich zu sagen gewußt haben, wie ich die Sache klüger hätte anfangen können. Sonderbar genug, daß es mir grade den nemlichen Spaß machen kann, über die Ausbrüche solcher Ungeschicktheit mich selbst auszulachen, als wenn es ein Andrer wäre. Hippel’s Biographie – auch die hatte ich eigentlich nicht verdient heute zu lesen – ist mir sehr merkwürdig gewesen, ohnerachtet Manches wegen meiner Unbekanntschaft mit den Lebensläufen den vollen Eindruck auf mich nicht hat machen können. Gar vieles hätte ich Ihnen darüber zu sagen, ich behalte es mir aber auf ein andermal vor. Nur darüber möchte ich mit Ihnen reden, was hinten, theils, wie es doch scheint, auf das Zeugniß seiner eigenen Papiere, theils aus Faktis, theils aus dem Munde seiner Freunde über das wunderbare Gemisch in seinem Charakter, über die vielen Winkelzüge und Fehler in demselben gesagt wird. Daß etwas Verkehrtes in ihm gewesen, habe | ich besonders immer aus der Aeußerung geschlossen, daß bei einer gänzlichen Offenherzigkeit auch die besten Freunde einander verachten müßten, habe oft Conjecturen gemacht, was das schlechte in ihm wohl gewesen sein möchte. Das, worauf ich gerathen, nemlich einen heimlichen Dienst der niederen Sinnlichkeit, habe habe ich auch gefunden. Das war mir auch nicht unwahrscheinlich bei einem Manne, der die wahre Liebe niemals gefunden hat, ich habe zu viele Beispiele davon gesehn, wo auch die Frömmigkeit, ohne geheuchelt zu sein, dem doch nicht abhilft. – Ich habe außerdem noch so vieles gefunden, was mich auf eine andre Art wehmüthig bewegt hat, was nemlich von seinem Geiz, seiner Herrschsucht und seiner bis zur Falschheit gehenden Verschlossenheit gesagt wird, weil ich daraus so deutlich sehe, wie auch so ausgezeichnete Menschen, als seine Freunde, ihn mißverstehen und verkennen konnten. Dies alles kann Hippel in dem Sinn unmöglich gewesen sein, und ich weiß gewiß, daß ich alle die Fakta, welche dies beweisen sollen, wenn ich sie beisammen hätte, übereinstimmender und anders erklären wollte. Ach, liebe Freundin, auch um das Schattenbild des Menschen, um das Urtheil, das von ihm gefällt wird, um die Vorstellung, welche von ihm zurückbleibt, steht es schlimm, wenn er nicht geliebt worden ist, im ganzen Sinne des Worts, oder wenn er nicht eine gewiß noch weit seltener vollkommene Freundschaft gefunden hat. Die Liebe ist blind, das ist die gemeine Rede, deren Stempel nicht zu verkennen ist; aber ist sie nicht im Gegentheil allein sehend? und allein wahr? – Was ich weiter sagen wollte, sage ich mir stillschweigend, und wünsche Ihnen eine gute Nacht mit Ihrer Mutter. Morgen habe ich Katechisation, an die wollte ich noch denken beim Schlafengehen, damit ich es mir Morgen besser verdiene mit Ihnen zu reden.
Metadata Concerning Header
  • Date: Donnerstag, 26. August 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 98‒100.

Zur Benutzung · Zitieren