Den 3ten September 1802.
[...] Ihr Herrscheramt üben Sie nur ganz nach Ihrer Weise aus. Sie ist Ihnen natürlich, und gewiß ist sie die beste – für mich wenigstens. Jette ist mir wohl auch recht nüzlich gewesen und ist es noch; aber so unmittelbar und sicher kann sie nicht auf mich wirken, und zwar, was den Triumph erst vollkommen macht, liegt der Unterschied nicht da, wo so mancher andre liegt, sondern bloß im Charakter, in der Art und Weise. [...] Hüten Sie sich aber nur um Gotteswillen, liebe Freundin, daß es Ihnen nicht am Ende noch mit der Lustigkeit geht, wie mir mit der Klugheit. Es hat mich so oft verdrossen, daß die Menschen mehr die Klugheit, die Satyre und, Gott weiß was, in mir sahen als das Gute, das ich in mir fühlte und wußte, und daß mich selbst meine Freundinnen oft den „klugen Schleier“ nannten. Nun bin ich mit dem Guten wohl durchgedrungen, aber mit der Klugheit steht es so übel, daß ich – ohne mir einiger wesentlicher Aenderung bewußt zu sein – in der halben Welt – meiner nemlich – für dumm verschrien bin. Halb und halb ist noch eine gewisse Aehnlichkeit in den beiden Fällen; denn bei mir war eben bei weitem nicht alles Klugheit, was man dafür hielt und so ist es mit Ihrer Lustigkeit nicht selten auch.
Doch ich komme auf Ihr Herrschen und Befehlen zurück, von dem ich eigentlich ausgegangen war. Helfen soll es wohl, und fast eben so viel sollte Ihre Neugierde auf die Kritik helfen, wenn ich Ihnen diese nur lassen könnte. Allein ich glaube fast, Sie werden sich diese auf die Moral selbst versparen müssen, und in der Kritik von dem, was Sie suchen, nur einzelne Winke finden. Denn da ich meine moralischen Grundsäze nicht voranschicke, so kann ich auch die bisherigen Moralen nicht von der Seite an|greifen, daß ich sie für unmoralisch halte, sondern nur von Seiten der wissenschaftlichen Unvollständigkeit und Schlechtigkeit, wobei also jenes nur sehr seitwärts durchschimmern kann. Träge bin ich übrigens eigentlich nicht und komme jezt täglich mehr in’s Arbeiten hinein. Aber Sie glauben nicht, wie mir das Lesen, sobald es irgend in kritischer Hinsicht geschehen muß, langsam von Statten geht. Ein Theil dieses Mangels kommt freilich nur von einem Unglauben an mich selbst, den ich nach gerade überwunden haben sollte, ein anderer aus Gewohnheit, aber einer so alten, daß ich sie von dem übrigen, was wirklich Natur ist, nur schwer zu unterscheiden weiß. Sie glauben nicht, wie arg dies ist; denken Sie es sich aber an dem Beispiel, daß einen Dialogen des Platon so zu verstehen, wie ich wünsche – wobei ich Alles, was die Sprache betrifft, schon vorausseze – mir gut und gern noch einmal so viel Zeit kostet, als ihn bis zur Vollendung zu übersezen. Und dabei ist Platon unstreitig der Schriftsteller, den ich am besten kenne, und mit dem ich fast zusammengewachsen bin.
Nun nehmen Sie an, was ich Alles zum Behuf der Kritik lesen muß, wie Alles davon um so schwerer zu verstehen ist, je verwirrter und gebrechlicher es ist, wie ekelhaft mir fast Alles wird, seiner Erbärmlichkeit wegen, und doppelt ekelhaft wegen des Aufhebens, das in der Welt davon gemacht wird; nehmen Sie noch dazu, daß Alles, was ich aus dem Alterthum dazu lesen muß, zugleich ein philologisches Studium ist, wobei ich mich unmöglich bezähmen kann manche halbe Stunde, oft vergeblich, oft auch nicht, einer verdorbenen Stelle zu widmen. Jezt leide ich besonders am Kant, der mir je länger je beschwerlicher wird; habe ich den glücklich überstanden, dann komme ich zum Fichte und Spinoza, an denen ich mich erholen will; beim lezten finde ich doch inneres Leben, und beim ersten wenigstens eine gewisse äußere Vollkommenheit, die den Leser nie so ganz von Kräften kommen läßt. Zeither haben mich die Stoiker gequält, bis ich nun endlich genau weiß, was für arme Schächer es gewesen sind. – | Viel Mühe wird es mich kosten, in diesem Buch überall die Milde vorwalten zu lassen, welche für die gründliche Strenge eine so schöne Begleiterin ist. Ich will aber recht viel an Sie denken, das wird das beste Hülfsmittel sein, und nächstdem will ich mir die Aussicht eröffnen, mein Müthchen an den Dialogen zu kühlen, wo ich es ohne Bitterkeit in dem leichten und gefälligen Gedankenspiel der platonischen Ironie thun kann. Diese Dialogen sollen nebenbei auch für die Welt das beste werden, was ich noch gemacht habe, wenn ich auch nur halb das Ideal erreiche, was mir davon vorschwebt.
