Einmal kollationierter Druckvolltext ohne Registerauszeichnung

Ludwig Friedrich Heindorf an Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Gehöre ich noch zu den Menschen, die Du ihres Fleißes wegen bewunderst? Höre nur, liebster Friedrich Deinen ersten Brief habe ich richtig empfangen und gleich drauf auch die Exemplare von Nauk; beinahe zwei Monat haben sie bei meinem Bruder eingepackt gelegen, er hat mich immer ans Abschicken erinnert, und doch – in eine solche bestialische Faulheit war ich versunken - hätte ich ohne Dein Reizmittel und wenn ich noch in Lichtenberg wäre, das Schreiben vielleicht noch einige Wochen aufgeschoben. Dabei ist mir denn auch gar nicht ängstlich zu Muthe gewesen, denn ich weiß ja, wie Du dergleichen Dinge nimmst. Die ersten 6 Wochen habe ich im allererbärmlichsten Zustande in Lichtenberg verlebt, so kraftlos, daß ich kaum zum Dorfe hinauskommen konnte, und so unbehaglich und muthlos, daß mich das Lesen und Schreiben anekelte. Erst als die bessere Wittrung eintrat, und durch stärkende Kräuterbäder fing ich an, neue Kraft zu fühlen, aber nun war ich so thierisch geworden, daß ich bei dem freilich schlechten Vorsatze, dir einen interessanten mit Platonicis angefüllten Brief bene auspicandi caussa zu schicken, lieber gar nichts schrieb. Nun ärgere ich mich doch über meine Faulheit und das, denke ich, wird den guten Effect haben, daß ich mich nie wieder darüber werde ärgern müssen. Die schreckliche Hitze, die ich zuletzt in Lichtenberg ausstand, die mir des Nachts in den engen und niedrigen Stuben allen Schlaf raubte, und gegen die dort gar kein Zufluchtsort war, hat mich gezwungen, vor einigen Tagen wieder in die Stadt zu ziehn; doch will ich noch bis zum October fast von allen Amtsarbeiten feiern und fast immer in freier Luft sein, um mich fürs erste wenigstens in dem | Zustande zu erhalten, in den ich durch das Vegetiren gekommen bin. Im Ganzen, lieber Schleiermacher, befinde ich mich so wohl, als seit einigen Jahren nicht, nur die Brust abgerechnet. Der ewige Reiz zum Husten, der zuweilen schmerzhaft ist, und der Schleimauswurf ist doch nicht vergangen; wenn ich dies Übel erst los werde, bin ich neugebohren. Doch weg mit Klagen, ich will Dir nur immer von Fortschritten meiner Gesundheit schreiben, und wenn ich das nicht kann, ganz davon schweigen. Der Anblick Deiner schedae über den Sophist hat auf einmal meine alte Begierde, am Plato zu arbeiten, aufgeregt, so stark, daß ich mir recht Gewalt werde anthun müssen, um fürs erste nicht immer dabei zu sitzen, doch denke ich, binnen vier, sechs Wochen den Dialog ganz durchstudirt zu haben, und Dir deine Noten nebst den Meinigen wieder zu schicken. Bis dahin gedulde Dich, und nimm heute mit dem kleinen, leeren Brief fürlieb. Am Rande meines Exemplars finde ich sehr wenig geändert, denn der Dialog ist bisher für mich verschlossen gewesen. P. 203. Bipontina Ἄρα statt ἆρα. p. 209. ουχ ᾐ τις statt ἡ τις . P. 217. σωμασι προς σωματα. 231. μηνυον statt μηνυων. p. 242. εστι γαρ, ω μακαριε ετι και ταυτα etc. p. 269. Οἱον δὴ τί; παραδειγμα. p. 271. αποκρινομενων statt αποκρινομενον. p. 276. Ὁτ᾿ ουν – κεκοινωνηκεναι‧ τοδε – wie Du interpungirst p. 280. αυτη ἡ κινησις statt αυτη κινησις. Das ist alles, lauter Kleinigkeiten. Diesen Dialog werde ich also auch durch Dich verstehn lernen, und dann gewiß auch den Politicus und Philebus, und dann sind wir des Plato Herr geworden und können ihn, wenns mit meiner Gesundheit guten Fortgang hat, zum ersten male, und ich hoffe, auch für alle Ewigkeit zum letzten male bearbeiten. Nur mußt Du mich immer in Absicht auf die Sachen und die Philosophie kräftig unterstützen, und einem so unphilosophischen Menschen, als ich bin, | alles, was irgend dunkel sein kann, recht klein zerkauen. Mit meinem Plato, lieber Freund, bin ich jetzt im Ernst nicht zufrieden, und meine Unzufriedenheit ist nicht allgemein und launenhaft, sondern bezieht sich auf einzelne Sachen. Ich fing an, in Lichtenberg den Demosthenes zu lesen, und in den Philippicis und was dazu gehört, – denn weiter bin ich nicht gekommen in den ersten 14 Tagen, wo ich noch den guten Willen hatte, etwas zu lesen, – da ist ein που vor λεγων gebraucht, gerade wie bei dem εδοξε, που φησι und das περι an einer Stelle gerade, wie im Phädrus περι δε καλλους. Die Stellen hätte ich doch damals wissen sollen. Und wie oft wird mir dasselbe noch bei der fernern Lectüre begegnen? Spalding hat mir auch noch einige unbemerkte Fehler gezeigt. O wenn ich doch gesund werde, um bald etwas Besseres zu liefern! Wolf, dem meine Schwester den Plato nebst einem langen herzlichen Briefe gebracht hat, hat