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Johann Bernhard Vermehren to Friedrich Schleiermacher TEI-Logo

Jena den 13 Sept. 1802.
Mit den gegenwärtigen Zeilen nehme ich mir die Freiheit, Ihnen verehrter Mann! ein Exemplar meines neuen, zu meiner Freude jetzt schon erschienenen Musen-Almanachs zu übersenden. Ich wünsche nichts mehr, als daß die Sammlung sich Ihres Beifalls rühmen möge, und daß Sie einige Stunden nicht ungerne bey Ihrer Lesung verweilen. |
Die vorjährige Reihe von Dichtungen schien Ihnen so lieb zu seyn, daß ich mir die Freude nicht versagen konnte, Ihnen auch diese mitzutheilen und Sie zu bitten, mich bald Ihr Urtheil über das Ganze vernehmen zu lassen. –
Sie haben mir seit Ihrem Einzuge in Stolpe nicht geschrieben, so daß ich gar nicht weiß, wie Sie leben. Schreiben Sie mir doch bald, mich verlangt nach Ihnen und ich harre mit wahrer Sehnsucht einigen traulichen Zeilen von Ihrer Hand entgegen. –
Ich lebe sehr glücklich mit meiner | geliebten Frau, die sich Ihrem Andenken empfiehlt, und sehe jeden Morgen die Sonne mit neuen schöneren Hoffungen aufgehen. Diesen Sommer habe ich sehr in Zerstreuungen gelebt. Meine theuren Eltern waren 10 Wochen bey uns, und in dieser Zeit ist nicht viel gethan worden. Jetzt stürmen tausend Geschäfte auf mich ein, und ich kann daher noch immer nicht dem Hange folgen, der mich unwiderstehlich zu den Regionen der göttlichen Poesie hinzieht. Bald werden meine Arbeiten beendet seyn, und ich darf dann diesen Winter ruhig und seelig in den Wohnungen der Götter leben. – Was haben Sie geschaffen? Werde ich nicht bald wieder etwas von | Ihnen lesen, das meine Seele erfreuet, und meinen Geist erhebt? Lassen Sich mich doch etwas von Ihren Planen und Darstellungen erfahren! – Wann wird die Aussicht klar, die Sie mir eröfneten, und wann darf ich an dem hohen Glücke herzlichen Antheil nehmen, das Ihnen nach Ihrem eignen Ausspruche schon seit lange nicht mehr ferne war? Verzeihen Sie alle diese Fragen, aber ich mögte sie gerne alle beantwortet haben, weil mir alles unendlich werth ist, was Bezug auf Sie hat. – Friedrich ist in Paris. Er hat mir kürzlich geschrieben und sagt: „Ich finde, daß es Recht war, nach Paris zu gehen, aber dennoch fühle ich schmerzhaft den Verlust meiner Freunde, und bin oft darüber traurig.“ Leben Sie wohl! Beglücken Sie mich bald mit einem Briefe und fahren Sie fort ein wohlwollendes Andenken zu weihen Ihrem ergebnen
Vermehren.
Metadata Concerning Header
  • Date: Montag, 13. September 1802
  • Sender: Johann Bernhard Vermehren ·
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher ·
  • Place of Dispatch: Jena · ·
  • Place of Destination: Stolp · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 142‒144.

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