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Friedrich Schleiermacher to Henriette Herz TEI-Logo

Den 16ten September 1802
[...] Dabei bin ich heute früh mit einem diken Stockschnupfen | aufgewacht, habe Schlafsucht gehabt und in diesem Zustande Fichte’s Sittenlehre angefangen, die wie ein Igel nach allen Seiten die Stacheln herausstreckt und die schwachen Stellen sehr gut zu decken weiß. Das alles zusammen hat mir einen herzlich schlechten Tag gemacht. Ich habe an Dich gedacht, wie nachsichtig Du mich aufnahmst, wenn ich so miserabel zu Dir kam. Lauter dumme verkehrte Gedanken, gar keine oder schlechte Empfindungen, zu nichts Gutem irgend Geschick oder Lust; ich glaube nicht einmal einer guten Handlung wie man es nennt wäre ich fähig gewesen gewiß aber mancher nichtswürdigen. Am Ende attrapirte ich mich Nachmittags auf dem Wunsch mir eine Spielparthie zu suchen. Das klärte mich denn vollends auf über die Erbärmlichkeit meines Zustandes; es war die Culmination meiner moralischen Schlemilerei, ich nahm meine Gedanken recht zusammen an Euch alle und so wurde es etwas besser. Ich erzähle Dir das alles weil Du immer so viel von meiner Pracht sprichst, damit Du das Übrige nicht ganz vergißt. Ach solche Tage nur nicht viele so lange ich allein bin! Ich darf heute kein andres Motto haben als: Denn ein erbärmlicher Schuft, ist wie der Hund so der Mensch. [...]
Was Du mir helfen kannst, darüber sollte ich Dir eigentlich nichts sagen. Du kennst ja Schillers arithmetisch moralisches Sprüchelchen vom Zahlen der schönen Seelen? Aber Du zweifelst am Ende auch gar an dem, was Du bist, und daran hast Du sehr Unrecht. Bist Du nicht ein Individuum so gut als irgend Jemand? Hast Du Dir nicht einen sehr eignen Stil des Lebens gebildet? Vereinigt sich nicht Vieles in Dir auf eigenthümliche Weise, was Du sonst nur getrennt oder wenigstens ganz anders modificirt siehst? Soll ich Dir etwa alles vorrechnen? Deine Berufstreue, Deine Liebe, Deine passive Wissenschaftlichkeit, Dein Weltsinn, u. s. w.? Deine unendliche Mimik aus der sowohl Deine Philologie als Deine Menschenkenntniß entspringt, Dein praktisches Talent das bis zur Unersättlichkeit geht – ach was soll ich Deiner Trägheit weiter Vorschub thun! Denn träge bist Du fast nur in diesem einzigen Punkt des Selbstbeschauens, und eben darum sollst Du schreiben – Und nun gar nach dem was ich Dir über die Freundschaft geschrieben habe kannst Du mich fragen warum ich Dich liebe! Hast Du es denn da nicht | mit klaren Worten gefunden? Geh geh und rede mir nicht weiter so. – Vielleicht hast Du Unrecht der Leonore das Voraus zu lassen daß sie mich des Predigens wegen liebt. Das Predigen ist jetzt das einzige Bild von persönlicher Wirkung auf den gemeinschaftlichen Sinn der Menschen in Masse. Es ist freilich der Realität nach nur ein ziemlich leeres Bild denn es wird wenig gewirkt: aber wenn einer redet der die Sache nimmt und behandelt wie sie sein soll, und nicht wie sie ist, und man sich dann nur zwei oder drei denken kann, die wirklich hören, so muß es doch eine schöne Wirkung machen. Ich wollte wohl ich könnte mich ordentlich predigen hören; manchmal kann ich es Minutenlang, da giebt es mir ein großes tiefes Gefühl, und ein solches wie du sehr gut theilen könntest. – Das Vorlesen der Monologen ist eigentlich ein Predigen von mir an Dich gewesen; geredet haben wir so viel ich weiß wenig dabei und darüber; worauf sonst also könnte der eigne Effekt beruhen, den es Dir gemacht hat? ich weiß noch sehr gut wie es mir auch so war. Nichts ist mir so unvermuthet entstanden. Als ich die Idee faßte wollte ich eigentlich etwas ganz objectives machen, nicht ohne viel Polemik, und das Subjective sollte nur die Einleitung sein. Aber im Entwerfen des Plans wuchs mir das Subjective so über den Kopf, daß auf einmal die Sache wie sie jetzt ist vor mir stand; die Polemik ist nun nur als Stimmung hie und da übrig, und das Objektive liegt ziemlich versteckt nur für den Kenner da. Solche aber welche das Subjektive nicht recht verstehen verweise ich noch immer auf das Objective, und sie mögen sich jenes, wie es ihnen ursprünglich zugedacht war nur als Einkleidung nehmen. [...] Bei mir ist die Winterzeit schon angegangen; ich schreibe dieß gegen ein Uhr Nachts, und komme vor halb Sieben Uhr schon nicht mehr aus dem Bett. Das sind gute Aspekten für die Kritik, mit der es mir noch immer leidlich geht; ich bin jetzt am Fichte, und kriege ihn recht gut klein. Wenn es nur nicht ein so fatigantes Manoeuvre wäre einen in einem Athem zu bewundern und zu verachten. Von Friedrich weiß ich noch immer nichts, und Frommann antwortet mir nicht, das ist mir höchst fatal.
Metadata Concerning Header
  • Date: Donnerstag, 16. September 1802
  • Sender: Friedrich Schleiermacher ·
  • Recipient: Henriette Herz ·
  • Place of Dispatch: Stolp · ·
  • Place of Destination: Berlin · ·
Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Abt. 5, Bd. 6. Briefwechsel 1802‒1803 (Briefe 1246‒1540). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 2005, S. 150‒152.

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