ihn mit der grösten Artigkeit und Freundschaftlichkeit gegen sie aufgenommen, und mir gleich zwei Stunden nach Empfang, wie er sich selbst ausdrückt, seinen Glückwunsch in einem kleinen, aber gar nicht herzlichen Briefchen abgestattet. Doch höre ich von mehreren Orten her, daß er die Arbeit sehr loben soll. Desto herzlicher war des ehrlichen Schneiders Brief, aber mit einigen Bemerkungen, über die ich erschrokken bin; so schlecht war die Critik. Bei so etwas faßt man denn wieder Muth. Sachen, die ich unter den Tisch geworfen, und Ändrungen, vor denen ich gewarnt hatte, brachte er vor. Noch habe ich übrigens das Buch an keinen weiter geschickt und werde dies auch wohl Nauk überlassen. Du verlangtest in Deinem ersten Briefe meine neuen Emendationen zum Theätet. Ich habe keine gemacht, außer p. 49. d. die Worte και αληθη γε ... ειπε, dem Terpsion gegeben. p. 50. v. 3. Αλλ' ηδη ηκουσα σου statt Αληθη ηκουσα ist auch sehr mislich[.] p. 56. v. 6. | ἡμας statt ὑμας hast Du wohl schon gebilligt. P. 62. v. 3. wünschte ich den Namen Θαιναρετης weg. P. 63. statt „εαν νεον ον δοξῃ“ εαν αναγκαιον δοξῃ ist auch so so. P. 67. v. 2. interpungire und lese ich εμηκυνα‧ ὑποπτευω σε – Über die τα εξ ανθρωπων πραγματα p. 109 cf. Addenda ad Thomas Magister ad p. 359 und interpretiones ad Lysiam p. 494 und p. 153. über das παρεξομεν ... πατειν Bibliotheca Critica p. 46. P. VI. Über αλλοτριονομουντες p. 162. Ruhnken ad Timaeum p. 25. – Was merkwürdiges beim Ruhnkenius ad Timaeum zum Sophista steht, schicke ich Dir excerpirt im nächsten Briefe. –
Daß Riemer mit Humbold auf mehrere Jahre nach Rom geht, weißt Du wohl schon. Dort will er uns treulich conferiren, was noch vom Plato in den Bibliotheken steckt. Auf Riemers Versprechen kann man bauen. Wolf spricht in seinem Briefchen von einem noch nicht ganz vollständigen kritischen Apparatus zum Plato, der bei ihm eingelaufen sei, doch so unbestimmt, daß ich den Worten nicht recht traue. Das beste ist, wir bringen erst soviel als möglich ohne Codices heraus, und wenn wir über die schwersten Dialogen so ziemlich ins Reine sind, schicken wir gemeinschaftlich ein sechs bis acht Bogen emendationes ins Publicum, und dann sehen wir uns nach Codices um. Beck würde in seine philologischen Annalen die Noten gern aufnehmen, wofern diese Fortgang haben. – Gott sei Dank, daß der Schlegel endlich die Übersetzung ganz aufgegeben zu haben scheint, oder es doch so macht, daß Frommann die Sache mit ihm aufgiebt. Denn die Dummheit kann ich mir von letzterem nicht denken, daß er es mit Dir allein nicht wird wagen wollen. In diesem Falle müßte man hier alles mögliche versuchen, um Nauk oder La Garde oder Unger zu überreden. Laß Dich nur nicht mit Schlegel auf Bedingungen und gütliche Vorschläge ein. Was mag er wohl in Paris jetzt beginnen? |
Den Wyttenbachschen Plutarch wirst Du wohl nicht abwarten können. Der Abdruck von Reiske ist sehr theuer, und ich weiß nicht, ob er auch die Seitenzahlen aus der Xylanderschen Ausgabe enthält, nach der doch immer citirt wird. Auf unserer Bibliothek ist diese doppelt, und wenn Du willst, so will ich Gedike den Vorschlag thun, ob er Dir ein Exemplar gegen ein äquivalentes noch fehlendes Buch ablassen will. – Wenn Du künftig Deine Noten numerirst, so denke ich, ists bequemer für mich, da zu einer pagina öfters mehrere Noten kommen werden. In meiner Lectüre werde ich nun ganz den Gang nehmen, den Du nimmst, damit wir immer ganz gleiches Interesse haben, also den Gorgias und andere schon gewählte noch aufschieben. Auch ists das Klügste, die schwersten erst bei Seite zu bringen. Nun habe ich nicht weiter Lust zu schreiben, wüßte auch nichts interessantes. Was ich an Dir verloren habe, werde ich nun erst recht fühlen; wer weiß, wer mehr eintrocknen wird, ich ohne Dich, oder Du in Stolpe. Meine gute Hanne läßt Dich herzlich grüßen; meine Kinder gedeihen, daß es eine Freude ist, sie zu sehn, und Julchen spricht schon manches zusammenhängend. Leb wohl und erwarte in mir von nun an einen recht wackern und fleißigen Briefschreiber
Dein
Heindorf
d. 26 Aug. 1802
Hoffmann hat nach Deiner Abreise mehrmals wieder heftiges Blutspeien gehabt, und soll ganz abgemagert sein, jetzt aber doch wieder etwas Hoffnung haben. Becker soll durch Bäder diesen Sommer wunderbar gestärkt sein.
Briefkopfdaten
  • Datum: Donnerstag, 26. August 1802
  • Absender: Ludwig Friedrich Heindorf
  • Empfänger: Friedrich Schleiermacher ·
  • Absendeort: Berlin · ·
  • Empfangsort: Stolp · ·
Druck
  • Bibliographische Angabe: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 100‒105.

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