Stolpe den 6ten September 1802
Nach der neuesten Ordnung der Dinge, liebe Jette, ist heute Dein Geburtstag, und ich will ihn eben in der stillen Abendstunde, einsam mit russischem Thee feiern und mit vielen treuen und guten Gedanken an Dich und über Dich. Es ist der erste solche Tag nach unserer Trennung wie viele wird es geben? wie lange wird sie dauern? wie wird sie sich enden? und was wird von unsern schönen Entwürfen für die ferne Zukunft in Erfüllung gehen? Doch daran will ich eigentlich gar nicht denken; diese stumme verschleierte Person soll sich nicht zwischen uns drängen, sie macht doch immer einen wunderlichen Eindruck und man verstummt mit ihr. Laß uns lieber an Zeit und Raum gar nicht denken, sondern nur an uns, und was uns das Liebste ist, wieviel Schönes was die Götter verliehen haben, und wie wir dessen froh sind und dabei gedeihen. Dieses Innere und Wahre wird und muß noch immer schöner und vollkommner werden. Ja laß es uns stolz und froh gestehen daß es nicht viel solche vereinigte Kreise von Liebe und Freundschaft geben mag als den unsrigen, der so wunderbar zusammengekommen ist fast aus allen Enden der moralischen Welt. Alle sind meiner Seele in diesem Augenblick gegenwärtig welche gemeinschaftlich dazu gehören. Mögen sie sich alle noch immer enger um Dich jeder nach seiner Weise und mit seinen Gaben des Geistes und des Herzens vereinigen. Ich habe Dir auch einen gestern eingelaufenen Gruß von Alexander zu bringen, wiewohl er Deines Geburtstags nicht erwähnt[;] am Ende hat er auch wohl das Privilegium die wechselnde Ordnung der Dinge vergessen zu haben. Deine letzten Briefe hatten | ihn sehr glücklich gemacht, sollte ich mit der nächsten reitenden Post Dir schreiben, er müßte aber seine Antwort noch einen Posttag aufschieben. Nun wirst Du sie wohl mit dieser Nachricht zugleich bekommen; aber doch will ich mich des Auftrages gern entledigen, besonders heute. Warum komme ich noch immer nicht zu dem rechten schriftlichen Umgang mit unserm Freunde? wir schreiben, aber es bleiben immer eine Art von Geschäftsbriefen. Er will wol stärker aufgemuntert und angestoßen sein als meine Weise ist; ich will aber mein bestes versuchen. Halb und halb habe ich heut einen Brief von Dir erwartet; nun rechne ich auf den Donnerstag, und eigentlich ist mirs auch lieber wenn Du immer so schreibst daß ich Deine Briefe den Donnerstag bekomme so vertheilen sich die Gaben des Himmels besser. Heute habe ich einen bedeutenden Fortschritt in der Kritik der Moral gemacht; ich habe den ganzen Plan vollständig entworfen, und mir für jeden Abschnitt ein eignes Heft gemacht, in welche ich nun die bereits gesammelten Materialien nach und nach eintrage, wobei sie auch schon etwas an Ausbildung gewinnen, und nun kann ich bei dem weiteren Lesen und Sammeln gleich genauer auf die Stelle Rücksicht nehmen, die ein Jedes bekommen soll, wodurch denn alles gar sehr erleichtert wird. Aber freilich ich habe doch noch Kants Tugendlehre, Fichtes Sittenlehre, manches vom Plato und die letzte Hälfte des Spinoza zu lesen; das will etwas sagen. Überdieß wäre es eigentlich meine Schuldigkeit noch die beiden Werke des Helvetius zu lesen, wenn ich sie nur zu bekommen wüßte. Ich habe deßhalb nach Danzig geschrieben, zweifle aber an dem Erfolg; weißt Du sie mir etwa auf ein Paar Wochen zu schaffen? Die Kritik soll übrigens wohl ein ganz gutes Buch werden, und so künstlich, daß niemand, selbst nicht ein kritisches Genie wie Friedrich meine eigne Moral daraus soll errathen können, so daß diese den Leuten noch vollkommen neu sein wird. Gott gebe seinen Segen zur Vollendung. Mit Zittern und Zagen sehe ich jetzt posttäglich einem Briefe von Frommann entgegen. Hat Friedrich kein Manuscript, oder vielmehr nicht alles geschickt, so ist es mit dem gemeinschaftlichen Plato zu Ende, zu meinem | großen Schmerz. Läßt sich dann Frommann auf mein Anerbieten nicht ein, so werde ich traurig sein. Läßt er sich darauf ein, so graut mich vor der Arbeit, in die ich dann versunken bin und gerade diesen Winter wo ich recht viel Zeit haben sollte für die einsame Freundinn. Wenn ich aber dann diesen Winter nicht Wunder thun lerne, so lerne ich es nie. Die Zeit auszukaufen ist doch eine große Kunst, ich mögte sagen die wichtigste in diesem irdischen Leben – nächst der Kunst zu lieben – denn es beruhen alle anderen auf dieser. [...]
