Berlin 30 Aug. 2.
d. h. hier beschloßen.
Es kommt ein kahler Brief von mir, liebster Freund, das will ich nur zum Voraus ankündigen. Viel Arbeit für den Quintilian und viel nuzlose Zerstreuung und Abhaltung verhindern das Erscheinen eines ordentlichen. Ich hätte auch immer noch nicht geschrieben, wenn meine Frau mich nicht triebe. Sie scheint nicht so fest, wie ich, zu glauben an Ihre Nachsicht. Nichts schöners doch in der Welt als wenn man sich gut ist; ich weiß es, noch neu versichert durch Ihren lieben Brief vom 20 Julius, daß Sie mir es sind – was dann für Noth! Dann hat man auch das Herz zu einem derben und verstokten Stillschweigen! Ich weiß zwar wol, daß meine Frau gar traurig erbaut sein würde, wenn ihr Sohn diese Filosofie annehmen solte. Darum mag sie wohl überhaupt, diesen gefährlichen Glauben nicht im Lande wollen aufkommen laßen. Auch kann es sein, daß Ihnen ein Zeichen des Lebens von hier aus, gesezt, es wäre in dem Zeichen auch nicht viel Lebensprinzip, eine kleine Freude macht. |
Lesen wolte ich, quo me ablegasti, die Zitate Ihres Briefes honoriren (Zitate, eins der verehrlichsten Dinge für mich, der ich Ludolf Küster’s Ausruf über Malebranche Recherche de la Vérité so volkommen verstehe: Quel livre! pas une citation!); auch, nach Nothdurft darüber denken, und dann ordentlich in den amöbaeis meditationibus fortfahren! Aber das geht durchaus nicht. Denken Sie sich nur, vor einigen Posttagen schon eine Mahnung um ManuScript erhalten, vom Verleger in Leipzig! Der Unersättliche, dem ich so viel aufgetischt habe, daß er bis Michaëlis mit Kauen nicht fertig werden kann, geschweige, daß es herauskommen solte! Nun bin ich denn doch, was ich freilich ihn nicht merken laße, nicht ganz fertig mit meiner Arbeit. Was gibt das für Angst! Und dabei sehe ich zu meinem Schrecken, daß mein weitläuftiges Geschmier so unbarmherzig zusammenläuft im Druk, daß ich wol noch ein Buch werde zimmern müßen, um einen zweiten Theil des Quintilian zu Tage zu fördern. Neue Angst! Darum ein kahler Brief, und kein anderer, und wäre ich nicht hier in Scharlottenburg, | so richtete meine Frau doch nichts aus. Aber hier läßt es sich doch nur an den entfernten Beiwerken des Quintilian arbeiten. Dergleichen ist das Lesen des Sueton für mich, in Oudendorp’s Ausgabe. Wenn Sie einmal meinen Quintilian zweiter Theil ansehen solten, so werden Sie aus diesem Buch (wolte Gott auch aus andern!) mainte citation finden. Wolf’s Ausgabe des Sueton (eigentlich nur ein berichtigter Abdruk der Ernestischen) ist, wie in der Regel, als fertig angeführt im Meßkatalog, keineswegs aber erschienen.
Daß Sie mich als Sache brauchen, das mögen Sie mit Ihrer Legalität ausmachen; ich habe nichts dagegen. Aber endlich solten Sie doch das Heindorfsche Buch, „quorum pars magna fuisti“ in Händen haben. Meine Antworten auf platonische Fragen, werden Sie, nach den vorher geschilderten Umständen, gewiß nicht mehr erwarten. Mein Selbstgefühl über mein Wißen ist eine geraume Zeit her „at a very low ebb“ gewesen. Was hat man nach 40 Jahren noch für Anwachs zu erwarten! Lieben Sie mich, wo möglich, der ich | gar keine Mathematik und wenig Griechisch und Latein weiß. – Nebenbei will ich jezt des Appian Bürgerkriege für den Druk übersezen, und habe in den Ferien schon strenue angefangen. – Meine Frau und mein Bruder danken herzlich für – und erwiedern eben so – Ihre Freundschaft; gleichfalls Mademoiselle Cézar. Diese scheint, sagen wir lieber: ist, – ein vortrefliches Mädchen.
Saks drei Töchter sind diesen Sommer mehrere Wochen mit Burgsdorf und Tiek, bei einem (nicht dem extremo labore Arethusae) Grafen Fink gewesen. Nach des ersteren Freundes Aussage, ist der leztere Freund so milde gewesen, über ein Monument, das der Madlizer Fink (das ist der Arethusen-Mann) Kleisten gesezt hat, nichts weiter zu sagen, als: Sie sind sehr bescheiden, Kleisten ein Monument zu sezen, über dem Sie so weit stehen. – Ich, für mein Theil, möchte aus der Haut fahren. – Leben Sie wohl, mein Theurer. Bald, oder doch so bald ich kann, ein Mehreres.
G L Spalding.
Ich würde, an Ihrer Stelle, die alten zwei Frankfurtischen Folianten vom Plutarch, zu kaufen suchen. So zitirt man auch.
d. h. hier beschloßen.
