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Friedrich Schleiermacher to Eleonore Christiane Grunow TEI-Logo

Freitag, den 10ten September 1802.
Wenn es in mir läge, liebe Freundin, daß Sie immer, auch wenn Sie mehr gethan haben als ich irgend erwarten konnte, noch in meiner Schuld zu sein glauben, so würde ich mir eine Art von unbewußter Rhetorik zuschreiben, die mir ganz fremd ist. Aber es liegt ganz rein und allein bei Ihnen, die sich selbst nie genug thut, in Ihrem inneren Reichthum und Ihrer seltenen Mittheilungslust und Kraft. Ich freue mich dieses Bestrebens und seiner Früchte, wie es sich gehört, und habe nur die kleine Mühe dabei, daß ich mir das Wort Schuld, welches mich demüthigt, hinwegdenke. Das wußte ich wohl, daß ich mit meinen wenigen hingeworfenen Aeußerungen über Hippel Sie zu recht vielem auffordern würde, wie es ja so oft, ich möchte sagen, gewöhnlich, mit unsren Unterhaltungen gegangen ist, daß ich nur so die ersten Töne angegeben habe. Unsre Art einen Menschen im Ganzen zu nehmen, nicht von diesem und jenem Einzelnen und Aeußeren auf das Innere zu schließen, sondern nur aus diesem das Aeußere zu erklären, wohl an Dissonanzen im Menschen zu glauben, aber an keinen Widerspruch und an keine Verwandlung, sondern nur an Ausbildung und Umbildung – diese ist bei uns beiden ganz dieselbe und gewiß ganz die richtige, wie wir allenfalls aus der Probe beweisen können, da wir uns selbst und Andre so viel besser verstehen als die meisten. Einiges von Hippel haben Sie mir nur ausgezeichneter, fertiger meine ich, dargestellt, als ich es mir selbst gedacht, aber so ganz in Ihrer eigenthümlichen Art, daß ich mich meiner Schweigsamkeit recht freue. Einiges haben Sie mir wirklich klarer gemacht und in Andrem möchte ich Ihnen widersprechen, um doch auch noch eine kleine Nachlese zu liefern. Zuerst verstehe ich nicht recht, warum Sie den Wiz aus den unruhigen und schwankenden Bewegungen seiner Seele erklären wollen. Meinen Sie das allgemein oder nur bei ihm? Daß der Wiz als | Talent mit einem solchen Gemüthszustande zusammenhänge, oder nur, daß die Aeußerungen desselben so zu Stande kommen? Doch bei diesen professorenmäßigen Fragen komme ich mir etwas vor, wie der seelige Garve, und, um ihm vollkommen ähnlich zu werden, will ich Ihnen sagen, daß ich mir diese Ansicht des Wizes in Ihnen ganz im höchsten Grade subjectiv erkläre. Es ist mit dem Wiz eine eigne Sache und schwer etwas darüber zu sagen. Das meiste liegt aber im Wort, unter welchem man so entsezlich viel ganz verschiedene Dinge begreift.
Abends.
Ist aber nicht der Wiz die Aeußerung eines fröhlichen Herzens und einer lebendigen Phantasie? Und bitter ist doch Hippel’s Wiz, so weit ich ihn kenne, nicht; denn die eigentliche Satyre freilich mag immer eine innere Unruhe zum Grunde haben. Doch sie verweisen mich grade auf die Lebensläufe, und da kann ich nicht wissen, wie es aussieht. Wizig, wie ich ihn kenne, denke ich ihn mir aber von seiner Kindheit an, vor aller Unruhe. Mit der Frömmigkeit haben Sie es gewiß recht getroffen, und wie liebe ich Sie um dieses Treffen! Ich verstehe das recht, ohnerachtet ich mir die christliche Frömmigkeit – wie auch in den Reden steht – immer als schmerzerregend denke. Aber es sind die süßen Schmerzen der Wehmuth, die gar wohl andre stillen können, und gewiß, wenn an Saul’s Geist irgend etwas Gutes war, so mußte es ein Adagio sein, was ihn bannte. Warum glauben Sie aber, daß die Frömmigkeit und der Wiz selten beisammen sind? Mir ist das oft vorgekommen. Ernst und Spiel durchdringen sich nirgends inniger, als in einer frommen Seele, und ist das nicht die stärkste Anreizung zum Wiz? Mich verdrießt, daß das nicht in den Reden steht, vorgeschwebt hat es mir immer sehr lebendig, es steht aber auch gewiß irgendwo zwischen den Zeilen, ohne daß ich es weiß. Einig mit sich ist freilich dieser seltene Mensch nicht gewesen und seine Freunde scheinen nicht dazu I gemacht gewesen zu sein, ihm dazu zu helfen. Die Freundschaft hätte aber auch das schwerlich recht verrichten können, sondern nur die Liebe. Diese allein, wie spät sie ihm auch gekommen wäre, konnte den einen großen Riß in seinem Inneren heilen; die Freundschaft