Nach der neuesten Ordnung der Dinge, liebe Jette, ist heute Dein Geburtstag, und ich will ihn eben in der stillen Abendstunde, einsam mit russischem Thee feiern und mit vielen treuen und guten Gedanken an Dich und über Dich. Es ist der erste solche Tag nach unserer Trennung wie viele wird es geben? wie lange wird sie dauern? wie wird sie sich enden? und was wird von unsern schönen Entwürfen für die ferne Zukunft in Erfüllung gehen? Doch daran will ich eigentlich gar nicht denken; diese stumme verschleierte Person soll sich nicht zwischen uns drängen, sie macht doch immer einen wunderlichen Eindruck und man verstummt mit ihr. Laß uns lieber an Zeit und Raum gar nicht denken, sondern nur an uns, und was uns das Liebste ist, wieviel Schönes was die Götter verliehen haben, und wie wir dessen froh sind und dabei gedeihen. Dieses Innere und Wahre wird und muß noch immer schöner und vollkommner werden. Ja laß es uns stolz und froh gestehen daß es nicht viel solche vereinigte Kreise von Liebe und Freundschaft geben mag als den unsrigen, der so wunderbar zusammengekommen ist fast aus allen Enden der moralischen Welt. Alle sind meiner Seele in diesem Augenblick gegenwärtig welche gemeinschaftlich dazu gehören. Mögen sie sich alle noch immer enger um Dich jeder nach seiner Weise und mit seinen Gaben des Geistes und des Herzens vereinigen. Ich habe Dir auch einen gestern eingelaufenen Gruß von Alexander zu bringen, wiewohl er Deines Geburtstags nicht erwähnt[;] am Ende hat er auch wohl das Privilegium die wechselnde Ordnung der Dinge vergessen zu haben. Deine letzten Briefe hatten | ihn sehr glücklich gemacht, sollte ich mit der nächsten reitenden Post Dir schreiben, er müßte aber seine Antwort noch einen Posttag aufschieben. Nun wirst Du sie wohl mit dieser Nachricht zugleich bekommen; aber doch will ich mich des Auftrages gern entledigen, besonders heute. Warum komme ich noch immer nicht zu dem rechten schriftlichen Umgang mit unserm Freunde? wir schreiben, aber es bleiben immer eine Art von Geschäftsbriefen. Er will wol stärker aufgemuntert und angestoßen sein als meine Weise ist; ich will aber mein bestes versuchen. Halb und halb habe ich heut einen Brief von Dir erwartet; nun rechne ich auf den Donnerstag, und eigentlich ist mirs auch lieber wenn Du immer so schreibst daß ich Deine Briefe den Donnerstag bekomme so vertheilen sich die Gaben des Himmels besser. Heute habe ich einen bedeutenden Fortschritt in der Kritik der Moral gemacht; ich habe den ganzen Plan vollständig entworfen, und mir für jeden Abschnitt ein eignes Heft gemacht, in welche ich nun die bereits gesammelten Materialien nach und nach eintrage, wobei sie auch schon etwas an Ausbildung gewinnen, und nun kann ich bei dem weiteren Lesen und Sammeln gleich genauer auf die Stelle Rücksicht nehmen, die ein Jedes bekommen soll, wodurch denn alles gar sehr erleichtert wird. Aber freilich ich habe doch noch Kants Tugendlehre, Fichtes Sittenlehre, manches vom Plato und die letzte Hälfte des Spinoza zu lesen; das will etwas sagen. Überdieß wäre es eigentlich meine Schuldigkeit noch die beiden Werke des Helvetius zu lesen, wenn ich sie nur zu bekommen wüßte. Ich habe deßhalb nach Danzig geschrieben, zweifle aber an dem Erfolg; weißt Du sie mir etwa auf ein Paar Wochen zu schaffen? Die Kritik soll übrigens wohl ein ganz gutes Buch werden, und so künstlich, daß niemand, selbst nicht ein kritisches Genie wie Friedrich meine eigne Moral daraus soll errathen können, so daß diese den Leuten noch vollkommen neu sein wird. Gott gebe seinen Segen zur Vollendung. Mit Zittern und Zagen sehe ich jetzt posttäglich einem Briefe von Frommann entgegen. Hat Friedrich kein Manuscript, oder vielmehr nicht alles geschickt, so ist es mit dem gemeinschaftlichen Plato zu Ende, zu meinem | großen Schmerz. Läßt sich dann Frommann auf mein Anerbieten nicht ein, so werde ich traurig sein. Läßt er sich darauf ein, so graut mich vor der Arbeit, in die ich dann versunken bin und gerade diesen Winter wo ich recht viel Zeit haben sollte für die einsame Freundinn. Wenn ich aber dann diesen Winter nicht Wunder thun lerne, so lerne ich es nie. Die Zeit auszukaufen ist doch eine große Kunst, ich mögte sagen die wichtigste in diesem irdischen Leben – nächst der Kunst zu lieben – denn es beruhen alle anderen auf dieser. [...]