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Friedrich Schleiermacher to Ehrenfried von Willich TEI-Logo

Stolpe d 15t. Sept.
Ich kann es nicht aufschieben, Dir gleich meine Freude zu bezeigen, daß Du das Examen hinter Dir hast; nicht als ob ich es für eine große Sache hielte, denn es ist wohl selten so viel dahinter als man sich vorstellt sondern weil es ein Schritt zu dem Ziele ist, an welchem ich Dich gern bald angelangt sehe. Ich kann Dir freilich in Absicht auf den Grund warum Du keine Eile hast nicht entgegen sein; ein Mann der ein Amt hat, und von dem man voraussezt er suche eine Frau ist mit dem weiblichen Geschlecht, und besonders mit den Mädchen auf mancherlei Weise genirt. Eben so übel ist es aber oft wenn das Herz sich gebunden hat lange ehe die Hände sich vereinigen können, und darum ist es gewiß das Beste sich so auf dem Sprunge zu halten. Wie Du in Absicht auf Deine Aussicht nach Stralsund denkst muß man über alle solche Dinge denken, und auch ich denke so über Königsberg, wo sich mir eine Art von wiewohl sehr unsicherer Aussicht eröfnet; ich bin so im Gleichgewicht daß mir Alles recht ist, und habe es Leonoren anheim gestellt ob ich hinreisen soll oder nicht.
Ihre kindliche Liebe und Treue muß gewiß Jeden rühren, und wie viel mehr Jeden der ihre Lage kennt; aber lieber Freund ich wünschte wohl Du hättest ihr nicht irgend eine Unruhe meinetwegen mitgetheilt[.] Die Sehnsucht suche ich ihr nie zu verbergen; aber die Ungeduld, die Du mir supponirst und die Bangigkeit ist wirklich nicht in mir. Auch scheinst Du das, was sie eigentlich bewegt nicht | ganz richtig genommen zu haben. Es ist nicht sowol die Besorgniß ihrer Mutter den Tod zu erschweren, als vielmehr die ihn durch die unvermeidlichen Gemüthsbewegungen zu beschleunigen. Sage selbst, was sollten mir einige Monate meines würklichen Glükes früher helfen, wenn Leonore einen solchen Gedanken wäre es auch nur eine Einbildung, mitbrächte? und wie müßte ihr gar die Zeit über zu Muthe sein ehe sie sich durch mich und mit mir trösten könnte. Ihre Ueberzeugung daß es mir grade nur so lieb sein kann wie sie es will ist ganz unbedingt gegründet. Den einzigen Wunsch, den ich hierüber habe will ich ihr vortragen, wenn ihre Mutter sich wirklich bessert nemlich daß sie alsdann den Anfang machen soll, sie nach und nach mit der Sache bekannt zu machen damit unser Glük nicht von ihrem Tode abhängig werde. Ich hoffe daß ihr die äußeren Umstände dann hiebei zu Hülfe kommen werden. Mich für mein Theil beruhigt die Gewißheit genug ohne daß ich so ängstlich nach dem Zeitpunkt sehe, und besonders nachdem ich den fürchterlichen Wahn, daß sie mir entrissen wäre überstanden habe bin ich noch weit gelassener. Diesen Winter zu überstehen werden mir unsägliche Arbeiten schon helfen, und gesund denke ich auch zu bleiben, wenn nur meine Augen sich halten an denen ich nicht ohne Leiden bin. Wesentlich krank sein, das könnte mich vielleicht verstimmen, vorzüglich um deswillen was Leonore leiden müßte mich hier ohne Pflege und Hülfe | mancher Art zu wissen.
Meine Freundin Eichmann ist nun auch von meinem Verhältniß unterrichtet. Sie findet immer noch etwas darin was ihr fremd ist, weil sie von der Formel nicht los kann „einem Andern seine Frau nehmen, um sie selbst zu haben“ indeß hat das bei ihr subjektive Gründe die ich sehr ehre; sie verlangt auch nicht ihre Ansicht allgemein zu machen und es hat auf ihr Gefühl gegen mich keinen Einfluß. Diese Freundin erwähnt fleißig eines Mädchens von dem sie immer heimlich wünschte daß ich es lieben möchte, und darum fiel sie mir jezt eigentlich ein. Ich wäre neugierig, wenn Du Henriette Sak hättest näher kennen lernen, was gewiß geschehen sein würde, wenn ich damals mit dem Vater nur in einem leidlichen Verhältniß gewesen wäre ob sie etwa dem Bilde hätte entsprechen können das Dir vorschwebt. Aber freilich näher hättest Du sie kennen, manches abrechnen müssen was Wirkung ihrer Familienlage ist, und vertrauen daß Dein Einfluß das Innere recht heraus bringen würde. Dies ist aber wol der Fall bei jedem Mädchen, mit wenigen Ausnahmen die aber bei aller Geisteskraft wol selten die lieblichsten sind.
Für das Katechesiren habe ich mir einen ganz eignen Plan gemacht. Wenn Du unter dem Systematischen das Dogmatische verstehst hast Du ganz recht; aber sonst hilft eine richtige Verbindung und Folge wol sehr. Ich gehe in einer Stunde nach einem halb und halb bei uns vorgeschriebenen Katechismus, der gerade unsystematisch genug ist, um manche heilsame Wiederholung zu veranlaßen, und an den ich doch mein inneres systematische anknüpfen kann. In der andren Stunde gehe ich | irgend einen kleinen Abschnitt aus der Bibel durch, den ich so wenig es auch oft thunlich scheint mit dem aus dem Katechismus vorgetragnen in Verbindung zu bringen suche. Diese Stunden sind mir besonders werth und ich wollte ich gewönne Zeit einige dieser Katechisationen auszuarbeiten. Aber diesen Winter ist nicht daran zu denken. Einen Knaben habe ich nun gefunden mit dem doch auch etwas wird zu machen sein. Lies doch wenn Du es habhaft werden kannst Schwarz Erziehungslehre; ich habe nur erst darin geblättert es scheint mir aber viel Gutes darin zu sein. Meine Kritik der Moral wächst zusehends, und ich hoffe sie soll dies Jahr fertig werden. Die übrige Arbeitszeit ist ganz dem Plato gewidmet, und die beste Freude ist das Briefschreiben und lesen. Jette ist nun auch ziemlich fleißig; sie wundert sich – und gewiß mit Recht – daß Du unser Du nicht verstehst. Mir ist als dürfte es gar nicht anders sein, und es würde mir auch ganz natürlich vorkommen wenn Ihr Euch Du nenntet.
Du mußt mir noch einmal einen ordentlichen schriftlichen Stammbaum Deiner Rügischen Verwandten und Freunde schiken es begegnet mir noch immer die Personen zu verwechseln. Ist es Deine Schwester oder Deine Freundin die Du mit nach Schwerinsburg genomen hast.
Adieu; ich bin sehr eilig: schreibe bald wieder.
Dein
Schl.
Die lezte Frage habe ich mir eben aus dem Gruß entschieden, den ich herzlich erwiedere.
Metadata Concerning Header
  • Date: Mittwoch, 15. September 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Ehrenfried von Willich ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Schwerinsburg ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 144‒147.

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