hätte ihm nur die Schmerzen daran lindern können, ihn nur trösten mit dem Zeitalter und dem Schicksal. Ich halte das – wenn man nicht etwa das politische Elend wichtiger nehmen will – für den größten Stoff zur Elegie, daß wir auf einem solchen Punkte der Bildung stehn, wo unvermeidlich jeder bessere Mensch, dem die wahre Liebe nicht zeitig genug erscheint, wider seinen Willen in das Nez seiner Phantasie und seiner Sinnlichkeit fallen muß – und dies traurige „wider seinen Willen“ ist das einzige, was er vor den andren voraus hat. Und doch ist der, der sich auf diese Art mit sich selbst entzweit, noch besser daran, als wer sich durch eine falsche Erscheinung der Liebe hintergehen läßt. Ob es aber nicht Hippel’s Schuld gewesen ist, daß die Liebe ihm nicht noch hintennach erschienen ist? (denn die verfehlte bei seinem Eintritt in die Welt war gewiß auch nicht die rechte) – ob er es nicht zu früh aufgegeben hat sie zu suchen? daß Sie ihm viel würden gewesen sein, wenn er Sie gekannt hätte, habe ich Ihnen ja immer gesagt – aber ich möchte wohl wissen, ob Sie ihn eigentlich hätten lieben können? Solche Fragen sind eigentlich thöricht, aber wer wirft sie nicht auf? Ich beantworte sie mit nein, ohne einen bestimmten Grund dafür angeben zu können. Sie erklären mich für einen Virtuosen in der Freundschaft und darin mögen Sie nicht unrecht haben; von Gottes Gnaden glaube ich das wirklich zu sein. Ob ich aber Hippel’s Freund gewesen sein würde? Es ist in der That viel, wenn Sie dies glauben, bei seinem zurückgedrängten und meinem harrenden und schweigsamen Wesen. Aber doch kann ich es mir sehr gut denken; ich weiß, daß ich im Stande bin Hand über Herz zu legen, wo es noth thut, und ich hoffe, ich würde den glücklichen Moment gefunden haben ihm zuzurufen, er solle alle seine Schmerzen | an mein Herz legen, das sie doch alle fühlte und ahndete. Dann hätte ich ihm freilich viel sein können, mehr als alle, die er um sich hatte, und mehr als ich z. B. dem guten Friedrich jemals sein werde.
Bin ich auf diesen einmal gekommen bei der Revision meines Berufes zur Freundschaft, so lassen Sie uns gleich weiter über ihn reden, wiewohl ich nicht weiß, ob ich Ihnen Alles werde klar machen können, da ich nicht recht weiß, was Ihnen unklar ist. Jette, das weiß ich wohl, stößt sich an der großen Verschiedenheit unsrer Sinnesart, an seinem heftigen rauhen Wesen, an Allem, was im geselligen Leben unangenehm an ihm auffällt, an dem oft an Unredlichkeit grenzenden Leichtsinn, mit welchem er äußere Verhältnisse behandelt, und an Allem, was aus dem innern Stolz und Uebermuth seines Herzens hervorgeht. Allein das sind ja nur äußere Erscheinungen, freilich sehr abweichende von den Erscheinungen meines Wesens; aber mit dieser Abweichung muß eben unsere innere Verschiedenheit nicht nothwendig in gleichem Verhältniß stehen. Ich gebe zu, daß auch diese allerdings sehr groß ist. Es gehört aber zur Freundschaft gar nicht eine so große Aehnlichkeit des Charakters. Ich habe den Mittelpunkt seines ganzen Wesens, seines ganzen Dichtens und Trachtens, nur als etwas sehr Großes, Seltenes und im eigentlichen Sinne Schönes erkannt. Ich weiß, wie damit, und mit seiner ohne Zerstörung eines Theils nicht abzuändernden Lage gegen die Welt, Alles, was fehlerhaft, widersprechend und unrecht an ihm erscheint, sehr natürlich zusammenhängt; ich muß und kann also gegen diese Dinge, weil ich sie besser verstehe, weit duldsamer sein als Andere; ich kann nicht anders, als das Ideal lieben, das in ihm liegt, ohnerachtet es mir noch sehr zweifelhaft ist, ob es nicht eher zertrümmert wird, als er zu einer einigermaßen harmonischen Darstellung desselben in seinem Leben oder in seinen Werken gelangt; mir aber schwebt das große und wirklich erhabene Bild seiner ruhigen Vollendung immer vor. Wie könnte ich also anders, als | gerade die Freundschaft für ihn haben, die ich habe? ihm jeden Stein, wenn ich kann, aus dem Wege heben, alle seine Entwürfe mit Liebe und Theilnahme umfassen, ihm zur Ausführung derselben alle meine Kräfte leihen, so weit er sie brauchen kann, und ihn mit aller Vorsicht bisweilen sich spiegeln lassen in dem Bilde, das von ihm in mir entworfen