[...] Ihr Herrscheramt üben Sie nur ganz nach Ihrer Weise aus. Sie ist Ihnen natürlich, und gewiß ist sie die beste – für mich wenigstens. Jette ist mir wohl auch recht nüzlich gewesen und ist es noch; aber so unmittelbar und sicher kann sie nicht auf mich wirken, und zwar, was den Triumph erst vollkommen macht, liegt der Unterschied nicht da, wo so mancher andre liegt, sondern bloß im Charakter, in der Art und Weise. [...] Hüten Sie sich aber nur um Gotteswillen, liebe Freundin, daß es Ihnen nicht am Ende noch mit der Lustigkeit geht, wie mir mit der Klugheit. Es hat mich so oft verdrossen, daß die Menschen mehr die Klugheit, die Satyre und, Gott weiß was, in mir sahen als das Gute, das ich in mir fühlte und wußte, und daß mich selbst meine Freundinnen oft den „klugen Schleier“ nannten. Nun bin ich mit dem Guten wohl durchgedrungen, aber mit der Klugheit steht es so übel, daß ich – ohne mir einiger wesentlicher Aenderung bewußt zu sein – in der halben Welt – meiner nemlich – für dumm verschrien bin. Halb und halb ist noch eine gewisse Aehnlichkeit in den beiden Fällen; denn bei mir war eben bei weitem nicht alles Klugheit, was man dafür hielt und so ist es mit Ihrer Lustigkeit nicht selten auch.
Doch ich komme auf Ihr Herrschen und Befehlen zurück, von dem ich eigentlich ausgegangen war. Helfen soll es wohl, und fast eben so viel sollte Ihre Neugierde auf die Kritik helfen, wenn ich Ihnen diese nur lassen könnte. Allein ich glaube fast, Sie werden sich diese auf die Moral selbst versparen müssen, und in der Kritik von dem, was Sie suchen, nur einzelne Winke finden. Denn da ich meine moralischen Grundsäze nicht voranschicke, so kann ich auch die bisherigen Moralen nicht von der Seite an|greifen, daß ich sie für unmoralisch halte, sondern nur von Seiten der wissenschaftlichen Unvollständigkeit und Schlechtigkeit, wobei also jenes nur sehr seitwärts durchschimmern kann. Träge bin ich übrigens eigentlich nicht und komme jezt täglich mehr in’s Arbeiten hinein. Aber Sie glauben nicht, wie mir das Lesen, sobald es irgend in kritischer Hinsicht geschehen muß, langsam von Statten geht. Ein Theil dieses Mangels kommt freilich nur von einem Unglauben an mich selbst, den ich nach gerade überwunden haben sollte, ein anderer aus Gewohnheit, aber einer so alten, daß ich sie von dem übrigen, was wirklich Natur ist, nur schwer zu unterscheiden weiß. Sie glauben nicht, wie arg dies ist; denken Sie es sich aber an dem Beispiel, daß einen Dialogen des Platon so zu verstehen, wie ich wünsche – wobei ich Alles, was die Sprache betrifft, schon vorausseze – mir gut und gern noch einmal so viel Zeit kostet, als ihn bis zur Vollendung zu übersezen. Und dabei ist Platon unstreitig der Schriftsteller, den ich am besten kenne, und mit dem ich fast zusammengewachsen bin.
Nun nehmen Sie an, was ich Alles zum Behuf der Kritik lesen muß, wie Alles davon um so schwerer zu verstehen ist, je verwirrter und gebrechlicher es ist, wie ekelhaft mir fast Alles wird, seiner Erbärmlichkeit wegen, und doppelt ekelhaft wegen des Aufhebens, das in der Welt davon gemacht wird; nehmen Sie noch dazu, daß Alles, was ich aus dem Alterthum dazu lesen muß, zugleich ein philologisches Studium ist, wobei ich mich unmöglich bezähmen kann manche halbe Stunde, oft vergeblich, oft auch nicht, einer verdorbenen Stelle zu widmen. Jezt leide ich besonders am Kant, der mir je länger je beschwerlicher wird; habe ich den glücklich überstanden, dann komme ich zum Fichte und Spinoza, an denen ich mich erholen will; beim lezten finde ich doch inneres Leben, und beim ersten wenigstens eine gewisse äußere Vollkommenheit, die den Leser nie so ganz von Kräften kommen läßt. Zeither haben mich die Stoiker gequält, bis ich nun endlich genau weiß, was für arme Schächer es gewesen sind. – | Viel Mühe wird es mich kosten, in diesem Buch überall die Milde vorwalten zu lassen, welche für die gründliche Strenge eine so schöne Begleiterin ist. Ich will aber recht viel an Sie denken, das wird das beste Hülfsmittel sein, und nächstdem will ich mir die Aussicht eröffnen, mein Müthchen an den Dialogen zu kühlen, wo ich es ohne Bitterkeit in dem leichten und gefälligen Gedankenspiel der platonischen Ironie thun kann. Diese Dialogen sollen nebenbei auch für die Welt das beste werden, was ich noch gemacht habe, wenn ich auch nur halb das Ideal erreiche, was mir davon vorschwebt.