Es kommt ein kahler Brief von mir, liebster Freund, das will ich nur zum Voraus ankündigen. Viel Arbeit für den Quintilian und viel nuzlose Zerstreuung und Abhaltung verhindern das Erscheinen eines ordentlichen. Ich hätte auch immer noch nicht geschrieben, wenn meine Frau mich nicht triebe. Sie scheint nicht so fest, wie ich, zu glauben an Ihre Nachsicht. Nichts schöners doch in der Welt als wenn man sich gut ist; ich weiß es, noch neu versichert durch Ihren lieben Brief vom 20 Julius, daß Sie mir es sind – was dann für Noth! Dann hat man auch das Herz zu einem derben und verstokten Stillschweigen! Ich weiß zwar wol, daß meine Frau gar traurig erbaut sein würde, wenn ihr Sohn diese Filosofie annehmen solte. Darum mag sie wohl überhaupt, diesen gefährlichen Glauben nicht im Lande wollen aufkommen laßen. Auch kann es sein, daß Ihnen ein Zeichen des Lebens von hier aus, gesezt, es wäre in dem Zeichen auch nicht viel Lebensprinzip, eine kleine Freude macht. |
Lesen wolte ich, quo me ablegasti, die Zitate Ihres Briefes honoriren (Zitate, eins der verehrlichsten Dinge für mich, der ich Ludolf Küster’s Ausruf über Malebranche Recherche de la Vérité so volkommen verstehe: Quel livre! pas une citation!); auch, nach Nothdurft darüber denken, und dann ordentlich in den amöbaeis meditationibus fortfahren! Aber das geht durchaus nicht. Denken Sie sich nur, vor einigen Posttagen schon eine Mahnung um ManuScript erhalten, vom Verleger in Leipzig! Der Unersättliche, dem ich so viel aufgetischt habe, daß er bis Michaëlis mit Kauen nicht fertig werden kann, geschweige, daß es herauskommen solte! Nun bin ich denn doch, was ich freilich ihn nicht merken laße, nicht ganz fertig mit meiner Arbeit. Was gibt das für Angst! Und dabei sehe ich zu meinem Schrecken, daß mein weitläuftiges Geschmier so unbarmherzig zusammenläuft im Druk, daß ich wol noch ein Buch werde zimmern müßen, um einen zweiten Theil des Quintilian zu Tage zu fördern. Neue Angst! Darum ein kahler Brief, und kein anderer, und wäre ich nicht hier in Scharlottenburg, | so richtete meine Frau doch nichts aus. Aber hier läßt es sich doch nur an den entfernten Beiwerken des Quintilian arbeiten. Dergleichen ist das Lesen des Sueton für mich, in Oudendorp’s Ausgabe. Wenn Sie einmal meinen Quintilian zweiter Theil ansehen solten, so werden Sie aus diesem Buch (wolte Gott auch aus andern!) mainte citation finden. Wolf’s Ausgabe des Sueton (eigentlich nur ein berichtigter Abdruk der Ernestischen) ist, wie in der Regel, als fertig angeführt im Meßkatalog, keineswegs aber erschienen.
Daß Sie mich als Sache brauchen, das mögen Sie mit Ihrer Legalität ausmachen; ich habe nichts dagegen. Aber endlich solten Sie doch das Heindorfsche Buch, „quorum pars magna fuisti“ in Händen haben. Meine Antworten auf platonische Fragen, werden Sie, nach den vorher geschilderten Umständen, gewiß nicht mehr erwarten. Mein Selbstgefühl über mein Wißen ist eine geraume Zeit her „at a very low ebb“ gewesen. Was hat man nach 40 Jahren noch für Anwachs zu erwarten! Lieben Sie mich, wo möglich, der ich | gar keine Mathematik und wenig Griechisch und Latein weiß. – Nebenbei will ich jezt des Appian Bürgerkriege für den Druk übersezen, und habe in den Ferien schon strenue angefangen. – Meine Frau und mein Bruder danken herzlich für – und erwiedern eben so – Ihre Freundschaft; gleichfalls Mademoiselle Cézar. Diese scheint, sagen wir lieber: ist, – ein vortrefliches Mädchen.
Saks drei Töchter sind diesen Sommer mehrere Wochen mit Burgsdorf und Tiek, bei einem (nicht dem extremo labore Arethusae) Grafen Fink gewesen. Nach des ersteren Freundes Aussage, ist der leztere Freund so milde gewesen, über ein Monument, das der Madlizer Fink (das ist der Arethusen-Mann) Kleisten gesezt hat, nichts weiter zu sagen, als: Sie sind sehr bescheiden, Kleisten ein Monument zu sezen, über dem Sie so weit stehen. – Ich, für mein Theil, möchte aus der Haut fahren. – Leben Sie wohl, mein Theurer. Bald, oder doch so bald ich kann, ein Mehreres.
G L Spalding.
Ich würde, an Ihrer Stelle, die alten zwei Frankfurtischen Folianten vom Plutarch, zu kaufen suchen. So zitirt man auch.