ist. Mir ist er durch sein Dasein heilsam genug, so daß es mir gar nicht einfallen kann, ihn noch für mich zu etwas Anderem und Einzelnen gebrauchen zu wollen, und in wie weit ich mich ihm eröffnen kann und soll, das mißt sich von selbst ab nach der Wirkung, die sich davon voraussehen läßt. Er hat zeitig Vieles an mir geahndet, mein eigentliches Wesen aber wohl später erkannt; ich weiß, daß er es im Ganzen liebt und ehrt, und daß es unnöthig ist, und gar nicht in seinen Gang hineingehört, ihn mit allen einzelnen Ansichten desselben aufzuhalten. Es ist mir sehr klar, daß er das weise und schöne Wort, es sei in der Freundschaft eine Hauptsache, ihre Grenze zu kennen, aus unserm Verhältniß und aus meinem Betragen gegen ihn geschöpft hat; denn gerade hierin hat sich gar oft die Stärke meiner Freundschaft zeigen müssen. Finden Sie in diesem Allen etwas Erzwungenes oder in sich hinein phantasirtes? Sagen Sie nun, ob Ihnen nach Allem diesen noch etwas Unklares zurück ist, und sehen Sie zu, ob Sie mit Ihrem Verstehen davon unsrer Freundin nüzlich sein können. Diese scheint zu glauben, als ob Sie im Grunde einer Meinung mit ihr wären über diese Sache; benehmen Sie ihr doch das! Wenn Sie glauben, daß Friedrich mit in meinen Schmerzen ist, so haben Sie freilich recht; aber nur durch seine Schmerzen und durch seine Dissonanzen. Jette und Alexander hingegen schienen bisweilen zu meinen, als übernähme und litte ich zu viel um dieser Verbindung willen, was mir in derselben weder gedankt noch gelohnt würde. Dies ist eine so weltliche Ansicht, daß ich eher zu Ihnen davon reden kann, als zu denen, die sie haben und sie nicht haben sollten. Wer etwas ernstlich will, der muß auch Alles wollen, was nothwendig damit | zusammenhängt. Und was sind denn, ich bitte Sie, diese Lumpereien, die durch bloße Unthätigkeit können bekriegt und zernichtet werden! Sie könnten mir nur verdrießlich sein als Zeichen, daß die Welt viel zu partheisüchtig ist, als daß ich meinen Beruf, der Vermittler zwischen ihr und Schlegel zu sein, anders als indirect und gleichsam hinter ihrem Rücken erfüllen kann. Aber dieser Zeichen giebt es zu viele, als daß irgend ein einzelnes einen besonderen Eindruck machen könnte. Daß es dem Friedrich wohl geht, ist mir schon lieb, wenn ich nur wüßte, von welcher Art das Wohlergehen wäre. Jette schreibt mir, er würde wahrscheinlich nicht lange in Paris bleiben, und das ist mir noch lieber; es war eine falsche Tendenz und seine luftigen Ideen darüber das stärkste von dieser Art, was wohl jemals in seinen Sinn gekommen ist. Hoffentlich wird er sich der deutschen Grenze wieder nähern. Aus dem Platon wird doch schwerlich etwas werden, und das wird mich schmerzen, so sehr ich auch darauf bereitet bin; ich sehe jeden Posttag dem Uriasbriefe von Frommann entgegen. Von meinen Arbeiten habe ich ausführlich an Jette berichtet, lassen Sie sich’s von der erzählen, wenn Sie sie noch sehen, ehe sie nach Lanke geht.
Sonnabend.
[...] Ihre Erklärungen über Sich Selbst sind eigentlich keine Instanz gegen meine Idee. Daß Sie sehr bald ein scharfes Gefühl für das Recht und Unrecht, das Ihnen widerfuhr, bekommen haben – das ist sehr natürlich. Die Sehnsucht nach einem gleichgestimmten Herzen kann aber doch erst mit dem tieferen Selbstbewußtsein gekommen sein. Wohl Ihnen, daß Sie das so früh gehabt haben. Worauf es mir aber nur eigentlich ankommt, das ist, ob Sie mit der instinktartigen Liebe zu Eltern und Geschwistern sehr behaftet gewesen sind. Meine Erfahrung und meine Theorie sind dafür übereinstimmend, daß diese sich nur da stark einstellt, wo sich in der Folge wenig höhere Liebe entwickelt, sondern | es so bei der charakterlosen Gutmüthigkeit bleibt. Doch mag es davon viele Ausnahmen geben: denn wenn der Mensch, sobald er sein selbst inne wird, den schlechten Instinkt vernichten kann, warum sollte er nicht auch den gutartigeren, vernichtend, zu etwas besserem erheben können. –
Metadata Concerning Header
  • Date: 10. bis 11. September 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Eleonore Christiane Grunow ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 135‒140.

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